Die Feldherren als handelnde Individuen. Zu Machiavellis "Discorsi", III. Buch, 12., 13. und 15. Kapitel


Essay, 2014

7 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Einleitung

Machiavelli widmet sich im III. Buch seiner Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio (Gespräche über die ersten zehn Bücher des Titus Livius) den „[...] handelnden Individuen“[1]. Ab dem 10. Kapitel lenkt er seinen Blick auf die Feldherrn als handelnde Individuen.[2] In meinem 3. Essay habe ich die These Machiavellis im 10. Kapitel rekonstruiert. Dieses Kapitel trägt die Überschrift: „Ein Feldherr kann der Schlacht nicht ausweichen, wenn sein Gegner durchaus eine Schlacht liefern will.“[3] Machiavelli entwickelt in diesem 10. Kapitel sowohl einen Idealtypus eines Feldherrn hinsichtlich seiner Attribute als auch eine Idealausstattung eines Feldherrn bezüglich seiner Befugnisse. Er kommt zu dem Ergebnis, dass ideale Feldherrn im wahrsten Sinne des Wortes die Herren im Felde sind. Sie haben also dem Status eines Herrschers entsprechend die volle Entscheidungs- und Befehlsgewalt über die ihnen unterstellten Truppen und können darüber entscheiden, ob und mit welcher Strategie sie eine Schlacht führen.

In diesem Essay sollen die Feldherrn noch näher betrachtet werden. Zunächst soll darauf eingegangen werden, mit welchen Mitteln ein Feldherr seine Soldaten von der Notwendigkeit eines Kampfes überzeugt. Machiavelli untersucht diese Angelegenheit im 12. Kapitel unter dem Titel: „Ein kluger Feldherr soll seine Soldaten soviel wie möglich in die Notwendigkeit versetzen zu kämpfen, sie dem Feinde aber nehmen.“[4] In einem weiteren Schritt soll geprüft werden, ob es eher auf einen guten Feldherrn oder auf ein gutes Heer ankommt. Machiavelli behandelt dieses Thema im 13. Kapitel mit der Aufschrift: „Auf wen mehr Verlaß ist, auf einen guten Feldherrn mit einem schlechten Heer oder auf ein gutes Heer mit einem schlechten Feldherrn.“[5]

Schließlich soll Machiavellis These im 15. Kapitel erforscht werden, welches er mit folgender Mutmaßung betitelt: „Einer, nicht viele müssen an der Spitze eines Heeres stehen; mehrere Befehlshaber sind schädlich.“[6]

Hauptteil

„Ein kluger Feldherr soll seine Soldaten soviel wie möglich in die Notwendigkeit versetzen zu kämpfen, sie dem Feinde aber nehmen.“[7] Mit dieser These in der Überschrift des Kapitels 12 unterstreicht Machiavelli die Bedeutung und Nützlichkeit von Notwendigkeit für den Erfolg menschlicher Handlungen. Notwendigkeit setzt er in diesem Kontext allerdings gleich mit einem Zwang aus einer Not heraus. Er führt dazu aus: „[...] hätte der Mensch [...] nichts so Vollkommenes hervorgebracht [...] hätte ihn die Not nicht dazu gezwungen.“[8] Militärstrategisch ist diese Notwendigkeit für Machiavelli in zweierlei Hinsicht bedeutsam. Erstens muss ein Feldherr seine Soldaten von der Notwendigkeit zu kämpfen überzeugen. Dies gelingt am besten, wenn er ihnen die Möglichkeit zu einem Rückzug oder zu einer Flucht verschließt. Zweitens muss ein Feldherr dafür sorgen, dass dem Feind wiederum eine Möglichkeit zu einem Rückzug oder zu einer Flucht offen steht. Dies führt dazu, dass der Gegner im Gegensatz zu den eigenen Kräften keine unbedingte Notwendigkeit zum Kampf verspürt und deshalb nicht so hartnäckig, beharrlich und ausdauernd kämpft. Im Text Machiavellis steht dazu: „ Die Feldherren des Altertums kannten die Kraft der Notwendigkeit und wußten, wie sehr sie das Gemüt der Soldaten in der Schlacht anfeuert. Darum taten sie alles, um die Soldaten in diese Notwendigkeit zu versetzen und sie dem Feinde zu benehmen Sie öffneten ihm häufig einen Ausweg, den sie ihm verschließen konnten, und verschlossen den Ihrigen einen Weg, den sie ihnen offenlassen konnten.“[9] Die Eroberung von Veji durch den römischen Feldherrn Camillus führt Machiavelli als ein Beispiel dafür an, dass ein dem Feind eröffneter Ausweg ihm zugleich das Gefühl für die Notwendigkeit zur Verteidigung nimmt. Um die völlige Einnahme der Stadt mit geringeren Verlusten für die eigenen Truppen zu ermöglichen, ließ er laut vernehmlich den Befehl ausgeben, dass alle Unbewaffneten in der Stadt zu verschonen seien.

Da die Niederlage für die vejenistischen Soldaten offensichtlich war, ihnen durch den angebotenen Ausweg aber die Notwendigkeit zum Kampf genommen wurde, entschlossen sie sich, ihre Waffen nieder zu legen und die Stadt wurde fast ohne Blutvergießen eingenommen.[10]

Machiavelli beschließt das 12. Kapitel damit, dass dies Verfahren später von vielen Feldherren befolgt wurde.[11]

Den Ausführungen Machiavellis zufolge werden einerseits das Verbreiten von Ausweglosigkeit und Angst vor Tod und Freiheitsverlust[12] zu einer stärkeren Triebfeder für Entschlossenheit und Einsatzwillen in einem Kampf als das Vermitteln von Siegeslust und dem Streben nach Ruhm und Ehre. Andererseits legt Machiavelli dar, dass die Notwendigkeit zu einem Kampf in dem Moment verloren zu gehen scheint, in dem ein Ausweg aus dem unmittelbaren Zwang zum Kampf, der gewissermaßen mit dem Lebens- und Freiheitswillen eines Menschen korrespondiert, aufgezeigt wird.

Im 13. Kapitel wägt Machiavelli nun gedanklich ab, ob es für den Erfolg wichtiger ist, ein gutes Heer oder einen guten Feldherren zu haben. Zunächst verweist er auf Livius, der am Beispiel Coriolans zu dem Schluss kommt, „daß die römische Republik mehr durch die Tapferkeit ihrer Feldherrn als ihrer Soldaten groß geworden sei.“[13] Livius hält er dann allerdings entgegen, „daß die Soldaten auch ohne Feldherrn Wunder der Tapferkeit verrichteten [...].“[14] Machiavelli kommt daraus zu einem eigenen Zwischenresümee, indem er ausführt: „Man kann also den Schluß ziehen, daß der Feldherr so sehr des Heeres bedarf, wie umgekehrt.“[15] Wenn sich also diese beiden Elemente gegenseitig bedingen, ist die Frage berechtigt, auf welches der beiden Dinge am ehesten verzichtet werden könnte. Die Frage anders gestellt könnte lauten, ob sich ein gutes Heer leichter einen guten Feldherrn schafft oder ob ein guter Feldherr einfacher ein gutes Heer heranbildet. „Nach Cäsars Meinung braucht man weder auf das eine noch auf das andre viel zu geben.“[16] Wie sehen die Gedanken Machiavellis zu dieser These aus?

Würde man Machiavelli oberflächlich interpretieren, könnte man zu dem Schluss kommen, dass es für ein gutes Heer leichter zu bewerkstelligen sei, sich einen guten Feldherrn zu suchen, „denn viele Gute werden leichter einen Guten finden oder heranbilden als einer viele.“[17] Dazu führt er das Beispiel von Lucullus an, der von einem guten Heer und seinen trefflichen Führern zu einem guten Heerführer gemacht wurde.[18] Machiavelli schränkt diesen Gedanken allerdings gleich wieder ein. Am Beispiel von Sempronius Gracchus, der aus römischen Sklaven ein gutes Heer formte und am Beispiel von Pelopides und Epaminondas, die aus thebanischen Bauern die besten Soldaten machten, zeigt er auf, dass es sowohl auf das eine als auch auf das andere ankommt. Machiavelli sagt zwar einerseits: „So steht die Sache gleich, denn wenn ein Teil gut ist, kann er den andern dazu machen.“[19] Andererseits liefert er aber gleich sein Hauptargument für die Priorität eines guten Heerführers darin, dass „ein gutes Heer ohne einen guten Feldherrn übermütig und gefährlich zu werden [pflegt, Anm. d. Verf.].“[20] Daher kommt Machiavelli zu dem eigentlichen Schluss, dass es geschickter und nützlicher sei, mehr Wert auf einen guten Feldherrn zu legen. Denn es verdienen diejenigen doppelten Ruhm, die nicht nur den Feind besiegen, sondern sich vorher ein tüchtiges Heer heranbilden.[21]

[...]


[1] vgl. Discorsi 2000, S. 289 f.

[2] vgl. ebd., S. 335.

[3] ebd., S. 335.

[4] ebd., S. 342.

[5] ebd., S. 346.

[6] ebd., S. 351.

[7] ebd., S. 342.

[8] ebd., S. 342.

[9] ebd., S. 342.

[10] vgl. ebd., S. 346.

[11] vgl. ebd., S. 346.

[12] vgl. ebd., S. 343

[13] ebd., S. 346.

[14] ebd., S. 346.

[15] ebd., S. 347.

[16] ebd., S. 347.

[17] ebd., S. 347.

[18] vgl. ebd., S. 347.

[19] ebd., S. 347.

[20] ebd., S. 348.

[21] vgl. ebd., S. 348.

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Die Feldherren als handelnde Individuen. Zu Machiavellis "Discorsi", III. Buch, 12., 13. und 15. Kapitel
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaften)
Veranstaltung
Essaykurs: Tyrannis, Staatsstreiche, Umwälzungen, primär in Texten der Renaissance
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
7
Katalognummer
V317799
ISBN (eBook)
9783668170452
ISBN (Buch)
9783668170469
Dateigröße
776 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Führung, Management, Eckhard Janiesch, Janiesch, Grundlagen der Führung, Machiavelli für Führungskräfte
Arbeit zitieren
Eckhard Janiesch (Autor), 2014, Die Feldherren als handelnde Individuen. Zu Machiavellis "Discorsi", III. Buch, 12., 13. und 15. Kapitel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317799

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