Das Revolutionsverständnis Alexandr Bloks in seinem lyrischen Werk von 1904 bis 1906

Eine Untersuchung auf der thematischen Ebene unter Berücksichtigung der Sprache Bloks


Examensarbeit, 1979
57 Seiten

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

0. Vorwort

1. Voruntersuchungen
1.1. Der historische Bezugsrahmen
1.2. Bloks Verhältnis zur Revolution von 1905
1.3. Bloks künstlerische Entwicklung in den Jahren 1904-06
1.4. Struktur der poetischen Sprache bei Blok

2. BLOKS LYRIK IM ZEICHEN DER VORAHNUNG UND HOFFNUNG AUF EINE HERANNAHENDE UMWÄLZUNG
2.1. „Fioletovyj zapad gnetet“ (II, 38)
2.2. „Podnimalis‘ iz t’my pogrebov“ (II, 133)
2.3. Ee Pribytie
2.3.1. Rückblick auf Bloks bisheriges Weltverständnis
2.3.2. Bloks Weltverständnis im Umbruch (Herausarbeitung einzelner Aspekte in Ee Pribytie)
2.3.3. Beurteilung des Poems anhand textexterner Daten
2.3.4. Die Bedeutung des Ee in der Verserzählung (abschließende Bewertung)
2.4. „Barka žizni vstala“ (II, 161)

3. BLOKS LYRIK IM ZEICHEN DER REVOLUTION
3.1. Revolution als kosmische Wende
3.1.1. “Osennjaja Volja” (Juli 1905; II, 75)
3.1.2. “Svobodny dali. Nebo otkryto”. (II, 320, 321)
3.2. Revolution als politisches Ereignis
3.2.1. „Ešče prekrasno seroe nebo“ (II, 176)
3.2.2. „Visja nad gorodom“ (II, 175)
3.2.3. „Miting” (10. Oktober 1905; II, 172-174)
3.2.4. „Priskakala dikoj step’ju“ (II, 86)
3.2.5. „Šli na pristup” (II, 59)
3.2.6. „Sytye” (II, 180)
3.3. Exkurs: Vergleich des Revolutionsverständnisses von Blok und Brjusov anhand eines Gedichtbeispiels

4. BLOKS SCHAFFEN IM ZEICHEN DES SCHEITERNS DER REVOLUTIONÄREN BEWEGUNG VON 1905
4.1. „Deve – Revoljucii” (II, 324)
4.2. „Angel’ – Chranitel’” (17. August 1906, II, 102/103)
4.3. „Skazka o petuche i staruške” (II, 89, 90)
4.4. Korol’ Na Ploščadi (= KNP)
4.4.1. Kurzer Handlungsablauf des Dramas
4.4.2. Analyse des Dramas unter Miteinbeziehung des Dialogs „O ljubvi, poėzii i gosudarstvennoj službe“
4.4.3. Funktionale Bedeutung der Schiffsmetapher im Drama

5. RESUMEE UND VERGLEICH
5.1. Bloks Revolutionsverständnis in seinem lyrischen Werk von 1904 bis 1906
5.1.1. Die Bedeutung des Jahres 1906 für die weitere literarische Entwicklung Bloks
5.2. Bloks Russlandverständis
5.3. Ausblick: Bloks Weltauffassung und Revolutionsverständnis in der Revolutionsepoche von 1917

6. Schlusswort

7. BIBLIOGRAPHIE

0. Vorwort

Ziel dieser Arbeit ist es, das Revolutionsverständnis Aleksandr A. Bloks in seinem lyrischen Werk von 1904 bis 1906 zu beschreiben und abzugrenzen. Zu diesem Zweck soll zunächst der hier relevante historische Bezugsrahmen und Aleksandr Bloks Verhältnis zu diesem anhand textexterner Daten dargelegt werden. Sodann soll Bloks künstlerische Entwicklung in dieser Zeit nachverfolgt und schließlich – da für den weiteren Gang der Untersuchung erforderlich – die Struktur der poetischen Sprache bei Blok kurz umrissen werden. Es sei zu Beginn dieser Arbeit festgelegt, dass unter dem Begriff ‚Revolution‘ nicht nur das konkrete, politische Ereignis des Jahres 1905, sondern eine Umwälzung in kosmischen Dimensionen – also ein Prozess im abstrakten Sinne – verstanden sei. Für beide Aspekte des Revolutionsverständnisses sollen Gedichtbeispiele ausgewählt und analysiert werden, ebenso auch Gedichte aus der Phase der Erwartung eines revolutionären Umbruchs und der Phase des Scheiterns der revolutionären Bewegung. Für letzteres schien Bloks lyrisches Drama Korol‘ Na Ploščadi (= KNP) zur Illustration besonders geeignet zu sein. Am Ende der Analyse schließlich soll das Bloksche Revolutionsverständnis zusammenfassend charakterisiert und in einem Ausblick Bloks Weltauffassung in der Revolutionsepoche von 1917 zum Vergleich behandelt werden.

1. Voruntersuchungen

1.1. Der historische Bezugsrahmen

Das zu Ende gehende 19. und anbrechende 20. Jahrhundert ist auch in Russland von stürmischer Industrialisierung, wachsendem politischem Bewusstsein der Arbeiter und organisierten Bewegungen und Gruppen zur Durchsetzung politischer Zielvorstellungen gekennzeichnet. Es gelang der russischen Regierung und dem Zaren in diesen Jahren nicht, durch politische Maßnahmen den sich anbahnenden Streikbewegungen und Unruhen mit Erfolg entgegenzuwirken.

Politische Signalwirkung erlangte schließlich ein Demonstrationszug von Arbeitern, der sich am 9. Januar 1905 unter Leitung des Popen Gapon, des Führers der Petersburger Arbeitergesellschaft, zum Winterpalais bewegte, um dem Zaren in einer Bittschrift die Anliegen der Arbeiter vorzutragen. Bereitstehende Truppen versuchten die Menge zurückzudrängen, schließlich wurde die Menschenansammlung unter hohen Verlusten auf Seiten der Arbeiter auseinander getrieben.

Der „Blutige Sonntag“ war das Alarmsignal für alle Unzufriedenen im Lande. Jetzt streikten die Arbeiter nicht nur in den Fabriken, sondern auch auf den Landgütern. Der Aufstand erfasste die Armee und die Flotte. Am 14. Juni brach eine Meuterei auf dem Panzerkreuzer „Potemkin“ aus. Auch in Kronstadt und in anderen Ostseehäfen meuterten die Matrosen. Am 6. August gab Nikolaus einen vom Innenminister Bulygin ausgearbeiteten Erlass heraus, wonach eine aus gewählten Adels-, Bürger- und Bauernvertretern bestehende Duma mit beratender Funktion gebildet werden sollte.

Im Herbst 1905 trieb die Revolution ihrem Höhepunkt zu. Der verlorene Ostasienkrieg bewirkte einen erheblichen Prestigeverlust der Regierung beim Volk.

Ukrainer, Polen, Balten verlangten die Autonomie, Juden die ihnen vorenthaltenen Bürgerrechte.

Am 17. Oktober endlich ließ Nikolaus ein Manifest verkünden, das sein ehemaliger Minister Witte verfasst hatte. Es gewährte allen Untertanen Unverletzlichkeit der Person, Freiheit des Gewissens, der Rede, der Versammlung und der Vereinsbildung, ferner wurden Wahlen zu einer gesetzgebenden Duma angeordnet. An der Spitze des Kabinetts trat Witte als Ministerpräsident.

Jedoch hielten das ganze Jahr 1906 über Streiks und Meutereien an. Hinzu kam das wüste Treiben juden- und studentenfeindlicher Extremisten, besonders im Süden. Die Regierung verkündete schließlich den Kriegszustand und setzte ohne Rücksicht Militär ein. Die Niederschlagung des letzten Arbeiteraufstandes in Moskau mit Hilfe der Reste der geschlagenen Mandschurei-Armee signalisierte schließlich das Scheitern der revolutionären Bewegung von 1905.

1.2. Bloks Verhältnis zur Revolution von 1905

M.A. Beketova, eine Biographin Bloks, bestätigt, dass „die Ereignisse der Jahre 1904/05 einen Umbruch im Leben des Dichters mit sich brachten“ (M.A. Beketova 1922. 91). Diesem geistigen Umbruch Bloks gingen eine langsame Abkehr von politischer Gleichgültigkeit und ein zunehmendes Interesse an den revolutionären Strömungen in der studentischen Umgebung voraus.

„Hier in der Welt, in Russland, mitten unter uns ereignen sich jetzt sowohl in Moskau als auch in Petersburg seltsame Dinge. Es laufen blasse, alte und junge Leute umher, sie erahnen Umstürze …“, schrieb er am 20. November 1902 an L.D. Mendeleeva (Maksimov 1956. 226).

Noch deutlicher äußert sich seine Haltung zu den herannahenden Ereignissen in einem Brief vom 5. August 1902 aus Šachmatovo an seinen Universitätskollegen, den Komponisten N.A. Mal’ko: „… Besonders bemerkenswert ist dies in unserem Süden. Haben Sie schon von den entsetzlichen Verschwörungen in Penza und Saratov gehört? Ich habe darüber zuverlässige Informationen, weil auch meine Verwandten und Bekannten darunter litten. Die Bauern zünden Güter an. Truppen werden herbeigerufen. Es wiederholt sich dasselbe wie in Poltava und Char’kov. Die Ursache dafür ist irgendein revolutionärer Zirkel. Was die Arbeiter betrifft, sie verschwören sich – so scheint es – an vielen Orten. Überhaupt kann man sehr viel befürchten. Wir werden den Winter über in Petersburg von diesen revolutionären Bauernmassen („Žakerija“) vergleichsweise sicher sein“ (VIII, 41).[1]

Wie das Gedicht „Vse li spokojno v narode?“ vom 3. März 1903 zeigt, schlugen sich solche Stimmungen Bloks auch in seiner Lyrik nieder. D.E. Maksimov weist in seinem Aufsatz „Aleksandr Blok i revoljucija 1905 goda“ (Moskva – Leningrad. 1956) detailliert nach, dass es im Kreis des jungen Blok wenigstens einen Menschen gab, der an sozialen Problemen interessiert war und in dieser Hinsicht auf ihn einen gewissen Einfluss ausgeübt hat. Es war Semen Viktorovič Pančenko, ein philosophierender Komponist und Musiktheoretiker, der anarchistische Utopien über die bevorstehende Ankunft eines „novoe carstvo“ vertrat und seine Zuhörer durch Verheißungen irgendwelcher sozialer Umwälzungen in seinen Bann zog.

Wie aus seiner Korrespondenz mit Blok hervorgeht, könnte er durchaus auf die Entwicklung der politischen Anschauungen des Dichters eingewirkt haben. Den entscheidenden Anstoß für eine Hinwendung Bloks zur gesellschaftlichen Wirklichkeit gaben jedoch die politischen Ereignisse und Entwicklungen selbst.

Aleksandr Blok nahm nicht sofort die Revolution an (hier als konkret-politisches Ereignis verstanden), sondern versuchte zunächst ein seiner Weltanschauung gemäßes Bild dieser Ereignisse zu entwickeln. Es scheint außerdem, dass seine Furcht vor Volksaufständen und „Bartholomäusnächten“ in dieser Zeit eher von einer Naivität und Weltfremdheit seiner politischen Anschauungen zeugt: Erwartungen einer „Bartholomäusnacht“ äußerte Blok in einem Brief an S. Solov’ev im Zusammenhang mit seiner Lektüre von Leonid Andreev’s Krasnyj Smech.

Bloks Interesse an den Revolutionsereignissen nahm im Verlauf des Jahres 1905 immer mehr zu und gipfelte darin, dass er sich einer Demonstration anschloss und eine rote Flagge vorantrug. Ende 1905 schließlich bezeichnete sich Blok in einem Brief (VIII, 141) als Sozialdemokrat. Bloks revolutionäre Begeisterung war jedoch zu diesem Zeitpunkt nur kurzlebig – politische Treffen langweilten ihn und er erkannte, dass er einfach durch die Natur, Qualität und die Gegenstände seiner geistigen Erfahrung unfähig war, ein „Erbauer des Lebens“ zu sein (vgl. VIII, 144).

Blok neigte dazu, die politischen Ereignisse durch das Prisma seiner romantischen und mystischen Weltsicht zu sehen. Wie aus den Aufzeichnungen Evgenij Ivanovs über Blok hervorgeht, äußerte der Dichter wiederholt über die Revolution: „Sie ist ein Mädchen. Dies ist meine Braut“ (Turkov 1969. 74)

Blok, der in seinen politischen Anschauungen idealistisch und unklar war, sah in der Revolution von 1905 vor allem auch einen elementaren, gesellschaftlichen Umbruch:

„… Die lilafarbenen Welten der ersten Revolution ergriffen uns und zogen uns in einen Strudel… Nach dem vorübergegangenen Schneesturm eröffnete sich eine eiserne Leere des Tages, der jedoch fortfuhr, mit einem neuen Schneesturm zu drohen…“. (Tagebuchaufzeichnungen vom 15. August 1917; Zapisnye knižki, 300).

In der Revolution sah der Dichter eine Kraft, die einem Sturm, Gewitter, Erdbeben oder einem Erdrutsch in den Bergen ähnlich ist; er sah in ihr ein entfesseltes, „sich herumtreibendes“, stürmisches Element. Daher zog ihn von jetzt an jede elementare Kraft als eine lebendige Kraft an. Im weiteren Verlauf der Revolution entwickelte Blok sogar eine solche Begeisterung für dieses Ereignis, dass er selbst im Geiste die Entschiedenheit der Volksmassen annahm und sich in den Strudel der Ereignisse stürzen wollte. Im Juni 1905 schrieb er an Evgenij Ivanov: „Ich will Taten, ich fühle, dass sich das Feuer wieder nähert, dass das Leben nicht wartet… ich will viel hassen, ich will härter sein. Das Alte wird zerstört… jemand beginnt, mir eine Waffe zu geben“ (VIII, 131). Im Vorgefühl des Zusammenbruchs der alten Welt sah Blok nicht die klare Perspektive der Entwicklung, er fühlte sich nicht als aktiv Tätiger oder gar nur als Teilnehmer der Ereignisse. Das Gefühl des Untergangs der alten Welt stürzte Blok nicht in Verzweiflung. Er stand im Gegenteil auf folgender Position: ‚mag mich auch der Revolutionswirbel hinwegfegen, es soll eine Revolution sein, „es sollen uns neue Leute ersetzen‘“ (siehe „Podnimalis‘ iz t’my pogrebov“, 5. Strophe, 2. Verszeile; II, 153).

In einem Brief an seinen Vater Aleksandr L’vovič Blok am 30. Dezember 1905 gibt Blok schließlich ein erstes Resümee seiner Erfahrungen mit der Revolution:

Mein Verhältnis zur „Befreiungsbewegung“ äußerte sich beinahe ausnahmslos in liberalen Gesprächen und für eine gewisse Zeit sogar in einer Sympathie für die Sozialdemokraten. Jetzt komme ich immer mehr davon ab, nachdem ich alles in mich aufgenommen habe, was ich kann (aus dem „öffentlichen Leben“), und das verworfen habe, was die Seele nicht aufnimmt. Und sie nimmt beinahe nichts derartiges auf, - so soll sie ihren Ort einnehmen, den zu dem sie strebt. Ich werde niemals ein Revolutionär oder ein „Erbauer des Lebens“ sein, und zwar nicht deshalb, weil ich in diesem oder jenem keinen Sinn sähe, sondern einfach aufgrund der Natur, der Qualität und dem Gegenstand meiner seelischen Erfahrungen (VIII, 144).

Nach dem Sieg der monarchistischen Kräfte trat auch bei Blok Desillusionierung und Verbitterung im Hinblick auf die erhofften Verbesserungen ein. Im Sommer 1909 schrieb er im Rückblick auf die erste Revolution in sein Tagebuch: „Die russische Revolution ist zu Ende. Alle Brände sind abgebrannt, oder die Kelche der Menschenherzen sind verschüttet, und der Wein hat sich wieder in der ganzen Natur aufgelöst und wird die Menschen quälen, die ihn vergossen haben. Die ganze Natur steht wieder unter einem Zauberbann, seit die Menschen nicht mehr verzaubert sind. Es harrt die Weltseele, wieder, wieder“ (Eintrag vom 8. Juli 1909; Zapisnye knižki, 153). Der Eintrag schließt mit der Bitte an „Sie“, wiederzukehren. „Der Leidenskelch der Revolution“, so führt Wörn aus, „wurde nicht bis zur Neige geleert; damit wurde die Erlösung Russlands – der „klassischen“ Geliebten, Weltseele, unerlösten Natur in einem – verspielt“ (Wörn 1974. 316).

1.3. Bloks künstlerische Entwicklung in den Jahren 1904-06

In der sowjetischen Forschung wird wiederholt darauf hingewiesen dass die Revolution von 1905 und von 1917 Blok gerettet habe: „Sie rettete ihn schon 1905, indem sie ihn aus der künstlichen und kranken Welt der Mystiker herausriss“ (Mašbic-Verov 1969. 347 f). Der Weg Bloks sei ein Weg von der Dekadenz zur hohen Kunst, vom „Gift des Modernismus“ zum Leben, von der Dunkelheit zum Licht. Blok habe die Kultur überwunden, die ihn erzogen habe, er habe immer mehr Ideen der demokratischen und revolutionären Kultur aufgenommen. Im Werk Bloks spiegele sich der Kampf zweier Welten, von denen die eine den Dichter in die Vergangenheit, die andere ihm zum neuen Leben und zur Revolution hingezogen habe. Blok habe die Lüge der sterbenden Welt gefühlt und sich daher ihrem zerstörerischen Einfluss entzogen.

Mašbic-Verov’s Bewertung von Aleksandr Bloks Weg als einer Befreiung vom symbolischen Subjektivismus und der Hinwendung zur Realität ist zu vereinfachend und trifft nicht ganz die Wirklichkeit.

Tatsache ist, dass Blok wie zuvor Romantiker blieb, der die Wirklichkeit umgeformt und symbolisch mit äußerster Subjektivität zeichnete. Blok blieb in rein weltanschaulicher Hinsicht Mystiker, und er glaubte bis zuletzt an die Existenz anderer Welten und an die Möglichkeit, sie sinnlich wahrzunehmen und mit ihnen Kontakt aufzunehmen.

In literarischer Hinsicht beginnt Blok sich von seinem „mystischen Denken“ mit dem Mittel der „romantischen Ironie“, welche er nach dem Vorbild der Jenaer Romantiker gestaltete, zu distanzieren. Bisher hatte sich die romantische Erlösungssehnsucht Bloks auf das von ihm selbst geschaffene absolute Prinzip der „Schönen Dame“ gestützt. Dabei suchte Blok die Erlösung auf dem typisch romantischen Wege der Weltflucht und Spiritualisierung. Sein späteres, romantisch, ironisches Abstandnehmen von diesen Hoffnungen bedeutet kein Verwerfen seiner Grundhaltung, nämlich der Suche nach Erlösung aus der Differenziertheit und Widersprüchlichkeit des Daseins. Bloks Ironie richtet sich nur gegen den Weg der mystisch-religiösen Verschmelzung in Visionen und Offenbarungen. Wie Kluge richtig ausführte, zeigte es sich, „dass es für Bloks Grundeinstellung in der Tat nur einer Streichung des religiösen Moments bedurfte, um ein ganz anderes, irrationales, der neueren Lebensphilosophie verwandtes Weltverständnis zum Durchbruch kommen zu lassen“ (Kluge 1967. 64).

Die künstlerische Methode Bloks, die sich von 1904 an in seiner Lyrik herausbildete – zu einer Zeit, als auch Gogol’s Tradition in Bloks Lyrik wirksam wurde – ist wohl am treffendsten vom Dichter selbst als „Mystizismus in der Alltäglichkeit“ und als „mystischer Realismus“ bezeichnet worden (Minc 1972. 131).

Die Methode des „mystischen Realismus“, wie sie sich im Werk und Bewusstsein Bloks ausbildete, ist kompliziert und widersprüchlich. Kennzeichnend ist die starke Ausrichtung des Interesses auf die reale Außenwelt, wobei Themen wie Lebensweise, Politik, Ereignisse des sozialen Lebens eine große Rolle spielen.

Das Wort ‚mystisch‘ deutet auf die Methode der Interpretation und die Wertung des Dargestellten hin.

In Bloks Lyrik ist in dieser Zeit die Tendenz zur „Rehabilitation des Körpers“ und zur hohen Einschätzung der irdischen Welt erkennbar (Minc 1972. 132).

Typisch für die Lyrik Bloks in den Jahren 1903-06 ist die „Ästhetisierung des Bösen“; die Welt erscheint sehr oft als eine Arena der Handlung „infernalischer“ Kräfte (Minc 1972. 132).

Der „Mystizismus der Alltäglichkeit“ enthält „reale“ und „unreale“ Bilder und Situationen.

Das Hauptkonstruktionsprinzip in dieser Lyrik besteht in der Montage von Details, Bildern und Szenen verschiedener Stufen von Glaubwürdigkeit, wobei dieses Prinzip leicht den mystischen Inhalt aufbrauchen kann.

Für das Bloksche Schaffen in den Jahren 1903-06 ist die Erscheinung von polygenetischen Bildern charakteristisch – von Bildern, die zur selben Zeit zu Puškin, Gogol‘ und Dostoevskij führen.

Blok wendet sich bei der Schaffung von ‚Bildern‘ der äußeren gegenständlichen Welt zu; in seiner Lyrik finden sich Naturbeschreibungen („Puzyri Zemli“), Szenen des städtischen Lebens („Gorod“) usw.

Inwieweit diese künstlerische Methode Bloks realisiert ist, wird nun in den einzelnen Gedichtanalysen aufzuzeigen sein.

1.4. Struktur der poetischen Sprache bei Blok

Das Werk Bloks wird durch Themen, durch die Wechselbeziehung von Symbol-Mythen, lyrischen Sujets, sogar lyrischen Zonen – durch alles das, was man nach ihrer umfassenden Bedeutung poetische Integratoren nennen kann – bestimmt (vgl. Maksimov 1975. 329).

Zu den Integratoren in der Poesie Bloks gehören vor allem seine grundlegenden Symbol-Mythen (‚simvoly-mify‘), die in Bildern wie der „Prekrasnaja Dama“ oder „Nočnaja Fialka“ auftauchen.

Darauf beziehen sich auch solche Symbole wie „zori“, „zakaty“, „meteli“, „veter“, „utro“, „noč‘ “ und „zvezdy“. Die Symbole Bloks sind ganz mit subjektivem Gehalt angereichert. Sobald sich diese Symbole im konkreten textuellen Rahmen entfalten, verwandeln sie sich in Mythen – als dynamische Symbole, die Blok aus der kulturellen Tradition übernahm oder selbst schuf. Einen solchen Charakter nämlich weisen die Sujet-Mythologeme vom Ritter und der Dame, Christus, Hamlet und Ophelia auf.

Wie Žirmunskij in seiner Untersuchung über die Poetik Bloks ausführt, besteht die Funktion der poetischen Sprache bei Blok darin, eine allgemeine Grundkonzeption zu irrationalisieren und eine „Welt von mystischen Erfahrungen“ aufzudecken. Hierbei dient die Metapher als Mittel der Entführung in andere Welten: „Wenn der Dichter und Mystiker die Unaussprechbarkeit des göttlichen Erlebnisses erkennt, gibt er das Unaussprechbare mit Hilfe der Metapher, des Symbols an“ (Žirmunskij 1977. 217).

Bei Blok, der seinen Weg bei der liturgischen Sprache begann, haben nicht alle komplizierten metaphorischen Konstruktionen mystischen Sinn. Im Gegenteil dient der ganze Reichtum der metaphorischen Sprache der „räumlichen“ Verkörperung des realen Lebens. Von Anfang bis Ende findet eine poetische Deformierung der Gegenwart im mystisch-theosophischen Geist statt.

L. Timofeev geht davon aus, dass der Dichter immer das Nahekommen einer Epoche von revolutionären Umstürzen und deshalb andauernd „die unversöhnlichen Gegensätze des Lebens“ fühlte. Der besondere Blickwinkel des Poeten äußert sich im „Streben, die Widersprüchlichkeit der Erscheinung zu fühlen, in ihr polare, kontrastierende Seiten zu finden“ (Timofeev 1964. 487, 494). Von daher resultiert denn auch das Werkprinzip der Gegenüberstellung von Erscheinungen, das Prinzip des Kontrasts. Der Kontrast in Bloks Sprache drückt sich aus im Kontrast der Epitheta, der Antonyme und Oxymora.

Die Bloksche Dichtung des Kontrastes bildet den großen Lebenskontrast, den Kampf zweier Welten, ab. So führt das reale Band zwischen Zeitlichem und Zeitlosem zu Bloks abstrakt-symbolischer Sprache mit Konkret-Lebensorientiertem, wie es sich in seinem lyrischen Werk in der Revolutionsepoche (1904-06) ausprägt.

2. BLOKS LYRIK IM ZEICHEN DER VORAHNUNG UND HOFFNUNG AUF EINE HERANNAHENDE UMWÄLZUNG

2.1. „Fioletovyj zapad gnetet“ (II, 38)

Deutlich unter dem Eindruck revolutionärer Aufbruchsstimmung steht das Gedicht „Fioletovyj zapad gnetet“, das Aleksandr Blok am 14. Mai 1904 verfasste. Es fällt auf, dass sich bei einer semantischen Rekonstruktion zahlreiche begriffliche Oppositionen herausarbeiten lassen: so z. B. in der

2. Strophe: Opposition der Himmelsrichtungen „Podnimaem na severe prach, Ostavljaem lazurnost‘ na juge“. (3./4. Zeile) 3. Strophe: Dualismus in der Innen- und Außenwelt „Každyj dušu razbil popolam I postavil dvonjnye zakony“. (3./4 Zeile) 4. Strophe: Ungewissheit über die Zukunft ↔ Offenbarung „Nikomy ne izvesten konec … Nam otkrylos‘ v gadan’i: mertvec Vperedi rassekaet uščel’e.“ (1./3./4. Zeile) Opposition der Stimmungen: „I smjaten’e smenjaet vesel’e“ (2. Zeile).

Der lyrische Sprecher erscheint in diesem Gedicht in der kollektiven Form des ‚Wir‘, die dem abstrakten Prinzip eines „strengen Willens“ gehorchen will (1.Strophe, 1. Zeile). Das Motiv des ‚Panzerhemdes‘ (2. Strophe, 2. Zeile) impliziert Assoziationen an Krieg, Kampf und Aufruhr. Nicht zuletzt jedoch deutet die Farbe ‚violett‘ Beziehungen zu Bloks metaphysischen Welten der Revolution an: „Sie“ (die Revolution) war auch eine der Äußerungen dafür, dass das Gold sich verdunkelte und das violette Zwielicht triumphierte“ („Über den gegenwärtigen Zustand des russischen Symbolismus“, April 1910; V, 431).

In der dritten Strophe des Gedichtes wird mit der Frage, wer „den dunklen Thron besteige“ (3. Strophe, 2. Zeile), auf den möglichen Untergang der Autokratie verwiesen. Als Antwort auf diese Frage erscheint der Hinweis des Dichters auf den inneren Zwiespalt in sich selbst und „das doppelte Gesetz“ um ihn herum (3. Strophe, 3./4. Zeile).

Mit dem Kontrast zwischen subjektiver Ungewissheit und real gegebener Offenbarung endet das Gedicht, das bereits Züge der späteren politischen Revolutionsgedichte Bloks trägt.

2.2. „Podnimalis‘ iz t’my pogrebov“ (II, 133)

Das sieben-strophige Gedicht “Podnimalis’ iz t’my pogrebov” (10. September 1904) vereint die Schilderung düsterer, grauer Stadtatmosphäre und aufbrechender Revolutionsstimmung in sich (siehe 3.3. Exkurs: Vergleich des Revolutionsverständnisses von Blok und Brjusov).

Das Gedicht beginnt mit der Darstellung dahinströmender Arbeitermassen, die mit ‚Spitzhacken‘ und ‚Schaufeln‘ ausgerüstet sind und über die Fahrdämme kriechen, um aus der Erde Palast um Palast zu ‚schieben‘ (2. Strophe, 4. Zeile). In der folgenden Strophe wird dieser Gedanke durch das Bild der „scharrenden wachsenden Welle“ noch verstärkt (3. Strophe, 3. Zeile) und anschließend im Bild des Stromes zu Ende geführt. Gleichzeitig wird das Motiv des „roten Feuers“ in diesem Zusammenhang eingebracht, welches Assoziationen an die Revolution weckt:

„Skoro den‘ gluboko otstupil, V nebe dal’nem rasstavivšij zori. A nezrimyj potok šelestil, Prolivajas‘ v naš gorod, kak v more.” (4. Strophe)

Beim lyrischen Ich stellt sich simultan zu diesen Entwicklungen in der Außenwelt Resignation und Schicksalsergebenheit ein, wobei auffällig ist, dass diese Stimmungen als etwas Vergangenes aus der gegenwärtigen Perspektive gesehen werden.

Immer deutlicher werden die Hinweise auf die herannahende Revolution gegen Ende des Gedichtes: das lyrische Ich, das zunehmend Gewissheit über das zukünftige Schicksal gewinnt, nimmt die „Sonne aus Feuer“, die ein „strahlendes Sterbehemd“ webt, wahr (6. Strophe, 3./4. Zeile).

Das Ende des Gedichtes (7. Strophe) verknüpft elementares Walten gigantischen Ausmaßes mit einer apokalyptischen Untergangsvision. Bemerkenswert ist, dass durch die eindrucksvollen Bilder des „rasenden Drachen“ und des „lodernden Höllenvulkans“ (7.Strophe, 1./2. Zeile) der Aspekt des elementaren Wirkens und der elementaren Leidenschaft zu diesem Zeitpunkt eingeführt wird. Auch hier wird ein in der politischen Wirklichkeit noch bevorstehendes Geschehen in der Vergangenheitsform abgehandelt, womit das Gedicht den Anschein der Retroperspektive erhält:

„Ne stereg isstuplennyj drakon, Ne pylala pod nami geenna. Zatopili nas volny vremen, I byla naša učast – mgnovenna“ (7. Strophe)

2.3. Ee Pribytie

2.3.1. Rückblick auf Bloks bisheriges Weltverständnis

Ee Pribytie (II, 50-56) ist ein unvollendetes Poem Aleksandr Bloks aus dem Jahre 1904. Wie aus den Kommentaren des Dichters über das Poem ersichtlich ist, hielt er es selbst für misslungen. In der Tat ist die Mehrzahl der Bilder von Ee Pribytie und der Titel des Poems, das im Manuskript mit „Pribytie Prekrasnoj Damy“ überschrieben ist, so eng mit den Stimmungen und Ideen des ersten Buches verbunden, dass in den Tagen des Herannahens der Revolution – in einer Periode, als „Fabrika“ (24. November 1903), „Podnimalis‘ iz t’my pogrebov“ (10. September 1904) entstanden und als bereits der antimystische „Balagančik“ (1906) heranreifte – das Gedicht beinahe als voller Anachronismus erscheint.

Im Zentrum des Poems steht, wie schon bemerkt, die Ankunft der „Schönen Dame“ und – der Revolution. Die Thematisierung der mystischen Erwartungen des ersten Buches und der politischen Hoffnungen des Vorabends der Revolution ist eine Erscheinung, die sehr charakteristisch für Bloks Werk von 1904 und doch wiederum sehr untypisch für den Autor der „Gedichte über die Schöne Dame“ ist.

Wie uns bekannt ist, entwickelte Vladimir Solov’ev in seinen philosophischen Aufsätzen die Auffassung, dass sein mystisches Ideal der „Ewigen Weiblichkeit“ nicht nur außerhalb des eigenen „Ich“ existiert, sondern auch allgemein relevant ist in dem Sinne, dass die „Deva Radušnych Vorot“ der ganzen leidenden Menschheit den „Frühling“ bringen und das mystisch-utopische Reich der „geistigen Menschheit“ schaffen soll. Die religiösen Ideen des ihm nahen, späten Dostoevskij bezeichnete Vl. Solov’ev in direkter Weise als „gesellschaftliche Ideale“ (vgl. Minc 1963. 165). Jedoch bestand einer der hervorstechendsten Merkmale der idealistischen Philosophie Solov’ev’s gerade in der Subjektivität und der individualistischen Natur ihres Ansatzes. In der Dichtung Solov’ev’s ist es das lyrische „Ich“ des Autors, das die leidende und zur seelischen Wiedergeburt strebende Menschheit repräsentiert und letzten Endes ersetzt.

In diesem Sinne ging Blok in seinen „Gedichten über die Schöne Dame“ noch weiter als Vl. Solov’ev. Das politische und sogar „mystisch-gesellschaftliche“ Thema spielt in den „Gedichten über die Schöne Dame“ keine Rolle. Das lyrische „Ich“ tritt ganz im Sinne der romantischen Traditionen in Erscheinung. Manchmal fällt ihm die Rolle des Propheten oder des Führers „riesiger Menschenmassen“ zu („Ja šel – i vsled za mnoju šli…“, 1. Januar 1902; I, 155) oder es ist – etwas häufiger – einer von wenigen Auserwählten, die anderen voran auf die Erreichung eines Ideals zustreben.

Im Unterschied dazu vermittelt der Zyklus „Rasput’ja“ (1902-04; I, 239-323) ein anderes Bild. Zunächst fällt auf, dass hier die Bilder der Menschen und des Volkes unter positiven Vorzeichen aufzutauchen beginnen. Nicht weniger bedeutend ist auch, dass in einer Reihe von Gedichten, die sich mit dem früheren Problemkreis der Enttäuschung über die unerfüllten mystischen Hoffnungen und des Glaubens an ihre zukünftige Wiederbelebung befassen, ein vollkommen neues Verständnis des Ideals, dem der Dichter dient, entwickelt wird. Gerade in dem Augenblick, als der Dichter hinsichtlich seiner mystischen Hoffnungen desillusioniert wird, beginnt Blok diese Hoffnungen nicht nur als die eines Auserwählten auf dessen alleiniges Glück, sondern auch als Hoffnungen der Menschen auf ein allgemeines Glück zu verstehen.

In der gleichen Weise ist auch das Bild des einsam nach der Vollendung strebenden Dichters den in den späteren Gedichten Bloks auftretenden Bildern der „großen Schiffe“, die zur Suche des allgemeinen Glückes aufgebrochen sind, unähnlich. In einem Gedicht an „A.M. Dobroljubov“ (10. April 1903) nennt er die Ideen, an die er – mit der ständigen Furcht, enttäuscht zu werden – glaubt, „vselenskoe delo“ (I, 275, 13. Zeile). Dasselbe finden wir auch in einer ganzen Reihe von Gedichten von 1903 bis 1905, die in den zweiten Lyrikband Bloks eingegangen sind. In Gedichten des Typs „Devuška pela v cerkovnom chore“ (August 1905; II, 79) ist es fast unmöglich zu verstehen, ob mystische Hoffnungen oder Hoffnungen auf eine Transformierung des Lebens thematisiert werden, oder ob von der Revolution oder von einer Enttäuschung über „Sie“ die Rede ist.

In Bezug auf die Bilder aus den „Rasput’ja“ und dem zweiten Band lässt sich feststellen, dass sie eine rein mystische Deutung wohl übersteigen.

Wie Z. Minc überzeugend aufzeigt, verlief in den Jahren des Herannahens der ersten russischen Revolution das geistige Suchen Bloks in zwei Richtungen. Der erste und grundlegende Prozess, um den es sich hier handelt, ist die Loslösung von der Solov’ev’schen Eschatologie und die auf komplizierten Wegen voranschreitende Hinwendung zur realen Außenwelt. Der zweite, ohne dessen Verständnis eine differenzierte Auffassung des Blokschen Werkes aus diesen Jahren unmöglich ist, bestand in dem Versuch, „den idealistischen Glauben an das mystische Ideal und den Glauben an die Revolution miteinander zu versöhnen“ (Minc 1963. 168). Dabei wird besonders akzentuiert, was die Solov’ev’sche Philosophie mit beliebigen utopischen Ideen verbindet, nämlich die Hoffnung auf das zukünftige Glück der Menschen. Die Auffassungen Bloks in den „Rasput’ja“ haben schon nicht mehr so sehr mystisch-individualistischen, als mystisch-utopischen Charakter, wobei sich in ihnen gegen 1904/05 vorrangig das utopische Element abhebt.

2.3.2. Bloks Weltverständnis im Umbruch (Herausarbeitung einzelner Aspekte in Ee Pribytie)

Am klarsten zeichnete sich eine ähnliche Weltauffassung im Gedicht „Deve – Revoljucii“ (1906) und in der Verserzählung Ee Pribytie ab. In Ee Pribytie wird der leidenschaftliche utopische Traum von der Ankunft der ‚Unverhofften Freude‘ auf Schiffen dichterisch ausgestaltet. Jedoch finden sich in Ee Pribytie Ansätze zur Umdeutung der Solv’ev’schen Gehalte und – was hier noch wichtiger ist – die Überwindung dieser Ideen hat keineswegs eine allgemeine Behandlung des vielschichtig angelegten Themas zur Folge. Am traditionellsten erscheint die Darstellung negativer, dem Menschen feindlich gesonnener Kräfte. Dabei ist bemerkenswert, dass Blok – was sein Verständnis der Natur des gesellschaftlichen Übels betrifft – auch weiterhin nicht mit mystischen Konzeptionen brechen kann. Schon in den „Rasput’ja“ war Blok trotz seiner Hinwendung zur „Alltäglichkeit“ geneigt, sie mystisch als Erscheinung dämonischer Kräfte des Übels zu deuten.

So enthüllt sich in den ersten Gedichten des Zyklus „Gorod“ (1904-08; II, 139-209) die dem Dichter gegenwärtige Wirklichkeit noch folgerichtiger nicht einfach als böse und ungerecht, sondern als Schauplatz dämonischer Kräfte. Die nächtliche Stadt ist vor Ort der lasterhaften Spiele der Schlange und der Vergnügungen der mystischen Unbekannten aus dem gleichnamigen Gedicht.

Auch in Ee Pribytie erfährt die Natur des Bösen eine mystische Deutung. Schon in der poetisch anmutenden Beschwerde der ‚Arbeiter auf der Reede‘ („Rabočie na rejde“, II, 50/51) klingen charakteristische, phantastisch anmutende Motive der Zauberei an, wobei das Motiv der ‚Sirene‘ ambivalent erscheint:

„Očarovannyj sirenoj, Trud naš medlennyj tjažel -.“ (II, 50; 3./4. Zeile)

Am Ende des ersten Gedichtes tauchen erneut phantastische Bilder des Übels auf, das die Menschen verzaubert hat.

Weit bemerkenswerter jedoch sind im ersten Gedicht die Bilder, die mit der Welt der positiven Vorstellungen Bloks korreliert sind. An erster Stelle stehen hier die Menschen dieser Welt – die ‚Arbeiter auf der Rede‘ und die Matrosen, die auf Schiffen ausgefahren sind, um das allgemeine Glück zu suchen. Schon in „Rabočie na rejde“ wird ein interessantes „kollektives Portrait“ von den Arbeitern gezeichnet. Der Anfang des Gedichtes, der die Klage über die Schwere der ‚verzauberten Arbeit‘ enthält, bringt die Helden dieses Gedichtes in die Nähe der Arbeiter aus dem Gedicht „Fabrika“ (24.11.1903), in die Nähe der „Armen“, die schreckliche und unbekannte Feinde betrogen. Aber diese Ähnlichkeit wird im weiteren Verlauf des Gedichtes abgebaut. Die Konzeption im Gedicht „Fabrika“ ist noch unlösbar mit den Gedichten Bloks verbunden, die unter dem Einfluss des Solov’ev’schen Ideengutes stehen. Der Hauptkontrast, auf dem das Gedicht basiert, ist der Kontrast zwischen der im Text nicht abgebildeten hellen Welt hoher geistiger Ideale und der in ihm abgebildeten düsteren, realen Außenwelt. Letztere kann – als die Welt der Schatten – für den „Anhänger Solov’ev’s“ nach ihrer inhaltlichen Natur nicht wirklich ganzheitlich sein. Tatsächlich kann Blok in dieser Welt der Schatten vollkommen verschiedene, zuweilen entgegengesetzte Silhouetten unterscheiden: die Herren, die Quellen des Übels, und ihre Opfer – das „Volk“. Die Arbeiter erscheinen dabei als Opfer des in der Welt herrschenden Übels und der Ungerechtigkeit. Mehr als einen abstrakten Humanismus, als ein leicht erwachendes Mitleid mit diesen „Schatten“ konnte Blok jedoch nicht entwickeln.

Eine vollkommen neuartige Tendenz zeichnet sich in einer Reihe von Gedichten der Jahre 1904/05 ab, wie sie auch in Ee Pribytie offenkundig wird. Die frühere, „Solov’ev’sche“ Antithese von der hohen geistigen und der niederen, materiellen Welt beginnt von einer neuen Konzeption abgelöst zu werden: der Dichter versucht hier, in dieser Welt, den grundlegenden Lebens- und Daseinskonflikt zu sehen. Auch wenn es dem Dichter nicht gelingt, das irdische Übel adäquat aufzuzeigen, so durchdringt jedoch immer mehr die demokratische Idee vom Menschen als höherem Wert seine Dichtung – und damit auch die Idee der Natur. Dies ist besonders deutlich auch in Gedichten wie „Barka žizni vstala“ (Dezember 1904) zu sehen. Am meisten vermutlich ist diese Tendenz in Ee Pribytie ausgeprägt. Die Beschwerde der Arbeiter im ersten Gedicht wird unerwartet zu einem Lob der Kraft der „Verzauberten“, die ihren Glauben an das Ideal der Brüderlichkeit noch nicht verloren haben:

„Vse my blizki, vse my brat’ja Tam na rejde, v čas mečty!” (II, 50, 15./16. Zeile)

Die weitere Erzählung von den Arbeitern wird auf den bestehenden Kontrasten zwischen deren schwerem Los und ungebrochenem Willen entwickelt.

Diese Heroisierung der sagenhaften Kraft der arbeitenden Menschen zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Verserzählung. Nicht weniger interessant im Poem ist auch die allgemeine Charakteristik des irdischen Lebens und der diesseitigen Welt.

Das zweite Gedicht des Poem „Tak bylo“ (II, 51) beginnt mit einer bemerkenswerten Hervorhebung des positiven Wertes des Lebens und der Gegenüberstellung des Todes:

„Žizn’ byla stremlen’em. Smert‘ byla pričinoj…“ (1./2. Zeile)

Sehr interessant ist auch die Umdeutung des für die Poesie des jungen Blok charakteristischen Bildes der Schönheit als Ziel des menschlichen Strebens, die der Dichter im sechsten Gedicht („Korabli prišli“) vornimmt:

„To – zemlja, o, deti strasti, Deti bur’, - ona za vas! -“

(II, 55, 5. Strophe, 1./2. Zeile)

Die ‚Erde’ hat hier nicht nur die Bedeutung des traditionell romantischen Bildes des erreichten Glückes als ein Antonym zum „stürmischen Meer” des Kampfes und der Leiden. Die ‚Erde‘ ist hier auch ein Begriff, der aus einem diesseitsbezogenen Weltverständnis hervorgeht – ein Antonym zum ‚Himmel‘. Nicht umsonst ist die ‚Erde‘ eine Komplizin der Leute. Schließlich bedeutet die ‚Erde‘ auch ‚Heimat‘ – ein Bild, das eine immer größere Rolle in der Dichtung Bloks zu spielen beginnt. Als höchste Belohnung und höchstes Ziel aller Bestrebungen erscheint nicht der Himmel, sondern die ‚Mutter Erde‘, an die die Schiffe festgebunden sind, nachdem die „Neždannaja Radost‘“ des allgemeinen Glückes gefunden ist. So kommen zum ersten Mal bei Blok in Verbindung mit der Absage an scheinbar mystische Werte die Themen der ‚Erde‘, des Volkes und der Heimat als reale Werte auf.

Nicht weniger wichtig ist auch die Bestimmung der ‚schönen‘ Menschen als ‚Kinder der Leidenschaft‘. Die Welt des positiven Ideals in den „Gedichten über die Schöne Dame“ ist immer in den charakteristischen Tönen der „Freude“ und der „Fröhlichkeit“ gezeichnet, ist immer klar und farbenprächtig. Schließlich ist das ethische Ideal Bloks untrennbar mit dem ästhetischen verbunden, wie im Zyklus der „Gedichte über die Schöne Dame“ zu erkennen ist. Sein Ideal suchte der junge Blok ständig in der Synthese von „Wahrheit, Gutem und Schönheit“. Kennzeichnend für die „Gedichte über die Schöne Dame“ ist die Tatsache, dass das Empfinden zutiefst irdischer Gefühle – z. B. irdischer Leidenschaft – und die Vorstellung von der „Prekrasnaja Dama“ absolut unvereinbar waren. Dagegen ist das positive Ideal des Menschen in Ee Pribytie in weitaus helleren Tönen gezeichnet und in noch größerem Maße als in den „Gedichten über die Schöne Dame“ ein harmonisches Ideal. Nicht zufällig heißt das Glück, nach dem die Matrosen jagen, „Neždannaja Radost‘“.

Im vierten Gedicht des Gedichtzyklus („Golos v tučach“. II, 52-54) tritt ebenfalls das Motiv der Freude und Fröhlichkeit mehrmals auf. Jedoch ist diese Freude jetzt in weitaus realere Töne als im ersten Buch gekleidet. Die Menschen sind die ‚Kinder der Leidenschaft‘, ihre Schönheit ist irdischer Natur. Dies ist besonders klar im letzten Gedicht zu sehen:

„Bujnye tolpy, v predčuvstvii sčast’ja Vyšli na bereg vstrečat‘ korabli.“

(II, 56, 6. Strophe, 3./4. Zeile)

oder auch in der letzten Strophe, die das Bild des irdischen und leidenschaftlichen Glückes einführt:

„Plyli, peli i more p’janelo…“

(II, 56, 8. Strophe)

Das Glück erscheint harmonisch und allumfassend wie auch die harmonischen Bilder der Menschen in Ee Pribytie, die nicht nur schön, sondern auch ethisch gut sind. Darin aber besteht der Kernunterschied der Arbeiter in diesem Gedicht zu den arbeitenden Menschen in „V kabakach, v pereulkach, v izvivach…“ (II, 159, 160). Die letzteren sind nur die unendlich Schönen und erinnern in ihrer Darstellung deutlich an den Bal’mont’schen Individualismus.

Aber noch ein weiteres Moment ist in Ee Pribytie von Bedeutung. Die ersten Kontakte Bloks mit der Wirklichkeit bewirken beim Dichter eine scharf ablehnende Haltung zur Stadt und zur Technik als einem Symbol des bürgerlichen Fortschritts. In einem Brief an Evgenij Ivanov schreibt Blok über Petersburg, die Stadt sei ein „poganoe gniloe jadro, gde naša udal‘ maetsja i čachnet“ (VIII, 130). Jedoch bereits in den Jahren 1904/05 befriedigte ihn eine solche „dekadente“ (in der Terminologie Bloks) Auffassung von der Stadt nicht mehr und er suchte deshalb Aufhellung in seiner Beziehung zur Welt der Technik.

In der Verserzählung Ee Pribytie stellt das fünfte Gedicht „Korabli idut“ (II, 54) einen Hymnus auf die Macht und Schönheit der Technik dar. In erster Linie unternimmt Blok jedoch den Versuch, die menschliche Bedeutung der Technik zu zeigen und sie in seiner Dichtung zu rehabilitieren:

„O, cvetonosnye stebli morej, majaki! Vaš prozektor – cvetok!“ (1. Strophe, 1./2. Zeile)

„Vaši stebli, o cvet okeana, krepki! I silen ėlektričeskij tok! I luči obeščajut spasen’e Tam, gde gibnut matrosy!“ (II, 54, 2. Strophe)

Für einen Augenblick taucht die Antithese von der Natur als einem echten Wert und der unwahren, „getäuschten“ Welt, die vom Menschen geschaffen ist, auf:

„Ty nam mstiš‘, ėlektričeskij svet! Ty – ne svet ot zari, ty – mečta ot zemli!” (6. Strophe, 1./2. Zeile)

Vergleiche dazu den Entwurf:

„Ty goriš‘, ėlektričeskij svet Gorodov i poslednich vremen.“ (II, 359).

Aber die These von der Macht und Humanität der Technik durchbricht dieses Motiv in den folgenden Versen:

„No v tumannye dni ty pronzaeš’ lučom Beznačal’nyj obman okeana… I nadežnej tebja nam tovarišča net… … Pust’ chranit ot podvodnych cudovišč Ėlektričestvo – naša zvezda! Čerez burju, skvoz’ v’jugu – vpered! Ėlektričeskij svet ne umret!“ (II, 54-55, 6.-9. Strophe).

Das Verständnis des irdischen Lebens als höheren Wert, das “Renaissance-Ideal” des harmonischen Menschen, das sich nun auch in den Menschen des Volkes manifestiert, der Glaube an die Erreichbarkeit irdischen Glückes und schließlich erste Gedanken über die humane Rolle der Technik – alles das zeugt davon, dass Blok schon am Vorabend von 1905 Einflüsse anderer weltanschaulicher Systeme zu erfahren beginnt, die mit dem Solov’ev’schen Mystizismus und dem Subjektivismus der „Dekadenten” nur noch wenig zu tun haben. Gerade aber im Verständnis der Kräfte, die dem Bösen gegenüberstehen, ist der Dichter sehr widersprüchlich. Auf der einen Seite zeichnet er seine Helden – Arbeiter und Matrosen – nicht nur als harmonisch schöne, sondern auch als heroische Menschen: die Arbeiter sind nicht nur ‚Kinder der Leidenschaft‘, sondern auch mutige und tapfere ‚Kinder der Stürme‘ (II, 55; 5. Strophe, 1./2. Zeile).

Auf der anderen Seite aber kann sich Blok nicht von Vorstellungen darüber lösen, dass gewisse übermenschliche, „höhere“ Kräfte den Menschen Glück zuteilwerden lassen und im Augenblick der höchsten Anspannung des Kampfes mit dem Bösen eingreifen. Zuerst ist dies eine „prophetische Stimme“, die in der endgültigen Fassung als „frohes Lied“ des Sturmes verschlüsselt wird (II, 53; 3. Strophe, 3. Zeile), im Entwurf aber zu irgendeinem Propheten gehört:

„I vot, kak posol narastajuščej buri Starik neznakomyj javilsja tolpe On byl ispolin …“ (II, 393, 2. Strophe, 3./4. Zeile. 3. Strophe, 1. Zeile).

Und dennoch wird die Möglichkeit gegeben, diese Sicht rational zu interpretieren:

„... Na utesistoj kruče Toržestvennyj profil’ voznik i pogas To moln’ja sverknula v razorvannoj tuče, A možet byt‘ – moln’ja v rasščelinach glaz.“ (II, 393, 3. Strophe, 1.-4. Zeile).

Im weiteren Verlauf tauchen erneut in den Entwürfen besonders Bilder „höherer“ mystischer Kräfte auf, die den Menschen Glück bringen. Nach dem ursprünglichen Vorhaben des Dichters sollte das Poem mit einer Ankunft der „Schönen Dame“ auf der Erde enden („… Pribytie Prekrasnoj Damy“. Blok vollendete diesen Teil jedoch nicht, und der Hinweis auf den Propheten verschwand nicht zufällig bei der endgültigen Abfassung des vierten Gedichtes.

So erfährt die grundlegende thematische Linie – die Ankunft des Reiches des allgemeinen Glücks auf Erden – gewisse Veränderungen durch den Autor.

Zunächst wird der Konflikt als Zweikampf der mystischen Kräfte des Guten und des Bösen behandelt, in dem die Helden eine passive und untergeordnete Rolle spielen: sie sind entweder Opfer des Bösen oder genießen das ihnen zuteil gewordene Glück. Aber noch im Verlauf seiner Arbeit am Poem lässt Blok seinen „irdischen“ Helden im Zeichen der herannahenden Revolution eine immer bedeutendere Rolle zuteilwerden. Der Konflikt nähert sich den Kollisionen der „Schrecklichen Welt“: den „außerirdischen“ Kräften des Übels stehen hohe menschliche Werte gegenüber. Es ist hier völlig offensichtlich, dass Blok in den Jahren der Revolution noch sehr in der Tradition früherer Auffassungen und Konzeptionen steht. Blok versuchte in der Tat eindeutig mystische Szenen zu beseitigen; er hätte jedoch diese Szenen durch etwas anderes ersetzen müssen. Solange aber dies dem Dichter nicht in überzeugender Weise gelang, konnte er die Mystik nur durch Unklarheit und Unbestimmtheit ersetzen – ein Mangel, an dem auch die Mehrzahl der nicht-mystischen Szenen des Poems leidet. Die „mystische Trägheit“ der Dichtung Bloks in diesen Jahren (im Unterschied zum Zyklus „Rasput’ja“) wurde nicht nur durch den Rückgriff auf frühere Konzeptionen, sondern auch die Abwesenheit neuer positiver Konzepte der Wirklichkeit offensichtlich. Blok erkennt nicht die sozialen Gründe der Existenz des Bösen in der Welt und hat nur einen geringen Glauben an die im Menschen vorhandenen schöpferischen Möglichkeiten.

Auf seiner Suche nach Wegen des Ersatzes einer ungerechten Welt durch eine gerechte bietet Blok unterschiedliche und widersprüchliche Lösungen an. Sehr oft stellt man in der Fachliteratur die abstrakt-humanistischen Überlegungen Bloks über das ironisch geäußerte ‚Mitleid‘ zu den Satten (siehe letzte Strophe der „Satten“!) und über den friedlichen Übergang von der alten zur neuen Welt (siehe „Podnimalis‘ iz t’my pogrebov“!) heraus. Aber in den Gedichten dieser Periode gibt es auch eine andere Schau der Revolution. Wie wir bei der Behandlung ausgewählter Gedichte des Jahres 1905 noch sehen werden, wird die Revolution als ein blutiger Kampf, in dem Opfer und Untergang unausweichlich sind, dargestellt. Dabei geht Blok im Jahre 1905 nicht so weit, dass er die historische Notwendigkeit einzelner Opfer im Namen des ‚Ganzen‘ versteht oder gar rechtfertigt (im Unterschied zu Dvenadcat‘!). So entstehen einerseits Gedichte, in denen sich die Darstellung des Entsetzens über den Untergang mit der Wahrnehmung einer äußeren, dekorativen Schönheit des Abgebildeten verbindet (siehe „Šli na pristup…“ (II, 59)), oder auch Gedichte (wie „Den’poblek…“ (II, 158) und „V goluboj dalekoj spalenke…“ (II, 83)), in denen sich eine rein „ästhetische“ Abbildung des Todes findet.

Auf der anderen Seite wird das Entsetzen über den Untergang auch mit mystischen Gedanken über den Tod als der „wahren Freiheit“ (siehe Interpretation von „Miting“!) verknüpft. Aber als Ergebnis dieses widersprüchlichen Suchens finden wir eine ganze Reihe von Ansätzen zur Rechtfertigung der Revolution.

Hierunter ist auch das Poem Ee Pribytie zu zählen, in dem Blok neue Aspekte des Revolutionsthemas herauszuarbeiten versucht. Er nimmt nicht das Motiv der Bedeutung menschlicher Leiden auf oder beginnt den Wert des Lebens fühlbar zu machen, sondern er will die unausweichliche Rauheit des Kampfes um das Glück zeigen. Da aber die realen Formen dieses Kampfes Blok erschrecken, ist er bestrebt, den Kampf in der allgemeinsten, von den Schrecken des wirklichen Lebens gereinigten Form zu zeigen (siehe den Zweikampf der Matrosen mit dem Sturm!). Die Spannung bei der Suche nach dem Glück bleibt im Poem erhalten, wird aber aus der realen in eine betont romantische Sphäre gehoben und dadurch „gerechtfertigt“ und poetisiert:

„Gudel okean, i lochmot’jami peny Švyrjalis’ morja na stvoly majakov, Protjažnoj mol’boj zavyvali sireny: Tam burja nastigla suda rybakov.“ (II, 54, 1.-4. Zeile)

In diesem allgemeinen Bild ist auch der Tod (der „entkräftete Leichnam“ des ertrunkenen Matrosen) nicht „ästhetisiert“ oder mystifiziert, erscheint aber auch nicht tragisch, sondern wird „Teil eines nicht lebendig realen, sondern eines allgemein-symbolischen Ganzen“ (Minc 1963, 178).

Festzustellen ist jedoch, dass in der Verserzählung optimistische, nicht utopische Töne vorherrschen. Die Frage, auf welchen realen Wegen das allgemeine Glück erreicht wird, bleibt ohne Antwort – aber eben dieses Glück manifestiert sich im charakteristischen Bild der „Neždannaja Radost‘“.

Wie Remenik richtig bemerkt, versucht Blok im Poem zum ersten Mal epische Bilder zu schaffen, d.h. Bilder, die nicht diesen oder jenen Aspekt des Dichter-Ichs entfalten, sondern das Wesen irgendwelcher Ereignisse, die sich um ihn herum entwickeln, zum Ausdruck bringen sollen (vgl. Remenik 1959. 15). Aber die Bilder des Poems sind entweder Bildsymbole (z.B. „Sturm“, „Schiffe“) oder Bilder von Erscheinungen „im allgemeinen“. Charakteristisch zum Beispiel ist die Abwesenheit von Bildern einzelner Menschen. Was die Erzählung über den Weg der „Schiffe“ betrifft, so enthält sie viel Traditionelles – und nach der Meinung sowjetischer Literaturkritiker auch viel Künstliches.

2.3.3. Beurteilung des Poems anhand textexterner Daten

Blok selbst fühlte die künstlerische Unzulänglichkeit vieler Stellen des Poems. In einem Brief an A. Belyj vom 23. Dezember 1904 bekennt er dies und führt dann weiter aus, dass „Sie auf dem Schiff ankommen solle“. Blok beschreibt dazu die Details dieser Szene folgendermaßen:

Auf dem Schiff befindet sich eine Tonne – eine sehr einfache – sie befindet sich zwischen anderen Kürbissen und Fässchen. Im Fass ist ein Kind. Alles das ist nur ein Skelett, aber auf dem Skelett erschien ein ganz realer, schrecklich dummer, guter, zottiger, junger Hund mit einem lilafarbenen Bauch, auf dem Flöhe herumlaufen. Wenn ich gerecht bleibe, dann ersetze ich das Kind in der Tonne nämlich durch einen solchen jungen Hund (VIII, 115).

Hier stellt sich natürlich die Frage, warum ein Kind, das sich überraschend in einen jungen Hund verwandelt hat, die „Schöne Dame“ begleitet. Eine Antwort auf diese Frage finden wir im Bild des Kindes, als dem „Teilhaber von Geheimnissen“ im Gedicht „Devuška pela…“ und besonders in den Zeilen des Gedichtes „Ty prochodiš‘ bez ulybki“:

„Ja choču vnezapno vyjti I voskliknut‘: „Bogomater‘! Dlja čego v moj černyj gorod Ty Mladenca privela?“ (II, 177, 5. Strophe, 1.-4. Zeile)

Es stellt sich außerdem die Frage nach der Bedeutung der Figur Christi, die auch die Rettung der Menschheit am Ende des Gedichtes symbolisieren sollte. Wie bekannt ist, erfuhr Bloks Verhältnis zu Christus in der Zeit der herannahenden Revolution eine nachhaltige Verschlechterung kurz vor der Niederschrift des oben zitierten Briefes bekannte er Belyj, dass das Bild Christi ihm fremd und fern sei:

„Christus, ich weiß dies, war niemals bei mir, liebkoste und erschreckte mich nicht, gab mir niemals ein Spielzeug, aber ich hatte immer Launen und verlangte Spielzeuge.“ (VIII, 103)

Das Streben des Dichters, die ihm ferne Askese des Christentums zu überwinden und gleichzeitig die Idee des Guten und der Menschlichkeit, die im Bewusstsein Bloks mit dem Christentum verbunden ist, zu erhalten, ließ ihn „seinen natürlichen Christus“ (II, 21) suchen, d.h. im Wesentlichen, wie Minc treffend bemerkte, „die ‚gute‘ Natur, die der Welt der Menschen entgegengesetzt ist, pantheistisch vergöttlichen“ (Minc 1963. 179).

Im Vorwort zum Sammelband Nečajannaja Radost‘ schreibt Blok:

„Die erwachende Erde führt an die Waldränder kleine flauschige Wesen hinaus. Ich fasste zu ihnen nur dafür Zuneigung, dass sie gutmütige und stumme Wesen sind durch die Anhänglichkeit einer stummen, in sich selbst gekehrten Seele, für die die Welt eine Schaubude, eine Schande ist.“ (II, 369).

Diese für Blok in den Jahren 1904/05 charakteristische Vermischung mystischer und gesellschaftsbezogener Vorstellungen (Antithese: ‚Natur‘ – ‚Stadt‘) ließ ihn auch das Kleinkind durch den „kleinen, flauschigen, jungen Hund“ ersetzen. Dieser junge Hund ist der Träger eines guten Anfangs, aber nicht der „Träger eines entrückt-asketischen, sondern eines einfachen, lieben und nahen Anfangs. Der junge Hund ist für Blok deshalb „menschlicher als Christus““ (Minc 1963. 179/180). Aber das im Poem nicht realisierte Bild des jungen Hundes hatte noch einen anderen Sinn. Der ganze Umstand seiner Erscheinung „zwischen den anderen Kürbissen und Fässern“, sein Anblick: „Der flauschige, junge Hund mit dem lilafarbenen Bauch, auf dem Flöhe herumlaufen“ – alles dies hebt vor allem das reale Element in der Blokschen Charakteristik dieses eigentümlichen Helden hervor. Auf der einen Seite trachtet Blok danach, von der abstrakt-symbolischen Darstellung des „Lebens überhaupt“ zur Schau des gegebenen und unwiederholbaren Daseins zu gelangen. Auf der anderen Seite charakterisieren die „realen“ Details des Daseins nicht eine vom Dichter abgelehnte, sondern im Gegenteil eine positive Welt. Die Idee vom Wert des Irdischen, die im Poem nur deklarativ ausgedrückt ist, musste – so Minc – „eine praktische künstlerische Lösung erhalten, musste sich im Gewebe des Bildes als Vorstellung der Vereinbarkeit des „hohen“ Wesens der Erscheinung und ihres konkreten, nicht wiederholbaren, wirklichen Aussehens verkörpern“ (Minc 1963. 180).

Im Jahre 1904 war Blok noch nicht in der Lage, diese Aufgabe zu lösen. Jedoch ist eine der wichtigsten Entwicklungslinien in der Dichtung Bloks mit der Vorstellung verknüpft, dass alles, was mit dem realen Leben des Menschen verbunden ist, der Dichtung würdig ist.

[...]


[1] Angaben, wie z. B. VIII, 41 bezeichnen den betreffenden Band der Blok-Werke und die betreffende Seitenzahl.

Ende der Leseprobe aus 57 Seiten

Details

Titel
Das Revolutionsverständnis Alexandr Bloks in seinem lyrischen Werk von 1904 bis 1906
Untertitel
Eine Untersuchung auf der thematischen Ebene unter Berücksichtigung der Sprache Bloks
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Autor
Jahr
1979
Seiten
57
Katalognummer
V317041
ISBN (eBook)
9783668163577
ISBN (Buch)
9783668163584
Dateigröße
724 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
revolutionsverständnis, alexandr, bloks, werk, eine, untersuchung, ebene, berücksichtigung, sprache
Arbeit zitieren
Burkard Weth (Autor), 1979, Das Revolutionsverständnis Alexandr Bloks in seinem lyrischen Werk von 1904 bis 1906, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317041

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