1986 geriet in Tschernobyl ein Kernreaktor außer Kontrolle und explodierte. Eine riesige Region um das Kraftwerk in der Ukraine wurde verstrahlt. In der Presse wurde von Wolken berichtet, die radioaktive Stoffe nach Russland und weite Teile Europas tragen. Tschernobyl sorgte für Beunruhigung und Angst. Es war Auslöser für Protestströmungen und prägend für die Gesellschaft der zweiten Hälfte der 1980er.
Entsprechend hielt die Atomkraftproblematik auch Einzug in die Literatur. Unter dem Eindruck der Geschehnisse in Tschernobyl, und den weitreichenden Konsequenzen für die europäische Bevölkerung, entstand Christa Wolfs "Störfall – Nachrichten eines Tages" (1987) und das Jugendbuch "Die Wolke" (1987) von Gudrun Pausewang. Beide Werke verarbeiten die Tschernobyl-Katastrophe, jedoch auf unterschiedliche Weise. Im Rahmen dieser Arbeit soll das Augenmerk auf Pausewangs "Wolke" gerichtet werden.
Ein entscheidender Punkt ist, dass "Die Wolke" gar nicht in bzw. von Tschernobyl handelt. Pausewang verlagert den Schauplatz des Geschehens in die Bundesrepublik. Dort schildert sie das Reaktorunglück unter Verwendung eines ausgeprägten Realismus. In Pausewangs Text wird die Atomkatastrophe lebendig und die geographische Distanz schwindend klein.
Vor den gegenwärtigen Vorkommnissen erhält die Thematik und damit Die Wolke Brisanz und wirft erneut Fragen auf. Eine Frage der Rezeption ist, ob diese Lektüre einer jugendlichen Zielgruppe zumutbar sei. Über die Zumutbarkeit dieses Buches, welches seit den 1980ern zu einer beliebten Schullektüre gereift ist, wurde, weil es 1988 die Auszeichnung Deutscher Jugendliteraturpreises erhielt, in den (Print-)Medien kontrovers diskutiert. Dabei stellt sich, besonders auch im Hinblick auf den schulischen Gebrauch dieses Jugendbuches, die Frage inwieweit eine fiktive Erzählung die Wirklichkeit wiedergeben und abbilden könne. Diese Frage ist, aufgrund der Tatsache, dass ein selektiver Umgang mit dem Gelesenen unvermeidbar ist, akut. Nennenswert ist noch die filmische Adaption des Jugendbuches im Jahr 2006. Infolge des Medienwechsels ergaben sich nämlich neue Leerstellen, welche die eben genannten Selektion neue dimensionieren.
Diese Hausarbeit fragt nach der Wirkung des Jugendbuches, wobei die Reaktionen auf die knapp 20 Jahre später erfolgte Verfilmung nicht ausgeklammert werden sollen. Genauer gesagt befasst sich diese Arbeit mit der Analyse ausgewählter Printmedien, die eine Rezension dieser Werke veröffentlicht haben.
Inhaltsverzeichnis
1) Einleitung
2) Jugendliteratur in der literaturwissenschaftlichen Pragmatik
2.1) Die Tragweite einer ideologiekritischen Betrachtungsweise
2.2) Der kommunikationstheoretische Ansatz - die jugendliterarische Kommunikationssituation
2.3) Der rezeptionsanalytische Blickwinkel - eine (Er-)Klärung
3) Die 80er Jahre - Literatur für Die verunsicherte Generation
3.1) Können Jugendbücher politisch sein? - der ideologiekritische Ansatz
4) Der Deutsche Jugendliteraturpreis 1988
4.1) Die Idee: staatliche Jugendförderung
4.2) Die Wolke als Politikum sorgt für Resonanz
5) Medienwechsel: Filmische Adaption des Buches
5.1) Ein medialer Perspektivenwechsel? - die Wirkung der Adaption in der Öffentlichkeit
6) Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Hausarbeit analysiert die mediale Resonanz auf Gudrun Pausewangs Jugendbuch "Die Wolke". Im Zentrum steht die Untersuchung, wie das Werk, das sich als "problemorientierte Jugendliteratur" mit den Gefahren der Atomkraft auseinandersetzt, in Printmedien rezensiert wurde und welche Rolle dabei die Auszeichnung mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis sowie die filmische Adaption von 2006 spielten.
- Analyse von kinder- und jugendliterarischen Kommunikationssituationen
- Ideologiekritische Perspektiven auf politisch engagierte Jugendliteratur
- Die Rolle staatlicher Literaturförderung und des Deutschen Jugendliteraturpreises
- Rezeptionsanalyse von Buchkritiken und Leserstimmen
- Auswirkungen von Medienwechseln auf die inhaltliche Wahrnehmung
Auszug aus dem Buch
2.2) Der kommunikationstheoretische Ansatz - die jugendliterarische Kommunikationssituation
Die Besonderheit der kinder- und jugendliterarischen Kommunikationssituation eröffnet sich erst, wenn man die komplexen Verschränkungen mehrer Kommunikationsprozesse durchschaut. Ewers verweist dabei in seinem Artikel Die Grenzen literarischer Kinder- und Jugendbuchkritik auf Zohar Shavit, der darauf aufmerksam gemacht hat, dass die Kinder- und Jugendliteratur neben dem offiziellen auch einen inoffiziellen Adressaten habe. Mit dem inoffiziellen Adressanten ist der erwachsene Vermittler gemeint. Dieser übernimmt im Rahmen des kinder- und jugendliterarischen Kommunikationsprozesses eine tragende Rolle, denn er ist der Garant für das Zustandekommen von Kommunikation.
Ewers spricht in seinen Ausführungen vom Kind, welches auf dem literarischen Markt selbst noch nicht operieren kann und auf den erwachsenen Vermittler, der die kindlichen Wünsche erkennt, angewiesen ist. Zudem erinnert er an die kontrollierende und bevormundende Rolle des erwachsenen Vermittlers in diesem Rahmen, und dass es gelegentlich schwer sei, die Grenze zu erkennen, an der Hilfestellung in Bevormundung umschlage. Jugendliche, die in Ewers Artikel nicht genannt werden, können zwar zu einem gewissen Grad schon selbstständig auf dem literarischen Markt aktiv werden, dennoch gilt auch für sie, was Ewers in seinen Ausführungen zur Sprache bringt. Bei Die Wolke handelt es sich beispielsweise, wie einleitend erwähnt, eindeutig um ein Jugendbuch. Wird dieses Jugendbuch nun von der Schule als Instanz zur Pflichtlektüre bestimmt, findet man genau das vor, was in Ewers Text begrifflich als inoffizieller Adressat gefasst wird.
Die Kommunikationssituation im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur umfasst mindestens zwei miteinander verschränkte Kommunikationsprozesse: den zwischen Autor und dem kindlichen bzw. jugendlichen Rezipienten und den zwischen Autor und dem erwachsenen Vermittler.
Zusammenfassung der Kapitel
1) Einleitung: Einführung in die Thematik der Atomkraft in der Jugendliteratur anhand von Gudrun Pausewangs "Die Wolke" und Darlegung der zentralen Fragestellung bezüglich des medialen Echos.
2) Jugendliteratur in der literaturwissenschaftlichen Pragmatik: Vorstellung der theoretischen Grundlagen wie Ideologiekritik, Kommunikationstheorie und Rezeptionsanalyse als Handwerkszeug für die Untersuchung.
3) Die 80er Jahre - Literatur für Die verunsicherte Generation: Analyse des gesellschaftlichen Kontextes und des Wandels hin zur problemorientierten Jugendliteratur sowie deren Glaubwürdigkeit.
4) Der Deutsche Jugendliteraturpreis 1988: Untersuchung der Bedeutung und der kontroversen öffentlichen Reaktionen rund um die Preisverleihung an "Die Wolke".
5) Medienwechsel: Filmische Adaption des Buches: Betrachtung der filmischen Umsetzung und deren Wirkung auf die ursprüngliche politische Botschaft des Werkes.
6) Schluss: Fazit zur ambivalenten Rezension des Buches und Bestätigung, dass der Rezeptionsprozess nicht in starre Systeme gezwängt werden kann.
Schlüsselwörter
Die Wolke, Gudrun Pausewang, Jugendliteratur, Atomkraft, Rezeptionsanalyse, Ideologiekritik, Deutscher Jugendliteraturpreis, Medienwechsel, Literaturwissenschaftliche Pragmatik, problemorientierte Jugendliteratur, Literaturvermittlung, öffentliche Debatte, Kommunikationstheorie, Rezensionen, literarische Sozialisation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die öffentliche und mediale Resonanz auf Gudrun Pausewangs Jugendbuch "Die Wolke" und reflektiert dabei, wie das Werk als Schullektüre und gesellschaftskritisches Buch wahrgenommen wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Themenfelder umfassen die literaturwissenschaftliche Analyse von Jugendbüchern, die Bedeutung des Deutschen Jugendliteraturpreises, die Debatten um pädagogische Funktionen von Literatur sowie die Auswirkungen der filmischen Adaption auf die politische Botschaft des Originals.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Wirkung des Jugendbuches "Die Wolke" und die damit verbundenen Kontroversen in den Printmedien kritisch aufzuarbeiten und die Rezeptionsprozesse zwischen Autor, Vermittler und Leser zu durchleuchten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein literaturwissenschaftlich-pragmatischer Ansatz gewählt, der durch kommunikationstheoretische und rezeptionsanalytische Perspektiven ergänzt wird, um die Interaktion zwischen Text, Autor und Öffentlichkeit zu beleuchten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der theoretischen Einbettung des Jugendbuches, der Rolle des Jugendliteraturpreises als Politikum, den Pressereaktionen auf das Buch sowie der filmischen Adaption von 2006 und deren kritischer Aufnahme.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere: Die Wolke, Jugendliteratur, Atomkraft, Rezeptionsanalyse, Ideologiekritik und der Deutsche Jugendliteraturpreis.
Warum wurde "Die Wolke" als besonders kontrovers eingestuft?
Das Werk wurde als "Problembuch" eingestuft, das Politikern vorwarf, nach Tschernobyl zu wenig getan zu haben, was zu erheblichen Vorbehalten seitens staatlicher Institutionen und konservativer Kritiker führte.
Wie unterscheidet sich die filmische Adaption von der Buchvorlage?
Der Film fügt eine zentrale Liebesgeschichte hinzu, was von vielen Kritikern als Verwässerung der ursprünglichen, energiepolitischen Botschaft des Buches wahrgenommen wurde.
- Quote paper
- Anselm Stifel (Author), 2009, "Die Wolke" von Gudrun Pausewang. Analyse des medialen Echos am Beispiel ausgewählter Printmedien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316970