Goethes literarisches Werk umfasst vor allem Lyrik, Dramen und erzählende Werke, aber auch gegenläufige Disziplinen wie kunsttheoretische und naturwissenschaftliche Schriften. Der Bezug zwischen Kunst und Naturwissenschaft entwickelte sich allmählich im Zuge Goethes Aufenthalt in Weimar und kam später mit der Italienreise zu seinem Höhepunkt. In dieser Zeit (1821) entstand auch die Erstfassung seines Romans „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ in dem die Verknüpfung von Kunst und Natur allzu gut deutlich wird.
Dieser Bezug schlägt sich allerdings auch in zahlreichen seiner anderen Werke nieder, wie zum Beispiel in „Einfache Nachahmung der Natur, Manier, Stil“ oder auch in seinem umfassenden Briefwechsel. Goethe selbst sieht sich wohl als der „Vermittler von Objekt und Subjekt“, wobei die Natur den Platz des Objektes und der Mensch den Platz des Subjektes einnimmt. Er appelliert zur genauen Betrachtung der Dinge im Ganzen, denn nur dann wird sich einem auch das Allgemeine offenbaren können und was noch größerer Bedeutung zukommt, mit ihm auch der Geist der Dinge.
Goethes Werke zur Naturkunde, die fast ein drittel seines Gesamtwerkes ausmachen, sind allesamt von einer pantheistischen Naturphilosophie geprägt. Er versuchte stets zu statischen Gesetzmäßigkeiten Theorien übersinnlicher Phänomene gegenüberzustellen. Dieses Übersinnliche lässt sich nach Goethe in allen Organismen wiederfinden, offenbart sich allerdings nur im reinen Kunstwerk – im Schönen.
Das Wesen der Kunst (Schönheit), oder im engeren Sinne der Ästhetik wurzelte bereits in der Antike bei Vertretern wie Horaz, Aristoteles oder Platon. Der Begriff der Ästhetik leitet sich von dem griechischen Wort `aísthesis´ ab, was für Wahrnehmung, Gefühl und Verständnis steht. Erst seit Mitte des 18. Jahrhunderts existiert die Ästhetik als eigenständige Disziplin in dessen Zentrum „die Konzeption einer Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis“ steht.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Vom Beginn Goethes botanischer Studien
3 Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären
3.1 Die Urpflanze
3.2 Goethes Kunstauffassung
4 Natur und Kunst
5 Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die enge Verflechtung von Goethes naturwissenschaftlichen Studien und seinem kunsttheoretischen Verständnis. Dabei liegt der Fokus auf der Frage, wie Goethes pantheistische Naturphilosophie und sein Konzept der Metamorphose als verbindendes Element zwischen wissenschaftlicher Beobachtung und künstlerischem Schaffen dienen können.
- Goethes botanische Studien und deren Einfluss auf sein Weltbild
- Die Theorie der Metamorphose als organisches Prinzip
- Das Konzept der Urpflanze als ideales Konstrukt
- Die Korrespondenz von Polarität und Steigerung in Natur und Kunst
- Mimesis als Transformation anstatt reiner Abbildung
Auszug aus dem Buch
3 Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären
Mit seiner Abhandlung „Der Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären“ versuchte Goethe eine Pflanzensystematik zu entwickeln, die der von Linné überlegen ist. Der Aufbau der Abhandlung ist kongruent mit dem Aufbau einer Pflanze. Diese erstreckt sich vom Keimling hin zur grünenden und anschließend blühenden Pflanze. Den Schluss bilden Frucht und Samen. In diesem Werk unterscheidet Goethe zwischen regelmäßiger Metamorphose (fortscheitend), unregelmäßiger Metamorphose (rückschreitend) und der zufälligen Metamorphose, die von externen Faktoren beeinflusst ist. Goethes Metamorphose Begriff gründet auf seiner selbstständigen Naturforschung und basiert auf der Einheit seines Dichter und Forscherseins. Metamorphose wird bei Goethe zum Beispiel von bildnerischer Tätigkeit.
Durch seine Beschreibung der Umwandlung einzelner Pflanzenteile, aus denen neue hervorgehen, vermag es der Leser den komplexen Vorgängen bewusst zu werden. Im Paragraph sechs der Einleitung seiner Abhandlung wird der Wechsel von Ausdehnung und Zusammenziehung besonders deutlich. Hier beschreibt Goethe die fortschreitende Metamorphose, in der sich die Umwandlung einer Gestalt in eine andere stufenweise bemerkbar macht. Diese Umwandlung können „auch im Menschen und dessen künstlerischer Bestätigung […] Prozesse und Gestaltungsvorgänge als eine stufenweise Erfahrung qualitativer Verwandlungen begriffen werden“. Der Paragraph sechs bildet im Prinzip das Herzstück Goethes Abhandlung. Seine Entdeckung, dass bei einer einjährigen Pflanze die zeitlich aufeinander folgenden Organe allesamt mit dem Stammblatt identisch sind, ebnet seinen weiteren Weg als Botaniker.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in Goethes pantheistische Naturphilosophie ein und erläutert seine Sicht als Vermittler zwischen Objekt und Subjekt.
2 Vom Beginn Goethes botanischer Studien: Hier werden Goethes erste wissenschaftliche Erfahrungen in Weimar sowie sein kritischer Auseinandersetzungsprozess mit dem Klassifizierungssystem von Carl von Linné beschrieben.
3 Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären: Das Kapitel erläutert Goethes systematische Betrachtung der Pflanzenevolution und die Prinzipien der Polarität und Steigerung.
3.1 Die Urpflanze: Dieses Unterkapitel analysiert das Konzept der Urpflanze als virtuelles, ideales Urbild, das der Vielfalt der Natur zugrunde liegt.
3.2 Goethes Kunstauffassung: Hier wird die Transformation der ästhetischen Ansichten zur Zeit der Klassik und Romantik im Kontext von Goethes Naturbild behandelt.
4 Natur und Kunst: Dieses Kapitel thematisiert die Rolle des Künstlers als Bewahrer der Natur und die Transformation der Mimesis in eine geistige Gestaltung.
5 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass für Goethe die morphologischen Gesetze der Natur und die Regeln der Kunst eine Einheit bilden, um die Vervollkommnung des Schönen zu erreichen.
Schlüsselwörter
Johann Wolfgang von Goethe, Metamorphose, Naturphilosophie, Botanik, Kunstauffassung, Urpflanze, Polarität, Steigerung, Mimesis, Ästhetik, Morphologie, Wissenschaft, Poesie, Carl von Linné, Urphänomen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Wechselbeziehung zwischen Goethes naturwissenschaftlichen Forschungen, insbesondere zur Botanik, und seinem kunsttheoretischen Denken.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die botanische Metamorphosenlehre, das Konzept der Urpflanze, das Gesetz von Polarität und Steigerung sowie die ästhetische Betrachtung von Kunst als zweiter Natur.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Goethe versuchte, Natur und Kunst unter einem gemeinsamen, gesetzmäßigen Prinzip des Werdens und der Vervollkommnung zu vereinen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die Goethes eigene Schriften und ergänzende Forschungsliteratur zur Morphologie und Ästhetik in Beziehung setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die botanischen Grundlagenstudien, die Erläuterung der Metamorphose, das Ideal der Urpflanze sowie die Verknüpfung von wissenschaftlicher Naturbeobachtung und künstlerischer Transformation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Metamorphose, Naturphilosophie, Urpflanze, Polarität, Steigerung, Mimesis und Ästhetik.
Warum kritisierte Goethe die Pflanzensystematik von Carl von Linné?
Goethe kritisierte Linnés System als zu statisch und bemängelte die strikte, künstliche Abgrenzung der Pflanzenteile, da er das organische, fließende Werden der Natur betonen wollte.
Welche Bedeutung hat das "Urphänomen" für Goethe?
Nachdem die Suche nach der Urpflanze als physisches Objekt scheiterte, fungiert das Urphänomen für Goethe als eine Art göttliche Offenbarung oder ein ideelles Prinzip, das die Einheit der Natur sinnlich fassbar macht.
- Citation du texte
- Lorella Joschko (Auteur), 2014, Kunst als Wissenschaft bei Goethe. Betrachtung über Morphologie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317876