[...] Diese und ähnliche Ansichten bekommen Lehrer und Lehrerinnen immer wieder zu hören, wenn es darum geht, immigrierten Kindern einen speziellen Unterricht in ihrer Muttersprache anzubieten. Zum Großteil sind es sogar die Eltern solcher Kinder, die überzeugt sind, die Konzentration auf die eigene Sprache behindere das Erlernen der zweiten Sprache Deutsch. Dies spiegelt die in der Bevölkerung weit verbreitete Meinung wider, dass eine gleichzeitige Förderung der Muttersprache bei Migrantenkindern negative Folgen hat, wenn es um die Beherrschung und das Erlernen des Deutschen geht. Betrachtet man hingegen die Ansichten von Sprachwissenschaftlern und Sprachdidaktikern, so herrschte dort lange größtenteils Einigkeit, dass es am besten sei „ein Kind, welches in der Familie einsprachig erzogen worden ist, in der Schule zunächst ebenfalls einsprachig zu erziehen. Eine zweite Sprache solle erst dann eingeführt werden, wenn die muttersprachliche Entwicklung zu einem gewissen Abschluß gelangt sei.“ Begründet wurde diese Forderung meist mit der Behauptung, „daß eine ungestörte altersentsprechende Entwicklung der Muttersprache die Voraussetzung für eine normale psychosoziale und kognitive Entwicklung sei und damit auch die Voraussetzung für den erfolgreichen Erwerb weiterer Sprachen.“ Doch wenn unter Linguisten und Didaktikern größtenteils Einigkeit geherrscht hatte, erschließt sich daraus auch, dass es von dieser These abweichende Stimmen gab und gibt. So urteilt unter anderem Suzanne Romaine, es sei unter bestimmten Voraussetzungen durchaus sinnvoll, wenn Kinder erstmal solange in ihrer Muttersprache unterrichtet werden, bis sie in dieser ein bestimmtes Niveau erreicht hätten; gleichzeitig merkt sie jedoch an, dass in vielen Fällen eine frühe Erziehung zur Mehrsprachigkeit in der Schule vollkommen unproblematisch ist. Doch die Position Romaines wird im nächsten Kapitel genauer erläutert werden. Festzuhalten ist zunächsteinmal, dass im Bereich der Spracherziehung die Meinungen weit auseinandergehen: [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Ein Thema und die Vielzahl an Meinungen
2. Bisherige Untersuchungen zum Zweitspracherwerb in der Schule
2. 1 Forschung zur bilingualen Erziehung – von Skepsis zur Euphorie
2. 2 Überblick einzelner Untersuchungen zum Zweitspracherwerb in der Schule
2.2.1 Studien von Leo Weisgerber (1966)
2.2.2 Studien von Lambert/Tucker (1972)
2.2.3 Studien von Skutnabb-Kangas/Toukomaa (1976)
3. Cummins
3.1 Interdependenz- und Schwellenhypothese
3.2 Kritik an Cummins Thesen
4. Die Bedeutung von Cummins Thesen für den Schulunterricht
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedingungen für den erfolgreichen Zweitspracherwerb bei Migrantenkindern und analysiert, inwiefern die Erstsprache einen Einfluss auf die Entwicklung der Zweitsprache hat. Dabei stehen insbesondere die Hypothesen von Jim Cummins im Zentrum, um Erklärungsansätze für divergierende Forschungsergebnisse zu finden und Ansätze für eine gelungene schulische Integration aufzuzeigen.
- Kritische Auseinandersetzung mit historischen und aktuellen Forschungspositionen zur bilingualen Erziehung.
- Analyse der Interdependenz- und Schwellenhypothese nach Jim Cummins.
- Untersuchung der Bedeutung von Erstsprachenkompetenz für den schulischen Erfolg.
- Ableitung von praktischen Empfehlungen für den Schulalltag und die Förderung von Migrantenkindern.
Auszug aus dem Buch
3.1 Interdependenz- und Schwellenhypothese
Wenn man die Forschungen zur mehrsprachigen Erziehung seit Anfang des 20. Jahrhunderts überblickt, stößt man auf viele vermeintliche Widersprüche in ihren Ergebnissen. Der Kanadier Jim Cummins war jedoch überzeugt, dass diese angeblichen Widersprüche in den empirischen Studien durch ein geeignetes theoretisches Modell erklärbar würden. Er selbst hat versucht durch zwei Hypothesen dieses Modell zu schaffen: die Schwellenniveau-Hypothese (threshold hypothesis) und die Interdependenz-Hypothese (developmental interdependence hypothesis).
Mit der Schwellenniveau-Hypothese will Cummins die gegensätzlichen Ergebnisse der Forschung erklären, die sich mit den kognitiven Aspekten mehrsprachiger Erziehung auseinandergesetzt hatten. In der älteren Forschung war man überwiegend von einem negativen Einfluss mehrsprachiger Erziehung auf die kognitive Entwicklung der Schüler ausgegangen – dieser Standpunkt wurde in Kapitel 2.2.1 anhand der Studien Weisgerbers bereits beispielhaft dargestellt. Untersuchungen über die Auswirkung von Immersionsprogrammen konnten jedoch keine negativen Folgen bilingualer Erziehung auf die kognitiven Leistungen der Schüler feststellen. Cummins/Swain verweisen in ihrem Buch „Bilingualism in Education“ sogar auf Beispiele, bei denen sich positive Auswirkungen im Kognitiven gezeigt hatten.
Diese Divergenzen zwischen den unterschiedlichen Studien begründet Cummins durch seine Schwellenhypothese: Demnach kann das kognitive Wachstum durch den Bilingualismus erst dann positiv wirken, wenn die Schüler eine bestimmte Schwelle der Kompetenz in beiden Sprachen entwickelt haben: „Specifically, there may be a threshold level of linguistic competence which a bilingual child must attain both in order to avoid cognitive deficits and allow the potentially beneficial aspects of becoming bilingual to affect his cognitive functioning.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Ein Thema und die Vielzahl an Meinungen: Das Kapitel führt in die gesellschaftliche und wissenschaftliche Debatte um die zweisprachige Erziehung von Migrantenkindern ein und verdeutlicht die Relevanz des Themas anhand aktueller PISA-Ergebnisse.
2. Bisherige Untersuchungen zum Zweitspracherwerb in der Schule: Es erfolgt eine historische Aufarbeitung verschiedener Forschungsansätze, die von einer skeptischen Haltung gegenüber früher Mehrsprachigkeit bis hin zu positiven Erkenntnissen aus Immersion-Programmen reicht.
3. Cummins: Dieses Kapitel stellt das theoretische Modell von Jim Cummins vor, das die Schwellenhypothese und die Interdependenz-Hypothese nutzt, um die komplexen Zusammenhänge des Zweitspracherwerbs zu erklären.
4. Die Bedeutung von Cummins Thesen für den Schulunterricht: Das Fazit der Arbeit leitet aus der theoretischen Diskussion konkrete Handlungsanweisungen für Lehrer ab, um die Sprachförderung im schulischen Alltag zu verbessern.
Schlüsselwörter
Zweitspracherwerb, Migrantenkinder, Bilinguale Erziehung, Cummins, Schwellenhypothese, Interdependenz-Hypothese, Erstsprache, Mehrsprachigkeit, BICS, CALP, Schulerfolg, Sprachförderung, Lesekompetenz, Immersion, Sprachminorität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den wissenschaftlichen Theorien und Modellen, die erklären, wie Migrantenkinder eine Zweitsprache erwerben und welche Rolle ihre Muttersprache dabei spielt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen der Einfluss der Erstsprache auf den Zweitspracherwerb, die kognitiven Folgen von Mehrsprachigkeit sowie die kritische Reflexion schulischer Förderkonzepte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Hypothesen von Jim Cummins zur Erklärung unterschiedlicher Forschungsergebnisse aufzuarbeiten und aufzuzeigen, wie Schule ein Umfeld für den erfolgreichen Zweitspracherwerb schaffen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer umfassenden Analyse und Synthese fachwissenschaftlicher Literatur und empirischer Studien basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse bisheriger Studien, die detaillierte Vorstellung der Cummins-Modelle sowie deren kritische Würdigung im sprachwissenschaftlichen Kontext.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind unter anderem Zweitspracherwerb, Schwellenhypothese, Interdependenz, BICS, CALP und die Förderung von Migrantenkindern.
Warum ist die Unterscheidung zwischen BICS und CALP für Lehrer wichtig?
Sie hilft Lehrern zu verstehen, dass die Beherrschung der Alltagssprache (BICS) nicht mit der für den Schulerfolg notwendigen kognitiv-akademischen Sprachkompetenz (CALP) gleichzusetzen ist.
Welchen praktischen Beitrag leistet die Arbeit für den Schulalltag?
Die Arbeit bietet eine Liste konkreter, niederschwelliger Maßnahmen an, mit denen Lehrer den Verdrängungsdruck auf die Muttersprache mindern und die Mehrsprachigkeit im Unterricht konstruktiv nutzen können.
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- Marcel Egbers (Author), 2004, Schriftspracherwerb bei Migrantenkindern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31615