In dieser Seminararbeit werden die wichtigsten Wandlungsaspekte des kapitalistischen Geistes von Luc Boltanski und Ève Chiapello aus ihrem Buch "Der neue Geist des Kapitalismus" erläutert und diskutiert. Ferner wird die natürliche Selektion von Verhaltensweisen (inspiriert durch den universellen Darwinismus) als möglicher weiterer Faktor des Wandlungsmechanismus diskutiert.
Der sich ständig wandelnde Kapitalismus ist einer der am häufigsten diskutierten Streitpunkte unserer Gesellschaft. Schon Theoretiker wie Karl Marx und Max Weber haben sich ausgiebig mit dieser Wirtschaftsordnung und ihren Merkmalen beschäftigt. In dem Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ (Weber, 1904/1905) spricht Weber, wie schon im Titel vorzufinden, erstmalig vom „Geist des Kapitalismus“ und versucht zu beschreiben, wie sich dieser zu dem entwickelt hat, was er heute ist. 2003 haben sich auch Luc Boltanski und Eve Chiapello diesem Thema angenommen. Sie beschreiben in ihrem Buch „Der neue Geist des Kapitalismus“ (Boltanski und Chiapello 2003) unter anderem sehr ausführlich, was sie unter einem Geist des Kapitalismus verstehen, wie er entstanden ist, wie er sich entwickelt hat und wie sich dieser verändert.
Den Grund für die Veränderungen des kapitalistischen Geistes sehen Boltanski und Chiapello in den Auswirkungen der Wechselbeziehung zwischen dem Kapitalismus und dessen Kritik. An diesem Punkt ergibt sich die Frage, ob sich der Geist des Kapitalismus auch ändert wenn der Kapitalismus selbst keine Kritik erfährt. Ist Kritik wirklich die einzige Variable, welche einen Einfluss auf den kapitalistischen Geist ausübt oder sind auch Veränderungen vorzufinden, die sich nicht als Reaktion dieses Wechselspiels erklären lassen? Kann man solche Veränderungen nachweisen, wäre ebenfalls zu untersuchen welche Strukturen als Ursache dieser Wandlungen fungieren. Eben dieser Aufgabe widmet sich die vorliegende Hausarbeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Der neue Geist des Kapitalismus nach Luc Boltanski und Ève Chiapello
1.1. Minimaldefinition des Kapitalismus
1.2. Der Geist des Kapitalismus
1.3. Die Rechtfertigung des Kapitalismus
1.4. Beschränkungen des Akkumulationsprozesses durch den kapitalistischen Geist
1.5. Die Wirkung der Kritik
1.6. Das Veränderungsmodell des kapitalistischen Geistes nach Boltanski und Chiapello
1.7. Die Exit-Kritik
2. Die Börse als Schauplatz des Kapitalismus
2.1. Das Phänomen des Anlegerrückgangs
2.2. Der Trend der Exchange Traded Funds
2.3. Trend der ETF-Anlagen im Modell der dreistufigen Wechselbeziehung
2.4. Die Wirkung des ETF-Trends auf den kapitalistischen Geist
3. Der universelle Darwinismus
4. Die natürliche Selektivität als Wandlungsmechanismus des kapitalistischen Geistes
4.1. Der Kapitalismus im universellen Darwinismus
4.2. ETF-Investments als Replikatoren
4.3. Natürliche Selektivität als Ergänzung des Modells der dreistufigen Wechselbeziehung
5. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Wandel des "Geistes des Kapitalismus" auf Basis der Theorie von Boltanski und Chiapello und hinterfragt, ob dieser Wandel allein durch Kritik induziert wird oder ob weitere strukturelle Mechanismen existieren, die sich der klassischen Kritik entziehen.
- Analyse der Theorie des kapitalistischen Geistes nach Boltanski und Chiapello
- Untersuchung des Phänomens der Anlegerrückgänge und des Trends zu passiven Investmentfonds (ETFs)
- Kritische Reflexion des Modells der dreistufigen Wechselbeziehung
- Ergänzung der Kapitalismus-Theorie durch Konzepte des universellen Darwinismus
Auszug aus dem Buch
2.4. Die Wirkung des ETF-Trends auf den kapitalistischen Geist
Obwohl der ETF-Trend, wie gerade erarbeitet, nicht aus einer äußeren Kritik heraus entstanden ist, bin ich der Ansicht dass er sich stark auf den kapitalistischen Geist auswirkt. Er stellt eine Wandlung von der risikoreichen Idee, schnelles Geld durch Aktien zu machen, zum rationalen langfristigen passiven Investment dar. Für den Geist des Kapitalismus bedeutet dies drei Konsequenzen. Einerseits ist die Motivation für die Teilnahme am Wertpapierhandel (und somit auch am Kapitalismus) geschwächt, da die Aussicht auf großen Mehrwert in kurzer Zeit für viele Anleger nicht mehr realistisch erscheint.
Die Motivation für den Aktienhandel, die die Kapitalisten von Aktienikonen wie John M. Keynes oder Warren Buffett bezogen schwindet durch den Übergang zu bodenständigeren Investments. Es entsteht ein Bewusstsein für das Risiko einzelner Anlagen sowie für die Dauer eines profitablen passiven Investments. Auf der anderen Seite wird aus einem ständig pulsierendem, Stress provozierendem Teilaspekt des Kapitalismus (der Börse) eine Art Ruhepol und Anlaufpunkt für rationale Kapitalakkumulation. Der „Kapitalist nebenbei“ investiert nicht mehr so viel Zeit in die Allokation seines Vermögens und muss nicht ständig zwischen Kaufen oder Verkaufen abwiegen.
Auf Grund geringerer Verluste einzelner Anleger werden starke Einstellungsschwankungen dem Kapitalismus gegenüber seltener. Der Kapitalismus kann sich so sogar stabilisieren. Als drittes machen ETFs es auch Arbeitern leichter Einstieg in den Wertpapierhandel zu finden, da sie schon mit wenig Geld an dieser Art der Kapitalakkumulation teilhaben können. Kauft sich nun z.B. ein BMW-Mitarbeiter eine große Menge an ETFs die den Dax abbilden so besitzt er unteranderem auch Anteile an dem Unternehmen für das er arbeitet, was natürlich wieder Teilnahmemotivation für seine Aufgabe im Unternehmen schafft. Die strikte Trennung zwischen Arbeitnehmer und Kapitalist wird immer schwerer möglich, da durch den ETF-Trend mehr Arbeitnehmer ebenfalls investieren um Profit zu generieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der neue Geist des Kapitalismus nach Luc Boltanski und Ève Chiapello: Einführung in die theoretischen Grundlagen der Autoren, insbesondere in die Wechselbeziehung zwischen Kritik und Akkumulationsmechanismen.
2. Die Börse als Schauplatz des Kapitalismus: Analyse des Wandels im Anlageverhalten von aktiven Aktionären hin zu passiven ETF-Investoren als empirisches Beispiel.
3. Der universelle Darwinismus: Vorstellung der theoretischen Prinzipien von Replikation, Variation und Selektion zur Anwendung auf soziale Systeme.
4. Die natürliche Selektivität als Wandlungsmechanismus des kapitalistischen Geistes: Integration der evolutionären Selektion als Ergänzung zum Modell der Wechselbeziehung zur Erklärung nicht kritikinduzierter Wandlungsprozesse.
5. Fazit: Abschließende Bewertung der Erweiterung des Modells und Diskussion der Chancen und Risiken einer darwinistischen soziologischen Betrachtungsweise.
Schlüsselwörter
Kapitalismus, Geist des Kapitalismus, Boltanski, Chiapello, Kritik, Akkumulationsprozess, Exchange Traded Funds, ETFs, Wertpapierhandel, universeller Darwinismus, natürliche Selektion, Kapitalakkumulation, Anlegerverhalten, Evolution, Wirtschaftssoziologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie sich der "Geist des Kapitalismus" verändert und ob dabei neben der von Boltanski und Chiapello beschriebenen Kritik auch andere evolutionsbiologische Mechanismen eine Rolle spielen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Theorie des Kapitalismus, die Rolle von Kritik bei Strukturwandel, das Anlageverhalten an der Börse und die Anwendung darwinistischer Prinzipien auf ökonomische Strukturen.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das Ziel ist es, das Modell der "dreistufigen Wechselbeziehung" von Boltanski und Chiapello kritisch zu hinterfragen und um den Aspekt der "natürlichen Selektion" zu erweitern, um Phänomene wie den ETF-Boom erklären zu können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Literaturanalyse und verknüpft diese mit einer fallbezogenen Untersuchung des aktuellen Wandels hin zu passiven Indexfonds.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Konzepte von Boltanski und Chiapello erläutert, dann der ETF-Trend als empirisches Fallbeispiel analysiert und anschließend ein neues theoretisches Modell basierend auf dem universellen Darwinismus entwickelt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Geist des Kapitalismus, Akkumulationsmechanismen, Exit-Kritik, ETFs, natürliche Selektion und universeller Darwinismus.
Warum wird der Begriff "Kapitalist nebenbei" in der Arbeit eingeführt?
Er beschreibt den modernen Privatanleger, der durch ETFs ohne großen Zeitaufwand investiert und sich somit vom aktiven, auf kurzfristige Gewinne fixierten Aktionär unterscheidet.
Wie unterscheidet sich "Exit-Kritik" von der klassischen Kritik?
Während klassische Kritik eine verbale Protestbekundung ist, äußert sich Exit-Kritik durch nonverbales Verhalten, wie das Fernbleiben von einem Markt oder die Verweigerung eines Kaufs.
Welche Bedeutung haben ETFs im Kontext der Kapitalismustheorie der Arbeit?
ETFs werden als Resultat einer natürlichen Selektion innerhalb des Akkumulationsmechanismus gesehen, die das System stabilisiert, anstatt es durch klassische Kritik zu verändern.
- Citation du texte
- Sebastian Gründig (Auteur), 2015, Natürliche Selektion als Wandlungsmechanismus des kapitalistischen Geistes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317312