Interkulturelle Pädagogik - Ist der Fremdsprachenunterricht (Englisch) bereits in der Grundschule sinnvoll?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
22 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung
1.1. Inhalte und Methoden
1.2. Ziele
1.3. Gründe für die Wichtigkeit des frühzeitigen Kennen lernen von Fremdsprachen
1.3.1. Exogene Faktoren
1.3.2. Endogene Faktoren
1.4. Modelle
1.4.1. Das Immersionsmodell
1.4.2. Das Modell des ganzheitlich – handlungsorientierten Unterrichts
1.5. Wichtige didaktische Überlegungen für die Umsetzung im Unterricht
1.6. Lehrpläne und praktische Beispiele eines Fremdsprachenunterrichts
1.6.1. Eine Zusammenfassung des Lehrplans für die 3. Klasse
1.6.2. Eine Zusammenfassung des Lehrplans für die 4. Klasse
1.7. Everywhere a Teddy bear – Fremdsprachenlernen mit Themenzentren
1.8. Kritik am Fremdsprachenmodell für die Grundschule
1.9. Eigene Überlegungen

1. Einleitung

In der heutigen Welt ist die Erfahrung einer multikulturellen und mehrsprachigen Wirklichkeit alltäglicher als in der Vergangenheit. Die größere Mobilität lässt Unbekanntes immer näher rücken, fordert breitere Verständigungsmöglichkeiten und macht deshalb die frühe Beschäftigung mit fremden Sprachen und Kulturen immer notwendiger.

Auf diese veränderte Wirklichkeit sollen die Kinder bereits in der Grundschule vorbereitet werden. Neben der deutschen Sprache sollen sie in der 3. und 4. Klasse einer weiteren Sprache (Englisch, Französisch oder Italienisch) und deren Kultur begegnen.

Da Sprache und Denken eng zusammenhängen und mit jeder Sprache eigene Sichtweisen verbunden sind, gewinnen die Schüler beim Erlernen einer Fremdsprache zugleich eine erweiterte Weltsicht. Diese wiederum hilft, der Ausländerfeindlichkeit in ihrem sozialen Umfeld möglichst vorzubeugen.

Gerade zu einem frühen Zeitpunkt hat die Beschäftigung mit einer Fremdsprache in der Regel eine persönlichkeitsfördernde und –prägende Wirkung; auch im nichtsprachlichen Verhalten können sich Auswirkungen zeigen wie größere Wendigkeit und raschere Auffassungsgabe, vielseitigere Lernbereitschaft und steigendes Selbstvertrauen. Zudem scheint der Zeitpunkt für die Begegnung mit einer weiteren Sprache in einem Alter günstig, in dem die Kinder beginnen, mit der Muttersprache bzw. der deutschen Sprache bewusster umzugehen.

Der frühbeginnende Fremdsprachenunterricht nutzt die ausgeprägte Bereitschaft der Grundschulkinder zum Hinhören, Imitieren und Reagieren, welche beste Voraussetzungen für einen unbefangenen Einstieg bietet.

In der Grundschule werden den Kindern Erlebnisse in einer fremden Sprache vermittelt, die sie an den weiterführenden Schulen so nicht mehr erfahren können, weil andere Aspekte der Fremdsprachenvermittlung in den Vordergrund treten.

1.1. Inhalte und Methoden

Die Inhalte und Methoden des Fachs setzen sich zusammen aus authentischen Materialien: Bilder – und Kinderbücher, Lieder , Tänze und Spiele aller Art.

Beispiele aus Malerei und Musik, Filme, Kindersendungen im Hörfunk und Fernsehen, ausgewählte Gegenstände aus dem Fremden Land.

Diese Materialien werden verschiedenen Themenbereichen zugeordnet, wie z.B. „Körper, Kleidung, Befinden“, „Essen und Trinken“, oder „Reiseland England/Frankreich/Spanien“.

Die Beschäftigung mit diesen Materialien erfolgt in Aktionseinheiten, in denen sich das Sprechen des Lehrers und der Schüler in der fremden Sprache mit abwechslungsreichen Tätigkeiten verbindet, wie z.B. Klatschen, Hüpfen, Gebärden, Bewegungs-, Sing- und Tanzspielen, Kreis- und Gesellschaftsspielen, mit Rollenspielen und szenischen Gestaltungen von Handlungen, Bastelarbeiten usw.

Sehr weit verbreitet ist die Methode des „Storytelling“ oder TPRS (Total Physical Response Storytelling)[1]. Entwickelt wurde sie von Blane Ray, der mehr Aufmerksamkeit auf den Input von Informationen legt, bevor die Kinder überhaupt beginnen selbst zu sprechen (Output). TPRS gehört zu den multisensorischen Lehr – und Lernmethoden, d.h. alle Sinne werden durch den Lernstoff angesprochen. Diese Methode basiert im Wesentlichen auf drei Segmenten, zum einen dem Einüben des neuen Vokabulars, dann dem Verwenden dieses neuen Vokabulars in einer Geschichte und schließlich der Wiederholung und Vertiefung.

Neues Vokabular besteht meist aus Wortverbindungen, wie z.B. „she eats“. Natürlich kann man das schon gelernte Vokabular mit dem neuen verbinden, von „she is hungry“ zu „she eats“ . Die Schüler verwenden diese Wortverbindungen in Frage – und Antwort – Spielen und verbinden die Inhalte visuell mit Bildern von z.B. einer essenden Frau. Als zweiten Schritt werden die neuen Vokabeln in einer Geschichte verwendet und vorgetragen (nicht abgelesen). Spezielle „Storytelling“ – Techniken ermöglichen eine Vielzahl von Vortrags – Möglichkeiten.

Bei der Vertiefung und Wiederholung des Stoffs können neue grammatikalische Strukturen in die Geschichte integriert werden, aus „she eats, she is hungry“ wird „I eat, I am hungry“. Auch können immer andere Variationen der bekannten Geschichte eine Wiederholung sein.

1.2. Ziele

Die Förderung der sprachlichen, interkulturellen und sozialen Fähigkeiten der Schüler benötigt einen integrativen Fremdsprachenunterricht, in dem alle Zielsetzungen nur eng miteinander verflochten verwirklicht werden können. In einer Diskussion mit Frau Stier, einer Englischlehrerin an einer Grundschule in Neumarkt, wurden drei Ziele erkennbar:

1.2.1. Sprachliche Ziele:

Der Unterricht vermittelt den Kindern Fertigkeiten, die es ihnen ermöglichen mit dieser Sprache handelnd umgehen zu können. Diese Ziele liegen schwerpunktmäßig im Hörverstehen und Sprechen. Ein so weit wie möglich einsprachig geführter Unterricht gibt den Kindern viele Gelegenheiten, sich intensiv in die neue Sprache einzuhören und sie global zu verstehen. Neben der Schulung des Hörverstehens und des imitativen Sprechens wird im Unterricht in Aktionseinheiten elementares reproduktives Sprechen angebahnt.

Da es sich herausgestellt hat, dass viele Schüler nicht auf das Schriftbild verzichten möchten, wird es ihnen nicht vorenthalten, sondern als optische Hilfe eingesetzt.

Eine systematische Schulung im Lesen und schreiben ist jedoch nicht vorgesehen.

Dies zeigt sich vor allem darin, dass in Bayern der Fremdsprachenunterricht ohne Lehrwerk (Bücher) gestaltet wird.

1.2.2. Erzieherische Ziele:

Gerade dadurch, dass der Nützlichkeitsgedanke beim Fremdsprachenlernen in der Grundschule nicht so stark in den Vordergrund treten soll, wird die Einstellung beim Kind gefördert. Das Fremde ist etwas Normales, mit dem es im Alltag umgeht, ohne es ganz zu verstehen. Die bewusste Darstellung einer fremden Kultur, des Alltagslebens – kurzum die landeskundliche Unterweisung in den weiterführenden Schulen – kann dann eine neue Qualität bekommen, wenn das Grundschulkind unbefangen Liedergut, Reime, Spiele und Geschichten aus fremden Ländern wie selbstverständlich singt, spricht, spielt und hört.

1.2.3. Motivationale Ziele:

Eben die Freude am handelnden Umgang mit der fremden Sprache in entspannter Atmosphäre, das spielerische Erleben einer fremdsprachlichen Kinderwelt soll dazu beitragen, dass das Kind sich beim Übertritt in die weiterführenden Schulen wünscht, Sprachen fundiert zu lernen. Dadurch soll es fähig sein, den Leistungsanforderungen eher standzuhalten und Lernbereitschaft über einen längeren Zeitraum zu zeigen.

Besonders wichtig ist im Hinblick auf diese drei Ziele der Erwerb von interkultureller Erziehung der Grundschulkinder. Nur durch die Förderung des Verstehens fremder Kulturen, kann auch eine interkulturelle Sprachhandlungskompetenz entwickelt werden. Durch einen solchen Fremdsprachenunterricht hat man die Chance, Haltungen und Einstellungen (wie z.B. Offenheit, Toleranz und Solidarität) positiv zu beeinflussen. Dabei sollten nicht nur rationale Gesichtspunkte im Vordergrund stehen, sondern der Unterricht muss so gestaltet werden, dass die Kinder emotional angesprochen werden. Weiterhin sollten die Kinder erkennen, dass alle Sprachen gleichwertig sind (was bei der enormen Favorisierung des Englischen sehr schwierig wird).

1.3. Gründe für die Wichtigkeit des frühzeitigen Kennen lernen von Fremdsprachen

Aus einer Vielzahl von Gründen, die für das Heranführen der Grundschulkinder an eine fremde Sprache sprechen, kann man ganz allgemein zwei Faktoren herausfiltern:

1.3.1. Exogene Faktoren

Wir leben wir in einem Zeitalter, in dem wir durch moderne Massenmedien und neue Kommunikationstechnologien über Ländergrenzen und sogar Kontinente hinweg kommunizieren können. Nicht zuletzt haben wir eine sehr hohe Mobilität erreicht. Vor allem in der Internationalisierung der Konsumgüterindustrie und ihrer Märkte sowie in der politischen internationalen Verflechtung vieler Gesellschaften zeigt sich die Globalisierung sehr deutlich.

Direkt betrifft uns das seit der vor wenigen Wochen erfolgten EU – Osterweiterung . Das Zusammenwachsen, also der Weg zu einer neuen kulturellen und politischen Identität, gelingt in für alle zufriedenstellender Weise u.a. nur, wenn Europa seinen vielsprachigen und multikulturellen Charakter bewahrt.

Die Zukunft wird, ohne Zweifel, mehrsprachig sein und viele berufliche, wirtschaftliche, aber auch private Erfolge werden auf der Mehrsprachigkeit der Bürger beruhen. Auf diese Zukunft einer multikulturellen und mehrsprachigen Gesellschaft müssen wir die Kinder auch schon in der Grundschule vorbereiten. Grundschule muss sich, so eine der vielleicht wichtigsten Prinzipien, an der Lebenswirklichkeit der Kinder orientieren und Fremdsprachen sind im Alltag der Kinder zweifellos präsent und nicht mehr wegzudenken. Sie begegnen ihnen in der eigenen Klasse, der Schule, bei Nachbarn, im Nachbarland, beim Einkaufen, in den Medien, im Urlaub, in Museen, auf dem Flughafen, usw. In einer Untersuchung im Rheinland und in Westfalen , an der 1983 400 Schüler und 1988 noch einmal 540 Schüler teilnahmen[2] zeigte sich, dass die Schüler bereits im 2. Schuljahr über einen enormen aktiven (hauptsächlich englischen) Wortschatz verfügen, ganz ohne Sprachunterricht im weitesten Sinne. Dabei beeindruckte besonders die Vielfalt und Reichhaltigkeit des erworbenen Wissens. Die Kenntnisse bezogen sich vorrangig auf folgende Bereiche: Lebensmittel und Gaststätten, Kleidung und Körperpflege, Sport- und Spielzeug, Show business und Musik, Werbung, Fernsehen und Film. Die Internationalisierung wird also im Alltag der Kinder bereits mitvollzogen. Ein früher Fremdsprachenerwerb würde darüber hinaus unter bestimmten Bedingungen in der Sekundarstufe Raum schaffen, für den Erwerb mehrerer Fremdsprachen.

Auch anthropologische Überlegungen können zur Begründung eines frühen Fremdsprachenerwerbs herangezogen werden.

Jedes Kind ist offen für das „Andere“. Es ist von Natur aus neugierig darauf, fremde Kulturen, Religionen und Normen zu erforschen, wenn man ihm die Möglichkeit einer Begegnung mit solchen bietet.

Diese Offenheit und Neugier, die leider meist schon im Laufe der Grundschulzeit verloren geht, sollte unbedingt erhalten werden. Das spielerische Entdecken von Neuem in anderen Kulturen kann dafür eine große Chance sein, die es zu nutzen gilt.

1.3.2. Endogene Faktoren

Aus meinem Gespräch mit der Lehrerin Frau Stier, die sich intensiv mit dem Thema Englischunterricht in der Grundschule beschäftigt, konnte ich viele Erkenntnisse ziehen. Unter anderem zeigte sie mir die neuesten Ergebnisse aus der Entwicklungspsychologie und der Neuropsychologie, die dafür sprechen,

[...]


[1] vgl: http://www.learn-line.nrw.de/angebote/egs/info/methoden/tprs.html vom 10.6.04

[2] vgl. Bebermeier, Hans, Seite 28/29

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Interkulturelle Pädagogik - Ist der Fremdsprachenunterricht (Englisch) bereits in der Grundschule sinnvoll?
Hochschule
Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg  (Fachbereich Soziale Arbeit)
Veranstaltung
Pädagogik
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V31694
ISBN (eBook)
9783638326162
Dateigröße
644 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interkulturelle, Pädagogik, Fremdsprachenunterricht, Grundschule
Arbeit zitieren
Eva Heidingsfelder (Autor), 2004, Interkulturelle Pädagogik - Ist der Fremdsprachenunterricht (Englisch) bereits in der Grundschule sinnvoll?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31694

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