Das Deutsch-Britische Flottenabkommen von 1935


Seminararbeit, 2015

23 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Flottenbegrenzungsabkommen seit 1922

III. Die politische Gemengelage 1935

IV. Der Abschluss des Abkommens

V. Folgen des Abkommens

VI. Fazit

VII. Quellen und Literatur

I. Einleitung

Das Deutsch-Britische Flottenabkommen, auch bekannt unter seinem englischen Akronym AGNA, Anglo-German Naval Agreement, sorgte im Sommer 1935 für einige Verwirrung auf der Bühne der internationalen Diplomatie.

Denn im März 35 hatte das Reich die militärischen Beschränkungen durch die Versailler Verträge einseitig für nichtig erklärt, die Wehrpflicht wiedereingeführt und die Gründung der Luftwaffe offiziell verkündet[1].

Als Reaktion darauf, erklärte die Stresa-Front am 11. April[2], bestehend aus Großbritannien, Frankreich und Italien, die Verträge von Locarno zu garantieren, die Unabhängigkeit Österreichs zu sichern, und Deutschland von weiteren einseitigen Vertragskündigungen abhalten zu wollen.

Das Flottenabkommen vom 18. Juni, welches sich vordergründig mit reichlich technischen Details zur Begrenzung des Flottenbaus befasste, ganz im Stile der damals üblichen bi- und multilateralen Flottenabkommen der Zwischenkriegszeit, ließ diese Front der drei Garantiemächte von Locarno aber schon nach wenigen Monaten wieder zerbröckeln; hellsichtige zeitgenössische Beobachter wie Admiral a.D. Walter Gladisch, erkannten auf Anhieb das diplomatische und strategische Erdbeben, welches durch das AGNA ausgelöst wurde, und dessen Bedeutung für die Marinestrategie über Europa hinaus[3]. So bezieht er sich ausdrücklich auf die Perzeption des Abkommens in Marinekreisen in den USA und Japan, und bekräftigt deren Schlussfolgerungen, das Abkommen sei u.a. das Ende von Versailles und der Stresa-Front, langfristig auch der Washingtoner und Londoner Abkommen, und es stärke Italiens Position gegen Abessinien[4].

Er sollte mit dem Großteil seiner Einschätzungen recht behalten, und mit dem teilweisen Scheitern der letzten großen Flottenkonferenz in London Anfang 1936, befanden sich bald alle großen Industriemächte in einem erneuten Rüstungswettlauf zur See und zur Luft und bald auch zu Lande.

Warum also riskierte Groß-Britannien durch ein bilaterales Flottenbegrenzungs-Abkommen mit dem Vertragsbrecher Hitler, die Stresa-Front zu spalten?

Nun ist der eigentliche Text des Abkommens mit seinen gerade 7 Klauseln[5], aber völlig unverständlich ohne Kenntnis des Washington Naval Treaty und seinen Folgeabkommen, obwohl er noch nicht einmal wörtlich Bezug nimmt auf diesen.

Deshalb ist ein Exkurs über die Flottenverträge im Zeitraum von 1922 bis 1938 nötig, wie auch der technischen Gegebenheiten des damaligen Kriegsschiffbaus, wobei aber im Rahmen der Zielsetzung dieser Arbeit auf allzu genaue Details in diesem Feld getrost verzichtet werden kann. Das Kapitel ist sozusagen eine erweiterte Einleitung, und dient vor allem als Überblick über die Abkommen und strategischen Planspiele der beteiligten Großmächte, wie auch des Beginns der deutschen Wiederaufrüstung zur See.

Des weiteren wird über das diplomatische Vorspiel des Flottenabkommens und die internationale Gemengelage im Krisenjahr 1935 zu sprechen sein, denn dieses markiert den Vorlauf des großen Krieges, mit einem kaum noch zu stoppenden Rüstungswettlauf[6], der sich in den Folgemonaten bereits mit dem Abessinienkrieg, dem Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges, und dem Bruch von Locarno durch die Remilitarisierung des Rheinlands, ankündigte. Auf die hochkomplexen Details der diplomatischen Ränke zwischen Italien, Frankreich und England bezüglich Abessinien und später, muss im Rahmen dieser Arbeit aber leider verzichtet werden, denn es würde den Rahmen völlig sprengen.

Auf das Kapitel über den Abschluss des AGNA folgt eine Betrachtung der mittelbaren Folgen des Abkommens, sowie seiner graduellen Auflösung, und eine Schlussbetrachtung, in der nochmals diskutiert wird, ob die erhofften strategischen Vorteile die diplomatische Verwirrung wert waren.

II. Flottenbegrenzungsabkommen seit 1922

Im Vorlauf des ersten Weltkrieges hatten alle Großmächte eine enorme Werftkapazität für den Flottenbau errichtet. Groß-Britannien verfügte über die größte Schlachtflotte der Welt, auch weil seine Verluste an Großkampfschiffen im Krieg relativ gering blieben, jedoch waren diese überwiegend im Dreadnought-Design, und damit nach 1918 bereits schon wieder technisch veraltet, während Japan hingegen sein ambitioniertes 8:8 Programm auflegte, darunter 8 moderne schnelle Schlachtkreuzer, allerdings zu volkswirtschaftlich langfristig untragbaren Kosten[7].

Um ein weiteres Wettrüsten zur See zu verhindern, die annähernd 200 Linienschiffe weltweit waren schließlich immens teuer gewesen, aber nur äußerst selten zum Einsatz gekommen, einigten sich die Siegermächte 1922 in Washington auf ein weitreichendes Abkommen zur internationalen Flottenbegrenzung[8].

Deutschland war nicht geladen, aber durch Artikel V des Versailler Vertrages bereits zwangsweise entwaffnet worden, bis auf eine Restflottille aus minderwertigen Schiffen zum Küstenschutz. Die Sowjetunion hatte zu dem Zeitpunkt keine ernstzunehmende Marinekapazität.

In jenem Abkommen, welches auf Druck der isolationistisch agierenden Harding-Administration zu Stande kam, und natürlich auch aufgrund der allgemeinen finanziellen Schwäche der anderen Beteiligten, also Groß-Britannien, Japan, Frankreich und Italien, wurden eine Reihe von Maßnahmen beschlossen, welche ein Wettrüsten zur See auf mittlere Sicht unterbinden sollten.

Als Sofortmaßnahme kam ein Baustopp für alle gegenwärtig auf Kiel gelegten Großkampfschiffe/ Capital Ships, mit nur einer Handvoll Ausnahmen wie der gerade erst in Japan fertiggestellten Mutsu, sowie eine Baupause für 10 Jahre.

Darüber hinaus wurden maximale Tonnagen für eben jene Capital Ships, also Schlachtschiffe und Schlachtkreuzer für jedes Land festgesetzt, im Verhältnis 5(GB) zu 5 (USA) zu 3(J) zu je 1,75( Fr und I), konkret 533.000, bzw. 315. und 175.000 metrische Tonnen, sowie für Flugzeugträger 137.000 Tonnen abwärts, bei gleicher Ratio. Dazu wurden Dutzende vorhandene Schiffe verschrottet oder zu Trägern konvertiert, z.B. die U.S.S. Lexington.

Ferner von Bedeutung war die Festsetzung einer Höchstgrenze bei Schlachtschiff-Neubauten, bzw. Ersatzbauten, auf 35.000 Long Tons, mit maximal 16 Inch( 406mm) Geschützen. Alle Schiffe darunter wurden auf maximal 10.000 Long Tons und 8 Inch( 203mm) begrenzt, daraus wurden die sog. „Washington-Kreuzer“.

Die 5 Mächte minus Italien, mangels eigener Interessen, einigten sich außerdem auf den Stop des Ausbaus von Festungsanlagen im Pazifik, was die obige 60 % Ratio zu Gunsten von Japan kompensieren sollte.

Schon an diesem Punkt zeigten sich die Friktionen zwischen und innerhalb der Vertragsparteien, die später immer wieder zu Problemen führen sollten[9].

Die japanische Marine hatte ursprünglich dieselbe Doktrin wie England und auch die USA, Stichwort Mahanian Strategy. Die ersten modernen Linienschiffe waren seinerzeit aus England importiert worden[10], und die Crews entsprechend trainiert.

Zudem hatte Japan einen Bündnispakt mit dem Empire, welcher offiziell bis 1923 gültig blieb. Somit blieben die USA als vorerst einzige realistische Bedrohung, und nachdem die USA ihre Flotte zwischen Atlantik und Pazifik aufteilen mussten, sah man sich genötigt, Capital Ships in einer Ratio von mindestens 75 % der US-Flotte vorzuhalten, um gegen eine Aggression gewappnet zu sein.

Der interne Streit zwischen der „Abkommen-Fraktion“ um Admiral Kató Tomosaburó, einem der Sieger der Schlacht von Tsushima, und seinem Stabschef und Nachfolger Kató Kanji, dem Vertreter der „Aufrüstungsfraktion“, zog sich bis 1930er hinein, und endete damit, daß sich letztere Fraktion mit dem Ruf nach Parität durchsetzte[11].

Frankreich hingegen betrachtete die Ratio von 5 zu 3 zu 1,75 als Beleidigung, erst recht weil nun Japan annähernd doppelt so stark sein sollte, wie eine klassische europäische Großmacht. Außerdem wurde die Parität mit Italien, zumindest auf dem Papier, als Ärgernis betrachtet. Erst Konzessionen bei den Kreuzern, die zwar nach Tonnage, aber eben nicht nach Anzahl beschränkt wurden, brachte die französische Zustimmung.

Dies resultierte in der Folge in einem Wettrüsten im Bereich der Kreuzer, in allen möglichen Größen und Bewaffnungen unterhalb der 10.000 Tonnen Grenze[12], zwischen England, Frankreich und Italien, zumal diese Schiffe eine Reihe von Vorteilen hatten. Aufgrund ihrer Dieselaggregate hatten sie nahezu globale Reichweite, ein besonders wichtiger Punkt für England und Frankreich mit ihren ausgedehnten Kolonialreichen, sie konnten eigenständig ohne Eskorte agieren, ihre Geschütze waren mit 203 mm gerade groß genug um für Küstenbombardements zu taugen, und sie waren gerade noch kostengünstig genug, um eine größere Anzahl zu bauen.

Diese absehbare Lücke wurde erst im Abkommen von London 1930[13] teilweise geschlossen, nachdem die Genfer Abrüstungskonferenz 1927 bereits ohne Ergebnis gescheitert war. Hier wurde nun erstmals verbindlich die Schiffsklasse in „leichte“ Kreuzer ( mit 6,1 inch/155mm Geschützen) und „Schwere“Kreuzer( s.o.) eingeteilt, sowie deren konkretes Zahlenverhältnis zwischen den drei größten Marinemächten, und eine Verlängerung des „ Battleship Building Holiday “ bis 1936.

Frankreich und Italien nahmen zwar teil, ließen sich aber nicht auf eine konkrete Begrenzung pro Schiff ein, sondern nur auf die neue Kategorisierung sowie Beschränkungen beim U-Boot-Bau, zumal der Trend ohnehin Richtung Produktion Leichter Kreuzer ging.

Die nächste Flottenkonferenz sollte erst Ende 1935/36 in London stattfinden, und wurde bereits von mehreren politischen Krisen überlagert, darunter auch die erneute Frage der deutschen Wiederaufrüstung zur See[14].

Die Marine der Weimarer Republik besaß nach der Selbstversenkung der Hochseeflotte nur noch eine Handvoll Schiffe gemäß Teil 5 des Versailler Vertrages[15], im Endeffekt eine glorifizierte Küstenwache. Die paar verbliebenen Linienschiffe der Deutschlandklasse besaßen zwar beträchtliche Feuerkraft, wie die Schleswig-Holstein[16] später an der Westerplatte zeigte, doch waren sie eigentlich schon im Ersten Weltkrieg obsolet, und aufgrund ihrer Kohlebefeuerung, für längere Fahrten völlig ungeeignet. Dennoch war sie von 1926 bis 1935 Flottenflaggschiff.

Nun hat sich die Reichswehr nie wirklich mit den Bestimmungen des Teil 5 des Friedensabkommens abgefunden[17], aber anders als bei Heer und Luftwaffe, ließen sich illegale Rüstungsprogramme kaum verstecken. Deshalb gab es erst 1927/28, als sich eine erste Lockerung der Vertragsbestimmungen bereits abzeichnete[18], einen vorsichtigen Schritt hin zum Bau von „Panzerschiffen“, und zwar innerhalb der vertraglich( s.o. Fn 15, § 190) zulässigen Tonnage von 10.000 Tonnen als Ersatz für die völlig obsoleten Linienschiffe. 1928 wurde in Manövern aber bereits eine Seeschlacht in der Ostsee gegen polnische und französische Einheiten theoretisiert[19].

[...]


[1] Zu den Details der allgemeinen Wiederaufrüstung und der zeitlichen Abfolge Deist,Wilhelm: Die Aufrüstung der Wehrmacht, in Deist/Messerschmidt/Volkmann/Wette: Ursachen und Voraussetzungen des Zweiten Weltkrieges, Fischer Verlag, Frankfurt 1989, S. 439ff

[2] Gibbs, N.H.: Grand Strategy, Rearmament Policy, Band 1in: J.H.R. Butler(Ed.) History of the Second World War, United Kingdom Militar History, London 1974, S. 144-155

[3] Gladisch; Walter: Geschichtliche und militärpolitische Betrachtungen zum deutsch-englischen Flottenabkommen von 1935, in Wissen und Wehr, Jahrgang 1935, Ausgabe 10, Sonderdruck, Berlin 1936. Adm. Gladisch war zum Zeitpunkt dieser Schrift bereits in Pension.

[4] Ibid. S. 3

[5] In voller Länge zitiert bei Haraszti, Eva: Treaty-Breakers or "Realpolitiker"? The Anglo-German Naval Agreement of June 1935, Boppard am Rhein/Budapest, 1974 , S. 111-112. Im voluminösen Appendix befinden sich zahlreiche diplomatische Noten und Depeschen zur Sache.

[6] Eine konzise Darstellung der Rüstungsspirale ab Mitte der 30er Jahre bei Maiolo, Joseph: Cry Havoc, How the Arms Race drove the World to War, 1931-41, Kindle Edition, 2010

[7] Maiolo: Cry Havoc, S. 134

[8] Washington Treaty, Library of Congress, https://www.loc.gov/law/help/us-treaties/bevans/m-ust000002-0351.pdf , abgerufen 2.9.15

[9] Maiolo: Cry Havoc, S. 135ff

[10] Die Linienschiffe der Fuji-Klasse, gebaut von Armstrong, waren Kopien britischer Linienschiffe, Fuji-Klasse, https://en.wikipedia.org/wiki/Fuji-class_battleship, abgerufen 4.9.15

[11] Maiolo: Cry Havoc, S. 135-38

[12] Ein Überblick über die Evolution der Schiffe https://de.wikipedia.org/wiki/Schwerer_Kreuzer und https://en.wikipedia.org/wiki/Heavy_cruiser, abgerufen 4.9.15

[13] London Naval Treaty, Library of Congress, http://www.loc.gov/law/help/us-treaties/bevans/m-ust000002-1055.pdf, abgerufen 4.9.15

[14] Deist: Die Aufrüstung der Wehrmacht, Kapitel Marinerüstung

[15] „Versailler Vertrag“, http://www.documentarchiv.de/wr/vv05.html, abgerufen 5.9.15

[16] SMS Schleswig-Holstein, https://de.wikipedia.org/wiki/SMS_Schleswig-Holstein, abg. 5.9.15

[17] Deist: Die Aufrüstung der Wehrmacht, S. 441

[18] Im Verlauf der vorbereitenden Abrüstungskonferenz in Genf 1926-30, Ibid, S. 451ff. 1927 war mit dem Lohmann-Skandal gerade erst ein illegales Marineprojekt „aufgeflogen“.

[19] Ibid, S. 457

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Das Deutsch-Britische Flottenabkommen von 1935
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Historicum)
Note
1,5
Autor
Jahr
2015
Seiten
23
Katalognummer
V316230
ISBN (eBook)
9783668151154
ISBN (Buch)
9783668151161
Dateigröße
668 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
deutsch-britische, flottenabkommen
Arbeit zitieren
Philipp-Henning v. Bruchhausen (Autor), 2015, Das Deutsch-Britische Flottenabkommen von 1935, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316230

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