Aspekte einer sprachanalytischen Kritik für die Untersuchung der Konzeption von Analytizität bei Immanuel Kant


Hausarbeit, 2013

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kants Konzept von Analytizität
2.1 Die Unterscheidung zwischen synthetischen und analytischen Urteilen
2.2 Sprachanalytische Grundannahmen

3 Kants Position in der sprachanalytischen Kritik

4 Fazit

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Die Unterscheidung zwischen analytischen und synthetischen Urteilen gilt als eine der essentiellen Kategorisierungen der Philosophie. Immanuel Kant wird in diesem Kontext häufig als Zäsur im Verständnis der Dichotomie gesehen. Er ist es, der ihr zuerst einen zentralen Platz in der Philosophie im Allgemeinen und der Erkenntnistheorie im Speziellen einzuräumen scheint. Dieser hohe Stellenwert ist insofern nicht verwunderlich, als dass die Unterscheidung zwischen analytischen und synthetisches Urteilen im Grunde genommen das Fundament seiner transzendentalen Erörterung bildet. Kants zentrales Augenmerk liegt, ganz im Sinne seines Verständnisses von Metaphysik und dem daraus resultierenden Anspruch, sie zu reformieren, vor allem auf den synthetischen Urteilen a priori. Ein ausgeprägtes Verständnis von Analytizität ist jedoch unerlässlich, um eine hinreichende Differenzierung vornehmen zu können.

Es ist gerade dieser grundlegende Aspekt seiner Lehre, der bei seinen Kritikern auf Widerstand trifft. Mit der vor allem von Ludwig Wittgenstein und Willard Van Orman Quine initiierten grundsätzlichen Skepsis gegenüber sprachlicher Bedeutung rückt auch Kants Unterscheidung zwischen analytischen und synthetischen Urteilen in ein kritisches Licht.[1] Aber bereits Zeitgenossen wie der Psychologe Johann Gebhard Ehrenreich Maaß oder Johann August Eberhard monierten dessen sprachanalytische Annahmen. In der vorliegenden Arbeit soll ein Blick auf Kants Verständnis von Analytizität, den zu Grund liegenden Prämissen, wie auch auf die darauf abzielende Kritik seiner Nachfolger geworfen werden. Erhalten die teilweise radikalen Einsprüche Quines, Eberhards oder Maaß' Recht, so wäre nahezu Kants gesamte Philosophie hinfällig.[2] Die zeitliche Abfolge der einzelnen Philosophen, die sich auf einander beziehen, wird dabei an manchen Stellen der hermeneutischen Gliederung der Arbeit untergeordnet.

Natürlich kann durch den beschränkten Rahmen des vorgegebenen Formats kein Anspruch auf Vollständigkeit, weder im Hinblick auf die Darstellung der Position Kants noch seiner Gegner, erhoben werden. Vielmehr geht es darum, Ansätze aufzeigen zu wollen, die zum einen für eine kritische Reflexion des Verständnisses Kants von Analytizität sinnvoll und notwendig sind, zum anderen aber auch helfen können, die gesamte Entwicklung des analytisch-synthetisch-Diskurses durch die Philosophiegeschichte hindurch genauer zu erfassen.

2 Kants Konzept von Analytizität

Die Unterscheidung zwischen analytischen und synthetischen Urteilen ist keinesfalls eine völlig neue Erfindung Kants. Zwar leugnet er die bestehende Tradition dieser Differenzierung nicht, bescheinigt sich zugleich jedoch selbst, sie als erster vollständig durchdacht und dargelegt zu haben.[3] Bereits John Locke, Gottfried Wilhelm Leibniz und David Hume kategorisierten unter der Verwendung unterschiedlicher Begriffe Urteile und Wahrheiten nach Form und Evidenz. In abstrahierter und stark vereinfachter Form lässt sich in Anlehnung an den bereits erwähnten US-amerikanischen Philosophen und Logiker Willard Van Orman Quine die dahinter stehende klassische Idee in etwa so charakterisieren: Während analytische Sätze aufgrund von Bedeutungsregeln wahr seien, sei bei synthetischen Sätzen Tatsachenwissen zur Feststellung des Wahrheitswertes notwendig.[4] Kants Eigenleistung auf diesem Gebiet ist somit eher eine Reformation, im Selbstverständnis wohl Revolution, und, nach eigener Ansicht, eine Perfektion dieser Dichotomie.[5] Sie wird am deutlichsten, wirft man einen Blick auf die Distinktion beziehungsweise deren Kriterium.

2.1 Die Unterscheidung zwischen synthetischen und analytischen Urteilen

In seinen Prolegomena zu einer zukünftigen Metaphysik legt Kant zwei Jahre nach Erscheinen der ersten Auflage der Kritik der reinen Vernunft, die häufig als das Hauptwerk seines Wirkens gesehen wird, noch einmal die Grundlagen seiner Philosophie und damit seines gesamten Vorhabens dar.[6] Insbesondere die ersten drei Paragraphen dieser Vorüberlegungen geben einen Überblick über die Begrifflichkeiten seiner Lehre. Das immense Potential dieses „elementare[n] terminologische[n] Instrumentarium[s]“[7] wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass es sich hierbei um die in der Kritik der reinen Vernunft zumeist vorausgesetzten Annahmen handelt, die somit gewissermaßen das Fundament Kants philosophischen Systems bilden und daher als zentraler Ausgangspunkt der hier angestrebten Untersuchungen dienen sollen.

Im Rahmen der Gegenstandsbestimmung einer reformierten Metaphysik definiert Kant zunächst einige Begriffe und Konzepte, die für sein gesamtes Unterfangen elementar sind. Dazu gehört neben der Unterscheidung zwischen Erkenntnis a priori und a posteriori auch die Differenzierung zwischen analytischen und synthetischen Urteilen.[8] Da sich metaphysische Erkenntnis für ihn ausschließlich aus synthetischen Urteilen a priori begründet, ist es nicht verwunderlich, dass eben gerade diesen der größere Stellenwert zukommt. Analytische Urteile dienen dabei vielfach lediglich als Gegenpol. Und doch ist es gerade die Konstituierung der analytischen Urteile und deren Kriterien, die entscheidend für eine erfolgreiche Distinktion ist.

Kant liefert für die Definition von Analytizität verschiedene Varianten, die zwar weitgehend analog funktionieren, zum Teil aber auf unterschiedliche Ebenen der Urteile abzielen. Ihnen liegen entsprechend mehr oder weniger stark von einander differierende Kriterien inne. Allen gemeinsam ist zunächst, im Gegensatz zu der Unterscheidung von a priori und a posteriori, ihre Ausrichtung auf den Inhalt der Propositionen. Die wohl Bekannteste unter den Formulierungen ist das konzeptuelle Enthaltensein des Prädikats im Subjektbegriff. Dabei bilden die Teilmerkmale der beiden im Urteil enthaltenen Begriffe eine Schnittmenge. Neben diesem auch als Containment-Concept bezeichneten Charakteristikum fordert Kant, dass analytische Urteile dem Subjektbegriff nichts hinzufügen, was nicht bereits in ihm enthalten ist.[9] Demnach füge das Prädikat eines Satzes den Merkmalen des Subjekts keinerlei neue Informationen hinzu.[10] Das heißt derartige Urteile sind „bloß erläuternd [], und [tun] zum Inhalte der Erkenntnis nichts hinzu“[11]. Es handele sich nach Kant hierbei nicht zwangsläufig um Tautologien, da das Enthaltensein der Teilbegriffe des Prädikats zwar auf Identität beruhe, jedoch nicht voraussetze, dass identische Begriffe vorliegen. Während es sich bei Tautologien um leere Urteile handele, durch die „idem per idem, also gar nicht erklärt werden würde“[12], dienen lediglich auf Identität gegründeten analytische Urteile sehr wohl der Erklärung des Begriffs, indem sie implizit gedachte Inhalte des Subjektbegriffs explizieren.[13] Hier klingt eine weitere Unterscheidung Kants an, die nach J. Alberto Coffa die Ausgangsposition für die analytisch/synthetisch-Distinktion bildet. Gemeint ist die häufig nahezu synonym verwendete Gegenüberstellung von Erläuterungsurteilen und Erweiterungsurteilen.[14] Wirken die beiden Formulierung auf den ersten Blick weitgehend identisch, so zeigen sich bei genauerer Betrachtung kleine Nuancen. Während die erste Variante den Schwerpunkt auf Ursprung und logische Form des Urteils zu legen scheint, betrifft letztere offensichtlich vor allem dessen Inhalt, der nach Kant als wesentlicher Bezugspunkt zu gelten hat.[15] Diese Begriffsorientierung reduziert ihre Verwendung auf das Verhältnis zweier Begriffe. Urteile anderer Form finden darin keine Beachtung.[16] Neben dieser logisch-semantischen Dimension besitzen analytische Sätze noch eine primär logische, die nach Kant für alle Urteile eine notwendige, für analytische sogar eine hinreichende Bedingung darstelle.[17] Die Negation eines analytischen Urteils führe demnach stets zu einem logischen Widerspruch.[18] Anders als bei den vorangegangenen Definitionen scheint die Formel der Kontradiktion von allgemeiner Geltung, indem sie sich nicht auf kategorische analytische Urteile beschränkt.[19]

[...]


[1] Vgl. Carsten Held, Analytizität, in: Volker Gerhardt (Hrsg.), Kant und die Berliner Aufklärung 5, Berlin u.a. 2001, S. 28.

[2] Vgl. Georg Mohr, Urteilstheoretische Vorklärungen zum Metaphysikbegriff, §§ 1-3, in: Holger Lyre/Oliver Schliemann (Hrsg.), Kants Prolegomena. Ein kooperativer Kommentar, Frankfurt am Main 2012, S. 57 sowie Lewis White Beck, Kant's Theory of Definition, PhRev 65/2, 1956, S. 189f.

[3] Siehe z.B. Immanuel Kant. Über die von der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin für das Jahr 1791 ausgesetzte Preisfrage: Welches sind die wirklichen Fortschritte, die die Metaphysik seit Leibnitzens und Wolf's Zeiten in Deutschland gemacht hat?, hrsg. v. Friedrich Theodor Rink, Königsberg 1804 oder Ders.. Der Streit mit Johann August Eberhard, hrsg. v. Marion Lauschke/Manfred Zahn, Hamburg 1998.

[4] Siehe Herbert Schweizer, Bedeutung. Grundzüge einer internalistischen Semantik (Berner Reihe philosophischer Studien 13), Bern u.a. 1991, S. 87 sowie Willard Van Orman Quine. Vagaries of Definition, in: Ders. (Hrsg.), The Ways of Paradox and Other Essays, Cambridge 21976, S. 51.

[5] Vgl. Guido Löhrer, Gibt es analytische Urteile?, Internationale Zeitschrift für Philosophie 1, 2002, S. 1f.

[6] Vgl. Georg Mohr, Urteilstheoretische Vorklärungen zum Metaphysikbegriff, S. 31.

[7] Georg Mohr, Urteilstheoretische Vorklärungen zum Metaphysikbegriff, S. 31.

[8] Siehe Prol., §2-4. Kant verwendet zu Beginn der Prolegomena die Begriffe Satz und Urteil scheinbar synonym. Aus verschiedene Gründen mag dies durchaus legitim sein, obgleich es nach Georg Mohr dem gängigen Sprachgebrauch widerspreche, nach dem unter einem Satz das sprachliche Gebilde des Aussagesatzes und unter Urteil der propositionale Gehalt verstanden werde. Eine dezidierte Differenzierung der beiden Bereiche ist in der vorliegenden Arbeit weder notwendig noch sinnvoll. Siehe dazu Georg Mohr, Urteilstheoretische Vorklärungen zum Metaphysikbegriff, S. 40.

[9] Siehe Prol., §2a.

[10] Siehe Carsten Held, Analytizität, S. 29.

[11] Prol., §266.

[12] Immanuel Kant. Welches sind die wirklichen Fortschritt, A 174 – A 175.

[13] Siehe Georg Mohr, Urteilstheoretische Vorklärungen zum Metaphysikbegriff, S. 45.

[14] Siehe J. Alberto Coffa, The semantic tradition from Kant to Carnap. To the Vienna Station, Cambridge u.a. 1998, S. 16.

[15] Vgl. Henry E. Allison, Kant's Transcendental Idealism. An Interpretation and Defense, New Haven/London 22004, S. 89f. Vgl. Prol., §4, 62.

[16] Siehe Rico Hauswald, Umfangslogik und analytisches Urteil bei Kant, Kant-Studien 101, 2010, S. 294.

[17] Vgl. KrV, B 190/A 151 - B 191/A152.

[18] Vgl. Carsten Held, Analytizität, S. 29 sowie Miroslav Kneller Losonsky, Kantian Analyticity and Quine's First Dogma of Empiricism, Macalester Journal of Philosophy 18, 2009, S. 123.

[19] Siehe Rico Hauswald, Umfangslogik und analytisches Urteil bei Kant, KS 101, 2010, S. 294.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Aspekte einer sprachanalytischen Kritik für die Untersuchung der Konzeption von Analytizität bei Immanuel Kant
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Proseminar: Hume und Kant
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V316355
ISBN (eBook)
9783668150874
ISBN (Buch)
9783668150881
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
aspekte, kritik, untersuchung, konzeption, analytizität, immanuel, kant
Arbeit zitieren
Christoph Kehl (Autor), 2013, Aspekte einer sprachanalytischen Kritik für die Untersuchung der Konzeption von Analytizität bei Immanuel Kant, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316355

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Aspekte einer sprachanalytischen Kritik für die Untersuchung der Konzeption von Analytizität bei Immanuel Kant



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden