Diese Arbeit stellt die Frage nach der Destabilisierung und Destandardisierung von Erwerbsverläufen in Deutschland und will die institutionellen Einflüsse auf die berufliche Mobilität in Deutschland und Amerika vergleichend analysieren und dabei vor allem den Fokus auf die (Aus-)Bildungssysteme setzen. Insbesondere soll die Frage diskutiert werden, ob dieses institutionelle System in Deutschland an Bindungskraft verliert und sich der einst sehr starre und von Beruflichkeit geprägte deutsche Arbeitsmarkt im Zuge globaler Veränderungen und Flexibilitätsanforderungen dem von jeher als flexibel geltenden amerikanischen Arbeitsmarkt angleicht.
In Deutschland spielt der erlernte Beruf durch die historisch bedingte enge institutionelle Verknüpfung des Berufsbildungssystems mit der auf dem Arbeitsmarkt ausgeübten Beschäftigung immer noch eine wichtige Rolle. Berufswechsel werden daher oftmals negativ assoziiert, weil sie häufig nicht freiwillig stattfinden, denn die Kosten des Wechsels scheinen durch Umschulung und Verlust des erlernten Wissens den Nutzen zu übersteigen.
Stattdessen ergibt sich berufliche Mobilität vielmehr aus der Arbeitslosigkeit heraus, wird also erzwungen. Daher scheinen Phasen der atypischen Beschäftigung und der Arbeitslosigkeit die berufliche Mobilität positiv zu beeinflussen. Andersherum kann von einer hohen beruflichen Mobilität auf diese oft negativ assoziierten Phasen im Lebenslauf, also einer Abweichung von der idealtypischen Normalbiographie, zurückgeschlossen werden, weil Individuen scheinbar nicht freiwillig aus ihrem erlernten Beruf aussteigen würden.
Eine weitaus weniger negative Perspektive auf die berufliche Mobilität existiert auf dem Arbeitsmarkt in den Vereinigten Staaten von Amerika. Dort ist die institutionelle Kopplung zwischen beruflicher Bildung und Beschäftigung wesentlich loser und damit nicht darauf ausgelegt, Individuen auf eine lebenslange Beschäftigung im selben Beruf auszubilden. Weil kein ausschließlich berufsspezifisches Wissen erworben wurde, sind die Kosten beruflicher Wechsel geringer und diese Wechsel daher wahrscheinlicher.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung mit Forschungsfrage
2. Berufliche Mobilität: Theoretische Ansätze
2.1 Matching auf dem Arbeitsmarkt
2.2 Beruf als Institution
3. Arbeitsmärkte in Deutschland und US-Amerika
3.1 Institutionelle Bedingungen in Deutschland und den USA: nationale (Aus-) Bildungssysteme
3.2 Berufliche Mobilität: Methodische Besonderheiten und Herausforderungen
3.3 Der Einfluss der Institutionen auf die berufliche Mobilität
3.4 Jüngste Entwicklungen der beruflichen Mobilität in Deutschland: Annäherung an das amerikanische System durch Destandardisierung?
4 Fazit und Ausblick: Zukünftige Entwicklungen der beruflichen Mobilität
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Auswirkungen institutioneller Rahmenbedingungen, insbesondere der nationalen Bildungssysteme, auf die berufliche Mobilität im deutsch-amerikanischen Vergleich. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob sich das deutsche System aufgrund von Flexibilisierungsanforderungen und der Zunahme atypischer Beschäftigungsformen an das amerikanische Modell annähert und ob dies mit einer abnehmenden Bindekraft beruflicher Institutionen einhergeht.
- Institutionentheoretische Betrachtung von Berufen und Arbeitsmarktprozessen.
- Vergleichende Analyse der Bildungssysteme in Deutschland und den USA.
- Methodische Aspekte bei der Erfassung beruflicher Mobilität.
- Evaluation von Destabilisierungstendenzen am deutschen Arbeitsmarkt.
- Diskussion des Trade-offs zwischen optimalem Matching und Flexibilität.
Auszug aus dem Buch
2.2 Beruf als Institution
Im perfekten Markt des neoklassischen Modells ist die Annahme der vollständigen Informiertheit und Rationalität der Akteure zentral (Abraham & Hinz, 2008). Daher würde das beschriebene Matching auf dem Arbeitsmarkt ohne Institutionen funktionieren, weil sowohl Arbeitgeber über die Qualifikationen und die Produktivität potentieller Arbeitnehmer als auch Arbeitnehmer über Merkmale potentieller Arbeitgeber vollständig informiert sind und sich deshalb den Tauschpartner suchen können, der am besten ihren Anforderungen entspricht. Da die Arbeitskraft (das Tauschgut) homogen und beliebig teilbar ist, wird über die Anpassung des Lohnes (der Preis des Gutes) ein Marktgleichgewicht hergestellt und es kommt zur Markträumung, weil jede arbeitswillige Person eine Arbeit finden und annehmen wird (Abraham & Hinz, 2008; Hoffmann, Damelang, & Schulz, 2011). Die unsichtbare Hand des Marktes würde deshalb zu optimalen Allokationsergebnissen führen.
Dass diese Annahme des perfekten Marktes in der Realität nicht erfüllt ist, die Akteure also nie gänzlich über alle Eigenschaften ihres Tauschpartners informiert sein können, ist zum einen plausibel anzunehmen und zum anderen durch empirische Tatsachen wie beispielsweise das gleichzeitige Vorhandensein von unfreiwilliger Arbeitslosigkeit und vakanten Stellen nachzuweisen (Hoffmann et al., 2011, S. 12). Stellt man also die vollständige Informiertheit der Akteure in Frage, so ergeben sich bezüglich des Matchingprozesses am Arbeitsmarkt für beide Seiten Probleme: Der Arbeitgeber weiß nicht, wie produktiv der Arbeitsanbieter ist, und ob es vielleicht noch produktivere Personen gäbe und gleichzeitig ist auch der Arbeitnehmer nicht oder nur unvollständig über die genauen Anforderungen seiner zukünftigen Tätigkeit und den Nutzen aus der Tätigkeit informiert. Daraus entstehen sogenannte Transaktionskosten, da sich die beteiligten Akteure die fehlenden und notwendigen Informationen beschaffen müssen. Diese Kosten der Informationssuche gilt es zu minimieren, um trotz der Unsicherheit ein effizientes Matching zu erhalten. Eine Möglichkeit der Kostenreduktion kann in der Institutionalisierung von Berufen gesehen werden (Abraham et al., 2011).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung mit Forschungsfrage: Die Einleitung beleuchtet die Zunahme atypischer Beschäftigungsformen und die Erosion des Normalarbeitsverhältnisses, um daraus die Forschungsfrage zur institutionellen Beeinflussung der beruflichen Mobilität abzuleiten.
2. Berufliche Mobilität: Theoretische Ansätze: Dieses Kapitel fundiert die Arbeit theoretisch durch die Konzepte des Arbeitsmarkt-Matchings und das Verständnis des Berufs als eine Institution, die Informationsasymmetrien reduziert.
3. Arbeitsmärkte in Deutschland und US-Amerika: Hier werden die unterschiedlichen Bildungssysteme verglichen, methodische Herausforderungen der Mobilitätsmessung diskutiert und aktuelle empirische Studien zur Bindekraft des deutschen Systems analysiert.
4 Fazit und Ausblick: Zukünftige Entwicklungen der beruflichen Mobilität: Das Fazit fasst zusammen, dass keine generelle Annäherung an das amerikanische System stattfindet, betont jedoch die Bedeutung der Hochschulausbildung und zukünftiger Flexicurity-Strategien.
Schlüsselwörter
Berufliche Mobilität, Arbeitsmarkt, Institutionen, Bildungssysteme, Duale Ausbildung, Matching, Atypische Beschäftigung, Destandardisierung, Deutschland, USA, Erwerbsverläufe, Flexibilität, Berufstreue, Fachkräfte, Arbeitsmarktsegmentation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Einfluss nationaler Bildungssysteme und beruflicher Institutionen auf die berufliche Mobilität im Vergleich zwischen Deutschland und den USA.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die institutionelle Einbettung von Ausbildungssystemen, die Effizienz des Arbeitsmarkt-Matchings sowie die Auswirkungen globaler Flexibilisierungsanforderungen auf Berufsbiographien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Es soll geklärt werden, ob sich das deutsche System in Richtung des flexibleren amerikanischen Modells entwickelt und ob die institutionelle Bindungskraft des deutschen Berufsbildungssystems infolge von Destandardisierungsprozessen abnimmt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse und dem Vergleich vorhandener empirischer Studien und retrospektiver Lebenslaufdaten aus beiden Ländern.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Ansätze zur institutionellen Arbeitsmarktforschung, eine detaillierte Gegenüberstellung der deutschen und amerikanischen (Aus-)Bildungssysteme sowie die Diskussion aktueller Mobilitätstrends.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Zu den zentralen Begriffen zählen berufliche Mobilität, Institutionen, duale Ausbildung, Matching, atypische Beschäftigung und Flexicurity.
Welche Rolle spielt die duale Ausbildung im deutschen Kontext?
Die duale Ausbildung fungiert als stark institutionalisiertes System, das für eine enge Bindung zwischen Ausbildung und Beschäftigung sorgt, jedoch im Kontext der Bildungsexpansion unter Druck gerät.
Wie unterscheidet sich der US-Arbeitsmarkt in Bezug auf die Berufsbindung?
Das amerikanische System weist eine geringere institutionelle Kopplung zwischen Ausbildung und Beruf auf, was zu einer höheren Mobilität führt, insbesondere in der Anfangsphase der Karriere.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin bezüglich der deutschen Entwicklung?
Die Autorin stellt fest, dass keine allgemeine Angleichung an das US-Modell vorliegt, wenngleich eine Zunahme an Flexibilität im Bereich der gering qualifizierten Tätigkeiten und durch die steigende Bedeutung von Hochschulabschlüssen beobachtet werden kann.
- Arbeit zitieren
- Karolin Hiesinger (Autor:in), 2014, Berufliche Mobilität in Deutschland und den USA. Ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316886