Bittner zufolge ist ein Grund für eine Handlung das, worauf der Akteur reagiert, ein Zustand in der Welt. Damit steht Bittners Auffassung entgegen zahlreicher bisheriger Theorien, auch weil sie Handeln nicht als etwas spezifisch Menschliches betrachtet und Handlungsgründen einen normativen Gehalt abspricht. Von daher ist es lohnenswert, Bittners Argumentation im Folgenden kritisch zu prüfen. Dies soll nachfolgend mit zwei Schwerpunkten geschehen, zum einen anhand seiner Kritik der Standardtheorie, zum anderen durch Betrachtung der Plausibilität seiner Neukonzeption.
Handlungen wirklich zu verstehen ist nur möglich, wenn man weiß, aus welchen Gründen heraus sie ausgeführt wurden. Mehr noch: Dieselbe Handlung ist, je nachdem, aus welchem Grund sie getan wurde, moralisch verschieden zu werten. Obgleich wir dieses Umstandes in Rechts- und Alltagspraxis Rechnung tragen, ist keineswegs unumstritten, was ein Handlungsgrund eigentlich ist.
Eine verbreitete Antwort, die der Hume'schen Motivationstheorie, lautet wie folgt: Ein Grund besteht aus einem Wunsch und einer Überzeugung. Diese Auffassung, wenn auch vorherrschend und als Standardtheorie bezeichnet, blieb nicht unwidersprochen. So ist zweifelhaft, inwieweit sie normativen Kriterien und unserem Verständnis von Rationalität gerecht wird, oder auch nur, ob sie ohne innere Unstimmigkeiten vertreten werden kann. In der Reihe der kritischen Beiträge bricht Rüdiger Bittners Gegenentwurf „Aus Gründen Handeln“ besonders stark mit der Tradition.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Hauptteil
2.1 Bittners Kritik der Standardtheorie
2.1.1 Begriffliche Vorbemerkungen
2.1.2 Smiths analytisches Argument
2.1.3 Williams’ internalistische Bedingung
2.1.4 Argument der symmetrischen Erklärung
2.2 Kritische Prüfung des Gegenentwurfs
2.2.1 Auswahl von Gründen
2.2.2 Stärke von Gründen
2.2.3 Die Frage nach der Normativität guter Gründe
3 Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Plausibilität von Rüdiger Bittners Gegenentwurf „Aus Gründen Handeln“ zur herrschenden Standardtheorie der Handlungsgründe. Ziel ist es, die Kritik Bittners an der Hume’schen Motivationstheorie und die von ihm vorgeschlagene Neukonzeption von Handlungsgründen als Zustände in der Welt kritisch zu beleuchten und auf ihre theoretische Konsistenz sowie normative Tragfähigkeit zu prüfen.
- Hume’sche Motivationstheorie (Standardtheorie)
- Internalismus vs. Externalismus in der Handlungstheorie
- Die Rolle von Wünschen und Überzeugungen bei der Handlungsbegründung
- Kritik an teleologischen Erklärungsmodellen
- Problematiken der normativen Kraft von Gründen
Auszug aus dem Buch
2.1.2 Smiths analytisches Argument
Ein durch seine Einfachheit attraktives Argument für die Standardtheorie brachte Michael Smith vor. Wenn bewiesen ist, dass diese bereits begrifflich aus dem Konzept motivierender Gründe folgt, erübrigt sich das Anführen weiterer Argumente ohnehin:
(a) „Having a motivating reason is, inter alia, having a goal“
(b) „Having a goal is being in a state with which the world must fit“
(c) „Being in a state with which the world must fit is desiring.“
Der von Smith behaupteten Unangreifbarkeit werden diese Prämissen jedoch nicht gerecht. Zudem ist unklar, welche Folgerungen sie implizieren.
Prämisse (a) In der Zurückweisung der These, dass Erklärungen durch Gründe kausaler Art seien, stimmen Bittner und Smith überein. Bittner setzt dem entgegen ein im weiteren Sinne historisches Erklärungsmodell, Smith ein teleologisches - an die Stelle der Causa efficiens tritt die Causa finalis. Das klingt intuitiv plausibel: Wer aus einem Grund handelt, will damit ein bestimmtes Ziel erreichen. Andererseits wirkt es stark konstruiert, in den von Bittner angeführten Gegenbeispielen eine teleologische Struktur finden zu wollen, etwa dem Beispiel der „Fahrerin, die rechts ran fährt, weil die Polizei sie dazu auffordert.“ Das Handeln dadurch zu erklären, dass man es als Ziel zuschreibt, den Wagen anzuhalten, scheitert. In diesem Fall gelingt eine Erklärung durch einen Grund nur unter Bezugnahme auf das Signal der Polizei. Nun könnte man Bittner wiederum entgegnen, dass die teleologische Struktur bereits im Begriff der Handlung enthalten ist. Nach vorherrschender Auffassung kann man diesen nur korrekt verwenden, wenn eine Handlungsabsicht vorliegt. Da Bittner damit offenbar nicht übereinstimmt, findet dieser berechtigte Einwand keine Beachtung.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in das Problem der Handlungsgründe ein und stellt Bittners Gegenentwurf zur Standardtheorie sowie die methodische Vorgehensweise der Arbeit vor.
2 Hauptteil: Der Hauptteil analysiert detailliert Bittners Kritik an der Standardtheorie, diskutiert zentrale Argumente (u.a. von Smith und Williams) und prüft kritisch Bittners eigene Neukonzeption bezüglich der Auswahl, Stärke und Normativität von Gründen.
3 Schluss: Das Schlusskapitel fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet Bittners Ansatz als phänomenologisch plausibel, sieht jedoch Defizite in der Ausarbeitung der normativen Aspekte und der Abgrenzung zum traditionellen Handlungsbegriff.
Schlüsselwörter
Handlungsgründe, Standardtheorie, Hume’sche Motivationstheorie, Rüdiger Bittner, Internalismus, Externalismus, motivationale Zustände, teleologische Erklärung, praktische Vernunft, normative Gründe, sound deliberative route, Handlungsphilosophie, Motivation, rationale Zugänglichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die philosophische Auseinandersetzung um das Konzept der Handlungsgründe, insbesondere den Vergleich zwischen der traditionellen Standardtheorie und dem von Rüdiger Bittner vorgeschlagenen Gegenentwurf.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Frage nach der Struktur von Handlungsgründen, die Unterscheidung zwischen Internalismus und Externalismus sowie die psychologische versus ontologische Fundierung von Motivation.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die kritische Prüfung von Bittners These, dass Handlungsgründe keine psychischen Zustände (wie Wünsche), sondern tatsächliche Zustände in der Welt sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die analytische Philosophie, indem sie die Argumente von Michael Smith, Bernard Williams und anderen diskutiert und an Bittners Gegenentwurf spiegelt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Kritik an der Standardtheorie (u.a. Smiths analytisches Argument, Williams’ internalistische Bedingung) und die Prüfung der Neukonzeption bezüglich Auswahl und Stärke von Gründen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die wichtigsten Begriffe sind Handlungsgründe, Motivationstheorie, Internalismus, Externalismus und das Konzept der „sound deliberative route“.
Wie bewertet der Autor Bittners Beispiel der „Fahrerin, die rechts ran fährt“?
Der Autor zeigt auf, dass Bittners teleologische Erklärung hierbei an Grenzen stößt, da das eigentliche Handeln primär durch das Signal der Polizei und nicht durch eine bloße Zielbeschreibung erklärbar ist.
Welche Kritik übt der Autor an der normativen Dimension?
Der Autor kritisiert, dass Bittner zwar die Normativität von Gründen ablehnt, dafür aber keine überzeugenden ontologischen Gründe vorbringt und somit die Möglichkeit einer fundierten Diskussion über „gute“ Gründe einschränkt.
Gelingt es Bittner, die Standardtheorie vollständig zu entkräften?
Der Autor kommt zum Schluss, dass Bittner zwar plausiblere Ansätze liefert, die Standardtheorie jedoch nicht vollständig widerlegen kann, da diese schwer zu widerlegende Aspekte enthält.
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- Sebastian Kern (Author), 2014, R. Bittners Kritik an der Standardtheorie und die Plausibilität seines Gegenentwurfs „Aus Gründen handeln“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317857