R. Bittners Kritik an der Standardtheorie und die Plausibilität seines Gegenentwurfs „Aus Gründen handeln“


Hausarbeit, 2014

17 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Bittners Kritik der Standardtheorie
2.1.1 Begriffliche Vorbemerkungen
2.1.2 Smiths analytisches Argument
2.1.3 Williams’ internalistische Bedingung
2.1.4 Argument der symmetrischen Erklärung
2.2 Kritische Prüfung des Gegenentwurfs
2.2.1 Auswahl von Gränden
2.2.2 Stärke von Griinden
2.2.3 Die Frage nach der Normativität guter Grunde

3 Schluss

4 Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Handlungen wirklich zu verstehen ist nur möglich, wenn man weiß, aus wel­chen Gründen heraus sie ausgeführt wurden. Mehr noch: Dieselbe Handlung ist, je nachdem, aus welchem Grund sie getan wurde, moralisch verschieden zu werten. Obgleich wir dieses Umstandes in Rechts- und Alltagspraxis Rech­nung tragen, ist keineswegs unumstritten, was ein Handlungsgrund eigentlich ist.

Eine verbreitete Antwort, die der Hume’schen Motivationstheorie, lautet wie folgt: Ein Grund besteht aus einem Wunsch und einer Überzeugung. Wenn ich mir wünsche, mein Studium ohne viel Arbeit zu finanzieren, und der Meinung bin, dieses Ziel durch Kreditkartenbetrug erreichen zu konnen, so habe ich einen Grund, das zu tun. Dieser Auffassung, wenn auch vorherr­schend und als Standardtheorie bezeichnet, blieb nicht unwidersprochen. So ist zweifelhaft, inwieweit sie normativen Kriterien und unserem Verstündnis von Rationalitaüt gerecht wird, oder auch nur, ob sie ohne innere Unstimmig­keiten vertreten werden kann. In der Reihe der kritischen Beitrage - unter anderem von J. McDowell, T. Nagel, J. Dancy und nicht zuletzt J. Nida- Rumelin - bricht Rudiger Bittners Gegenentwurf, Aus Gründen Handeln, besonders stark mit der Tradition.

Bittner zufolge ist ein Grund fuür eine Handlung das, worauf der Akteur rea­giert, ein Zustand in der Welt. Das klingt vorerst unspektakulür, so verweist man, gefragt nach Handlungsgrnnden, fur gewohnlich ohnehin auf Zustünde oder Ereignisse. „Warum hast du die Tur geoffnet?“ - „Weil es geklopft hat.“ Das als verkürzte Form einer Antwort wie „Ich verspurte den Wunsch, die Ur­sache des Klopfens in Erfahrung zu bringen und glaubte, dass das (Offnen der Tür ein adüquater Weg dazu sei“ zu begreifen ist moglich, aber unbequem. Dennoch steht Bittners Auffassung quer zu zahlreichen bisherigen Theorien, auch weil sie Handeln nicht als etwas spezifisch Menschliches betrachtet und Gründen normativen Gehalt komplett abspricht. Von daher ist es lohnens­wert, Bittners Argumentation kritisch zu pruüfen. Dies soll nachfolgend mit zwei Schwerpunkten geschehen, zum einen seiner Kritik der Standardtheorie, zum anderen der eigentlichen Neukonzeption.

2 Hauptteil

2.1 Bittners Kritik der Standardtheorie

2.1.1 Begriffliche Vorbemerkungen

Vorab ist zu klären, zu welcher Auffassung genau sich Bittner in geistiger Gegnerschaft befindet. Die Hume’sche Motivationstheorie oder auch Stan­dardtheorie ist die wichtigste Form des motivationstheoretischen Psycholo­gismus[1], der den Anspruch erhebt, dass sich alle motivierenden Grunde auf geistige Zustande zuriickfíihren lassen. Wenn beispielsweise jemand aus dem Grund, dass es regnet, sein Haus nicht verlasst, so ist diese Ausdrucksweise vereinfacht. Das schlechte Wetter an sich ist kein Grund, sondern ein psychi­scher Zustand des Handelnden ist es - im Falle der Standardtheorie also der Wunsch, nicht nass zu werden, und eine Meinung daruäber, wie dieses Ziel zu erreichen ist. Die Gegenposition hierzu wird im folgenden in Übereinstim­mung mit C. Halbig Nonpsychologismus genannt.[2]

Fur Grunde, aus denen jemand etwas tut, wird alternativ auch von moti­vierenden Grunden[3] gesprochen. Diese mässen auch nicht tatsachlich moti­vational wirksam werden, etwa in dem Fall, dass sie von anderen Grunden uberwogen werden. Bittners Bedenken, dass der Begriff „motivierend“ be­reits impliziere, dass Grände Ursachen seien[4], sind ein Stuck weit gerechtfer­tigt. Diese Frage ist gesondert zu klären, aber wenn Bewusstsein fär diesen Ümstand geschaffen ist, spricht nichts gegen die intuitivere und kuärzere Be­zeichnung. Zu beachten ist außerdem, dass die Grunde, aus denen jemand etwas tut, oftmals auch die Gruände sind, die jemand hat, etwas zu tun. Üm Unklarheiten zu vermeiden, wird bei letzteren gleichfalls auf die Termino­logie Dancys zuruäckgegriffen werden, der den Ausdruck normative Gruände verwendet.

Das Begriffspaar Internalismus/Externalismus kann in der Debatte auf ver­schiedene Weisen verstanden werden[5] ; im Folgenden wird unter Internalismus die Anschauung verstanden, dass alle normativen Grunde notwendig intern sind, d.h. das Handlungssubjekt hat nur einen Grund zu etwas, wenn es diesen auch kennt oder die Möglichkeit hat, ihn zu erschließen. Des weiteren werden Wunsch/Begehren sowie Meinung/Überzeugung synonym verwendet.

2.1.2 Smiths analytisches Argument

Ein durch seine Einfachheit attraktives Argument för die Standardtheorie brachte Michael Smith vor. Wenn bewiesen ist, dass diese bereits begrifflich aus dem Konzept motivierender Grunde folgt, eriibrigt sich das Anfuhren weiterer Argumente ohnehin:

(a) „Having a motivating reason is, inter alia, having a goal“
(b) „Having a goal is being in a state with which the world must fit“
(c) „Being in a state with which the world must fit is desiring.“[6]

Der von Smith behaupteten Unangreifbarkeit werden diese Prämissen jedoch nicht gerecht. Zudem ist unklar, welche Folgerungen sie implizieren.

Prämisse (a) In der Zuruckweisung der These, dass Erklörungen durch Gruönde kausaler Art seien, stimmen Bittner und Smith uöberein. Bittner setzt dem entgegen ein im weiteren Sinne historisches Erklarungsmodell[7], Smith ein teleologisches[8] - an die Stelle der Causa efficiens tritt die Causa finalis. Das klingt intuitiv plausibel: Wer aus einem Grund handelt, will damit ein bestimmtes Ziel erreichen. Andererseits wirkt es stark konstruiert, in den von Bittner angefuöhrten Gegenbeispielen eine teleologische Struktur finden zu wollen, etwa dem Beispiel der „Fahrerin, die rechts ran fahrt, weil die Polizei sie dazu auffordert.“[9] Das Handeln dadurch zu erklaren, dass man es als Ziel zuschreibt, den Wagen anzuhalten, scheitert. In diesem Fall gelingt eine Erklarung durch einen Grund nur unter Bezugnahme auf das Signal der Polizei. Nun könnte man Bittner wiederum entgegnen, dass die teleologische Struktur bereits im Begriff der Handlung enthalten ist. Nach vorherrschender Auffassung kann man diesen nur korrekt verwenden, wenn eine Handlungsab­sicht vorliegt. Da Bittner damit offenbar nicht ubereinstimmt[10], findet dieser berechtigte Einwand keine Beachtung.

Prämisse (b) Der zweite Teil von Smiths Argument besagt, dass ein Ziel zu haben ist, in einem Zustand zu sein, mit dem die Welt uöbereinzustimmen hat. Ohne zuröck zu G.E.M. Anscombe zu gehen, die die Unterscheidung der directions of fit eingefuhrt und ausfuhrlich veranschaulicht hat[11], zeigt sich Smiths technische Definition fur den Moment als ausreichend: Eine Überzeu­gung, dass p, muss aufgegeben werden, sobald man feststellt, dass in der Welt —p gilt. Ein Wunsch, dass p, besteht in diesem Fall fort, er zielt darauf ab, dass p eintritt.[12] Wer nun ein Ziel hat, der gibt es nicht gleich auf, wenn er feststellt, dass es nicht ohnehin schon realisiert ist.[13] Folglich ist jemand, der ein Ziel hat, in einem Zustand der zweiten Art, in einem Zustand, mit dem die Welt ubereinstimmen muss. Den naheliegenden Einwand, dass „Wunsche keineswegs die Menge der mentalen Zustande mit einer solchen Richtung des Passens erschöpfen“[14], vermag Smith durch seinen erweiterten Wunschbegriff (pro-attitude) zu umgehen.[15] Jedoch lassen sich in Bittners weiterer Kritik an (b) keine Fehler finden. Seine Argumentation löuft darauf hinaus, dass die Prömisse dadurch entkröftet ist, dass sie letztlich nicht mehr aussagt, als dass ,,[e]in Ziel haben heißt, seine Realisierung an[zu]zielen“[16].

Prämisse (c) Wie Smith selbst zugibt[17], bietet der dritte Teil seines Ar­guments am meisten Angriffsfläche für Kritik. In (a) ist vielmehr Bittners Kritik fehlgeleitet, als die Prämisse selbst, (b) ist mit Wohlwollen gelesen hinnehmbar, wenn auch kraftlos. Die These jedoch, dass in einem Zustand zu sein, mit dem die Welt uäbereinstimmen muss, Wuänschen ist, erscheint fragwärdig und setzt letztlich das zu Beweisende bereits voraus.

Smith stutzt seine Argumentation darauf, Wänsche als Sätze von Dispositio­nen aufzufassen. Wer etwas wänscht, handelt unter bestimmten Umstanden C so, dass es der ErfUllung des Wunsches zuträglich ist. Unter C ist er dispo- sitioniert, das zu tun, was unter diesen Umstanden verspricht, das Gewänsch- te herbeizufuähren, und so weiter - Wuänsche erfuällen somit eine funktionale Rolle.[18]

Alternative, phanomenologischen Ansätze können Smith zufolge nicht Uber­zeugen. Das, was er starke phaänomenologische Konzeption nennt, wird zwar kaum noch ernsthaft vertreten, eroäffnet aber das Grundproblem phäanomeno- logischer Auffassungen. In der starken Konzeption ist ein Wunsch eine reine Empfindung, die epistemologisch den Status von Schmerzen hat.[19] Das heißt, eine Person hat einen Wunsch gdw. sie diesen wahrnimmt. Dies ist zurUck- zuweisen, da es zum einen unbewusste WUnsche gibt[20], und es zum anderen den offenkundig propositionalen Charakter von WUnschen nicht berUcksich- tigt.[21] Schwächere phänomenologische Konzeptionen tun das zwar (Wunsch: Empfindung + Proposition), scheitern aber daran, den propositionalen An­teil befriedigend zu erklären.[22] Nach Smith haben WUnsche nicht primar phaänomenologischen Inhalt, was er vor allem daran festmacht, dass läanger waährende Wuänsche nicht staändig gefuählt werden, aber dennoch vorhanden sind.[23] Das dispositionelle Verständnis schafft eine VerknUpfung zwischen Wunsch und Ereignis, das Eintreten des Gewuänschten ist tatsaächlich die

[...]


[1] vgl. Halbig, Christoph: Praktische Gründe und die Realität der Moral. Frankfurt: Vit­torio Klostermann, 2007 (Philosophische Abhandlungen Bd. 94), S. 31.

[2] vgl. Halbig, S. 31.

[3] vgl. Dancy, Jonathan: Practical Reality. Oxford: Oxford University Press, 2000, S. 1.

[4] vgl. Bittner, Rüdiger: Aus Gründen Handeln. Berlin: De Gruyter, 2005, § 216.

[5] vgl. Halbig, S. 18-28.

[6] Smith, Michael: The Humean Theory of Motivation. In: Mind, New Series, Bd. 96, Nr. 381 (Jan., 1987), S. 55.

[7] vgl. Bittner, § 146.

[8] vgl. Smith, S. 44.

[9] vgl. Bittner, § 17.

[10] vgl. 2.1.4.

[11] vgl. Anscombe, Elizabeth: Intention. Oxford: Blackwell, 1972.

[12] vgl. Smith, S. 54.

[13] vgl. Smith, S. 55.

[14] Halbig, S. 52.

[15] vgl. Smith, S. 55.

[16] Bittner, § 22.

[17] vgl. Smith, S. 55.

[18] vgl. Smith, S. 52.

[19] vgl. Smith, S. 46.

[20] vgl. Smith, S. 47.

[21] vgl. Smith, S. 47.

[22] vgl. Smith, S. 48.

[23] vgl. Smith, S. 48f.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
R. Bittners Kritik an der Standardtheorie und die Plausibilität seines Gegenentwurfs „Aus Gründen handeln“
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Philosophie)
Veranstaltung
Handlungs- und Rationalitätstheorie
Note
1.0
Autor
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V317857
ISBN (eBook)
9783668171787
ISBN (Buch)
9783668171794
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bittner, Standardtheorie, Aus Gründen Handeln, Handlungen, Handlungsgrund, normativ, normativer Gehalt
Arbeit zitieren
Sebastian Kern (Autor:in), 2014, R. Bittners Kritik an der Standardtheorie und die Plausibilität seines Gegenentwurfs „Aus Gründen handeln“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317857

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