Wie Kriege beginnen. Großbritanniens Weg in den Ersten Weltkrieg


Hausarbeit, 2014
16 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Innenpolitik
2.1. Die britischen Selbstzweifel
2.2. Großbritanniens Vorteil?

3. Bündnispolitik
3.1. Die größere Wahrscheinlichkeit
3.2. Die Beziehungen ändern sich

4. Rüstungspolitik
4.1. Das Wettrüsten beginnt
4.2. Keine Gefahr

5. Außenpolitik
5.1. Verpflichtungen?
5.2. Die Stellungnahme

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„The lamps are going out all over Europe; we shall not see them lit again in our liftime.“1

Mit dieser Aussage des britischen Außenministers Sir Edward Grey, war eine treffende Metapher für die Geschehnisse in Europa im Jahre 1914 formuliert worden. War der Erste Weltkrieg bei genauerer Betrachtung doch vermeidbar gewesen.

Die „Weltpolitik“ Wilhelm II., seine Expansionsbestrebungen und der industrielle Fortschritt, werden oft als Dorn im Auge des einzigen Weltreichs, Großbritannien nämlich, gesehen. Im Folgenden gehe ich der Frage nach, ob es wirklich die Angst einer Vormachtstellung Deutschlands war, die Großbritannien in den Ersten Weltkrieg führte. Auch möchte ich einen Blick darauf werfen, in wieweit die deutsche Verletzung der belgischen Neutralität, Grund für den britischen Kriegseintritt war. So brennt mir die Frage auf der Zunge: Was spielt sich im Hintergrund, oder gar im „Unterbewusstsein“ der Briten in den letzten Tagen vor Kriegsbeginn ab?

Vor allem bezugnehmend auf den britischen Historiker Niall Ferguson (Der falsche Krieg), unter Berücksichtigung anderer, (z. B.: Christopher Clarks „The Sleepwalkers“, aber auch Überblickswerke zum Ersten Weltkrieg) gehe ich der Annahme, dass die Verletzung der belgischen Neutralität durch Deutschland, wenn überhaupt, nur einen geringen Bruchteil zum britischen Kriegsbeitritt beitrug. Vielmehr versuche ich hier die Hypothese aufzustellen und zu belegen, dass Schlussendlich die britische Angst unterzugehen und alleine gegen die anderen europäischen Mächte dazustehen, Hauptgrund für den am 04.08.1914 erklärten Eintritt in den Ersten Weltkrieg und vier Jahre lange dauerndes Massensterben britischer Männer, war.

Hierzu werde ich einen kurzen Blick auf die innenpolitischen Probleme Großbritanniens werfen. Die wichtigen Punkte, zumal sie selbst nur beim Streifen des Ersten Weltkriegs unübersehbar sind, Bündnispolitik und Rüstungspolitik werden ebenfalls Platz in meiner Arbeit finden. Zu Guter Letzt werde ich mich natürlich noch der britischen Außenpolitik widmen, die einen zentralen Teil meiner Argumentation darstellt.

2. Innenpolitik

2.1. Die britischen Selbstzweifel

Zu Beginn des neuen Jahrhunderts plagten Großbritannien hinsichtlich ihrer Weltmachtstellung Selbstzweifel, die nicht nur mit den militärischen Erfahrungen in Südafrika und dem Vertrauensverlust in die eigenen Streitkräfte zusammenhing, sondern auch das Empire als politisches und ökonomisches Gebilde betrachtete. Man stellte sich die Frage, ob Großbritannien als „altes Weltreich“ (im Gegensatz zum jungen Deutschen Reich oder dem jungen Amerika) einem vermeintlich historischem „Gesetz“ folgend, dem Untergang und Zerfall des Reiches geweiht sei.2 Dieser Eindruck wurde durch mehrere Punkte verstärkt. So machte es den Eindruck, dass man sich „in der ganzen Welt verzettelt und überengagiert“ hatte.3 Außerdem mangelte es an Ressourcen im Land, um das Weltreich zusammenzuhalten und militärisch gegen „Neuankömmlinge“ und „Habenichtse“ verteidigen zu können.4

In den entferntesten Teilen des Empires wurden Stimmen laut, die mehr Autonomie, wenn nicht sogar Unabhängigkeit forderten. Aber egal wie stark ein „Gefühl der Überdehnung“ derjenigen Kraft in Großbritannien auch gewesen sein mochte, so waren nur wenige zum Abdanken bereit. Die Ausrufe des politischen Establishment, der Londoner „City“, der Industrie und der Presse zur „Verteidigung des Empire“ fand in weiten Bevölkerungskreisen großen Widerhall. Selbst in den Arbeitervierteln der Industriestädte gab es viele, die dem Ruf eines „imperialistischen Patriotismus“ folgten.5

2.2. Großbritanniens Vorteil?

Innenpolitisch gesehen gab es in Großbritannien also genauso wie in den kontinentalen Monarchien äußere Anzeichen sozialer Spannungen und politischer Unruhen. Trotz geringer Beeinflussung Großbritanniens von Klassenkampf und Revolutionen, hatte man dennoch früh Erfahrungen mit einer starken Gewerkschaft, mit einem starken Eigenbewusstsein der Unterschichten, gemacht, die eindringliche Forderungen nach politischer und ökonomischer Teilhabe stellte.6 Der Unterschied zu den autoritären Monarchien des Kontinents war hierbei, dass die konstitutionelle Monarchie auf die Forderungen der „Masse“ immer flexibler reagiert hatte. So wurde das Wahlrecht für Männer bereits im 19. Jahrhundert in Großbritannien Schritt für Schritt ausgedehnt, es gab Versammlungs-, Koalitions- und Pressefreiheit. Auch hatte man begonnen ein rudimentäres Sozialversicherungssystem einzuführen, vor allem nachdem die Liberalen 1906 mit ihrem Reformprogramm die Mehrheit im Parlament hatten. Den „Massen“ wurde unter anderem auch durch die Möglichkeit, Arbeitervertreter ins Parlament, gar ins Kabinett wählen zu können, ein Gefühl der Anteilnahme vermittelt, während die Stärke der Gewerkschaften in wiederholten Streikwellen bemerkbar wurde. Solche Situationen vermittelten laut Berghahn den Eindruck, eines von schwerer Krise geschüttelten Königreichs.7 Dennoch hatten Reformbewegungen dank der Liberalen in der Regierung und im Parlament, immer zumindest ein bisschen die Möglichkeit, gehört zu werden. So schien selbst 1913 ein gradueller Wandel innerhalb des bestehenden Systems möglich, wodurch es nie dazu kam, dass „Forderungen nach Reformen durch Verlangen nach Umsturz des Bestehenden“ ersetzt wurde.8

3. Bündnispolitik

Betrachtet man die Bündnisblöcke, welche sich im Ersten Weltkrieg gegenüberstanden (Deutschland mit Österreich-Ungarn und Italien, Großbritannien mit Frankreich und Russland), kommt jemand, der sich nie mit diesem Thema beschäftigt hat, leicht zum Schluss, dass diese schon immer bestanden haben. Erinnert man sich nämlich des Zweiten Weltkriegs, waren es mehr oder weniger ähnliche Bündnispartner, die „zusammenarbeiteten“.

3.1. Die größere Wahrscheinlichkeit

Vor der Jahrhundertwende (19. Auf 20. Jhd.) waren aber ein Krieg zwischen Großbritannien und Russland oder einer zwischen Großbritannien und Frankreich viel wahrscheinlicher. Bevor es nämlich zu den Bündnissen zwischen diesen Ländern gekommen war, standen sich diese als die drei großen imperialen Rivalen gegenüber. Sie gerieten von Konstantinopel bis Kabul (Großbritannien und Russland) oder vom Sudan bis Siam (Großbritannien und Frankreich) wiederholt in Konflikt.9

Großbritanniens militärische Besetzung Ägyptens 1882 brachte es in eine benachteiligte Position, wenn es versuchte, ähnliche Ausdehnungsbestrebungen Russlands oder Frankreichs einzuschränken. So drohte im April 1885, nach dem russischen Sieg über afghanische Streitkräfte bei Penjdeh, ein britisch-russischer Konflikt auszubrechen. 1895 war ein Krieg zwischen Großbritannien und Frankreich reale Möglichkeit. Ägypten und der Sudan sollten für diesen anglo-französischen Gegensatz die Hauptursache darstellen.10

Aber bereits ein Jahr zuvor, 1894, war die Beabsichtigung der französischen Regierung, Anspruch auf die Kontrolle von Faschoda am Oberlauf des Nils anzumelden. Um Frankreich den Zugang nach Faschoda zu blockieren, schlossen Rosbery (Premierminister seit März 1894) und der belgische König die Vereinbarung, Faschoda an den Belgischen Kongo im Austausch gegen einen Landstreifen des westlichen Kongos zu verpachten.11

In den Jahren 1895 und 1896 stellten Russland und Großbritannien Überlegungen an, sich Zugang zu den Meerengen zu erzwingen und sich somit die Kontrolle über Konstantinopel zu sichern. Da sich aber beide Seiten in ihrer maritimen Stärke unsicher waren, wagten beide den Schritt nicht, der einen möglichen Krieg hätte Realität werden lassen können.12

Ferguson zitiert im Zusammenhang mit den britisch-französischen und britisch-russischen Konflikten Sir Charles Dilke (liberaler Politiker), der 1888 „nur Russland und Frankreich“ als mögliche Feinde sah: „Zwischen uns und Frankreich gibt es immer wieder Differenzen, und zwischen uns und Russland wird es ganz gewiss eines Tages Krieg geben.“13 Noch 1901 machte man sich Gedanken darüber, dass die vereinigten Schlachtflotten Frankreichs und Russlands gemeinsam, der der Royal Navy ebenbürtig sein würden.14

Heute erscheint die Vorstellung eines anderen Weltkrieges, einem zwischen den späteren Verbündeten Großbritannien, Frankreich und Russland an Orten wie Ägypten und Afghanistan, dem Mittelmeer oder dem Bosporus für unfassbar. Zu jener Zeit schien der Gedanke an einen solchen Krieg viel plausibler als Bündnisse Großbritanniens mit Frankreich und Russland.15 Ein Zusammenschluss mit Deutschland war damals naheliegender.

Laut Ferguson scheiterte ein solcher Bund aber wegen der „Schwäche der Deutschen“. Aber auch die Briten bereiteten der Vorstellung einer Allianz ein Ende.16 Und zwar nicht, weil Deutschland eine Bedrohung darzustellen begann, sondern weil Großbritannien erkannte, dass eben keine solche Bedrohung von Deutschland ausging. Das beste Argument gegen ein anglo-deutsches Bündnis war laut Francis Berti (Unterstaatssekretär des Foreign Office) im November 1901, dass ein solcher Zusammenschluss, dazu führen würde, dass „wir niemals mit Frankreich auf gutem Fuße stehen [würden], unserem Nachbarn in Europa und in vielen Teilen der Welt, oder mit Russland, dessen Grenzen sich in großen Teilen Asiens mit den unseren direkt oder beinahe berühren.“17 Auch das deutsche Zögern, die britische Politik 1901 in China zu unterstützen, um nicht mit Russland in Konflikt zu geraten, bestätigte die britische Ansicht, dass Deutschland schwach wäre.18

3.2. Die Beziehungen ändern sich

Eine weit beeindruckendere Liste zu imperialen Streitfragen, die geklärt werden könnten, bot Frankreich. So könnte es zum Beispiel zu einer eindeutigen Anerkennung der britischen Stellung in Ägypten kommen und die Entente Cordiale vom 8.4.1904 führte also zu einem kolonialen Tauschgeschäft mit zwei anderen Konsequenzen. Sie bedeutete eine Verminderung der Bedeutung guter Beziehungen zu Deutschland und wegen der engen Verbindungen Frankreichs zu Russlands auch bessere Beziehungen zwischen Großbritannien und Russland.19 Volker Berghahn meint zur französisch-britischen Entente Cordiale, sie wäre als „defensive Antwort auf die weltpolitischen Ambitionen des Kaisers“ zu verstehen gewesen.20

So konnten im August 1907 die seit langem schwelenden Konflikte durch eine Einigung mit St. Petersburg bereinigt werden. Mit der Entstehung der Triple-Entente war die europäische Aufteilung in zwei Bündnisblöcke komplett. Die Verfestigung dieser war von Wettrüsten begleitet, zuerst von einem Seewettrüsten zwischen Deutschland und Großbritannien um die Jahrhundertwende, ab 1911/12 dann von einem Rüsten der Blöcke in Vorbereitung auf einen Landeskrieg.21

4. Rüstungspolitik

Das Seewettrüsten geht auf die Entscheidung des deutschen Kaisers Wilhelm II. und den Marinestaatssekretär Alfred von Tirpitz zurück. Diese wollten die deutsche „Weltpolitik“ durch den Bau einer Schlachtflotte abstützen, welche groß genug sein sollte, um Großbritannien am Verhandlungstisch koloniale Vorrechte abzutrotzen und im Extremfall in einer Schlacht in der Nordsee der Royal Navy militärisch Paroli bieten zu können.22

[...]


1 Sir Edward Grey, zit. in. Thomas Kielinger, Großbritannien (Die Deutschen und ihre Nachbarn), München 2009, S. 198.

2 Volker R. Berghahn, Sarajewo, 28. Juni 1914. Der Untergang des alten Europas (20 Tage im 20. Jahrhundert), München 1997, S. 66 f.

3 Ebd., S 67.

4 Ebd.

5 Ebd.

6 Berghahn, Sarajewo, S. 94.

7 Ebd., S. 95.

8 Ebd., S. 96.

9 Niall Ferguson, Der Falsche Krieg. Der Erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert, Stuttgart 1999, S. 74.

10 Ebd., S. 74 f.

11 Ebd., S. 75.

12 Ebd., S. 76.

13 Sir Charles Dilke, zit. in. ebd., S. 79.

14 Ebd.

15 Ferguson, Der falsche Krieg, S. 79.

16 Ebd., S. 89.

17 Francis Berti, zit. in. ebd.

18 Ebd.

19 Ebd., S. 90.

20 Berghahn, Sarajewo, S. 76.

21 Volker Berghahn, Der Erste Weltkrieg, München 20145, S. 19.

22 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Wie Kriege beginnen. Großbritanniens Weg in den Ersten Weltkrieg
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Zeitgeschichte)
Veranstaltung
Proseminar Zeitgeschichte
Note
2
Autor
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V316622
ISBN (eBook)
9783668165670
ISBN (Buch)
9783668165687
Dateigröße
621 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erster Weltkrieg, Großbritannien, Kriegsbeginn
Arbeit zitieren
Claudia Zocchi (Autor), 2014, Wie Kriege beginnen. Großbritanniens Weg in den Ersten Weltkrieg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316622

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