Die Chemie in Goethes "Die Wahlverwandtschaften". Ein leidenschaftliches Experiment


Hausarbeit, 2012

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Definition „Wahlverwandtschaft“ in der Chemie

3. Kapitel 1 und 2

4. Zuordnung der Figuren des Romans zu den Elementen (nach Wiethölter)

5. Kapitel 4: Die Gleichnisrede

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Nirgends wollte man zugeben, daß Wissenschaft und Poesie vereinbar seien. Man vergaß, daß Wissenschaft sich aus Poesie entwickelt habe, man bedachte nicht, daß, nach einem Umschwung von Zeiten, beide sich wieder freundlich, zu beiderseitigem Vorteil, auf höherer Stelle, gar wohl wieder begegnen könnten“ schrieb Goethe 1817 (Goethe 1817, S. 139) und zeigt genau diese von ihm aufgeführte Vereinbarung der scheinbar gegensätzlichen Begriffe Wissenschaft und Poesie in dem von ihm 1809 verfassten Roman „Die Wahlverwandtschaften“. Der Roman stellt nach Adler „eine einzigartige Synthese von Literatur und Naturwissenschaften dar“ (Adler 1987, S. 9). Bereits der gewählte Titel verweist auf die Bedeutung der Naturwissenschaften für den Roman. Der Begriff der „Wahlverwandtschaft“ ist in der Chemie des 18. Jahrhunderts zu verorten und beschreibt die Eigenschaft bestimmter chemischer Elemente, bei der Annäherung anderer Stoffe ihre bestehenden Verbindungen zu lösen und sich mit den neu hinzugekommenen Elementen zu vereinigen. Der Roman stützt sich auf diese Theorie der Wahlverwandtschaften und überträgt diese auf menschliche Verhältnisse. Es scheint, als habe Goethe großes Vergnügen, innerhalb des Romans statt mit Stof- fen mit Menschen zu experimentieren.

Zentrale Kapitel, die einen besonderen Bezug zur Chemie haben, sollen innerhalb die- ser Arbeit näher beleuchtet werden und es soll überprüft werden, inwiefern die chemi- schen Gesetze die menschlichen Leidenschaften der Protagonisten erklären können. Im Fokus steht dabei das vierte Kapitel des ersten Teils, welches die Gleichnisrede beinhaltet, innerhalb derer die chemische Theorie der Verwandtschaften mit vielen Einzelheiten besprochen, und die Handlung des Romans bis zu einem gewissen Maß vorhersagt wird. Die Diskussion der Figuren dreht sich um Anziehungen und Absto- ßungen von Elementen. Im weiteren Verlauf des Romans wird die Lehre der Ver- wandtschaften auf menschliche Verhältnisse übertragen und am Beispiel der Protago- nisten ergänzt und erweitert. Weiterhin sollen die ersten Kapitel des Romans betrachtet werden, da dies bereits zahlreiche Verweise auf chemische Hintergründe beinhalteten. Überdies soll genauer beleuchtet werden, inwiefern die Elemente den Romanfiguren zugeordnet werden können. Dies soll mit Textstellen aus dem Roman belegt werden. Ich stützte mich in dieser Arbeit insbesondere auf die Arbeiten von Adler (1987) und Wiethölter (1982), die sich beide in umfassender Weise mit der Chemie in den Wahl- verwandtschaften auseinandergesetzt haben. Gewiss lassen sich die Theorien der beiden auch durch einige Textstellen widerlegen, wie auch in der Literatur bereits ge- schehen. Dennoch möchte ich mich der Lesart der beiden Autoren anschließen und versuchen ihre Theorien durch entsprechende Textstellen zu untermauern.

2. Definition „Wahlverwandtschaft“ in der Chemie

Die chemische Theorie der Wahlverwandtschaften geht bereits auf die Zeit der Antike zurück. Damals wurden Begriffe wie Sympathie, Affinität oder Verwandtschaft benutzt, um „den wechselseitigen Einfluß zweier oder mehrerer Dinge zu bezeichnen“ (Adler 1987, S. 37). Diese Theorie wurde über die Jahrhunderte durch diverse bedeutende Chemiker wie beispielsweise Newton und Macquer ergänzt und erweitert. 1775 schließlich, also zu Lebzeiten von Goethe, publizierte der schwedische Chemiker Torbern Bergman eine Schrift mit dem Titel „De attractionibus electivis“ (deutsch: 'Von den Wahlverwandtschaften'). Bergmans zentrales Gesetz lautet wie folgt:

„Wenn A eine Materie ist, mit welcher andere fremdartige Materien, die a,b, c heißen sollen, sich gerne vereinigen, dieses aber mit c bis zur Sättigung vereinigt ist (welches in der Folge durch A c angezeigt wird), durch den Zusatz [!] von b aber, welches sich mit A vereinigt, werde c ausgeschlossen: so sagt man A ziehet stärker b als c an, oder auch b besitzt eine stärkere auswählende Attraction als c: und wenn endlich A b, durch den Zusatz von a die vorige Verbindung losläßt, b ausstößt, und sich mit a ver- bindet, so besitzt a eine stärkere als b, und die Stuffe der Attraction ist a, b, c.“ (Berg- man 1782-1790, III, S. 346f.)

Eben dieses Gesetz wird in Goethes Roman auf das menschliche Verhalten übertragen und erklärt so die Anziehungen zwischen den einzelnen Protagonisten im Verlauf des Romans. In ähnlicher Weise wird das Gesetz von Bergman auch im Roman selbst genannt, was im Kapitel 4. dieser Arbeit näher beleuchtet wird.

3. Kapitel 1 und 2

Blessin schreibt „Die Eröffnung des Romans [...] gleicht einem wissenschaftlichen Ex- periment, das um exakter Voraussagen willen seine Ausgangslage streng definiert. Buchstäblich als ein solches in kontrollierten Bahnen verlaufendes naturwissenschaftli- ches Experiment beginnen sich die Wahlverwandtschaften zu entwickeln“ (Blessin, 1996, S. 210). Gemäß Blessin wird das chemische Experiment des Romans bereits im ersten Kapitel eingeleitet, durch Überlegungen von den Protagonisten Eduard und Charlotte, „ihre Zweisamkeit um ein Drittes oder Viertes zu erweitern“ (Wiethölter 1982, S. 37). Eduard möchte seinen alten Freund, den Hauptmann, auf den Besitz einladen, während Charlotte ihre Pflegetochter Ottilie aufnehmen möchte. Auffällig ist das Voka- bular, dessen sich die Protagonisten bedienen. An vielen Stellen erinnert es an chemi- sche Experimente; "[...] laß uns wenigstens eine Zeitlang versuchen, inwiefern wir auf diese Weise miteinander ausreichen (Goethe 2006, S. 276)", lautet Charlottes Einwand gegen Eduards Vorschlag seinen Freund den Hauptmann einzuladen. Während Edu- ard auf den Vorschlag von Charlotte Ottilie aufzunehmen antwortet "[...] in Gottes Na- men sei der Versuch gemacht!" (ebd., S. 282). Schließlich gibt auch Charlotte nach, als sie einsieht: "Alle solche Unternehmungen sind Wagestücke. Was daraus werden kann, sieht kein Mensch voraus. [...] Laß uns den Versuch machen." (ebd., S. 286). Auffällig häufig wird hier das Substantiv „Versuch“ bzw. das entsprechende Verb „ver- suchen“ verwendet, was einen deutlichen Bezug zur Chemie erkennen lässt.

Eduard’s Aussage „Nichts ist bedeutender in jedem Zustande, als die Dazwischenkunft eines Dritten. Ich habe Freunde gesehen, Geschwister, Liebende, Gatten, deren Ver- hältnis durch den zufälligen oder gewählten Hinzutritt einer neuen Person ganz und gar verändert, deren Lage völlig umgekehrt worden,“ (ebd., S. 277), soll sich im weiteren Verlauf des Romans bald bestätigen. Der Gebrauch des Substantivs „Verhältnis“ lässt sich erneut mit der chemischen Theorie der Wahlverwandtschaften in Verbindung brin- gen. Dort heißt es „ein Verhältnis [wird] dem andern vorgezogen, eins vor dem andern erwählt“ (ebd., S. 304), und der häufige Gebrauch des Begriffs in den ersten Kapiteln lässt darauf schließen, dass sich eben diese Verhältnisse ändern werden. Die bisheri- ge harmonische Zweisamkeit von Eduard und Charlotte wird durch das Hinzukommen des Hauptmanns und Ottilie vor völlig neue Herausforderungen gestellt. Zwischen den Figuren entstehen ungeahnte Leidenschaften, die eine Tragödie entstehen lassen.

Zu Beginn des Romans machen sich Charlotte und Eduard indes keine Sorgen um die eigene Beziehung, sondern insbesondere Charlotte sorgt sich um die Anziehungskraft, die Ottilie auf den Hauptmann ausüben könnte. So fragt sich Charlotte, ob sie „einen Mann […] in den Jahren […] wo der Mann erst liebefähig und erst der Liebe wert wird, und ein Mädchen von Ottiliens Vorzügen“ (ebd., S. 282) zusammenbringen kann. Edu- ard jedoch wischt ihre Bedenken weg, ihn drängt es nach Belebung (vgl. ebd., S. 272), ihm ist es in der Mooshütte „zu eng“ (ebd.), die Arbeiten im Park und im Garten sind „nur für Einsiedler getan“ (ebd., S. 276) und er sehnt sich nach einem hübschen Gan- zen (vgl. ebd., S. 277). Schließlich willigt Charlotte am Ende des zweiten Kapitels ein, beide - Ottilie und den Hauptmann - auf das Schloss einzuladen, wo das Unheil sei- nen Lauf nimmt.

4. Zuordnung der Figuren des Romans zu den Elementen (nach Wiethölter)

Orientiert man sich an den Ausführungen von Wiethölter, lassen sich die unterschiedlichen Elemente bei genauerer Betrachtung den Romanfiguren zuordnen. Diese Zuordnung wird sicherlich nicht beim ersten Lesen deutlich, sondern benötigt mehrmaliges Studieren der Lektüre. So empfiehlt Goethe den Roman mehrmals zu lesen, denn es stehe mehr darin, „als irgend jemand bei einmaligem Lesen aufzunehmen im Stande wäre“ (Elm 1991, S. 36). Elisabeth von Thadden befürwortet gar eine „der Naturforschung ähnliche Lektüre“ (v. Thadden 1993, S. 148) und fordert den Leser auf, beim „Lesen […] fortgesetzt Synthesen zu bilden, Differenzen zu markieren, Bezüge herzustellen […], vergangene Phasen dieses Textes, […] andere vergangene Texte und wissenschaftliche Deutungen der Welt, Theorien und Bildzustände“ (ebd.) einzubeziehen. Erworbenes Wissen nach mehrmaligem Lesen ermöglicht eine andere Sichtweise auf Textstellen und somit auch völlig neue Verstehenshorizonte. Fraglos lassen sich die von Wiethölter vorgeschlagenen Zuordnungen durch andere Textstellen auch widerlegen, wie es auch bereits durch andere Autoren geschehen ist. Angebracht wäre es, diese verschiedenen Lesarten gegenüber zu stellen, was aufgrund des geringen Umfangs dieser Arbeit jedoch nicht möglich ist. Aus diesem Grund schließe ich mich der Lesart von Wiethölter an. Die entsprechenden Zuordnungen sollen der Analyse der Gleichnisrede vorangestellt werden, damit diese in Gänze verstanden werden kann.

Eduard kann mit dem Element Erde in Verbindung gebracht werden. So ist er bereits im ersten Kapitel des Romans bei der Gartenarbeit anzutreffen und beschäftigt sich auch sonst als passionierter Gärtner viel mit Arbeiten in der Natur. Nachdem er sich zu seiner Liebe zu Ottilie bekannt hat, streift er in der Nacht unruhig umher und ähnelt damit den Tieren um ihn herum: „Alles war still um ihn her, kein Lüftchen regte sich: so still wars, daß er das wühlende Arbeiten emsiger Tiere unter der Erde vernehmen konnte, denen Tag und Nacht gleich sind.“ (Goethe 2006, S. 359)

Das sich in dieser Passage „kein Lüftchen regte“ ist dabei von besonderer Bedeutung. Während Eduard versucht, jegliche Zugluft abzuwehren, kann es seiner Ehefrau Charlotte nicht luftig genug sein. Dementsprechend wird ihr das Element Luft zugeordnet. Neben ihrer Affinität für Luft, hält sie sich ebenso gerne im Freien auf und ergreift innerhalb der Gleichnisrede entschieden Partei für die „arme Luftsäure“ (ebd., S. 304). Der Zugwind bläst Eduards ersten Brief an Ottilie vom Schreibtisch und weht ihn in die Brennschere des Friseurs, womit Charlotte, „nachdem ihr auch das Antwortschreiben Ottiliens in die Hände fällt, ohne es zu wollen oder zu wissen, zweimal störend zwischen die Liebenden tritt“ (Wiethölter 1982, S. 40).

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Chemie in Goethes "Die Wahlverwandtschaften". Ein leidenschaftliches Experiment
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
13
Katalognummer
V316498
ISBN (eBook)
9783668159273
ISBN (Buch)
9783668159280
Dateigröße
676 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
chemie, goethes, wahlverwandtschaften, experiment
Arbeit zitieren
Dana Swillims (Autor:in), 2012, Die Chemie in Goethes "Die Wahlverwandtschaften". Ein leidenschaftliches Experiment, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316498

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