Diese Arbeit versucht, die verschiedenen Perspektiven von Hilde Spiels Wienbild (und der Wiener) zu untersuchen, die zwischen persönlicher Meinung, künstlerischer Betrachtung und wissenschaftlicher Analyse wechseln und geht in einem Exkurs der Frage nach, ob es in Spiels Verständnis eine spezifische österreichische Nationalliteratur gibt.
Hilde Spiels Wien- und Österreichbild im Allgemeinen war seit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und der daraus folgenden Emigration ein zwiespältiges. Einerseits war für sie Wien ein sicherer kultureller Hafen, zu dem sie aus der Emigration immer wieder zurückkehrte, andererseits war es ein Ort voller antisemitischer Stimmungen und Gefahren, vor denen sie gezwungen wurde zu fliehen. Erst im Jahre 1963 entschloss sie sich, wieder nach Wien zurückzukehren und fortan hier zu leben.
Ihre telegrammartigen Tagebuchaufzeichnungen von 1946, die sie in einem BBC – Kalender verfasste und der sich heute im Besitz des Österreichischen Literaturarchivs befindet, offenbaren ihre nicht selten pathetischen Gefühle über die Rückkehr nach Wien: „Heiligenstadt unchanged. Walked in sinking light. Heartbreak beyond words.“ Sie hat sich wohl zeitlebens mit keinem anderem Thema derart intensiv wie mit Wien auseinandergesetzt und dies in allen möglichen Facetten; sei es in kultureller, gesellschaftlicher oder geschichtlicher Hinsicht. Zahlreiche Artikel und Bücher, in denen „Wien“ explizit in den Titeln erwähnt wird, beweisen dies. Die aus dem Englischen übersetzten Artikel in „Glanz und Untergang – Wien 1866 – 1936“, der von ihr herausgegebene und maßgeblich verfasste Band „Wien – Spektrum einer Stadt“ mit Beiträgen von u. a. Friedrich Achleitner und Hans Weigel und unzählige Essays und Beiträge für Zeitungen und Zeitschriften seien als Beispiele erwähnt.
Auch in ihrem Opus Magnum, „Fanny von Arnstein“, spielt Wien zur Zeit des Wiener Kongresses eine zentrale Rolle. Vor allem die Zeit um 1900 mit ihren weltweit einzigartigen kulturellen und wissenschaftlichen Errungenschaften erweckte ihr Interesse. „Um die Jahrhundertwende wurde in Wien, wie längst erkannt, so gut wie jede neue und folgenreiche Theorie im Bereich der Kunst und Wissenschaft begründet oder entscheidend weiterentwickelt […].“ Sie war eine faszinierte Bewunderin der Werke Doderers, dem „besten modernen Kenner des homo viennensis“ , der für sie als bester österreichischer Autor galt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Spiels frühe Jahre in Wien und ihr Bildungsweg
3. Spiels Exil in London
4. Spiels „Rückkehr nach Wien“ 1946
5. Exkurs: Eine österreichische Nationalliteratur?
6. Spiels Wien(er)bild in der Remigration
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die vielschichtige und zwiespältige Beziehung der Autorin Hilde Spiel zu ihrer Heimatstadt Wien sowie zu Österreich im Allgemeinen. Dabei liegt der Fokus auf der Analyse ihrer persönlichen Identitätsfindung im Kontext von Exil und Remigration, ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem "Wiener Bild" und der Frage nach der Existenz einer spezifisch österreichischen Literatur.
- Biografische Prägung durch Kindheit und Jugend in Wien.
- Erfahrungen im Londoner Exil und das Gefühl der "inneren" sowie "äußeren" Heimatlosigkeit.
- Die intensive Rückkehr-Erfahrung im Jahr 1946 und deren publizistische Verarbeitung.
- Literarische und essayistische Auseinandersetzung mit der "Wiener Seele" und dem Charakter der Stadt.
- Diskussion über die Eigenständigkeit einer österreichischen Nationalliteratur.
Auszug aus dem Buch
Spiels Exil in London
Es war kein leichter Schritt für Hilde Spiel, ihr so vertrautes Österreich zu verlassen und nach London ins Exil zu ziehen; zumal die Gräueltaten der Nazis noch nicht wirklich begonnen hatten und Wien noch verhältnismäßig sicher war für Juden. Sie empfand den Auszug aus Österreich als großen persönlichen Verlust. „Das, was ich verloren hatte, war Österreich, die Summe meiner noch so kurzen Erinnerung […]. […] Mit fünfundzwanzig verließ ich mein Land, wollte nun in London leben, aus Abscheu und Abwehr gegen den Hahnenschwänzlerstaat.“ Spiel hat sich im Londoner Exil, im physischen „äußeren Exil“, nie wirklich heimatlich und daher wohl gefühlt, sie war aber „bestrebt, möglichst schnell Eingang in die englische Kultur und Gesellschaft zu finden“. Die Konsequenz dieses Unwohlseins führte dazu, dass sie sich zeitweise in ein geistiges „inneres Exil“ flüchtete. Dies bedeutete vor allem, dass sie sich gleichzeitig mit der Auseinandersetzung des Englischen auch intensiv mit der Österreichischen und Wienerischen Kultur, Gesellschaft und Geschichte auseinandersetzte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet Hilde Spiels ambivalenten Blick auf Wien, geprägt durch die Emigration und die anschließende lebenslange, intensive künstlerische Auseinandersetzung mit der Stadt.
2. Spiels frühe Jahre in Wien und ihr Bildungsweg: Dieses Kapitel beschreibt Spiels wohlbehütete Kindheit in Döbling, ihren Bildungsweg in Wien sowie die frühen Kontakte zu intellektuellen Zirkeln vor dem Hintergrund politischer Veränderungen.
3. Spiels Exil in London: Hier wird der Prozess der Emigration, die Suche nach einem neuen sprachlichen Stil in England und die gleichzeitige geistige Rückbindung an die österreichische Kultur durch das Werk von Heimito von Doderer analysiert.
4. Spiels „Rückkehr nach Wien“ 1946: Das Kapitel widmet sich ihrer ersten Rückkehr 1946 als Auslandskorrespondentin, wobei die Diskrepanz zwischen ihrer verklärten Erinnerung und dem zerstörten Nachkriegswien im Vordergrund steht.
5. Exkurs: Eine österreichische Nationalliteratur?: Eine Diskussion darüber, ob Österreich eine eigenständige literarische Identität besitzt, die sich trotz Einflüssen aus der Vielvölkergeschichte manifestiert.
6. Spiels Wien(er)bild in der Remigration: Dieser Abschnitt behandelt die endgültige Rückkehr Spiels nach Wien, ihre kritische Sicht auf die fehlende Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in der Gesellschaft und ihr essayistisches Werk über das Wesen des Wieners.
Schlüsselwörter
Hilde Spiel, Wien, Österreich, Exil, Remigration, Wiener Identität, Exilliteratur, Heimito von Doderer, Nationalliteratur, Identitätskrise, Zweiter Weltkrieg, Nachkriegszeit, Zeitgeschichte, Essayistik, Heimat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das ambivalente Wien- und Österreichbild der Schriftstellerin Hilde Spiel, insbesondere wie sich ihre Exil-Erfahrung und die Rückkehr auf ihre Wahrnehmung der Heimat auswirkten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Identität, Heimatbegriff, die Rolle der Emigration, die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit sowie die kulturelle Einzigartigkeit Wiens.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die verschiedenen Perspektiven von Hilde Spiels Wienbild aufzuzeigen, die zwischen persönlicher Meinung und wissenschaftlich-künstlerischer Betrachtung schwanken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer biografischen und literaturwissenschaftlichen Analyse, die primär auf Spiels eigenen Essays, Tagebüchern und Autobiografien sowie auf Sekundärliteratur fußt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet Spiels gesamte Lebensspanne von der Kindheit über das Exil in London bis hin zur Remigration nach Wien, ergänzt durch einen Exkurs zur österreichischen Nationalliteratur.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Hilde Spiel, Exil, Wien, Remigration, Heimat, Identität, Österreichische Literatur, Heimito von Doderer, Nachkriegszeit.
Wie hat das Londoner Exil Spiels literarische Arbeit beeinflusst?
Das Exil führte zu einem Wagnis, fortan auf Englisch zu schreiben, verstärkte jedoch paradoxerweise ihre intensive geistige Auseinandersetzung mit ihrer Wiener Heimat, unter anderem durch die Lektüre von Doderer.
Welche Rolle spielt Heimito von Doderer für Hilde Spiel?
Doderer war für Spiel der bedeutendste österreichische Epiker. Seine Werke halfen ihr, die "Wiener Seele" und das Gefühl für ihre Herkunft aus der Ferne zu bewahren und literarisch zu verarbeiten.
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- Siawasch Aeenechi (Author), 2015, Hilde Spiels Wien(er)bild im Kontext des zweiten Weltkriegs und Exils, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317290