Untersuchung bonitätsbeeinflussender Faktoren bei einem Rating für mittelständische Existenzgründer


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
37 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Ziele der Arbeit
1.3 Methodisches Vorgehen und Aufbau der Studie

2 Grundlagen
2.1 Überblick über die Gründungssituation und Finanzierungsstruktur im Mittelstand
2.2 Anforderungen an Banken durch Basel II und III
2.3 Grundsätzliche Vorgaben und Entwicklung eines Ratingverfahrens

3 Mögliche bonitätsbeeinflussende Faktoren
3.1 Grundsätzliche Erkenntnisse aus der Krisenforschung
3.2 Besonderheiten junger Unternehmen
3.3 Teamgründungen und der Vorteil von qualifizierten Mitarbeitern
3.4 Humankapital und Persönlichkeitsstruktur
3.5 Quantitative Faktoren und Frühindikatoren eines Existenzgründerratings
3.6 Unternehmensumfeld und Branchenbetrachtung
3.7 Fähigkeit zum Risikomanagement
3.8 Kapitalausstattung und langfristige Finanzsicherung

4 Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhangsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

Die Herabstufung der Ratings von einzelnen Staaten und die weitreichenden Auswirkungen negativer Ratings werden schon seit geraumer Zeit durch die Medien begleitet. Neben Griechenland mussten auch Länder wie Spanien und Italien immer wieder schmerzhaft erfahren, wie sich die Herabstufung des Ratings auf die Kapitalbeschaffung, die Kapitalkosten und immer neue Anforderungen seitens der Kapitalgeber auswirken. Auch für ein Unternehmen ist die Beurteilung durch ein Rating äußerst bedeutsam und für einen Existenzgründer sogar in potenzierter Form. Während bei Staaten die Verschlechterung des Ratings als systemrelevant für die Volkswirtschaft eingestuft wird und deshalb mit der Bereitschaft zur Hilfe von starken Partnern (Europäische Währungsunion und IWF) gerechnet werden kann, ist ein Unternehmen in der Gründungsphase auf sich allein gestellt und ein schlechtes Rating kann im schlimmsten Fall das Ende des Gründungsvorhabens bedeuten. Aus diesem Grund ist es für einen Unternehmensgründer essentiell sich mit den Faktoren für seine Bonitätseinschätzung auseinanderzusetzen.

1.2 Ziele der Arbeit

Ziel der Arbeit ist es, die möglichen bonitätsbeeinflussenden Faktoren für ein Rating mittelständischer Existenzgründer genauer zu untersuchen. Daraus sollen Handlungsempfehlungen für mittelständische Unternehmensgründer abgeleitet werden, die zu beachten sind, um ihr Rating und damit ihre Finanzierungsmöglichkeiten zu verbessern und zu optimieren.

1.3 Methodisches Vorgehen und Aufbau der Studie

Es werden ausgewählte Faktoren untersucht, die nach Erkenntnissen aus Studien zur Gründerforschung und Untersuchungen zu Erfolgskomponenten bei der Existenzgründung von Wichtigkeit sind. Dafür werden Ansätze aus der relevanten Literatur kritisch dargestellt, eigene Erfahrungen aus der beruflichen Praxis[1] und Anregungen aus Gesprächen mit einem Ratingspezialisten bei einer Bank[2] berücksichtigt. Nicht untersucht werden können die genaue Gewichtung und die tatsächlich in der Praxis verwendeten Faktoren bei den internen Ratingverfahren verschiedener Banken, da diese Informationen verständlicherweise nicht offengelegt werden.

Zu Beginn der Arbeit wird auf die differenzierten Gründungsformen, die Gründungssituation und das Finanzierungsverhalten junger Unternehmer kurz eingegangen. Nach einem Blick auf die Anforderungen aus Basel II und III und den Vorgaben zu einem Ratingverfahren werden ausgewählte bonitätsbeeinflussende Faktoren für ein Rating bei mittelständischen Existenzgründern genauer untersucht.

2 Grundlagen

Das Rating trifft eine Aussage über die zukünftige wirtschaftliche Fähigkeit sowie Willigkeit eines Schuldners zur vollständigen und termingerechten Bedienung seiner Verbindlichkeiten, dargestellt durch spezifische Symbole oder eine semantische Verkettung von Zeichen einer ordinalen Skala.[3] Rating, hergeleitet von engl. to rate, kann mit einstufen, bewerten, gewichten übersetzt werden.[4] Zu unterscheiden sind externe Ratings, welche von Ratingagenturen gegen Entgelt erstellt werden. Meist werden die Agenturen aktiv mit der Erstellung beauftragt. Darüber hinaus gibt es bankinterne Ratings, welche zur Entscheidung einer Kreditgewährung, der Konditionengestaltung, Anforderung an zu stellende Sicherheiten und der Steuerung des eigenen Kreditportfolios herangezogen werden. Sie beeinflussen daher die Geschäftsbeziehung des Unternehmens zur Bank maßgeblich.[5] Im Rahmen dieser Arbeit sollen ausschließlich bankinterne Ratings betrachtet werden, da diese maßgeblich zum Einsatz kommen für die primären Finanzierungsformen mittelständischer Existenzgründer. Der Begriff „Rating“ bezeichnet zum einen das Ratingverfahren, also die Vorgehensweise, mit der die Bonität (voraussichtliche zukünftige Zahlungsfähigkeit) eines Unternehmens, festgestellt wird. Dafür werden Unternehmensdaten und die wirtschaftliche Situation eines Unternehmens analysiert.[6] Zum Großteil geschieht dies anhand von vergangenheitsbezogenen Aspekten. Hier wird bereits die größte Herausforderung eines speziellen Existenzgründerratings deutlich, da auf eine Geschäftsentwicklung in der Vergangenheit nicht zurückgegriffen werden kann. Zum anderen bezeichnet der Begriff „Rating“ das Ergebnis einer solchen Analyse, also das Urteil über die Bonität eines Unternehmens.[7] Das Ratingergebnis hat neben den oben aufgeführten Auswirkungen Konsequenzen auf die Mindesteigenkapitalunterlegung der Banken und die Risikostrategie (zur Risikosteuerung des gesamten Kreditportfolios einer Bank). Die Qualität des Ratingergebnisses wird durch eine regelmäßige Validierung (Anpassung) der Ausfallwahrscheinlichkeiten in einem Turnus von ein bis zwei Jahren sichergestellt.

Als mittelsständische Unternehmen werden nach der Definition des Instituts für Mittelstandsforschung Unternehmen beschrieben mit weniger als 500 Beschäftigten und weniger als 50 Mio. EUR Jahresumsatz.[8]

Bevor auf die verschiedenen bonitätsbeeinflussenden Faktoren bei Unternehmensgründern (hier gleichgesetzt mit den Begriffen Existenzgründer, Entrepreneur und junge Unternehmen) näher eingegangen werden kann, soll noch ein kurzer Überblick über die vielschichtigen Formen von Unternehmensgründungen erfolgen. In der Literatur der Gründungsforschung finden sich unterschiedliche Definitionen, welche Unternehmensgründungsformen als solche anzusehen sind. Ganz allgemein kann die Unternehmensgründung als Prozess beschrieben werden, bei dem eine natürliche Person berufliche Selbständigkeit erlangt und charakteristischerweise die Ausübung dieser Tätigkeit die finanzielle Lebensgrundlage sichern soll.[9] Mit dieser Beschreibung ist die Nebenerwerbsgründung bereits ausgeschlossen. Dieser Ansicht soll sich hier angeschlossen werden. Bei näherer Betrachtung können grundsätzlich zwei Dimensionen differenziert werden. Maßgeblich ist das Ausmaß, mit welchem auf bereits bestehende betriebliche Strukturen zurückgegriffen werden kann.[10] Bei der Unternehmensübernahme, der Gründung im Franchisesystem, Management-Buy-Out (MBO), Management-Buy-In (MBI), Spin-Off, Ausgründungen und der Unternehmensnachfolge verläuft die Aufnahme der Tätigkeit unter Verwendung bereits vorhandener oder teilweise vorhandener Unternehmensstrukturen. (Erläuterung zu den einzelnen Gründungsformen siehe Anhang 1). Erfolgt die Durchführung der Unternehmensgründung ohne Verwendung bestehender betrieblicher Strukturen, wird häufig von einer originären Gründung oder Aufbaugründung gesprochen.[11] Die jeweilige Gründungsform entscheidet über die zu betrachtenden Faktoren und deren Gewichtung für die Bonitätsbeurteilung. Aufgrund des begrenzten Umfangs sollen sich die Ausführungen dieser Arbeit auf die bestimmenden Faktoren einer originären Unternehmensgründung konzentrieren.

2.1 Überblick über die Gründungssituation und Finanzierungsstruktur im Mittelstand

Eine allgemeingültige Anzahl an den jährlichen Unternehmensgründungen ist nur ungenau zu benennen. Die verschiedenen Möglichkeiten der statistischen Erfassung und die jeweils unvollständigen Datenquellen erschweren einen Überblick. Es besteht weder auf Bundesebene noch auf Länderebene eine Gründungsstatistik im eigentlichen Sinne. Vielmehr muss man sich primärstatistischer Quellen von staatlichen Stellen bedienen, bei denen natürlich die Betrachtung der übertragenen Verwaltungszwecke im Vordergrund steht.[12] Dazu zählen beispielsweise die Zahl der Gewerbean- und -abmeldungen (Land- und Forstwirtschaft sowie freie Berufe bleiben unberücksichtigt), Handelsregisterein- und –austragungen, Zahl der umsatzsteuerpflichtigen Personen/Institutionen (Nichteinbeziehung umsatzsteuerfreier Unternehmen).[13] Als ergänzende Datenquelle kann auch die Gründungsstatistik der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) angesehen werden. Danach kommt man bei der Betrachtung des Gründungsgeschehens zu einem jährlichen Näherungswert von 936.000 Voll- und Nebenerwerbsgründungen (davon Vollerwerbsgründungen 396.000) für das Jahr 2010.[14]

Grundsätzlich lassen sich den Unternehmensgründungen positive Beschäftigungseffekte, ein hoher Innovationsgrad und Wachstumseffekte zuschreiben.[15] Darüber hinaus haben Unternehmensgründungen positive volkswirtschaftliche Auswirkungen, wie die Allokation von intellektuellen und kreativen Fähigkeiten[16] sowie gesellschaftlich und ökonomisch relevante Erneuerungsimpulse.[17]

Um einen umfassenden Überblick über die Gründungssituation und das Finanzierungsverhalten geben zu können, soll hier auch noch kurz auf das Finanzierungsverhalten mittelständischer Unternehmen und Unternehmensgründern eingegangen werden. Grundsätzlich kann die Finanzierung als Kapitalbeschaffung für notwendige Investitionen oder laufende Aufwendungen (zur Durchführung der betrieblichen Leistungserstellung) angesehen werden.[18] Hierbei können zwei Finanzierungsarten unterschieden werden, die Außenfinanzierung (Kreditfinanzierung oder Finanzierung aus Einlagen bzw. Beteiligungen) und die Innenfinanzierung (Finanzierung aus langfristigen Rückstellungen, aus Gewinnen/Selbstfinanzierung oder Finanzierung aus Vermögensumschichtungen[19] ).[20] Bei originären Unternehmensgründungen ist die Möglichkeit der Innenfinanzierung damit nicht gegeben, da weder auf bestehende Rücklagen und Gewinne noch auf Umsatzerlöse bei Aufnahme der Unternehmenstätigkeit zurückgegriffen werden kann. Da für die Beurteilung einer Finanzierung über Beteiligungskapital externe Ratings verwendet werden, ist diese Finanzierungsform hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt und nicht weiter relevant. Auch in der Realität spielt die Beteiligungsfinanzierung bei Unternehmensgründungen in Deutschland eine noch sehr untergeordnete Rolle.[21] Ein Blick auf die Unternehmensgründungen (2010) im Vollerwerb zeigt, dass der Finanzmittelbedarf für Investitionen und Betriebsmittel bei einem Großteil (85%) nur bis zu 25 TEUR ausmacht[22], wobei hier etwa die Hälfte über Bankfinanzierung oder öffentliche Förderdarlehen abgedeckt wird.[23]

Da der Übergang von einem Unternehmen in Gründung hin zu einem mittelständischen Unternehmen fließend ist, soll hier noch kurz auf das grundsätzliche Finanzierungsverhalten mittelständischer Unternehmen eingegangen werden. Betrachtet man das Finanzierungsverhalten mittelständischer Unternehmen im Allgemeinen, so lässt sich feststellen, dass der Anteil an Fremdkapitalfinanzierungen ebenfalls hoch ist. Es gibt Annahmen, die von 60-70% ausgehen, wovon ebenfalls die Hälfte auf klassische Bankkredite zurückgreift.[24] Damit kann das Finanzierungsverhalten von mittelständischen Unternehmen und Unternehmensgründungen zunehmend als ähnlich charakterisiert werden.

2.2 Anforderungen an Banken durch Basel II und III

Die erste Eigenkapitalvereinbarung (Basel I) wurde 1988 vom Basler Ausschuss beschlossen und definierte die Anforderung zur Unterlegung der Banken mit Eigenkapital für die ausgereichten Kredite in Höhe von pauschal 8%. Bereits die in 2006 weiterentwickelten und heute noch geltenden Eigenkapitalrichtlinien (Basel II) sehen eine Eigenkapitalunterlegung in Abhängigkeit der zugrunde liegenden Kreditnehmerbonität vor. Zusätzlich muss neben dem Kreditrisiko und dem Marktrisiko[25] auch das operationelle Risiko explizit mit Eigenkapital unterlegt werden.[26] Diese Mindestkapitalanforderung aus Basel II (auch bekannt unter der Bezeichnung 1. Säule von Basel II) wurde durch eine neue Definition der risikogewichteten Aktiva (die Risikopositionen einer Bank, die mit Eigenkapital zu unterlegen sind) deutlich erweitert.[27] Für die Beurteilung des Kreditrisikos einer Bank bestehen drei verschiedene Verfahrensansätze: Standardansatz (durch externes Rating), der auf einem internen Rating basierende IRB-Ansatz[28] und der fortgeschrittene IRB-Ansatz (internes Rating basierend auf eigenem Datenportfolio). Beim einfachen IRB-Ansatz wird die kreditnehmerspezifische Ausfallwahrscheinlichkeit (PD) aus bankinternen Schätzungen bestimmt. Diese Schätzungen dürfen nur geringfügig von den tatsächlichen Ausfallquoten abweichen.[29] Dabei werden ähnlich eingeschätzte Ausfallwahrscheinlichkeiten in einer Ratingklasse zusammengefasst. Für die restlichen Risikokomponenten (Verlustausfallquote LGD, erwartete Höhe der Forderung zum Zeitpunkt des Ausfalles EAD, effektive Restlaufzeit M) wird auf bankenaufsichtsrechtliche Vorgaben zurückgegriffen.[30] Die Mindestanforderung beim IRB-Ansatz ist, dass die Bank über einen regelmäßigen Turnus zur Modellvalidierung verfügt, der die Vorhersagegenauigkeit und Stabilität, die Überprüfung der Modellbeziehung und das Testen der Modellergebnisse gegen die tatsächlichen Ergebnisse umfasst.[31] Der Anreiz für die Verwendung eigens entwickelter, verfeinerter Verfahren und damit gleichzeitig eine eigenständigere Risikokontrolle und –steuerung sollte in einer moderaten Verminderung der Eigenkapitalanforderungen und damit Wettbewerbsvorteilen für die jeweilige Bank liegen.[32] Neben der 1. Säule von Basel II wird in der 2. Säule das bankenaufsichtsrechtliche Prüfungsverfahren[33] geregelt. Konkretisiert wird die Umsetzung dieser Überprüfungsverfahren in den Mindestanforderungen an das Risikomanagement (MaRisk). Darin wird als maßgeblicher Grundsatz die aufbauorganisatorische Trennung von Markt (Kundenberatung) und Marktfolge (Kreditentscheidung) festgelegt.[34] Mit dieser Trennung sollen Möglichkeiten der Manipulation ausgeschlossen und gleichzeitig eine höhere Objektivität bei der Beurteilung erreicht werden. In der 3. Säule sind die Transparenzpflichten der Kreditinstitute und damit die Erweiterung der Offenlegungspflicht zur Stärkung der Marktdisziplin verankert.[35] Im 4.Quartal 2010 wurde vom Basler Ausschuss die 3. Version der Basler Eigenkapitalvereinbarungen endgültig beschlossen.[36] Zukünftig sind weniger Geschäftsarten ohne Eigenkapitalunterlegung möglich. Zusätzlich verschärft Basel III die Anforderungen an die Bilanzpositionen des Eigenkapitals bei den Banken. Stille Beteiligungen gelten beispielsweise mit Wirkung von Basel III nicht mehr zum harten Kernkapital.[37] Grundsätzliches Ziel von Basel III ist die Erhöhung des Eigenkapitals für Banken zur Erhöhung der Stabilität und weitreichendere als die bisher geltenden Restriktionen von risikoreichen Geschäften.

2.3 Grundsätzliche Vorgaben und Entwicklung eines Ratingverfahrens

Zu den grundsätzlichen Anforderungen an ein bankinternes Ratingsystem zählen Vollständigkeit (Ratingergebnis muss alle bonitätsrelevanten Informationen berücksichtigen), Objektivität[38], Akzeptanz (korrekte Abbildung der Kreditnehmerbonität aus Sicht des Anwenders) und Widerspruchsfreiheit (Rating darf anerkannten wissenschaftlichen Theorien und Methoden nicht widersprechen).[39] Bedingungen an ein Ratingsystem sind dabei die vollständige Zuordnung aller Kreditnehmer zu einer bestimmten Ratingklasse, eine nachvollziehbare Dokumentation des Ratingprozesses, der Ratingkriterien und des Ratingergebnisses.[40] Die klare Festlegung welches Rating für welche Kundengruppe zu verwenden ist, erfordert bei einem Existenzgründerrating eine genaue Abgrenzung der Gründungsformen. Bei den originären Unternehmensgründungen muss darüber hinaus festgelegt werden zu welchem Zeitpunkt (Bsp. Vorliegen der ersten Bilanz oder nach zwei bis drei Jahren) und mit welcher Gewichtung erste Informationen aus dem Jahresabschluss mit in das Rating einbezogen werden sollen (Folgerating Existenzgründer). Aufgrund der ausschließlichen Betrachtung bonitätsbeeinflussender Faktoren für originäre Unternehmensgründungen (s. Kapitel 2) und dem begrenzten Umfang wird in dieser Arbeit nur auf ein Erstrating für Existenzgründer ohne Verwendung von Jahresabschlussinformationen eingegangen.

In der Praxis übliche Verfahren zur Entwicklung eines Ratings sind mathematisch-statistische Verfahren, die strukturierte Prozesse nutzen, um die Aussagefähigkeit von Unternehmensaspekten zu bewerten.[41] Die daraus resultierende Bonitätsbeurteilung umfasst die Prüfung quantitativer Faktoren (hard facts), qualitativer Faktoren (soft facts) und die Überprüfung vorhandener Warnsignale (Frühindikatoren) und Abbruchkriterien. Mit den qualitativen Faktoren sollen bonitätsrelevante Aspekte, die den Unternehmenserfolg nachhaltig beeinflussen, aber nicht unmittelbar quantifiziert werden können, erfasst werden. Qualitative Kriterien werden meist mittels eines Fragenkataloges aufgenommen und dokumentiert. Bereits in der Krisenforschung wird kritisch zu bedenken gegeben, dass der Anwender nicht frei ist von einer positiven Bewertung, da von der zu ermittelnden Gesamtbonität nicht nur die Möglichkeit der Kreditvergabe (und damit der Geschäftsabschluss) abhängt, sondern auch die Ermittlung der Standardrisikokosten und damit determiniert der Kreditzinssatz für den Kunden.[42] Spätestens durch die zwingende aufbauorganisatorische Trennung von Kundenberatung und Kreditentscheidung (4-Augenprinzip) und auch die Anforderung an die Nachvollziehbarkeit der Beurteilung wird dieser Kritikpunkt zwar etwas entkräftet, aber nicht endgültig beseitigt. Kriterien für mathematisch-statistischen Verfahren weisen im Allgemeinen sehr gute Vorhersagegenauigkeit bei der Beurteilung einer Insolvenzgefährdung auf und besitzen bei einem Existenzgründerportfolio zumindest eine verhältnismäßig gute Trennschärfe[43]. Die Kriterien sind objektiv und durch geringe Manipulierbarkeit gekennzeichnet. Trennscharfe Kriterien haben deshalb bei der Gewichtung der Merkmale einen höheren Stellenwert und beeinflussen damit die Ratingnote stärker als andere Kriterien. Die Identifikation trennscharfer Kriterien ist abhängig von der zugrunde gelegten Datenbasis, bei einem Rating nach fortgeschrittenem IRB-Ansatz also vom zugrunde liegenden Kreditportfolio der jeweiligen Bank.[44] Ein geringes Risikoportfolio der Bank wirkt sich somit auch positiv auf die durchschnittliche PD und damit letztendlich positiv auf das Rating eines Unternehmens aus. Mittels Diskriminanzanalyse und logistischer Regressionsanalyse können alle trennscharfen Kriterien gewichtet und zu einem Scorewert verdichtet werden.[45] Nachteilig bei diesen statistischen Verfahren ist, dass keine eindeutigen Ursachen für eine Insolvenzgefährdung abgelesen werden können (da nicht alle Merkmale im Datenbestand in ausreichender Zahl verfügbar oder bekannt sind) und das die Scorewerte anfällig für Strukturbrüche (Bsp. Änderung der Rechnungslegungsvorschriften) sind.[46] Das bedeutet, dass die Trennschärfe des so ermittelten Scorewertes (Punktwertes) turnusmäßig validiert werden müsste oder die Trennschärfe verändert sich, was zu falschen Einschätzungen führen würde.[47] Nach Untersuchungen aus der Krisenforschung haben Neuronale Netzanalysen (als eine weitere Methode auf die gleich noch kurz eingegangen wird) darüber hinaus zu geringeren Fehlklassifikationen geführt als die Multivariate (mehrere Variabeln betreffende) Diskriminanzanalyse.[48] Für die Praxis konnte dies noch nicht so eindeutig bestätigt werden. Hier spielen Neuronale Netze eine sehr untergeordnete Rolle.[49] Die Komplexität bei der Beurteilung von Existenzgründern sowie die nur wenigen trennscharfen Kriterien erfordern die Zuhilfenahme weiterer Verfahren, um eine möglichst gute Bonitätsbeurteilung bei einem Großteil der Unternehmensgründer zu erzielen.[50] Dazu kann man sich zusätzlich der Nutzung von Verfahren der künstlichen Intelligenz bedienen, die mit Hilfe von Informationstechnologien menschliche Problemlösungsfähigkeit nachzubilden versuchen. Sie lassen sich in Expertenschätzungen und neuronale Netze unterteilen.[51] Bei den neuronalen Netzen wird der Aufbau eines menschlichen Gehirns in einem Computersystem nachzubilden versucht, um auf diese Weise unstrukturierte Probleme zu lösen. Diese Systeme sind besonders lernfähig, weisen eine hohe Flexibilität auf und können so einfach und schnell an aktuelle Entwicklungen angepasst werden.[52] Es sollen damit typische Muster identifiziert werden, die ein Unternehmen schon lange vor der Insolvenz als krank kennzeichnen.[53] Auch dieser Weg der Entscheidungsfindung lässt keine Rückschlüsse zu, weshalb ein Unternehmen insolvenzgefährdet geworden ist.[54] (wie bereits erwähnt haben sich Neuronale Netzwerke in der Praxis bisher nicht besonders etablieren können)

Die Ratingnote ergibt sich letztendlich aus der Addition aller gewichteten Punktwerte (Scorewerte) zu einem Gesamtpunktwert, der wiederum zu einer Ratingnote verdichtet wird.[55]

3 Mögliche bonitätsbeeinflussende Faktoren

In den folgenden Kapiteln sollen mögliche Einflussfaktoren für ein Existenzgründerrating genauer untersucht werden. Dabei soll aufgezeigt werden, auf welche Aspekte bei der Gründungsvorbereitung zu achten ist, um die Chancen für ein gutes Rating und damit die Finanzierungsmöglichkeiten, die Finanzierungskosten und die Anforderungen an die Sicherheitenstellung zu verbessern. Dadurch ergeben sich Handlungsempfehlungen für die Vorbereitungsphase des startenden Unternehmens. Für ein erstes Grundverständnis werden zu Beginn allgemeine Kenntnisse aus der Krisenforschung und die spezielle Ausgangssituation von jungen Unternehmen dargestellt. Aus der Vielzahl von Faktoren, die den Unternehmenserfolg (teilweise sogar wechselseitig) beeinflussen können, werden sodann einige wesentliche Faktoren herausgegriffen und ausführlicher beschrieben. Die Vorauswahl der genauer betrachteten Faktoren soll die hier nicht erwähnten nicht als irrelevant erscheinen lassen, vielmehr musste aufgrund des Umfangs der Arbeit eine Vorauswahl erfolgen.

[...]


[1] Eigene Erfahrungen aus meiner beruflichen Tätigkeit als Zielgruppenmanagerin für Unternehmensgründung und –nachfolge bei der HypoVereinsbank / Unicredit Bank AG

[2] Mein besonderer Dank gilt Dieter Schönauer, Senior Risk Manager Privat- und Geschäftskunden bei der Hypo Vereinsbank / Unicredit Bank AG für seine Diskussionsbereitschaft und die gedanklichen Anregungen aus Sicht eines Ratingexperten.

[3] Vgl. Kollmann, Gabler Kompakt-Lexikon „Unternehmensgründung“, 2005, S. 343

[4] Vgl. Brackschulze; Mayer-Friedrich; Müller, Finanzierung mittelständischer U. nach Basel III, 2011, S. 32

[5] Vgl. Brackschulze; Mayer-Friedrich; Müller, Finanzierung mittelständischer U. nach Basel III, 2011, S. 32

[6] Vgl. Bietke; Henne; Reichling; Praxishandbuch Risikomanagement und Rating, 2007, S. 45

[7] Vgl. Bietke; Henne; Reichling; Praxishandbuch Risikomanagement und Rating, 2007, S. 45

[8] Vgl. IfM Bonn (Institut für Mittelstandsforschung Bonn), http://www.ifm-bonn.org/index.php?id=89

[9] Vgl. Hering; Vincenti, Unternehmensgründung, 2005, S. 7

[10] Vgl. Hering; Vincenti, Unternehmensgründung, 2005, S. 8

[11] Vgl. Hering; Vincenti, Unternehmensgründung, 2005, S. 8

[12] Vgl. Hering; Vincenti, Unternehmensgründung, 2005, S. 34

[13] Vgl. Hering; Vincenti, Unternehmensgründung, 2005, S. 35

[14] Vgl. KfW-Gründungsmonitor 2011, S. 4

[15] Vgl. Hering; Vincenti, Unternehmensgründung, 2005, S. 31

[16] Allokation in diesem Zusammenhang: Durch den Gründungsprozess werden Menschen gezwungen ihre intel lektuellen und kreativen Potenziale zu nutzen, um der unabhängigen, weniger weisungsgebundenen Tätigkeit im Rahmen des Gründungsprozesses gewachsen zu sein. Vgl. Freiling, Entrepreneurship, 2006, S. 59

[17] Vgl. Freiling, Entrepreneurship, 2006, S. 58

[18] Vgl. Bilstein; Ernst; Häcker; Wöhe, Grundzüge der Unternehmensfinanzierung, 2011, S. 5

[19] Finanzierung aus Vermögensumschichtungen umfasst die Finanzierung von Reinvestitionen aus Umsatz erlösen oder die Finanzierung von Nettoinvestitionen aus Umsatzerlösen Vgl. Bilstein; Ernst; Häcker; Wöhe, Grundzüge der Unternehmensfinanzierung, 2011, S. 17

[20] Vgl. Bilstein; Ernst; Häcker; Wöhe, Grundzüge der Unternehmensfinanzierung, 2011, S. 17

[21] Vgl. KfW-Gründungsmonitor 2011, Executive Summary VIII

[22] Vgl. KfW-Gründungsmonitor 2011, S. 45

[23] Vgl. KfW-Gründungsmonitor 2011, S. 48

[24] Vgl. Brackschulze; Mayer-Friedrich; Müller, Finanzierung mittelständischer U. nach Basel III, 2011, S. 195 Daneben dominiert bei mittelständischen Unternehmen immer mehr die Finanzierung aus einbehaltenen Ge winnen, was für die folgenden Beiträge jedoch weniger relevant sein wird. Vgl. Brackschulze; Mayer-Friedrich; Müller, Finanzierung mittelständischer U. nach Basel III, 2011, S. 194

[25] Zum Marktrisiko zählen Währungsrisiko, Zinsänderungsrisiko und Geldwertrisiko. Das operationelle Risiko umfasst die Verluste durch fehlerhafte interne Prozess, menschliche Fehler, Technologieversagen, externe Ereignisse sowie Rechtsrisiken

[26] Vgl. Bietke; Henne; Reichling; Praxishandbuch Risikomanagement und Rating, 2007, S. 18

[27] Vgl. Bietke; Henne; Reichling; Praxishandbuch Risikomanagement und Rating, 2007, S. 23

[28] IRB-Ansatz – Kreditvergebende Bank erstellt Rating selbst

[29] Vgl. Bietke; Henne; Reichling; Praxishandbuch Risikomanagement und Rating, 2007, S. 87

[30] Vgl. Bietke; Henne; Reichling; Praxishandbuch Risikomanagement und Rating, 2007, S. 87

[31] Vgl. Bietke; Henne; Reichling; Praxishandbuch Risikomanagement und Rating, 2007, S. 57

[32] Vgl. Bietke; Henne; Reichling; Praxishandbuch Risikomanagement und Rating, 2007, S. 18

[33] Aufgabe dieser Überprüfung war die Bewertung der Fähigkeit der Banken, ihre eingegangenen Risiken zu identifizieren, zu messen, zu steuern und zu überwachen. Vgl. Bietke; Henne; Reichling; Praxishandbuch Risikomanagement und Rating, 2007, S. 18

[34] Vgl. Bundesbank, „MaRisk – Regelungstext mit Erläuterungen“, S. 20 – Quelle: http://www.bundesbank.de/download/bankenaufsicht/pdf/marisk/051220_anl1.pdf

[35] Vgl. Bietke; Henne; Reichling; Praxishandbuch Risikomanagement und Rating, 2007, S. 18

[36] Vgl. Brackschulze; Mayer-Friedrich; Müller, Finanzierung mittelständischer U. nach Basel III, 2011, S. 9

[37] Vgl. Brackschulze; Mayer-Friedrich; Müller, Finanzierung mittelständischer U. nach Basel III, 2011, S. 10

[38] Das Objektivitätsprinzip bedeutet, dass das Gesamturteil zur wirtschaftlichen Entwicklung des Unternehmens intersubjektiv (Beurteilung des Sachverhaltes darf nicht das Werturteil eines Einzelnen sein) und nachprüfbar sein muss. Ein anderer Kreditentscheider muss bei Anwendung desselben Verfahrens zum gleichen Urteil kommen. Vgl. Hauschildt; Leker, Krisendiagnose durch Bilanzanalyse, 2000, S. 180

[39] Vgl. Bietke; Henne; Reichling; Praxishandbuch Risikomanagement und Rating, 2007, S. 56

[40] Vgl. Bietke; Henne; Reichling; Praxishandbuch Risikomanagement und Rating, 2007, S. 84

[41] Vgl. Brackschulze; Mayer-Friedrich; Müller, Finanzierung mittelständischer U. nach Basel III, 2011, S. 34

[42] Vgl. Hauschildt; Leker, Krisendiagnose durch Bilanzanalyse, 2000, S. 236

[43] Trennschärfe: Besitzt ein Ratingaspekt eine hohe Trennschärfe, so ist dieser Aspekt in der Lage bei einer Einzelbeurteilung der Kreditnehmer die bonitätsstarken (solventen) von den bonitätsschwachen (insolventen) Kreditnehmern zu unterscheiden. Vgl. Bietke; Henne; Reichling; Praxishandbuch Risikomanagement und Rating, 2007, S. 112.

[44] Vgl. Brackschulze; Mayer-Friedrich; Müller, Finanzierung mittelständischer U. nach Basel III, 2011, S. 34

[45] Vgl. Brackschulze; Mayer-Friedrich; Müller, Finanzierung mittelständischer U. nach Basel III, 2011, S. 34

[46] Vgl. Brackschulze; Mayer-Friedrich; Müller, Finanzierung mittelständischer U. nach Basel III, 2011, S. 34

[47] Vgl. Brackschulze; Mayer-Friedrich; Müller, Finanzierung mittelständischer U. nach Basel III, 2011, S. 34

[48] Vgl. Hauschildt; Leker, Krisendiagnose durch Bilanzanalyse, 2000, S. 182

[49] Vgl. Feedback aus Interview mit Dieter Schönauer, Senior Risk Manager Privat- und Geschäftskunden bei der HypoVereinsbank / Unicredit Bank AG

[50] Vgl. Brackschulze; Mayer-Friedrich; Müller, Finanzierung mittelständischer U. nach Basel III, 2011, S. 34

[51] Vgl. Brackschulze; Mayer-Friedrich; Müller, Finanzierung mittelständischer U. nach Basel III, 2011, S. 34

[52] Vgl. Brackschulze; Mayer-Friedrich; Müller, Finanzierung mittelständischer U. nach Basel III, 2011, S. 35

[53] Vgl. Hauschildt; Leker, Krisendiagnose durch Bilanzanalyse, 2000, S. 181

[54] Vgl. Brackschulze; Mayer-Friedrich; Müller, Finanzierung mittelständischer U. nach Basel III, 2011, S. 35

[55] Vgl. Bietke; Henne; Reichling; Praxishandbuch Risikomanagement und Rating, 2007, S. 86

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Untersuchung bonitätsbeeinflussender Faktoren bei einem Rating für mittelständische Existenzgründer
Hochschule
AKAD University, ehem. AKAD Fachhochschule Stuttgart
Note
2,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
37
Katalognummer
V317039
ISBN (eBook)
9783668166615
ISBN (Buch)
9783668166622
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Unternehmensgründung, Existenzgründer, Rating, Unternehmensrating, Ratingfaktoren, Bonitätsbeeinflussende Maßnahmen, Existenzgründerrating, Unternehmensfinanzierung, Mittelstandsfinanzierung
Arbeit zitieren
Doreen Becker (Autor), 2012, Untersuchung bonitätsbeeinflussender Faktoren bei einem Rating für mittelständische Existenzgründer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317039

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Untersuchung bonitätsbeeinflussender Faktoren bei einem Rating für mittelständische  Existenzgründer


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden