Produktionsbedingungen und ihre Auwirkungen auf den Film 'Das Leben der anderen'


Hausarbeit, 2014

11 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die erste Idee zum Film und der lange Weg der Verwirklichung

3. Produktionsbedingungen

4.Differenzen zwischen Original-Drehbuch und Film
4.1. Kürzungen des Drehbuchs
4.1.1 Ausgelassene Klischees oder Übertreibungen des Stoffs
4.2. Veränderte Textpassagen durch Schauspieler

5. Schlusswort

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wer den Film „Das Leben der anderen“ (2006) von Florian Henckel von Donnersmarck zum ersten Mal sieht, ohne etwas über die Entstehung, die Produktionsbedingungen oder gar das Drehbuch selbst gelesen zu haben, erahnt noch nicht, was sich beim Prozess der Verwirklichung eines solchen Films wirklich abspielen möge. Zu einem solchen gehören laut von Donnersmarck die „Fähigkeit großer Schauspieler, auch noch kurz vor dem Drehen durch kleine Veränderungen ganz andere Nuancen in einen Satz zu bringen, […] aufgezwungene Sparmaßnahmen und [die] furchtbar[e], wunderbar[e] Radikalität, die man im Schneideraum an den Tag legen muss, um ihn am Ende glücklich verlassen zu können.“1

Alles Dinge, die beim Schreiben des Drehbuchs, bei der ersten Idee eines Films noch keine Rolle spielen, letztendlich aber oft bewirken, dass eine bestimme Szene besonders gut oder gar besser wird, als man sie sich vielleicht vorgestellt hätte. Das zumindest ist, was man oft liest, wenn man sich mit dem Produktionsverlauf von Filmen beschäftigt.

Im folgenden soll nun aufgezeigt werden, inwieweit bestimme Produktionsbedingungen den Film „Das Leben der anderen“ ausmachen, ihn beeinflussen und vom Drehbuch abweichen lassen. Auch soll berücksichtigt werden, inwiefern das künstlerische Schaffen der einzelnen Schauspieler für den Film zuträglich ist und den verschiedenen Figuren Leben einhaucht.

2. Die erste Idee zum Film und der lange Weg der Verwirklichung

Aufgewachsen im damaligen West-Deutschland möge man zunächst nicht davon ausgehen, dass Florian Henckel von Donnersmarck ein derartiges Interesse für die DDR mit all ihren politischen sowie menschlichen Reglements entwickeln könnte. Doch trotz seines jungen Alters und seiner Entfernung zur DDR gab es einige Berührungspunkte, die er in einem Gespräch, welches im Filmbuch zu „Das Leben der Anderen“ veröffentlicht wurde, erläutert:

„Es gab zwei Dinge, die mich über die Jahre zu dem Film hingeführt haben. Einmal die vielen prägenden Kindheitserlebnisse bei den Besuchen in Ost- Berlin und der DDR: Es war interessant und erregend für mich […] zu spüren, dass Erwachsene Angst hatten. Und sie hatten Angst: Meine Eltern bei der Grenzüberquerung - sie sind beide gebürtig aus dem Osten und wurden deshalb vielleicht auch gründlicher durchleuchtet - und unsere Freunde aus der DDR, wenn andere sahen, dass sie mit uns Westlern sprachen. […] Ich glaube, ich hätte ohne diese Erlebnisse nur schwer diesen Zugang zu der Thematik gefunden.“2

Doch der Anstoß, dieses Thema in einem Film zu verwirklichen, ist nicht nur auf diese Erlebnisse zurückzuführen, sondern erfolgte dieser vielmehr in einem Moment der Verzweiflung, als von Donnersmarck bereits an der Münchener Filmschule studierte. Den Studenten wurde dort vom Professor abverlangt, gleich 14 Filmentwürfe innerhalb von acht Wochen zu schreiben.3 In seinem Filmbuch schildert von Donnersmarck die Situation, in welcher er auf dem Boden lag, die Mondschein-Sonate aus einem Kassettenspieler hörte und für einen Moment den Druck vergaß. Hier sei ihm in den Sinn gekommen, dass Lenin über die Appassionata gesagt habe, er könne sie nicht zu oft hören, weil er sonst „liebevolle Dummheiten sagen und den Menschen die Köpfe streicheln“ wolle, auf die er doch „einschlagen, mitleidlos einschlagen“ müsse, um seine Revolution zu Ende zu bringen. In diesem Moment habe von Donnersmarck verstanden, dass manche Musik einen einfach dazu zwinge, „das Menschliche über die Ideologie zu stellen, das Gefühl über die Prinzipien, die Liebe über die Strenge.“4 Während des Nachdenkens sei ihm dann ein Bild in den Sinn gekommen. „Die Halbnahe eines Mannes in einem trostlosen Raum; er hat Kopfhörer auf den Ohren, durch die eine wunderbare Musik klingt. […] Der Mann hört diese Musik nicht zum Vergnügen, sondern weil er jemanden belauschen muss.“5 So seien ihm die Fragen und ebenso die Antworten wie im Rausch gekommen und das gesamte Grundgerüst zum Film sei innerhalb weniger Minuten entstanden.6

Hieran schlossen sich nun dreieinhalb mühevolle Jahre der Arbeit am Drehbuch, wovon laut von Donnersmarck bereits über ein Jahr für die Recherche notwendig war, um das alltägliche Leben in der DDR möglichst realitätsgetreu wiedergeben zu können. Nach der Fertigstellung des Drehbuchs bemühte sich Donnersmarck um ein Produktionsteam, von dem er bereits ganz genaue Vorstellungen hatte, bis der Dreh schließlich beginnen konnte.

3. Produktionsbedingungen

Bei einem so hoch prämierten Film wie „Das Leben der anderen“ könnte man im ersten Moment meinen, es habe keine Grenzen für die Produktion gegeben. Doch waren sowohl die Drehtage, als auch das Budget sehr begrenzt. Wurde die Produktion zwar von dem Bayrischen Rundfunk und ARTE auf Fernsehseiten, von Buena Vista International als Verleiher und in Form von Filmförderung durch den FilmFernsehFonds Bayern, die FFA und das Medienboard Berlin- Brandenburg unterstützt7 und konnte so ein Budget von etwa 1,8 Millionen Euro8 zusammentragen, war laut dem Produzenten Quirin Berg „die Realisierung […] letztendlich nur möglich, weil die Finanzierungspartner, die Darsteller, das Team und alle Beteiligten von [dem] Vorhaben überzeugt waren und [der Produktion] viel Vertrauen entgegengebracht haben.“ Ähnliches bestätigt auch Sebastian Koch, der im Film die Rolle des „Georg Dreyman“ spielt: „Jeder arbeitet bei diesem Film für weniger als die Hälfte der üblichen Gage, aus der Überzeugung heraus, einen wichtigen Film zu machen.“9 Und trotzdem oder vielleicht gerade deswegen habe von Donnermarck sein Team extrem gefordert „mit frühem Drehbeginn, kurzen Mittagspausen und langen Überstunden.“10

Nicht nur von seinen Schauspielern habe er das bestmögliche abverlangt, sondern auch von allem anderen, denn sein Motto sei gewesen: „bei [sich] selbst bleiben, keine Kompromisse eingehen.“11 So habe er auch vor Beginn der Dreharbeiten von den Schauplätzen genaue Bilder im Kopf gehabt, die seine Szenenbildnerin Silke Buhr teilte. Es sollten hauptsächlich Originalschauplätze sein, „um eine möglichst große Authentizität zu gewährleisten.“12 Auch dazu hieß es, gute Überzeugungskraft an den richtigen Stellen zu leisten. „Das Leben der anderen“ ist so beispielsweise der erste und auch einzige Film, dem es gelang mit der Genehmigung von der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik Marianne Birthler im Original-Karteikartenarchiv der ehemaligen Stasi- Hauptzentrale in der Normannenstraße zu drehen. An anderen Originalschauplätzen habe ein großer Ausstattungsaufwand betrieben werden müssen, um die Kulisse der DDR wieder auferstehen zu lassen. An dem Außenset vor dem Haus von Georg Dreyman in der Wedekindstraße seien moderne Zeichen wie Werbebanner, Bushaltestellen, Litfaßsäulen und andere Schilder entfernt worden und aktuelle Autos seien durch zeitgerechte Fabrikate ersetzt worden. Besonders mühselig sei es gewesen, die Graffitis zu übermalen, die mittlerweile überall anzutreffen seien.13

Doch nicht nur Florian Henckel von Donnersmarck ist anspruchsvoll und perfektionistisch, sondern auch seine Schauspieler. So geht es zum Beispiel aus den Notizen zu den Dreharbeiten hervor, die Sebastian Koch im Filmbuch zu das Leben der anderen bereitstellt. Hier beschreibt er eine Szene, die sich bei der zweiten Kostümprobe abgespielt hat. So sei ihm ein Kordanzug mit Rollkragenpullover, den die Kostümbildnerin Gabriele Binder bereitgestellt hatte, zu sehr perfekt gewesen. Er fand, die Figur Dreyman dürfe „nicht auch noch äußerlich so edel sein, wie [sie] innerlich schon ist,“14 so sei es am Ende ein alter Anzug geworden, der Dreyman ein bisschen verlebt, nicht ganz gepflegt, aber sinnlich ausgesehen lassen habe. Und schaut man sich Georg Dreyman im Film nun an, stellt man fest, dass er wirklich sehr authentisch wirkt.

Ähnliches ist über das ästhetische Konzept und die Farbgebung bekannt, welche dem Film zugrunde liegen. Es sei versucht worden durch Reduktion die in der DDR vorherrschenden Tendenzen zu verstärken. So habe man Farben wie blau und rot einfach gänzlich ausgelassen, dafür aber bestimme Schattierungen von Braun, Beige, Orange, Grün und Grau konsequent verwendet. Die Leere, die in vielen Bildern des Films deutlich zu sehen ist, gehe nicht nur auf das Konzept, sondern besonders auf die Budgetknappheit zurück. Von Donnersmarck beschreibt, wo man keine authentische Schönheit habe erzeugen können, weil nicht viel gebaut werden konnte, habe man auf Reduktion gesetzt, um die visuelle Qualität auf hohem Niveau zu halten.15 Es sollte keine „Überfrachtung mit 'DDR- Requisiten'“ stattfinden, sondern sollte das Bild „den perfekten Hintergrund für die Emotionen der Schauspieler liefern.“16 So erreicht von Donnersmarck die emotionale Tiefe vieler Szenen, die durch den Fokus auf eine bestimme Figur entsteht und nicht von einer Überladung an Requisiten abgelenkt wird.

4. Differenzen zwischen Original-Drehbuch und Film

Schaut man zuerst aufmerksam den Film und liest danach das Original-Drehbuch, welches im Filmbuch veröffentlicht wurde, so stellt man fest, dass es zumindest zahlreiche Szenen gibt, die im Nachhinein verkürzt wurden. Verzeichnet man sich diese Auslassungen beim Schauen des Films, so zeigt sich, dass es kaum eine Seite im Drehbuch gibt, an der nicht etwas verändert wurde, wenn die Veränderung auch noch so klein ist. So soll im folgenden das Drehbuch auf die Differenzen zum fertigen Film untersucht werden und herausgestellt werden, inwiefern diese Veränderungen für die Wirkung des Films und für so manche Schlüsselszenen von Bedeutung sind.

4.1 Kürzungen des Drehbuchs

Die vermeintlichen Kürzungen des Drehbuchs, sind wohl das, was einem beim ersten Betrachten am meisten ins Auge fällt. Manche Szenen, meist sehr kurze, dialoglose, sind im Film gar nicht mehr zu entdecken, andere wurden um bestimmte Details oder so manche Bemerkung verkürzt. Das hat weniger mit dem allgemeinen Vertrauen in die Qualität des Drehbuchs zu tun, sondern vielmehr damit, dass der Film nach der ersten Schneidephase auf eine Gesamtlänge von 180 Minuten17 kam und somit gekürzt werden musste. Florian Henckel von Donnersmarck betont aber, das zunächst trotzdem alle Szenen gedreht wurden und erst im Schnitt gekürzt wurden.18 Meist handelt es sich hierbei um kurze Passagen eines Dialogs oder aber kurze Einstellungen, die für die Entwicklung der Geschichte nicht so wichtig geschienen haben könnten. Beispielsweise zu Anfang in der Szene, in welcher der MfS-Oberstleutnant Grubitz und der MfS-Hauptmann Gerd Wiesler an der Gerhart-Hauptmann-Bühne in einer Loge sitzen und die beiden die Leute auf dem Parkett beobachten. Im Drehbuch sprechen die beiden über einen gewissen Andi, der den OV gegen den Journalisten Paul Hauser leitet, welchen Grubitz als recht erfolglos beschreibt. Im Film ist diese Szene gar nicht zu sehen, sondern sprechen die beiden gleich über Georg Dreyman.

[...]


1 Henckel von Donnersmarck, Florian: Das Leben der anderen. Filmbuch. Frankfurt am Main 2006, S. 7

2 Presseheft: Das Leben der anderen. Buena Vista International 2006

3 Vgl. Henckel von Donnersmarck, Florian: „ Appass i onata “ : Die Filmidee. In: Henckel von Donnersmarck: Das Leben der anderen. Filmbuch, S. 169

4 Ebd., S. 170

5 Ebd.

6 Ebd.

7 Vgl. Presseheft: Das Leben der anderen. S. 15

8 Pressemitteilung der Bundesregierung zum Oscar-Gewinn

9 Presseheft: Das Leben der anderen. S. 179

10 Ebd. S.180

11 Presseheft: Das Leben der anderen. S. 23

12 Vgl. Ebd. S. 14

13 Vgl. Presseheft. Das Leben der anderen. S. 14

14 Vgl. Koch, Sebastian: Warum ich erst jetzt eine Kinohauptrolle spiele. In: Henckel von Donnersmarck, Florian: Das Leben der anderen. Filmbuch. S. 174

15 Vgl. Presseheft. Das Leben der anderen. S. 23

16 Vgl. Ebd.

17 Vgl. Presseheft: Das Leben der anderen. S. 20

18 Vgl. Henckel von Donnersmarck, Florian: Das Leben der anderen. Filmbuch. S. 7 6

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Produktionsbedingungen und ihre Auwirkungen auf den Film 'Das Leben der anderen'
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Germanistik)
Veranstaltung
Praxismodul Filmproduktion - von der Idee bis zur Prämiere
Note
1,7
Jahr
2014
Seiten
11
Katalognummer
V316850
ISBN (eBook)
9783668158382
ISBN (Buch)
9783668158399
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Drehbuch, Das Leben der anderen, Produktionsbedingungen, Donnersmarck
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Produktionsbedingungen und ihre Auwirkungen auf den Film 'Das Leben der anderen', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316850

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