System und Subversion in Peter Weirs "Truman Show"


Hausarbeit, 2013

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das diskursive System
2.1. Diskursdefinitionen
2.2. Die diskursive Konstituierung von Realitäten

3. Subjektkonstitution
3.1. Das dezentrierte Subjekt
3.2. Diskurs-Subjekt-Beziehungen
3.3. Machtverhältnisse

4. Trumans Identitätskrise
4.1. Der selbstreflexive Prozess
4.2. Das Spiegelmotiv
4.3. Das Motiv der Erinnerung

5. Affirmation und Subversion von Subjektpositionen

6. Fazit

7. Anhang
7.1. Gespräch mit Sylvia
7.2. Gespräch mit Marlon
7.3. Gespräch mit Meryl
7.4. Gespräch mit Christof

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Seminararbeit werden die Beziehungen von System und Identität sowie deren Subversion anhand des Films „The Truman Show“1 von Peter Weir dargestellt. Grundlage hierfür ist die deutsche Fassung des Films aus dem Jahr 1998. Zum Verständnis der Hausarbeit wird die Kenntnis des Films vorausgesetzt um von einer vollständigen Inhaltsangabe absehen zu können. Im Verlauf der Analyse wird die Frage beantwortet, wie es Truman Burbank gelingt, die Subversion seiner diskursiv konstituierten Subjektposition durchzuführen und welche Mechanismen und Prozesse daran beteiligt sind. Untersucht werden soll hierbei insbesondere, wie sich die Selbstreflexion von Truman Burbank innerhalb des Films nachvollziehen lässt. Hierfür werden ausgewählte Filmsequenzen beschrieben und in Teilen transkribiert um dann mit Hilfe poststrukturalistischer Theorien untersucht zu werden.

Die Relevanz dieses Themas lässt sich anhand der Vielzahl entsprechender Publikationen erkennen. Da in jeder Gesellschaft Strukturen vorhanden sind, in welche Menschen hineingeboren werden, beschäftigen sich Sozialwissenschaftler im Rahmen der poststrukturalistischen Diskursforschung schon lange mit dieser Thematik. Das Subjekt-Diskurs-Verhältnis ist eines der relevantesten Themen innerhalb der Diskursforschung. Die Macht des Diskurses sowie die Freiheit des Subjekts sind hierbei von zentraler Bedeutung.2 Das Forschungsinteresse liegt darin begründet, dass jeder Mensch sein Handlungs- und Widerstandspotential kennen möchte. In dieser Hinsicht ist es relevant danach zu Fragen, ob der Einzelne tatsächlich Neues in den Diskurs einbringen, oder nur innerhalb der „diskursiven Fesseln“ agieren kann.3 Da in dieser Arbeit die Subversion von Trumans Subjektposition im Vordergrund steht, zeigt sich hierbei, inwiefern für die Menschen generell die Möglichkeit besteht, die diskursiven Determinierungen zu unterwandern. Eine derartige Analyse dieses Films liegt nach meinen Recherchen noch nicht vor. Dieser Film wird zumeist hinsichtlich der religiösen Symbole hermeneutisch untersucht.

Diese Hausarbeit baut auf meinem Referat innerhalb des Seminars „Selbstreflexion in Literatur und Film“ bei Frau Prof. Dr. Ulrike Steierwald auf. Ausgehend von der für das Referat exzerpierten Literatur „Diskurs · Macht · Subjekt“ von Reiner Keller (2012), wurde die weitere Literaturrecherche mit den Schlagworten „Poststrukturalismus“, „Foucault“, „Diskursanalyse“, „Subjektkonstitution“ und „Selbstreflexion“ in unterschiedlichen literaturwissenschaftlichen Datenbanken durchgeführt. Hierbei haben sich die Werke „Selbst-Reflexionen“ von Gunter Gebauer et al. (2012), „Der Diskurs“ von Sara Mills (2007) und „Die Ordnung des Diskurses“ von Michel Foucault (12. Aufl. 2012) als besonders relevant und hilfreich erwiesen.

2. Das diskursive System

2.1 Diskursdefinitionen

Als Einführung in die diskurstheoretische Analyse des Films ist es zunächst nötig, den Diskursbegriff zu definieren. Was ist ein Diskurs? Sarah Mills vermutet, dass es sich hierbei um den am wenigsten definierten Begriff innerhalb der Literatur- und Kulturtheorie handelt.4 Kenneth Burke beschreibt den Diskurs als eine Art unendliches Gespräch, das schon in Gange ist wenn man geboren wird und auch nach dem Tod des Einzelnen weiterhin bestehen bleibt. Die Menschen nehmen nach einer gewissen Zeit des passiven Zuhörens aktiv daran Teil.5 Doch der Diskurs findet nicht nur im Bereich des Mündlichen statt. Auch schriftlich festgehaltene Aussagen sind Teil des Diskurses.6

Foucault verwendet in seinen Publikationen unterschiedliche Definitionen. Laut Mills sind Diskurse für Foucault keine bloße Ansammlung von Aussagen, sondern „hochgradig regulierte Gruppierungen von Aussagen oder Meinungen mit internen Regeln (...).“7 Da Macht innerhalb der Diskurse somit eine zentrale Rolle spielt, lässt sich die Diskursanalyse nach Foucault als eine Form der Machtanalyse bezeichnen.8

Ernesto Laclau bezeichnet den Diskurs als einen „spezifisch artikulierten Zusammenhang von Sinnelementen“9, welcher nur durch Abgrenzung von dem was er nicht ist identifiziert werden kann.10 Die Grundlage des Diskurses ist der Dialog, denn als soziales Geschehen trägt dieser dazu bei, den sozialen Kontext am Leben zu halten.11 Achim Landwehr fasst zusammen, dass sich der Diskursbegriff auf ein sprachliches System bezieht, welches auf soziokulturelle Weise Realitäten konstituiert.12 Das was innerhalb dieser Realität als sagbar gilt, erscheint dem Einzelnen als natürlich und evident, doch ist dieses letztlich nur das Ergebnis von Ausschlüssen, die vorgeben was nicht gesagt werden darf.13

2.2 Die diskursive Konstituierung von Realitäten

Innerhalb des Films „The Truman Show“ wird anlässlich der gleichnamigen Reality-TV-Show eine Idealstadt im Stil der fünfziger Jahre in einem riesigen Filmstudio erschaffen. Aufgrund von Regieanweisungen und partiellen Textvorgaben an die Darsteller entwickeln sich innerhalb der Stadt „Seahaven“ kontrollierte Dialoge und Aussagen, die für den Hauptdarsteller „Truman Burbank“ die diskursive Realität darstellen, in welche er vor laufender Kamera hinein geboren wird. Zu dieser Diskursproduktion tragen auch die nicht-diskursiven Strukturen und Praktiken, wie die Kulisse, die gezielte Positionierung der Darsteller am Filmset sowie die permanente Überwachung Trumans bei.14

Eine solche Diskursproduktion ist jedoch nicht nur innerhalb dieser Reality-Show existent. Foucault geht davon aus, dass in jeder Gesellschaft Instanzen existieren, welche die Diskursproduktion kontrollieren und organisieren. Dies zeigt sich dadurch, dass es Ausschließungsprozeduren gibt. Allgemein ist bekannt, dass man nicht immer und überall alles sagen kann und darf.15

Konstruiert und überwacht wird Trumans Welt vom Regisseur Christof. Personen die nicht „im Wahren“ des von Christof gewünschten Diskurses sprechen werden aus der Serie ausgeschlossen. Dadurch soll gesichert werden, dass Truman die Realität der ihn umgebenden Welt nicht in Frage stellt. Foucault gibt hierzu den Hinweis, dass es theoretisch jederzeit möglich ist, dass diskursinterne Unwahrheiten außerhalb dieses Diskurses durchaus als Wahrheiten gelten können. Jedoch muss man den Regeln der „diskursiven Polizei“ gehorchen, um „im Wahren“ zu sein.16

„Wir akzeptieren die Realität der Welt die uns dargeboten wird. So einfach ist das.“17 Das ist Christofs Antwort auf die Interviewfrage, wie es möglich war, eine Reality-TV-Show über Truman zu drehen, ohne dass dieser Verdacht schöpft. Diese Aussage entspricht der Theorie von Foucault. Auch dieser geht davon aus, dass die Menschen „Dinge als wahr und evident akzeptieren, die zu einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte hervorgebracht worden sind(...)“.18 Er weist jedoch auch darauf hin, „dass man diese so genannte Evidenz kritisieren und zerstören kann.“19 Auch Christof äußert sich im Film dahingehend, dass die Zerstörung der Evidenz für Truman jederzeit möglich ist. So heißt es, „er könnte jederzeit gehen. Wenn seine Absichten nicht so halbherzig wären, wenn er wirklich im Innersten entschlossen wäre die Wahrheit herauszufinden, könnten wir das unmöglich verhindern.“20 Dennoch ist das ganze Filmteam damit beschäftigt, Truman von der Zerstörung der Evidenz abzuhalten. Aufgrund dessen lässt sich der Diskurs außerhalb seines Filmsets als stark abgeschirmt bezeichnen. Für Truman gestaltet sich der Weg zur Wahrheit schwierig, da er von vorn herein nicht dazu qualifiziert ist diesen Bereich zu betreten. Truman soll unwissend bleiben, da nur auf diese Weise eine derartige Fernsehsendung möglich ist, in welcher das Handeln des Hauptdarstellers unverfälscht ist.21

Kurz vor Trumans dreißigstem Geburtstag häufen sich jedoch zufällige Pannen am Filmset die dessen Misstrauen wecken. Um Trumans Unwissenheit nicht zu gefährden, erfolgt auf jedes verräterische Ereignis eine umgehende sprachliche Intervention, also ein diskursives Eingreifen in Trumans Bewusstsein. Laut Foucault dienen derartige Kommentare dazu, die Dimension des Zufalls innerhalb des Diskurses zu bändigen.22 Als Beispiel eines solchen Kommentars, lässt sich die Reaktion auf die Szene heranziehen, in der das Misstrauen Trumans beginnt. Vor Trumans Augen fällt ein Scheinwerfer, scheinbar aus dem Nichts, zu Boden. Laut Aufschrift des Scheinwerfers handelt es sich dabei um einen Stern des künstlichen Himmels.23 Die Regie reagiert umgehend auf diesen Zwischenfall und schaltet eine Radiomeldung, in der von herabfallenden Flugzeugteilen über der Stadt Seahaven berichtet wird. Anschließend wird hierbei noch auf die allgemeine Gefahr des Fliegens hingewiesen. Hier lässt sich eindeutig das kommentierende Eingreifen erkennen, was Truman davon abhalten soll, die Wahrheit zu erkennen. Laut Foucault sind es einzig die diskursiven Strukturen, durch die wir Zugang zur Wirklichkeit erlangen können, da diese unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit bestimmen.24 Das Medium des Radios ist hierbei gut gewählt, da Nachrichtensprecher seriöse Personen sind, die Äußerungen tätigen, die wir als wahr klassifizieren. Verschiedene Medien wie Radio, Zeitung, Plakate und Fernsehen werden auch an anderen Stellen des Films verwendet um Truman darauf hinzuweisen, dass es Zuhause am schönsten ist da dort keine Gefahren drohen.

Im späteren Verlauf des Films sehen wir und die Zuschauer der Reality-Show eine Rückblende, die Trumans Erinnerung an eine frühere Situation illustriert. Hier wird deutlich, dass es schon vor längerer Zeit einen Zwischenfall gab, der Truman verunsichert hat. Truman erinnert sich an eine Frau, die er in der Universität kennen lernte. Das Filmteam gab ihr den Namen Lauren. Ihr Name außerhalb der Truman Show ist Sylvia. In dieser Szene versucht Sylvia Truman die Wahrheit über sein Leben zu erklären und ihn somit aus der Gefangenschaft des Filmstudios zu befreien. Während des Dialogs25 zwischen Silvia und Truman erscheint ein Mann, der sich als ihr Vater vorstellt und Truman glaubhaft machen möchte, dass Silvia Lauren heißt und unter Schizophrenie leidet. Er zerrt Sylvia in sein Auto und verkündet, dass er mit ihr nach Fidschi ziehen wird.

Da die Äußerungen der Wahnsinnigen innerhalb der Gesellschaft als unwahr und bedeutungslos erachtet werden, handelt es sich hierbei um einen effektiven diskursiven Kontrollmechanismus, der Sylvias Aussagen im Vergleich zu denen des Mannes haltlos machen soll. Dennoch ruft Truman der Frau bezeichnenderweise „Sylvia!“ und nicht „Lauren!“ hinterher. Foucault erwähnt, dass es Zeiten gab, in denen man Wahnsinnigen zutraute eine verborgene Wahrheit zu sagen, was an dieser Stelle als interessanter Gedanke erscheint, da Sylvia tatsächlich die Wahrheit sagt und deshalb als wahnsinnig bezeichnet wird.26 Truman versucht, Jahre nach dieser Begegnung, aber nur kurze Zeit nach der Erinnerung daran, über die Telefonauskunft an die Telefonnummer von Sylvia auf Fidschi zu gelangen. Da Truman sich hierfür in seinem Büro befindet, interveniert umgehend einer seiner Mitarbeiter, indem er Truman einen Zeitungsartikel zeigt, der besagt, dass Seahaven als schönster Ort der Welt gilt. Auch hier wird deutlich, dass Truman durch einen diskursiven Kommentar von seiner Idee einer Fernreise nach Fidschi abgebracht werden soll.

Auf weitere Irritationen innerhalb des Systems sowie deren Einflussnahme auf das Subjekt wird später noch einmal eingegangen. Zunächst muss dafür jedoch geklärt werden, welche Stellung das Subjekt innerhalb der poststrukturalistischen Diskurstheorie einnimmt und in welcher Beziehung es zum Diskurs steht.

3. Subjektkonstitution

3.1 Das dezentrierte Subjekt

Innerhalb des Poststrukturalismus wird von einer „Dezentrierung des Subjekts“27 gesprochen. Was bedeutet das?

[...]


1 The Truman Show, Peter Weir (1998), Nacherzählungen von Filminhalten beruhen auf eigenen Beobachtungen.

2 Abs. vgl. Nonhoff, Gronau (2012), In: Keller (2012), 109-130.

3 Vgl. ebd., 108.

4 Vgl. Mills (2007), 1.

5 Vgl. Burke (1966), In: Keller (2012), 69.

6 Vgl. Mills (2007), 5.

7 Mills (2007), 51.

8 Vgl. Keller (2012), 11.

9 Keller (2012), 78.

10 Vgl. ebd.

11 Vgl. Mills (2007), 11.

12 Vgl. Landwehr (2010), Diskurs und Diskursgeschichte, http://docupedia.de/zg/Diskurs_und_Diskursgeschichte#cite_note-4, Stand 07.08.2013.

13 Vgl. Mills (2007), 12.

14 Vgl. Keller (2011), 68.

15 Abs. vgl. Foucault (2012), 11.

16 Abs. vgl. Foucault (2012), 25.

17 Christof, In: The Truman Show, 1:06:05.

18 Foucault (2005), In: Keller (2012), 74.

19 Ebd.

20 Christof, In: The Truman Show, 1:07:40.

21 Abs. vgl. Foucault (2012), 26.

22 Vgl. Foucault (2012), 17.

23 Vgl. The Truman Show, 00:03:14.

24 Vgl. Mills (2007), 53.

25 The Truman Show, 00:22:30, Gespräch im Anhang (7.1).

26 Abs. vgl. Foucault (2012), 12.

27 Keller (2012), 9.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
System und Subversion in Peter Weirs "Truman Show"
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V316632
ISBN (eBook)
9783668155848
ISBN (Buch)
9783668155855
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
system, subversion, peter, weirs, truman, show
Arbeit zitieren
Jennifer Buchelt (Autor), 2013, System und Subversion in Peter Weirs "Truman Show", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316632

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