Die vorliegende Untersuchung hat das Ziel, die Rolle der schwarzen Frauen im gesellschaftlichen Entwicklungsprozess Kubas von der Sklaverei bis zur Revolution am Beispiel der Testimonio-Literatur von Reyita darzustellen. Dabei soll durch die Analyse des 1997 in Havanna veröffentlichten Buches "Ich, Reyita – Ein kubanisches Leben" von Daisy Rubiera Castillo gezeigt werden, wie die historischen Kategorien Geschlecht und Ethnizität die Rolle der schwarzen Frauen in Kuba vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts bis zum Ende des zanzigsten Jahrhunderts bestimmten, und wie sich die Diskriminierung schwarzer Frauen zu Zeiten der Sklaverei, im vorrevolutionären Kuba und während der Revolution äußerte.
Hierbei stellt sich die Frage, ob die kubanische Revolution von 1959 ihrem Anspruch auf soziale Gleichheit und Gerechtigkeit hinsichtlich der Frauen- und Rassengleichheit gerecht werden konnte. Insgesamt soll deutlich gemacht werden, dass schwarze Frauen nicht nur passive Opfer historischer Prozesse waren sondern aktiv die Geschichte beeinflusst haben, und ihnen daher ein Platz in der Geschichte eingeräumt werden muss. Anhand der Lebensgeschichte von Reyita wird ersichtlich, dass schwarze Frauen in Kuba trotz jahrhundertlanger Unterdrückung und Diskriminierung aufgrund von Geschlecht und Ethnizität ihren Kampf um Gerechtigkeit nie aufgegeben haben und bis heute für Geschlechter- und Rassengleichheit kämpfen.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
1.1. Untersuchungsgegenstand und Vorgehensweise
1.2. Begriffsdefinitionen und Forschungsstand
2. TESTIMONIO-LITERATUR IN KUBA
2.1. Testimonio-Literatur als umstrittenes Genre
2.2. Entwicklung der Testimonio-Literatur in Lateinamerika und Kuba
2.3. „Ich, Reyita. Ein kubanisches Leben“ - Historische und theoretische Einordnung
3. SCHWARZE FRAUEN IN DER KUBANISCHEN SKLAVENGESELLSCHAFT
3.1. Wirtschaftliche und sexuelle Ausbeutung von Sklavinnen
3.2. Matrifokalität und Instabilität der Familienstrukturen
4. FRAUEN- UND RASSENDISKRIMINIERUNG IM VORREVOLUTIONÄREN KUBA
4.1. Armut und Überlebensstrategien der Afrokubanerinnen
4.2. Erscheinungsformen der Frauendiskriminierung in der kubanischen Gesellschaft
4.2.1. Machismo und die Auswirkung auf die Rolle der Frau im 20. Jahrhundert
4.2.2. Prostitution als Zeichen weiblicher Notlage
4.3. Rassismus und seine mikro- und makrogeschichtlichen Dimensionen
4.3.1. Historische Wurzeln der Rassendiskriminierung und die Auswirkung auf das Leben der Afrokubanerinnen
4.3.2. Die „guerra de razas“ als Ausdruck ethnischer Gewalt
4.3.3. Rassismus und der Kampf um Gleichheit
5. AFROKUBANERINNEN UND DIE KUBANISCHE REVOLUTION
5.1. Die zunehmende Emanzipation der Kubanerinnen vor der Revolution
5.2. Die Revolution und ihre Auswirkungen auf die Situation der Frauen
5.2.1. Weibliches Engagement in der Revolution
5.2.2. Politische Maßnahmen und ihre positiven Konsequenzen
5.2.3. Geschlechterungleichheit nach der Revolution
5.3. Die Auswirkungen der Revolution auf die Rassendiskriminierung
5.3.1. Maßnahmen der revolutionären Regierung und ihre Folgen
5.3.2. Zwischen Überwindung und Fortbestehen rassistischer Tendenzen in der kubanischen Gesellschaft
5.3.3. Afrokubanerinnen kommen zu Wort
6. FAZIT UND AUSBLICK
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Diplomarbeit untersucht die Rolle schwarzer Frauen im gesellschaftlichen Entwicklungsprozess Kubas von der Sklaverei bis zur Revolution. Anhand der Testimonio-Literatur von „Reyita“ wird analysiert, wie Geschlecht und Ethnizität die Lebensbedingungen afrokubanischer Frauen bestimmten und wie diese trotz systemischer Unterdrückung ihren Kampf um soziale Gerechtigkeit und Gleichheit führten.
- Historische Analyse der Lebensbedingungen schwarzer Frauen in der Sklavengesellschaft.
- Untersuchung von Frauen- und Rassendiskriminierung im vorrevolutionären Kuba unter besonderer Berücksichtigung von Machismo und Prostitution.
- Bewertung der Auswirkungen der kubanischen Revolution auf die Situation der Afrokubanerinnen.
- Methodische Reflexion des Testimonio-Genres als Instrument zur Sichtbarmachung marginalisierter Perspektiven in der Geschichtsschreibung.
Auszug aus dem Buch
Die „guerra de razas“ als Ausdruck ethnischer Gewalt
Reyita erzählt im Zusammenhang mit der Rassendiskriminierung in Kuba von der „guerra de razas“ 1912. Sie beschreibt, wie sich im Haus ihres Onkels die Führer der Unabhängigen Farbigen-Partei (Partido Independiente de Color, PIC), unter ihnen Pedro Ivonet und Evaristo Estenoz, versammelten. Der PIC hatte sich 1908 als weltweit erste „schwarze“ Partei gebildet. Sein Ziel war es, die Rassengleichheit in der kubanischen Politik durchzusetzen. Im Laufe der „guerra de razas“ wurden mehrere tausend Schwarze regelrecht abgeschlachtet. Dieser Krieg stellt ein dramatisches und traumatisches politisches Ereignis der neueren kubanischen Geschichte dar, das bis heute in der kubanischen Gesellschaft unverarbeitet geblieben ist.
Reyita erzählt, dass der Konflikt 1910 begann, als durch das von Senator Martín Morúa Delgado initiierte Morúa-Gesetz die Gründung von Parteien nur einer „Rasse“ und damit auch des PIC verboten wurde. Daraufhin beschlossen die Schwarzen, für ihre Partei und ihre Interessen den Kampf aufzunehmen. Die Führer des PIC nahmen Kontakt mit dem Präsidenten der Republik, José Miguel Gomez, auf. Es wurde ein Plan aufgestellt, bei dem die Schwarzen sich nur zum Schein bewaffnet erheben sollten, damit das Morúa-Gesetz außer Kraft gesetzt und der Farbigen-Partei zugestimmt würde. Dabei lag das Interesse von José Miguel Gomez darin, sich die Stimmen der Schwarzen für seine Wiederwahl als Präsident zu sichern. Nachdem der Plan gescheitert war, schickte er die Armee in die Berge, um die Schwarzen zu bekämpfen.
Reyita berichtet darüber, wie sie als Kind mit ansehen musste, wie man die Schwarzen erschlug, sie in Gräben warf und verbrannte. Auch ihr Onkel Juan wurde ermordet, was Reyita niemals vergessen konnte. Ihre Tante Mangá, Präsidentin des Frauenkomitees Pro Partido Independiente de Color, wurde zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Reyita war entsetzt über dieses Verbrechen, denn „es war […] eine Ungerechtigkeit mehr gegen die Schwarzen“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Definiert den Untersuchungsgegenstand der Rolle schwarzer Frauen in Kuba und führt in die methodische Nutzung des Testimonios „Ich, Reyita“ ein.
2. TESTIMONIO-LITERATUR IN KUBA: Analysiert das Genre als historisches Werkzeug und ordnet „Ich, Reyita“ theoretisch und historisch in den lateinamerikanischen Kontext ein.
3. SCHWARZE FRAUEN IN DER KUBANISCHEN SKLAVENGESELLSCHAFT: Beleuchtet die wirtschaftliche und sexuelle Ausbeutung sowie die Entstehung matrifokaler Familienstrukturen als direkte Folge der Sklaverei.
4. FRAUEN- UND RASSENDISKRIMINIERUNG IM VORREVOLUTIONÄREN KUBA: Untersucht die mikro- und makrogeschichtlichen Dimensionen von Rassismus, Machismo und Prostitution als Überlebensstrategien.
5. AFROKUBANERINNEN UND DIE KUBANISCHE REVOLUTION: Analysiert das Engagement schwarzer Frauen während der Revolution und bewertet die politischen Maßnahmen sowie deren Erfolg hinsichtlich echter Gleichstellung.
6. FAZIT UND AUSBLICK: Fasst die Bedeutung von „Reyita“ als historische Quelle zusammen und bewertet den Fortschritt bei der ethnischen und geschlechtsspezifischen Gleichstellung in Kuba.
Schlüsselwörter
Afrokubanerinnen, Kuba, Testimonio-Literatur, Reyita, Sklaverei, Rassendiskriminierung, Frauendiskriminierung, Kubanische Revolution, Geschlecht, Ethnizität, Oral History, Matrifokalität, Machismo, Emanzipation, soziale Gerechtigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Lebensgeschichte von Reyita, um die Rolle und die Erfahrungen schwarzer Frauen in Kuba von der Sklaverei bis in die Zeit nach der kubanischen Revolution von 1959 darzustellen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Einfluss von Geschlecht und Ethnizität auf die soziale Stellung schwarzer Frauen, die Auswirkungen der Sklaverei auf Familienstrukturen sowie die anhaltende Rassendiskriminierung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Perspektive einer bisher marginalisierten Gruppe – der schwarzen Kubanerinnen – in die Geschichtsschreibung zu integrieren und zu prüfen, ob die Revolution ihren Anspruch auf soziale Gleichheit für diese Frauen erfüllen konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt als primäre Quelle die Testimonio-Literatur („Ich, Reyita“), eine Methode der Oral History, und ergänzt diese durch historische Forschungsliteratur, um subjektive Erlebnisse in einen breiteren historischen Kontext einzuordnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Sklavengesellschaft, die Diskriminierungsformen im vorrevolutionären Kuba (Machismo, Prostitution) und die gesellschaftlichen Veränderungen durch die Revolution.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Afrokubanerinnen, Rassendiskriminierung, Emanzipation, Matrifokalität und die kritische Auseinandersetzung mit offizieller Geschichtsschreibung.
Wie bewertet die Autorin die Rolle der „guerra de razas“?
Reyita sieht diesen Konflikt von 1912 als zentrales, traumatisches Ereignis, das die ethnische Gewalt und die Ignoranz der kubanischen Eliten gegenüber den Bedürfnissen der Schwarzen verdeutlicht.
Welche Bedeutung hat das „Testimonio“ für die Aufarbeitung der Geschichte?
Das Testimonio ermöglicht es, historische Prozesse aus der Sicht der Betroffenen zu verstehen, auch wenn es methodisch als Quelle aufgrund seiner Subjektivität kritisch hinterfragt werden muss.
- Citar trabajo
- Claudia Lucas (Autor), 2012, Geschlecht und Ethnizität in Kuba von der Sklaverei bis zur Revolution. Die Testimonio-Literatur von „Reyita“, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316972