Vergangenheitsbewältigung im postdiktatorialen Chile. Die Figur der Paulina Salas in Ariel Dorfmans „La muerte y la doncella“


Bachelorarbeit, 2014

50 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung „La muerte y la doncella“

2. Das Werk „La muerte y la doncella“
2.1 Der Autor
2.2 Entstehung und Intention
2.3 Inhaltliche Zusammenfassung und formale Gestaltung

3. Gedächtniskonzepte in der Literaturwissenschaft

4. Der historische Kontext
4.1 Die Regierungszeit Pinochets
4.2 Die postdiktatoriale Phase
4.3 Die Vergangenheitsbewältigung
4.4 Die chilenische Amnesie
4.5 Die Kommissionen der Vergangenheitsfindung
4.6 Die Wiedergutmachungen
4.7 Der caso Pinochet
4.8 Die Literatur in Chile nach der Diktatur

5. Psychologische Aspekte der Figur der Paulina Salas
5.1 Die Opferrolle der Paulina Salas
5.2 Die Täterrolle der Paulina Salas
5.3 Vom Opfer zum Täter

6. Die Darstellung der chilenischen Gesellschaft im Werk
6.1 Paulina Salas - das Opfer
6.2. Gerardo Escobar - die Gesellschaft
6.3 Dr. Roberto Miranda - ein Täter?

7. Die aktuelle Entwicklung der Vergangenheitsbewältigung

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung „La muerte y la doncella“

“Do we Chileans really want a nation where we are scared of listening to our many Paulinas, where we are hostages of an 82-year-old despot who, in his vigorous fifties, ordered or allowed the torture and murder and disappearance of thousands of human beings? Do we want a nation that does not care about those thousands and is willing to forget them in order to have an uneasy and erratic peace?”

Ariel Dorfman1

Vergangenheitsbewältigung ist ein universelles Thema, das in vielen Ländern weltweit aktuell eine bedeutende Rolle spielt. Dies betrifft beispielsweise, neben Deutschland nach dem Naziregime, die Republik Südafrika nach Aufhebung der Apartheit, die Transformationsgesellschaften Osteuropas nach dem Zusammenbruch der „realsozialistischen“ Systeme, Kambodscha, Ruanda und Bosnien nach Völkermord und Bürgerkrieg, aber auch Argentinien und Chile nach dem Ende der Militärdiktaturen. Diese und andere Länder mussten und müssen sich der Herausforderung stellen, Unrecht aufzuklären, Opfer und Angehörige ausfindig zu machen und zu rehabilitieren, Täter zu verfolgen und deren Straftaten mit rechtlichen Konsequenzen zu belegen. Die Verfahren sollen transparent sein bzw. öffentlich debattiert werden.2

In Chile spiegelten die Präsidentschaftswahlen vom 17. November 2013 die immer noch existierende Spaltung der Gesellschaft wieder. So konnte sich die Sozialistin Michelle Bachelet erst in einer Stichwahl gegen ihre konservative Kontrahentin Evelyn Matthei durchsetzen.3 Das Ergebnis der Wahlen bietet Anlass, die Anfänge der Demokratisierung und der Vergangenheitsbewältigung in Chile genauer zu betrachten.

Eines der am häufigsten aufgeführten Theaterstücke lateinamerikanischer Autoren, das sich des Themas Vergangenheitsbewältigung annimmt, ist das 1991 erschienen Werk La muerte y la doncella von Ariel Dorfman. Dieser gilt heute als einer der profiliertesten Schriftsteller und Intellektuellen Lateinamerikas.4

Diese Bachelorarbeit setzt die Vergangenheitsbewältigung in Chile mit der in La muerte y la doncella von Ariel Dorfman dargestellten postdiktatorialen Phase in einem im Stück unbenannten Land in Beziehung. Im Fokus der Betrachtung steht die Leitfrage: Inwiefern wirkt sich der Prozess der Vergangenheitsbewältigung in Chile nach 1990 auf das im Werk dargestellte Leben und die Psyche der Protagonistin Paulina Salas aus? Ferner wird die Wirkung der hier dargestellten Vergangenheitsbewältigung auf die Gesellschaft Chiles, personifiziert durch die drei Hauptcharaktere, betrachtet.

Der weitere Verlauf dieser Arbeit beginnt mit der Vorstellung des Autors, sowie einer inhaltlichen Zusammenfassung des Werks La muerte y la doncella, die auch auf die formale Gestaltung des Stücks eingeht. Anschließend wird ein Überblick über Gedächtniskonzepte in der Literaturwissenschaft in das Thema Vergangenheitskultur einführen. Dorfmans Werk wird folgend in einen geschichtlich-kulturellen Kontext gesetzt. So wird dem Rezipienten zum einen der Einstieg in die Analyse der Rolle der Protagonistin Paulina Salas erleichtert, zum anderen werden Rückschlüsse auf den allgemeinen Zustand der chilenischen Gesellschaft während und nach der Diktatur deutlicher, der durch die drei Charaktere des Stücks interpretiert wird. Abschließend wird die aktuelle Entwicklung der chilenischen Vergangenheitsbewältigung betrachtet und in einem Fazit die Leitfrage nochmals dezidiert aufgegriffen und reflektiert.

2. Das Werk „La muerte y la doncella“

Um dem Rezipienten den Einstieg in die Arbeit zu erleichtern, werden im Folgenden der Autor, das Werk und die Intentionen des Autors vorgestellt.

2.1 Der utor

Ariel Dorfman, geboren am 6. Mai 1942 in Buenos Aires, wuchs in New York auf und zog mit seiner Familie im Alter von dreizehn Jahren nach Chile. Neben seiner Tätigkeit als Professor für iberoamerikanische Literaturwissenschaften wirkt er als Schriftsteller, Essayist, Dramatiker und als Menschenrechtsaktivist. Anfang der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts war er Anhänger des marxistisch orientierten Regimes Salvador Allende Gossens in Chile. Sein politisches Engagement zwang Dorfman nach Allendes Sturz ins Exil. Nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Europa zog es ihn zurück in die Vereinigten Staaten, wo er bis heute lebt und arbeitet. Neben La muerte y la doncella und weiteren Theaterstücken zählen unter anderem Romane wie Para leer al Pato Donald (1972), La rebélion de los conejos mágicos (1986) oder Burning City (2003) zu seinen Werken.5

2.2 Entstehung und Intention

La muerte y la doncella entstand 1990, wurde 1991 am Broadway uraufgeführt und ist bis dato Dorfmans erfolgreichstes Werk. Es wurde u. a. mit dem Literary-Lion- Preis ausgezeichnet. Auch aufgrund einer hochkarätigen Besetzung bei der Uraufführung, mit Glenn Close in der Rolle der Miranda, Richard Dreyfuss als Gerardo und Gene Hackman als Dr. Miranda, sorgte es für internationale Aufmerksamkeit und Begeisterung. Es folgten die Verleihung des englischen Sir- Laurence-Olivier-Preises und die Verfilmung unter der Regie von Roman Polanski, ebenfalls mit international bekannten Schauspielern. Dem brisanten Inhalt wird es allerdings geschuldet sein, dass das Theaterstück anfänglich von einer Mehrheit der chilenischen Bevölkerung abgelehnt wurde.6

La muerte y la doncella ist, so Dorfman selbst, nicht nur Anklage gegen eine Regierung, die Entführungen, Folter, Hinrichtungen und das Verschwinden von Menschen erlaubt, gebilligt, forciert und als politische Druckmittel eingesetzt hat. Er sah und sieht sich auch in der Pflicht als lateinamerikanischer Schriftsteller, Sprachrohr derjenigen zu sein, denen es nicht oder nicht mehr möglich ist zu sprechen.7

Die Aufklärung und Ahndung der Verbrechen der von 1973 bis 1990 regierenden Militärjunta unter der Führung des Diktators Pinochet ist bis in die heutige Zeit ein schwieriges Thema in Chile. Lange Zeit wurde geschwiegen, vertuscht, verdrängt und gelogen, die Opfer und deren überlebende Angehörige allein gelassen. Zentrale Intentionen des Autors sind in gleichem Maße die gesellschaftliche und politische Aufarbeitung der traumatischen Vergangenheit Chiles, sowie die Aufklärung verfälschter Tatsachen, die dem chilenischen Volk lange Zeit als Wahrheiten vermittelt wurden.8

2.3 Inhaltliche Zusammenfassung und formale Gestaltung

Ariel Dorfmans Protagonistin Paulina Salas, eine Frau um die vierzig, lebt mit ihrem Ehemann, dem Rechtsanwalt Gerardo Escobar, in einem Haus unweit des Meeres an einem abgeschiedenen Ort in einem nicht explizit benannten südamerikanischen Land. Als politische Aktivistin gegen das zu vermutende Pinochet Regime wurde sie Opfer von Entführung, Folter und Vergewaltigung. Als ihr Mann fünfzehn Jahre später abends aufgrund einer Reifenpanne von einem Fremden nach Hause gefahren wird, machen sich post-traumatische Angststörungen, aber auch angestaute Wut deutlich bemerkbar.

Paulina empfängt Gerardo mit einer Pistole bewaffnet und in einer Ecke versteckt. Sie erfährt von ihm, dass er vom Präsidenten in eine Kommission berufen wurde, die Verbrechen mit Todesfolge während der Diktatur aufklären soll. Der fremde Fahrer kehrt später noch einmal zurück, um Gerardo einen Ersatzreifen zu bringen. Er übernachtet auf Wunsch Gerardos im Haus. Während des Gesprächs der beiden Männer meint Paulina in dem Mann, der sich als der Arzt Roberto Miranda vorstellt, einen ihrer damaligen Peiniger wiederzuerkennen. Seine Stimme, sein ihm anhängender Geruch und seine Vorliebe für das Quartett Der Tod und das Mädchen (La muerte y la doncella) von Franz Schubert scheinen ihn zu verraten.

Angetrieben von ihrem Wunsch nach Rache und Vergeltung fesselt Paulina Miranda und zwingt ihn unter Androhung von Gewalt ein Geständnis abzulegen. Bis zum Ende des Werks wird allerdings nicht deutlich, und hier zwingt der Autor den Leser in die eigene Fantasie und zur Reflexion, ob das Geständnis der Wahrheit entsprach oder nur dem Druck der Erpressung entsprang. Ebenso bleibt offen, ob Miranda den Besuch bei Salas und Escobar überlebt. Er tritt zwar in der Abschlussszene des Theaterstücks noch einmal in Erscheinung, doch das Auftreten Escobars könnte auch der Einbildung Paulinas entsprungen sein. Diese Szene spielt in einem Theatersaal, im Hintergrund wird Der Tod und das Mädchen gespielt.

Formal weist Dorfmans La muerte y la doncella Züge einer klassischen Tragödie auf. Die aristotelischen Einheiten von Handlung, Ort und Zeit sind strikt eingehalten, nur die abschließende Katharsis bleibt aus.9 Die Handlung ist in drei Akte unterteilt, wobei der erste, nach einer kurze Präsentation der Charaktere, aus vier Szenen besteht, gefolgt von zwei Akten mit jeweils nur zwei Szenen. Das Stück spielt fast ausschließlich an einem Abend bzw. in einer Nacht. Allein die Abschlussszene spielt mit einem zeitlichen Abstand von einigen Monaten.

Eine Besonderheit, die das Theaterstück mit sich bringt, ist die Anhäufung von Fragen und Unausgesprochenem, von unvollendeten Sätzen. Eine Dominanz weisen die Wörter justicia und verdad auf.

Auf Grund der Herkunft und der persönlichen Erfahrungen des Autors, die er während der Regimes von Allende und Pinochet gemacht hat, sowie der literarischen Informationen in La muerte y la doncella ist der Rückschluss, dass es sich bei dem fiktiven Land, in dem die Szenerie spielt, um Chile handelt, durchaus zulässig. Der im Werk dargestellte zeitliche Abstand zwischen der Beendigung der Diktatur und der Einberufung einer Kommission zur Aufarbeitung von Verbrechen, die sich allerdings ausschließlich mit den Todesopfern des Militärregimes befasst, stimmen historisch überein. Es wird auch ein Informe angesprochen, der das Ergebnis der Rettig Kommission (Informe Rettig) darstellen könnte. Des Weiteren wird ein für die chilenische Sprache typisches Vokabular verwendet: un pocyn, la huevona, piscosour oder vai.

Um diese Schlussfolgerung zu untermauern, befasst sich die Arbeit, nach einem allgemeinen Überblick über Gedächtniskonzepte in der Literaturwissenschaft, mit dem geschichtlichen Hintergrund der Militärdiktatur Chiles.

3. Gedächtniskonzepte in der Literaturwissenschaft

Sei es durch in den Kanon aufgenommene hochkarätige- oder auch Trivialliteratur, ist Literatur stets ein Spiegel des kollektiven Gedächtnisses der literalen Kultur einer Gesellschaft.10

Die Kulturwissenschaftler Aleida und Jan Assmann entwickelten in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Theorie eines individuellen und kollektiven, sowie eines kommunikativen und kulturellen Gedächtnisses.

Eine Grundthese von J. Assmann besagt, dass zwar jedes Individuum ein individuelles Gedächtnis besitzt, dieses aber immer durch Interaktion und Kommunikation innerhalb einer bestimmten sozialen Gruppe geprägt wird. Diese sozialen Gruppen wiederum sind beeinflusst von ihrem kulturellen Hintergrund. Von einem manifestierten kollektiven Gedächtnis kann wohl daher nicht gesprochen werden, dennoch beeinträchtigt es das individuelle Gedächtnis der Mitglieder einer Gesellschaft. Erinnerungen allgemein sind in ihrem Ursprung stets mit dem Handeln und Denken der sozialen Gruppe verbunden, der wir uns angeschlossen haben oder verbunden fühlen. Empfindungen hingegen können individuell und an den eigenen Körper gebunden sein. „Man erinnert nur, was man kommuniziert und was man in den Bezugsrahmen des Kollektivgedächtnisses lokalisieren kann.“11

Das kommunikative Gedächtnis kann, gemäß J. Assmann, als Generationen- gedächtnis bezeichnet werden. Die wiedergegebenen Erinnerungen beschränken sich hier auf die rezente Vergangenheit und überdauern einen Generationenwechsel, der drei bis vier Generationen umfasst, meist nicht.12 Das kulturelle Gedächtnis hingegen ist eine Sache institutionalisierter Mnemotechnik und orientiert sich an bestimmten Fixpunkten der Vergangenheit.13

Cultural memory has its fixed point [...] These fixed points are fateful events of the past, whose memory is maintained through cultural formation (texts, rites, monuments) and institutional communication (recitation, practice, observance).14

Allerdings macht das kulturelle Gedächtnis keinen Unterschied zwischen Mythen und realen geschichtlichen Fakten - es erinnert Geschichte. So werden zum Teil Fakten erinnert und im Verlauf der Weitergaben in Mythen verwandelt. Das kulturelle Gedächtnis verlangt, im Gegensatz zum kommunikativen, eine ordnende, ggf. institutionelle Leitung und ist somit anfällig für etwaige Manipulationen, die eine Veränderung der memorierten Geschichte bewirken können.

Ein weiteres Charakteristikum ist die Forcierung der Gesellschaft als Ganzes zur Teilnahme an geschichtlichen Erinnerungen. Fataler-, sowie paradoxerweise wird nicht jedem Mitglied der Gesellschaft diese Teilnahme gewährt. So war es aufgrund von mangelnden Fremdsprachenkenntnissen den niederen Gesellschafts-schichten im 18. Jahrhundert beispielsweise nicht möglich, ihr Wissen mittels französischer Lektüre zu bereichern.15 Sicherlich haben sich seitdem die Möglichkeiten, Bildung zu erfahren, grundlegend geändert, dennoch existieren Restriktionen oder fehlende Möglichkeiten auf Grund individueller Lebensumständen bis in die Gegenwart.

In oralen Erinnerungskulturen können, im Gegensatz zu literalen, bestimmte Informationen externalisiert werden und somit ein weitaus größeres Speichergedächtnis erzeugen. Die strukturelle Amnesie oraler Erinnerungskulturen, bei denen Funktionsgedächtnis und Speichergedächtnis zwingend zusammenfallen, bewirkt somit einen unausweichlichen Verlust an Informationen.16

Das bedeutendste und effektivste Medium, dessen sich literale Kulturen bedienen, bildet die Literatur. Sie fungiert als Speicher von Erinnerungen, da sie durch eine literarische Welterzeugung und Bedeutungsstiftung charakterisiert ist, die der des kollektiven Gedächtnisses gleicht. Gleichzeitig produziert Literatur konstruktiv eine Wirklichkeits- und Vergangenheitsversion. Astrid Erll grenzt literarische Werke im Kontext von Gedächtniskultur strikt von ähnlichen Medien wie Geschichtsschreibungen oder religiösen Schriften ab. Zeitgleich mit der Herausbildung des modernen Sozialsystems bildeten sich in der Literatur im Verlauf des 18. Jahrhunderts distinktive Merkmale aus, wie die Möglichkeiten zur fiktiven Innenweltdarstellung, Polyvalenz, oder auch eine Einschränkung des Anspruchs auf Referenzialität und Objektivität.17 Literatur erhält in Erinnerungskulturen sowohl den Status des erinnernden Mediums, als auch des erinnerten Gegenstandes des kulturellen Gedächtnisses.18

Die in dieser Arbeit erörterte kollektiv verordnete Amnesie Chiles könnte Assmann zufolge ein weiterführendes Problem darstellen:

One group remembers the past in fear of deviating from its model, the next fear of repeating the past: ‘Those who cannot remember their past are condemned to relive it.’19

Dorfman wirkt mit seinem Werk La muerte y la doncella der Gefahr einer Wiederholung des Erlebten entgegen, indem er mit seinem Theaterstück Erinnerungen hervorruft, die zu einer verarbeitenden und wahrheitsfördernden Identitätsbildung nötig sind. Somit gerät der geschichtliche Hintergrund Chiles nicht in Vergessenheit.

4. Der historische Kontext

Um die historischen und gesellschaftlichen Entwicklungen während der postdiktatorialen Phase Chiles nachvollziehen zu können, wird im Folgenden auf das diktatorische Militärregime Pinochets und die Zeit der Transition deskriptiv eingegangen.

4.1 Die Regierungszeit Pinochets

Nach dem vom US-amerikanischen Geheimdienst CIA unterstützen Putsch gegen den demokratisch gewählten Marxist Salvador Allende Gossens am 11. September 1973 übernahm der Oberbefehlshaber des Heeres Augusto José Ramón Pinochet Ugarte die Macht in Chile. Er etablierte als Vorsitzender einer Militärjunta eine siebzehn Jahre andauernde Diktatur20 und beendete so die lange demokratische Geschichte des südamerikanischen Landes. Sowohl die Polizei, als auch die drei militärischen Teilstreitkräfte Heer, Marine und Luftwaffe unterstützten nicht nur geschlossen Pinochets Machtübernahme, sondern auch die nachfolgende Regierungszeit. Ende 1974 wurde Pinochet, ohne demokratisches Votum, von der Junta zum Präsident ernannt.

Gekennzeichnet war die Diktatur einerseits durch eine strikt neoliberale Wirtschafts- und Sozial-, aber auch durch eine gnadenlose und menschenverachtende Repressionspolitik. Diese Kombination ermöglichte den Chicago Boys21 ab 1975, politisch und ökonomisch von den USA gestützt, die wirtschaftliche Kontrolle des Landes zu übernehmen. Die durch sie getroffenen Maßnahmen, im Wesentlichen wirtschaftsliberale Reformen, stabilisierten zwar die angeschlagene wirtschaftliche Lage, bedeuteten aber für den Großteil der Bevölkerung sowohl materielle und rechtliche, als auch soziale Einbußen. Um der lauter werdenden Kritik aus dem Ausland ab Mitte der siebziger Jahre entgegenzuwirken, wurde 1980 eine Verfassung verabschiedet. Pinochets Regime deklarierte diese als für die nationale Sicherheit notwendig. Gleichzeitig legalisierte sie seine Übergangsregierung auf dem Weg zur Demokratie, bei der das Militär als „Garant der institutionellen Ordnung“ fungierte.

Bis zu diesem Zeitpunkt dominierte die Repressionspolitik der Diktatur Chiles Alltag. Gegen Kritiker und Regimegegner wurde seitens der Junta mit äußerster Brutalität vorgegangen. Fußballstadien wurden in konzentrationslagerartige Anlagen, Gebäude aller Art zu Gefangenenlagern umfunktioniert, in denen die Inhaftierten teilweise zu Tode gefoltert wurden. Darüber hinaus wurde im ganzen Land eine Politik des Verschwindenlassens von unliebsamen Personen praktiziert. Zeitgleich wurden durch die DINA (Direcciyn de Inteligencia Nacional), Chiles 1974 gegründete Geheimpolizei, zahlreiche Attentate auf im Exil lebende Regimegegner verübt. Innerhalb von drei Jahren wurden geschätzte 42.500 Personen verhaftet, ca. 1.800 ermordet und ungefähr 165.000 Chilenen flüchteten ins Exil. Die teils harsche Kritik aus dem Ausland bewirkte, dass neben der Verfassung ab 1977 die Repressionspolitik gelockert, die Politik des Verschwindenlassens fast vollständig eingestellt und die DINA durch die CNI (Central Nacional de Informaciones) ersetzt wurden. Weitere Festnahmen und Folter gab es dennoch bis zum Ende der Diktatur im Jahr 1990.

Um potentiellen Anklagen und ggf. Verurteilungen gegen regimekonforme und im Sinne des Völkerrechts belangbare Chilenen vorzubeugen, wurde 1978 von der Militärjunta bzw. der Pinochet-Regierung ein Amnestiegesetz in Kraft gesetzt, welches die damaligen Unterstützter der Militärjunta und der Diktatur in Zukunft, d. h. bis in die Gegenwart, schützen sollte. Da sich die Justiz größtenteils ebenfalls in den Dienst des Militärregimes gestellt hatte und deren konsequentes Agieren nur bei der Überwachung der Einhaltung der Amnestiegesetze existierte, verbreitete sich in Chile ein permanentes Klima von Angst und Schrecken. Bei Übergriffen auf die zivile Bevölkerung und oppositionelle politische Akteure konnte weder auf die Unterstützung und Hilfe seitens der Polizei, noch der Justiz vertraut werden.22

Die 1980 in Kraft tretende neue Verfassung räumte dem Militär u. a. ein hohes Maß an Autonomie ein. Sie sicherte den Oberbefehlshabern auch die Unabsetzbarkeit zu und sorgte mit der Errichtung des Nationalen Sicherheitsrates (Consejo de Seguridad Nacional) für das Verbleiben von Vertretern des Pinochet Regimes im neuen vermeintlich demokratischen System. Dessen Mitglieder setzten sich je zur Hälfte aus ranghohen Militärs und Vertretern der Polizei zusammen, was dazu führte, dass diese auch weiterhin großen, verfassungsrechtlich zugesicherten Einfluss auf die Politik nehmen konnten.

Auf Grund der weitgehend fehlenden Verankerung demokratischer Werte und Einrichtungen in der Verfassung von 1980 wurde sie 1988 neu verhandelt. Um die Legalität der neuen Verfassung sicher zu stellen, machte die Regierung Pinochet einige Zugeständnisse und die beschlossenen Reformen wurden am 5. Oktober 1988 in einem Plebiszit bestätigt. Dieses wies zwar nicht alle demokratischen Kriterien auf, wurde von der Bevölkerung aber dennoch akzeptiert. Aus diesem Grund konnte die Verfassung auch nach dem Abdanken Pinochets als Präsident nicht einfach verändert werden und bildete somit weiterhin die Grundlage der nachfolgenden Transitionsphase in Chile.23

Durch das Plebiszit wurde immerhin einer weiteren Präsidentschaft Pinochets seitens des chilenischen Volkes nicht zugestimmt. Das Motto £La alegría ya viene! prägte den vorausgegangenen Wahlkampf. Dass nur 56 Prozent der Stimmen gegen Pinochet abgegeben wurden, ist zum einen wohl auch der Tatsache geschuldet, dass das Plebiszit zum einen in einer für die Militärregierung günstigen Konjunkturphase stattfand, zum anderen existierte die unter der Diktatur erzeugte Angst vor Repressionen bei großen Teilen der chilenischen Bevölkerung noch immer und beeinflusste das Denken und Handeln der Menschen.24 Am 14. Dezember 1989 fanden in Chile schließlich wieder freie Präsidentschaftswahlen statt.

4.2 Die postdiktatoriale Phase

Im März 1990 übernahm der Christdemokrat Patricio Aylwin das Präsidentenamt in Chile. Die demokratische Transition konnte theoretisch beginnen und damit auch die Vergangenheitsaufarbeitung.

Chile nimmt insofern eine Sonderstellung ein, als dass dort weltweit erstmals eine Diktatur demokratisch abgewählt wurde. Kurioserweise, und so lässt sich zum Teil der gewaltfreie Übergang erklären, behielt Ex-Diktator Pinochet als Oberbefehlshaber der Armee eine starke Machtposition.25 In seinem letzten Amtsjahr erließ er eine Reihe von Fesselgesetzen (leyes de amarre), die es dem Militärregime gestatteten, Teil der demokratisch geführten Regierung zu werden.

[...]


1 Dorfman, Ariel (1998): Chile´s democracy needs to nail the torturers, The Evening Standard, London, S. 11.

2 Vgl. Universal-Lexikon (o.J.): Vergangenheitsbewältigung, URL [http://universal_lexikon.deacademic.com/131907/Vergangenheitsbew%C3%A4ltigung], 29.09.2014, 17:25h.

3 Vgl. Sandrock, Jorge (2013): Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2013, Hanns Seidel Stiftung e.V., URL [http://www.hss.de/fileadmin/media/downloads/Berichte/131120_Chile_SB.pdf], 14.10.2014, 13:12h, S.1.

4 Vgl. Schwermann, Michaela (2010): La muerte y la doncella-Nachwort, Philipp Reclam jun. GmbH & Co KG, Stuttgart, S. 103.

5 Vgl. Paladini, Ludovica (2012): Trauma y verdad: La muerte y la doncella de Ariel Dorfman, Universitj Ca’ Foscari, Venedig, S. 89.

6 Vgl. Dorfman, Ariel (2010): La muerte y la Doncella, Philipp Reclam jun. GmbH & Co KG, Stuttgart, S. 113f.

7 Vgl. Breslin, Patrick (1983): Ariel Dorfman: A writer in exile, The Washington Post, Washington, S. 6.

8 Vgl. Paladini, Ludovica (2012): S. 91f.

9 Vgl. Spiller, Roland (2004): Literatur, Menschenrechte und der Fall Pinochet, Zentralinstitut für Regionalforschung, Erlangen, S. 332.

10 Vgl. Erll, Astrid (2005): Literatur als Medium des kollektiven Gedächtnisses, Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, Berlin, S. 248.

11 Vgl. Assmann, Jan (1992): Das kulturelle Gedächtnis, Verlag C. H. Beck, München, S. 35f.

12 Vgl. ebd., S. 50.

13 Vgl. Assmann, Jan (1992): S. 52.

14 Assmann, Jan / Czaplicka, John (1995): Cultural Memory and Cultural Identity, New German Critique Nr. 65, URL [http://www.jstor.org/stable/488538], 02.09.2014, S. 129.

15 Vgl. Assmann, Jan (1992): S. 54f.

16 Vgl. Erll, Astrid (2005): S. 253.

17 Vgl. Erll, Astrid (2005): S. 258.

18 Vgl. ebd., S. 262.

19 Assmann, Jan / Czaplicka, John (1995), S. 133.

20 Vgl. Spiller, Roland (2004): Literatur, Menschenrechte und der Fall Pinochet, Zentralinstitut für Regionalforschung, Erlangen, S. 327.

21 Die Chicago Boys waren eine Gruppe junger Chilenen, die an der University of Chicago studiert hatten und durch Privatisierungs- und Regulierungsmaßnahmen versuchten, eine freie Marktwirtschaft in Chile zu etablieren.

22 Vgl. Ruderer, Stephan (2010): Das Erbe Pinochets, Wallstein Verlag, Göttingen, S. 48ff.

23 Vgl. Ruderer, Stephan (2010): S. 55f.

24 Vgl. Müller-Plantenberg, Urs (2013): Diktatur und Widerstand in Chile, LAIKA-Verlag, Hamburg, S. 343.

25 Vgl. Ruderer, Stephan (2013): 40 Jahre Putsch - Vergangenheitsaufarbeitung in Chile, URL [http://www.kinderhilfechile.de/pic/Vortrag-Dr-Ruderer-3-11-13.pdf], 28.08.2014, 17:04h, S.4.

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Vergangenheitsbewältigung im postdiktatorialen Chile. Die Figur der Paulina Salas in Ariel Dorfmans „La muerte y la doncella“
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Romanistik)
Veranstaltung
Bachelorarbeit Spanisch
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
50
Katalognummer
V317584
ISBN (eBook)
9783668166677
ISBN (Buch)
9783668166684
Dateigröße
1114 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vergangenheitsbewältigung, chile, figur, paulina, salas, ariel, dorfmans
Arbeit zitieren
Leonie Schwedek (Autor), 2014, Vergangenheitsbewältigung im postdiktatorialen Chile. Die Figur der Paulina Salas in Ariel Dorfmans „La muerte y la doncella“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317584

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