Latente Steuern. Anwendungsbereich, Analyse und zielgerichteter Einsatz


Seminararbeit, 2015

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundlagen der Jahresabschlusspolitik und -analyse
2.1 Jahresabschlusspolitik
2.1.1 Begriffe und Definitionen
2.1.2 Aktionsparameter der Jahresabschlusspolitik
2.1.3 Ziele der Jahresabschlusspolitik
2.2 Jahresabschlussanalyse
2.2.1 Definition und Ziele der Jahresabschlussanalyse
2.2.2 Verhältnis von Jahresabschlusspolitik und -analyse

3 Grundlagen latenter Steuern und Analyse der Aktionsparameter
3.1 Konzeption der latenten Steuern im HGB
3.2 Anwendungsbereich
3.3 Aktionsparameter
3.3.1 Überblick über die Aktionsparameter
3.3.2 Aktivierungswahlrecht für den Aktivüberhang
3.3.3 Saldierungswahlrecht
3.3.4 Aktive latente Steuern auf Verlustvorträge

4 Zielgerichteter Einsatz der Aktionsparameter
4.1 Aktivierungswahlrecht für den Aktivüberhang
4.1.1 Einführendes Beispiel
4.1.2 Beeinflussung des Jahresergebnisses
4.1.3 Beeinflussung von Eigenkapitalkennziffern
4.1.4 Beeinflussung der Bilanzsumme
4.2 Saldierungswahlrecht
4.2.1 Fortführung des Beispiels
4.2.2 Beeinflussung der Bilanzsumme
4.2.3 Beeinflussung von Eigenkapitalkennziffern
4.3 Ermessensspielräume bei Verlustvorträgen
4.3.1 Fortführung des Beispiels
4.3.2 Beeinflussung des Jahresergebnisses
4.3.3 Beeinflussung der Bilanzsumme
4.3.4 Beeinflussung von Eigenkapitalkennziffern
4.4 Erkennbarkeit im Rahmen der Jahresabschlussanalyse

5 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Verzeichnis verwendeter Parlamentaria

Verzeichnis verwendeter Gesetze

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Bilanzunterschiede durch das Aktivierungswahlrecht

Abb. 2 Bilanzunterschiede durch das Saldierungswahlrecht

Abb. 3 Bilanzunterschiede durch Ermessensspielräume bei Verlustvorträgen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Mit Einführung des BilMoG wurde die Bilanzierung latenter Steuern grundlegend überarbeitet. Darüber hinaus wurde der Anwendungsbereich latenter Steuern durch die Erweiterung des § 5 Abs. 1 Satz 1 2. Halbsatz EStG hinsichtlich der Möglichkeit, bestimmte Wahlrechte in der Handels- und in der Steuerbilanz unterschiedlich auszuüben, sowie durch Aufhebung der umgekehrten Maßgeblichkeit der Steuerbilanz für die Handelsbilanz durch Streichung des § 5 Abs. 1 Satz 2 EStG a.F. und der handelsrechtlichen Öffnungsklausel, z.B. § 254 HGB a.F., deutlich erweitert.[1]

Zielsetzung dieser Arbeit ist die Analyse der sich im Zusammenhang mit latenten Steuern ergebenden Aktionsparameter im Rahmen der Jahresabschlusspolitik und die Analyse eines zielgerichteten Einsatzes der Aktionsparameter zur Erreichung ausgewählter Unternehmensziele.

In Abschnitt 2 wird zunächst den Begriff Jahresabschlusspolitik definiert und es werden die Aktionsparameter sowie wesentlichen Zielsetzungen der Jahresabschlusspolitik vorgestellt. Darüber hinaus werden in diesem Abschnitt die Grundlagen der Jahresabschlussanalyse, deren Ziele sowie die grundsätzliche Beziehung zwischen Jahresabschlusspolitik und -analyse beschrieben. Abschnitt 3 behandelt die grundlegende Konzeption latenter Steuern im HGB, deren Anwendungsbereich sowie die sich aus den handelsrechtlichen Regelungen ergebenden Aktionsparameter. Der Abschnitt 4 widmet sich der detaillierten Analyse der Aktionsparameter im Zusammenhang mit latenten Steuern. Es werden die wesentlichen Effekte der Aktionsparameter dargestellt und es wird deren zielgerichteter Einsatz zur Erreichung ausgewählter Subziele der Jahresabschlusspolitik untersucht. Abschließend enthält Abschnitt 5 ein Fazit der Arbeit und gibt eine kurzen Ausblick auf mögliche zukünftige Entwicklungen der Bilanzierung von latenten Steuern im deutschen Handelsrecht.

Aufgrund der Vielschichtigkeit dieses Themengebiets kann in dieser Arbeit lediglich auf Aspekte zu latenten Steuern im handelsrechtlichen Einzelabschluss eingegangen werden. Unbehandelt bleiben Fragestellungen zu latenten Steuern im Zusammenhang mit Organschaftsverhältnissen sowie aus Ergänzungs- und Sonderbilanzen bei Personengesellschaften. Problemstellungen im handelsrechtlichen Konzernabschluss und in der IFRS-Rechnungslegung werden ebenfalls nicht erörtert.

2 Grundlagen der Jahresabschlusspolitik und -analyse

2.1 Jahresabschlusspolitik

2.1.1 Begriffe und Definitionen

Jahresabschlüsse können reale betriebliche Sachverhalte auf unterschiedliche Art und Weise abbilden. Die Unterschiede resultieren aus legalen Wahlrechten sowie aus Ermessensspielräumen im Rahmen der Jahresabschlusserstellung. Unter die Wahlrechte fallen die vom Gesetzgeber definierten Ansatz-, Bewertungs- und Ausweiswahlrechte. Ermessensspielräume sind nicht ausdrücklich in Gesetzen verankert, sind aber faktisch gegeben. Die Wahlrechte und Ermessensspielräume bei der Erstellung des Jahresabschlusses stellen die Aktionsparameter der Jahresabschlusspolitik dar. Als Jahresabschlusspolitik wird die bewusste Beeinflussung des Jahresabschlusses durch die entsprechende Ausübung der gegebenen Aktionsparameter mit dem Zweck, unternehmenspolitische Zielsetzungen zu erreichen, bezeichnet.[2]

2.1.2 Aktionsparameter der Jahresabschlusspolitik

Die Aktionsparameter der Jahresabschlusspolitik können in formelle und materielle Instrumente unterteilt werden.[3] Die Aktionsparameter der formellen Jahresabschlusspolitik lassen sich weiter in ausweis-, struktur- und erläuterungsbezogene Aktionsparameter unterteilen. Zu den ausweisbezogenen Aktionsparametern zählen z.B. unterschiedliche Gliederungsmöglichkeiten oder die Möglichkeit, verschiedene Informationen wahlweise in Bilanz und GuV oder dem Anhang darzustellen. Strukturbezogene Aktionsparameter verändern die Darstellung der Bilanz und GuV. Hierunter fallen insbesondere Saldierungswahlrechte und Möglichkeiten zum offenen Absetzen bestimmter Sachverhalte von einem Bilanzposten. Die erläuterungsbezogenen Aktionsparameter beziehen sich auf die Darstellung von Informationen und deren Detaillierungsgrad in Anhang und Lagebericht.[4]

Die Aktionsparameter der materiellen Jahresabschlusspolitik gliedern sich in sachverhaltsgestaltende und sachverhaltsabbildende Instrumente. Die sachverhalts­gestaltenden Maßnahmen nehmen Einfluss auf die tatsächlichen wirtschaftlichen Verhältnisse am Bilanzstichtag. Derartige Maßnahmen müssen i.d.R. bereits zeitlich vor dem Jahresabschluss durchgeführt werden, um Einfluss auf den Jahresabschluss zu haben. Hierzu zählt z.B. die zeitliche Verlagerung von Lieferungen und Leistungen sowie von Investitionen.[5]

Zu den sachverhaltsabbildenden Aktionsparametern zählen die explizit im Gesetz verankerten Ansatz- und Bewertungswahlrechte, wie z.B. das Aktivierungswahlrecht für selbst geschaffene immaterielle Vermögensgegenstände des Anlagevermögens nach § 248 Abs. 2 HGB und das Bewertungswahlrecht hinsichtlich der Ermittlung der Herstellungskosten nach § 255 Abs. 2 und 3 HGB, sowie die impliziten Wahlrechte. Die impliziten Wahlrechte sind nicht gesetzlich geregelt. Sie ergeben sich im Wesentlichen aus Ermessens-, Schätzungs- und Prognosespielräumen und bieten so alternative Ansatz-, Bewertungs- und Ausweismöglichkeiten.[6]

2.1.3 Ziele der Jahresabschlusspolitik

Die Ziele der Jahresabschlusspolitik sind eng an den übergeordneten Unternehmenszielen orientiert und können in finanzpolitische und informationspolitische Zielsetzungen unterteilt werden. Erstere beziehen sich im Wesentlichen auf die Beeinflussung von jahresabschlussabhängigen Auszahlungen und auf Kapitalsicherungsziele. Die informationspolitischen Zielsetzungen zielen auf eine Informationsvermeidung oder auf die Beeinflussung der Meinungsbildung verschiedener Abschlussadressaten ab.[7]

Um die jahresabschlusspolitischen Aktionsparameter zielgerichtet einsetzen zu können, müssen im nächsten Schritt aus den übergeordneten Zielsetzungen konkrete Subziele abgeleitet werden.[8] Zu diesen Subzielen zählen beispielweise der Ausweis eines möglichst hohen/geringen Gewinns oder Vermögens, der Ausweis einer möglichst geringen Bilanzsumme oder die möglichst günstige Darstellung von im Rahmen der Jahresabschlussanalyse relevanten Kennzahlen.

2.2 Jahresabschlussanalyse

2.2.1 Definition und Ziele der Jahresabschlussanalyse

Jahresabschlussanalyse bezeichnet die zielorientierte Aufbereitung und Auswertung von Jahresabschlussinformationen. Die traditionelle Jahresabschlussanalyse bedient sich hierzu vornehmlich Kennzahlen und Kennzahlensystemen.[9] Diese Instrumente werden in neuerer Zeit durch statistische und qualitative Analysen der Jahresabschlussinformationen ergänzt.[10]

Mit der Jahresabschlussanalyse wird das Ziel verfolgt, die zur Verfügung stehenden Informationen so zu verarbeiten, dass der Analyst oder der Analyseempfänger eine möglichst realistische Einschätzung der ihn interessierenden Aspekte des betrachteten Unternehmens erlangt.[11]

Grundlage der Jahresabschlussanalyse ist i.d.R. die sog. Strukturbilanz, die durch Ansatz- und Wertkorrekturen sowie durch Aggregation und Umgruppierungen, ausgehend von der zur Verfügung stehenden Handelsbilanz, versucht, die Einflüsse jahresabschlusspolitischer Maßnahmen zu eliminieren, um so ein tatsächliches Bild der VFE-Lage des Unternehmens zu erhalten.[12]

2.2.2 Verhältnis von Jahresabschlusspolitik und -analyse

Jahresabschlusspolitik und -analyse stehen in einem engen Zusammenhang. Während im Rahmen der Jahresabschlusspolitik versucht wird, die zu veröffentlichenden Informationen i.S.d. Unternehmensziele zu steuern, sollen im Rahmen der Jahresabschlussanalyse eben diese Einflüsse wieder eliminiert werden. Daraus folgt, dass die Jahresabschlusspolitik umso wirksamer ist, je weniger die Maßnahmen für die Analysten erkennbar sind.[13]

3 Grundlagen latenter Steuern und Analyse der Aktionsparameter

3.1 Konzeption der latenten Steuern im HGB

Die Ermittlung latenter Steuern erfolgt in Anlehnung an international gebräuchliche Ansätze nach dem Temporary-Konzept.[14] Hiernach erfolgt die Ermittlung über einen Vergleich der handelsrechtlichen Wertansätze aller Vermögensgegenstände, Schulden und Rechnungsabgrenzungsposten mit ihren korrespondierenden Wertansätzen in der Steuerbilanz.[15] Bestehen zwischen den jeweiligen Wertansätzen Differenzen, gleichen diese sich im Zeitablauf wieder aus und ergeben sich hieraus Steuerbe- oder ‑entlastungen, so entstehen grundsätzlich latente Steuern. Abzugrenzen sind lediglich Steuern auf sich wieder auflösende temporäre Differenzen. Hierzu zählen auch die quasi-permanenten Differenzen, deren Umkehrzeitpunkt noch nicht absehbar ist und die von der Disposition durch das Unternehmen, z.B. den Verkauf der betreffenden Vermögensgegenstände, abhängen, die sich aber spätestens bei Liquidation des Unternehmen aufheben. Für permanente Differenzen dürfen keine latenten Steuern gebildet werden.[16]

Aktive latente Steuern entstehen, wenn Aktivposten in der Handelsbilanz im Vergleich zur Steuerbilanz nicht angesetzt oder niedriger bewertet werden oder wenn Passivposten nur in der Handelsbilanz angesetzt oder im Vergleich zur Steuerbilanz höher bewertet werden.[17] Passive latente Steuern ergeben sich bei umgekehrten Differenzen.

3.2 Anwendungsbereich

Die Regelungen des § 274 HGB über die Abgrenzung latenter Steuern sind von mittelgroßen und großen Kapitalgesellschaften sowie von bestimmten offene Handelsgesellschaften und Kommanditgesellschaften i.S.d. § 264a HGB zwingend anzuwenden. Darüber hinaus sind die Regelungen gemäß § 5 Abs. 1 Satz 2 PublG auch für die nach § 1 PublG zur Rechnungslegung verpflichteten Unternehmen sowie gemäß § 336 Abs. 2 HGB für eingetragene Genossenschaften anzuwenden.[18] Kleine Kapitalgesellschaften sind gemäß § 274a Nr. 5 HGB von der Anwendung des § 274 HGB befreit. Auf alle übrigen Nicht-Kapitalgesellschaften finden die Regelungen des § 274 HGB ebenfalls keine Anwendung.[19]

3.3 Aktionsparameter

3.3.1 Überblick über die Aktionsparameter

Im Rahmen der Erstellung des Jahresabschlusses ergeben sich im Zusammenhang mit latenten Steuern folgende Aktionsparameter:

- Für aktive latente Steuern besteht gemäß § 274 Abs. 1 Satz 2 HGB ein Aktivierungswahlrecht für den insgesamt die passiven latenten Steuern übersteigenden Betrag.
- In § 274 Abs. 1 Satz 3 HGB ist darüber hinaus eine Wahlrecht gegeben, die latenten Steuern saldiert oder unsaldiert auszuweisen.
- Nach § 274 Abs. 1 Satz 4 HGB sind steuerliche Verlustvorträge bei der Ermittlung aktiver latenter Steuern zu berücksichtigen, falls diese innerhalb der nächsten fünf Jahr bei der Verlustverrechnung genutzt werden können. Im Rahmen der hierfür notwendigen Steuerplanung ergeben sich Ermessensspielräume hinsichtlich des Nachweises einer wahrscheinlichen Realisierung der aktiven latenten Steuern.[20]

3.3.2 Aktivierungswahlrecht für den Aktivüberhang

Der Ermittlung der latenten Steuern liegt nach § 274 Abs. 1 HGB eine Einzeldifferenzbetrachtung zu Grunde. Hierzu werden die handelsrechtlichen Wertansätze sämtlicher Vermögenswerte, Schulden und Rechnungsabgrenzungsposten mit ihren korrespondierenden steuerbilanziellen Wertansätzen verglichen.[21] Nach Ermittlung der Einzeldifferenzen ist auf die sich insgesamt ergebende Steuerbe- oder ‑entlastung abzustellen. Ergibt sich im Saldo ein Passivüberhang, ist dieser gemäß § 274 Abs. 1 HGB verpflichtend anzusetzen. Gestaltungsspielraum ergibt sich lediglich bei Vorliegen eines Aktivüberhangs, für den nach § 274 Abs. 2 HGB ein Aktivierungswahlrecht besteht. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass die Aktivierung von Teilbeträgen nicht zulässig ist.[22] Wird das Wahlrecht in Anspruch genommen, so besteht unter den Voraussetzungen des § 268 Abs. 8 HGB eine Ausschüttungssperre in Höhe des Aktivüberhangs. Die Ausübung des Wahlrechts unterliegt dem Stetigkeitsgebot des § 246 Abs. 3 HGB.[23]

3.3.3 Saldierungswahlrecht

Nach dem Wortlaut des § 274 Abs. 1 Satz 1 und Satz 2 HGB ist bei der Ermittlung der latenten Steuern auf die sich insgesamt ergebend Steuerbe- oder ‑entlastung, also einen saldierten Ausweis, abzustellen. In Satz 3 wird allerdings explizit das Wahlrecht eingeräumt, die latenten Steuern auch unsaldiert ausweisen zu dürfen.[24] Im Falle eines unsaldierten Ausweises ist es aber nicht möglich, auf den Ansatz aktiver latenter Steuern zu verzichten und lediglich die Summe der passiven latenten Steuern auszuweisen, da das Aktivierungswahlrecht des § 274 Abs. 1 Satz 2 HGB lediglich auf den Aktivüberhang latenter Steuern abstellt.[25]

Für das Saldierungswahlrecht gilt grundsätzlich das Gebot der Ausweisstetigkeit nach § 265 Abs. 1 Satz 1 HGB. Ein Wechsel zu einem unsaldierten Ausweis wird aber für zulässig erachtet, da mit diesem Wechsel ein besserer Einblick in die Vermögenslage eines Unternehmens gegeben wird.[26]

3.3.4 Aktive latente Steuern auf Verlustvorträge

Bei der Ermittlung aktiver latenter Steuern sind gemäß § 274 Abs. 1 Satz 4 HGB Vorteile aus steuerlichen Verlustvorträgen zu berücksichtigen, sofern eine Verlustverrechnung innerhalb der nächsten fünf Jahre erwartet wird. Unter diese Vorschrift fallen auch vergleichbare Sachverhalte wie Steuergutschriften und Zinsvorträge.[27] Falls voraussichtlich nur ein Teil des Verlustvortrags innerhalb der nächsten fünf Jahre verrechnet werden kann, so dürfen aktive latente Steuern nur für diesen Teil berücksichtigt werden.[28] Hinsichtlich der Möglichkeit zur Verlustverrechnung sind Wahrscheinlichkeitsüberlegungen anzustellen, wobei das handelsrechtliche Vorsichtsprinzip zu beachten ist.[29] Die geforderte hohe Wahrscheinlichkeit stellt einen unbestimmten Rechtsbegriff dar und bietet somit Potenzial für jahresabschlusspolitische Gestaltungen.[30]

Konkretere Hinweise auf die Auslegung des Wahrscheinlichkeitsbegriffs liefert der Standard DRS 18 „Latente Steuern“. Grundsätzlich gelten die DRS aufgrund der gesetzlichen Vermutung nach § 342 Abs. 2 HGB als GoB für den Konzernabschluss. Mangels einer Konkretisierung der Auslegungsregeln in anderen, für den handelsrechtlichen Einzelabschluss maßgeblichen, Rechtsquellen besitzt der DRS 18 aber eine Ausstrahlwirkung auf den Einzelabschluss.[31] Gemäß DRS 18.A3 sind die Begriffe „voraussichtlich“ und „zu erwarten“ dem international gebräuchlichen „more likely than not“ gleichzusetzen. Das bedeutet, dass gewichtigere Gründe dafür als dagegen sprechen müssen, damit eine Steuerbe- oder ‑entlastung erwartet werden kann (DRS 18.9). Zudem muss die Ermittlung aktiver latenter Steuern gemäß DRS 18.17 auf einer Unternehmensplanung und der daraus resultierenden beabsichtigten und realisierbaren Steuerstrategie basieren.[32] Anhaltspunkte für das zukünftige Vorliegen zu versteuernden Einkommens im Rahmen der Planung können nach dem inzwischen wegen wesentlicher Übereinstimmung mit dem DRS 18 wieder aufgehobenen Entwurf IDW ERS HFA 27 beispielsweise gesicherte profitable Fertigungsaufträge in den nächsten Jahren, die Aufgabe verlustträchtiger Unternehmensteile oder aus Einmaleffekten in der Vergangenheit resultierende Verlustvorträge sein.[33]

Ungeachtet dieses Versuches die Ermessensspielräume der Unternehmen durch die o.g. Konkretisierungen einzuschränken, verbleibt den Unternehmen noch immer ein erheblicher Ermessenspielraum bei der Prognose zukünftiger Ergebnisse.[34] Da die Gründe, die Unternehmen als Beleg für die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Ergebnisse anführen, nur selten objektiv nachprüfbar sind, können sie durch zielgerichtete Argumentation und Interpretation die Berücksichtigung von aktiven latenten Steuern auf Verlustvorträge im Sinne der jahresabschlusspolitischen Zielsetzung beeinflussen.[35]

4 Zielgerichteter Einsatz der Aktionsparameter

4.1 Aktivierungswahlrecht für den Aktivüberhang

4.1.1 Einführendes Beispiel

Das folgende Beispiel soll die Effekte einer Ausübung des Wahlrechts auf Bilanzierung eines Aktivüberhangs latenter Steuern auf die Bilanz eines Unternehmens zeigen:

Das betrachtete Unternehmen hat das Ziel, den Jahresüberschuss sowie die Kennziffern Eigenkapitalquote und Eigenkapitalrentabilität möglichst hoch auszuweisen. Daneben wird das Ziel verfolgt, eine möglichst geringe Bilanzsumme auszuweisen, um die Prüfungs- und Offenlegungspflichten zu begrenzen. Das Unternehmen weist sowohl in der Handels- als auch in der Steuerbilanz Aktivposten in Höhe von 500 GE, ein Gezeichnetes Kapital von 100 GE und sonstige Passivposten in Höhe von 250 GE aus. Darüber hinaus wird zum Bilanzstichtag eine Drohverlustrückstellung gemäß § 249 Abs. 1 HGB in Höhe von 50 GE bilanziert. In der Steuerbilanz darf diese Rückstellung gemäß § 5 Abs. 4a EStG nicht angesetzt werden. Für die Bewertung der latenten Steuern wird ein Steuersatz von 30% unterstellt. Auf diesen Sachverhalt entfallen folglich 15 GE (= 50 GE * 0,3) aktive latente Steuern. Der handelsrechtliche Jahresüberschuss ohne Berücksichtigung latenter Steuern beträgt 100 GE. Aus dem Aktivierungswahlrecht ergeben sich somit folgende alternative Bilanzen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anhand dieser schematischen Darstellung lassen sich nun Handlungsempfehlungen für den zielgerichteten Einsatz des Wahlrechts ableiten.

[...]


[1] Vgl. Herzig/Briesemeister, Ergebnispolitik 2009, S. 288; Küting/Seel, Ungereimtheiten 2009, S. 923; Meyer/Loitz/Linder/Zerwas, Steuern 2010, § 5, Tz. 14-19.

[2] Vgl. Bitz/Schneeloch/Wittstock/Patek, Jahresabschluss 2014, S. 679.

[3] Vgl. Fink/Reuther, Bilanzpolitik 2010, S. 8-9.

[4] Vgl. ebenda.

[5] Vgl. Brösel, Bilanzanalyse 2014, S. 97-100.

[6] Vgl. ebenda, S. 105.

[7] Vgl. Bitz/Schneeloch/Wittstock/Patek, Jahresabschluss 2014, S. 684-685.

[8] Vgl. ebenda, S. 685.

[9] Vgl. Küting, Spannungsverhältnis 1996, S. 934.

[10] Vgl. Brösel, Bilanzanalyse 2014, S. 16.

[11] Vgl. Bitz/Schneeloch/Wittstock/Patek, Jahresabschluss 2014, S. 479.

[12] Vgl. ebenda, S. 486-487.

[13] Vgl. Küting, Spannungsverhältnis 1996, S. 938-939; Küting, Stellenwert 2006, S. 2754.

[14] Vgl. BT-Drucks. 16/10067, Begründung zu § 274 HGB, S. 67.

[15] Vgl. Baetge/Kirsch/Thiele, Bilanzen 2012, S. 547.

[16] Vgl. Gelhausen/Fey/Kämpfer, Rechnungslegung 2009, §§ 274, 274a Nr. 5 HGB, Tz. 6-9.

[17] Vgl. Baetge/Kirsch/Thiele, Bilanzen 2012, S. 551.

[18] Vgl. Bertram, Haufe HGB 2014, § 274, Tz. 8.

[19] Vgl. BT-Drucks. 16/12407, Begründung zu § 246 Abs. 1 und 2 HGB, S. 84. Wenden die grundsätzlich von der Bilanzierung latenter Steuern befreiten Unternehmen die Regelungen nicht freiwillig an, sind bei Vorliegen bestimmter Abgrenzungssachverhalte Rückstellungen für ungewisse Verbindlichkeiten nach § 249 Abs. 1 Satz 1 HGB zu bilden. Vgl. Bitz/Schneeloch/Wittstock/Patek, Jahresabschluss 2014, S. 197.

[20] Vgl. Loitz, Mogelpackung 2009, S. 920.

[21] Vgl. Küting/Seel, Steuern 2009, S. 516.

[22] Vgl. Wendholt/Wesemann, Umsetzung 2009, S. 67; Petersen/Zwirner/Künkele, Bilanzanalyse 2010, S.119.

[23] Vgl. Küting/Tesche, Stetigkeitsgrundsatz 2009, S. 45; Meyer/Loitz/Linder/Zerwas, Steuern 2010, § 5, Tz. 33.

[24] Vgl. Karrenbrock, Zweifelsfragen 2011, S. 683.

[25] Vgl. Küting/Seel, Ungereimtheiten 2009, S. 924; Loitz, Mogelpackung 2009, S. 918; Bitz/Schneeloch/Wittstock/Patek, Jahresabschluss 2014, S. 200.

[26] Vgl. Gelhausen/Fey/Kämpfer, Rechnungslegung 2009, §§ 274, 274a Nr.5 HGB, Tz. 50; Bertram, Haufe HGB 2014, § 274, Tz. 43.

[27] Vgl. BT-Drucks. 16/10067, Begründung zu § 274 HGB, S. 67.

[28] Vgl. Herzig/Vossel, Paradigmenwechsel 2009, S. 1176.

[29] Vgl. BT-Drucks. 16/10067, Begründung zu § 274 HGB, S. 67.

[30] Vgl. Velte, Auswirkungen 2008, S. 70.

[31] Vgl. Loitz, DRS 2010, S. 2177.

[32] Liegt eine derartige Planung nur für einen kürzeren Zeitraum als fünf Jahre vor, muss die Planung unter Zuhilfenahme von Schätzungen entsprechend fortentwickelt werden. Vgl. Loitz, DRS 2010, S. 2179.

[33] Vgl. IDW ERS HFA 27 2009, Tz. 7.

[34] Vgl. Herzig/Vossel, Paradigmenwechsel 2009, S. 1176.

[35] Vgl. Coenenberg/Burkhardt, Wahlrechtsgestaltung, S. 108.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Latente Steuern. Anwendungsbereich, Analyse und zielgerichteter Einsatz
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
26
Katalognummer
V317624
ISBN (eBook)
9783668167179
ISBN (Buch)
9783668167186
Dateigröße
603 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Latente Steuern, Jahresabschlusspolitik, Bilanzpolitik, Steuern, HGB, Bilanzierung, Wahlrecht, Saldierung, Aktivüberhang, Passivüberhang
Arbeit zitieren
Torsten Müller (Autor), 2015, Latente Steuern. Anwendungsbereich, Analyse und zielgerichteter Einsatz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317624

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