Weltall.Erde.Kunst. Annäherungen an Joseph Beuys´Universalismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
12 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Zum Politikbegriff bei Beuys

3. Erweiterter Kunstbegriff und daraus abgeleitete politische Forderungen
3.1. Der grundlegende Topos des Erweiterten Kunstbegriffs
3.2. Plastische Theorie – soziale Skulptur
3.3. Soziale 3Gliederung
3.4. Veränderung der Gesellschaft – Basisdemokratie - Dritter Weg

4. Schlußbetrachtungen: Utopia und Evolution

5. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Beim übergreifenden Semesterthema „Kunst und Politik“ lag es nahe, sich dem ´Planet Beuys´ über die von ihm in den Gesprächen und Vorträgen permanent entwickelte und vorgetragene Programmatik anzunähern.

Sehr schnell wurde dann beim Lesen klar,daß man einen politischen Terminus von Beuys niemals als solchen belassen kann, ohne ihn nicht gleichzeitig in den mitzu-denkenden Parallelebenen Evolution, Anthropologie, Kosmologie zu verankern.

Egal von welchem Aspekt aus man in das komplexe Beuys-Oevre einzutauchen versucht, man sieht sich stets einer Art assoziativer Baumstruktur-artiger Universalverzweigung gegenüber, innerhalb der Beuys seine Begriffe verwendet bzw. entwickelt. Von jedem Beuys-Satz, Beuys-Gespräch, Beuys-Werk scheint ein universalistischer Sog auszugehen, der den Rezipienten auf das dahinterliegende große Ganze, die zu schaffende „soziale Skulptur“ verweist.

Joseph Beuys´ Gesamtwerk besteht nach Ansicht von Peter Schata in der „ausdrücklichen Darlegung seines Welt und Menschenbildes.“[2]

Es ist trotz oder gerade wegen seiner vielen scheinbar auseinanderliegenden Denk- und Handlungsfelder als Einheit zu verstehen im Sinne eines großangelegten Syntheseversuchs.Dementsprechend wurde notwendigerweise auch die Person Beuys „als Einheit aus Person und Werk, aus Politiker und Künstler“[3] betrachtet.

Hiltrud Oman mahnte auf der Beuys-Tagung 1991 in Basel mit Blick auf den kommerziellen Kunstbetrieb an, daß durch die Atomisierung des Beuysschen Werks die in ihm enthaltenen universalistischen Intentionen ihrer Schlagkraft beraubt und „ins Ästhetische Eck zurückgedrängt“[4] würden.

Gerade gegen diese „Nischenexistenz“[5] der Kunst bzw. die unvermeidliche Praxis der „Dekoration der Systeme“ [6] mit ursprünglich transformatorisch-spirituell intendierten Kunstwerken aber kämpfte Beuys an.

Ziel dieser Arbeit soll es sein, die politische Dimension von Beuys´ erweitertem Kunstbegriff anhand einiger wichtiger Elemente und Herleitungen herauszuarbeiten, möglichst ohne dabei die Gesamtzusammenhänge reduzieren zu müssen.

2. Der Politikbegriff bei Beuys

Zunächst ist anzumerken, daß Beuys trotz seines temporären Auftretens als Politiker den herkömmlichen Politikbegriff ablehnte, weil dieser für ihn im modernen Sinne lediglich ein „Synonym“ für die „Verfilzung“ der „Macht des Staates mit der Macht des Geldes“[7] darstelle: „Mir wird der Begriff des Politischen ein immer unmöglicherer.“[8]

Der bestehende westliche Parlamentarismus und sein Parteiensystem waren für Beuys „fragwürdige Gebilde“[9] , Instanzen einer „Scheindemokratie zur Verschleierung der Macht des Geldes“[10]. Was sich hinter dem Politikbegriff verberge, habe „immer wieder zu großen Mißständen geführt“[11].

Etymologisch begründete Beuys die Ablehnung des Politikbegriffs mit dem Argument, daß er im Sinne der antiken Rechtskultur der Polis seinen Platz hatte, sich in der modernen „Wirtschaftskultur“[12] aber aufgrund von offensichtlichem Demokratiemangel jedoch als unzeitgemäß herausstellen muß: „Die Großfinanz bestimmt heute die Politik einzelner LänderPolitiker fesseln sich selbst“[13].

Deshalb urteilt Beuys über den antiken, normativ-ontologischen Politikbegriff :

„Politik gibt es schon lange nicht mehr“[14].

Als „Feind der Politik“[15] ( im Sinne des realistischen Politikbegriffes nach Hobbes ) favorisierte Beuys ,wenn es um Prozesse der gesellschaftlichen Organisation geht, den Gestaltungsbegriff: „Ich bin gegen jede Politik und für das Gestaltungsprinzip“[16].

Der (jetzige) Politikbegriff disqualifiziere sich als unsinnig, „weil er total unorganisch ist“[17].

Die institutionellen Gründungen, die Joseph Beuys initiiert bzw. an denen er mitgewirkt hat ( Deutsche Studentenpartei, Aktion Dritter Weg, FIU, GAL u.a. ) sind somit immer als Aktivitäten zu verstehen, die den Rahmen dieses Politikbegriffs zu sprengen bzw. zu erweitern suchten. Formen direkter Demokratie, politische Aktion und Intervention sind als logische emanzipatorische Schritte im Sinne der Anwendung des Gestaltungsbegriffs auf das Soziale Ganze zu verstehen.

Gerade im Hinblick auf die „Realo“-Entwicklung der von ihm mitbegründeten Grünen hin bemerkte Beuys im November 1985 , daß die sogenannte „Politikfähigkeit“ alternativer Strömungen „das Schlimmste“ wäre , weil sie automatisch „Verzicht auf zukünftiges Ideenpotential“[18] , also Utopieverlust bedeute.

Der zeitgenössische Politikbegriff stellte sich für Beuys als diametraler Gegensatz zum zentralen Begriff der Freiheit und Selbstbestimmung dar, aus deren Verwirklichung allein eine Neugestaltung der Gesellschaft möglich sei.

3. Erweiterter Kunstbegriff und daraus resultierende politische Forderungen

3.1. Der grundlegende Topos des Erweiterten Kunstbegriffs

Margarete Hannsmann schildert in ihrer HAP Grieshaber – Biographie einen Führungsstreit zwischen Grieshaber und Beuys um revoltierende Kunststudenten 1968 in Nürnberg. Während des Happenings um eine kahle Mensawand versucht Grieshaber die resignierten Protestler zum emanzipatorischen Bemalen der Wand zu bringen, während Beuys, vom Klavier im Schneidersitz Parolen und Margarinewürfel in die Menge werfend, das Zerbrechen der Pinsel und die Sprengung des Kunstbegriffs fordert. Alles könne Kunst sein, „beten ficken kartoffelschälen“, es komme dabei nur „auf die Bewußtseinsveränderung“[19] an.

In dieser Episode ist das Aufeinanderprallen von traditionell bildnerischem und Beuys´ transformatorischem, erweiterten Kunstbegriff physisch dargestellt.

Es ist dabei nicht nötig hervorzuheben, daß Beuys kein Feind bildnerischen Schaffens gewesen ist. Die von ihm geforderte und angestrebte Begriffserweiterung zielt auf die Überwindung der Isolation künstlerischer Praxis, welche als Ergebnis ihrer Autonomisierung in der Neuzeit notwendigerweise entstanden war.

Norbert Schneider hatte die Kehrseite dieser als formalen Freiheitsgewinn erfahrenen Autonomisierung der modernen Kunst als „Reduzierung auf Fiktion“ beschrieben, welche einen „Verlust ihrer Bindung an die Natur und an andere

kulturelle Praxen“[20] nach sich zog. Die aus dieser Abspaltung erwachsene ungeheure formale künstlerische Freiheit aber sieht Beuys am Ende der Moderne inhaltlich und funktionell entwertet: „Wo alles möglich ist, ist nichts mehr möglich“[21].

Die Forderung nach Aufhebung der Trennung steht bei Beuys in engem Zusam-menhang mit einem spezifischen Schwellenbewußtsein am „Ende der Moderne“[22], welches ein „Ende aller Traditionen“[23], bezogen auf die formalen Entwicklungen der neuzeitlichen Kunstgeschichte, postulierte: „Ich wachse aus der Moderne heraus“[24].

Auch beim erweiterten Kunstbegriff handelt es sich für Beuys um „keine Theorie“, sondern um eine „Figuration“[25], die Beuys bildnerisch verstanden wissen will als innere „Vorraussetzung“[26] für äußere Bilder.

Ein wichtiger Ausgangspunkt bei Beuys ist die Feststellung eines Urzusammenhangs in der historischen Entwicklung des Wissenschafts- und des Kunstbegriffs. Parallel zum Wissenschaftsbegriff habe sich auch der Kunstbegriff im Zuge des neuzeitlichen „Akademisumus, der überhaupt nicht mehr weiß, was Kunst ihrem Wesen nach ist“[27], reduziert. Der als Ergebnis dieser historischen Entwicklung nun vorhandene Kunstbegriff sei nun am Ende der Moderne längst „nicht mehr operabel“[28].

Der von Beuys geforderte neue Kunstbegriff sollte den „geschichtlich gewordenen bürgerlichen Wissenschaftsbegriff“ und die von ihm abgespaltenen „Weisen religiöser Tätigkeit“[29] mitrevolutionieren. Daraus leitet Beuys den Anspruch ab, kollektiv „den sozialen Kunstbegriff “ als ein „neugeborenes Kind aus den alten Disziplinen“[30] zu entwickeln.

Für die weitere Ausübung der bisher entwickelten traditionellen Kunstdisziplinen bedürfe es nunmehr „des geistigen Bodens der Sozialen Kunst“[31].

3.2. Plastische Theorie – soziale Skulptur

Die SOZIALE KUNST ist die Gegen-Kraft in einer Kultur der persönlichen Bereicherung und der Zerstörung der Grundlagen des Planeten.

Die SOZIALE SKULPTUR wurde als Begriff und Wirklichkeit von Joseph Beuys initiiert

(Klaus Tesching, ehem. Beuys-Meisterschüler, www.soziale-plastik.org)

An den Beginn seiner selbsterzählten Künstlerbiographie setzte Beuys die Begegnung mit dem Werk Lehmbrucks, an dessen Plastiken er Kategorien wahrgenommen hatte, „die niemals vorher vorhanden waren.“[32] Weiterhin beschrieb er bioghraphisch seine enttäuschte Abwendung von der Wissenschaft, wo er „alles stark reduziert “[33] erlebte, als Ausgangspunkt einer Suche nach etwas „umfassenderen“:

„Ich habe...einen Ansatz aus der Wissenschaft heraus für die Kunst gehabt.“[34] Der Zuweisungsanspruch an die Kunst als das Schaffensfeld, wo eine neue transformatorische Synthese entwicklungsgeschichtlich bedingter Divergenzen möglich wird, macht das Erweitern vorhandener Begrifflichkeiten zu einer Grundvoraussetzung.

Das Denken als primärer schöpferischer Vorgang[35] wird zum Feld der Gestaltung durch eine angestrebte „Revolution der Begriffe“[36], das Wort als ein „Schlüsselzeichen für alle formenden und organisierenden Prozesse“[37] angesehen.

An erster Stelle stand dabei bei Beuys der Begriff des Plastischen, der Plastik als Kategorie: “Plastik ist ein Begriff, der nicht tief genug gefasst wird.[38] Ausgehend von Lehmbruck, der Skulptur als „das Wesen der Dinge, das Wesen der Natur, das, was ewig menschlich ist“[39] zu fassen versuchte, bettet Beuys den plastischen Begriff in den dialektischen Urzusammenhang zwischen Chaos ( Energie , Potential, ungerichtet ) und Form ( Materie, gerichtet, verfestigt ) ein.

Notwendiger Bestandteil dieses als„Kräftekonstellation“[40] beschriebenen polaren Verhältnisses ist ein vermittelndes„Moment der Bewegung“[41].

[...]


[1] Beuys/Ende, Kunst und Politik, S.110

[2] Rappmann, Schata, Harlan, Soziale Plastik, S.73

[3] Jürgen Kolbe, in: Joseph Beuys: Sprechen über Deutschland, S.5

[4] Hiltrud Oman, in: Harlan,Koepplin,Velhagen: Joseph-Beuys Tagung, S.273

[5] Beuys, Aktive Neutralität, S.17

[6] ebd.

[7] Beuys/Ende, Kunst und Politik, S.14

[8] Joseph Beuys, Sprechen über Deutschland, S.15

[9] a.a.O., S.16

[10] a.a.O., S.23

[11] Beuys im Gespräch mit Friedhelm Mennekes, in: Beuys zu Christus, S.126

[12] Beuys/Ende, Kunst und Politik, S.34

[13] a.a.O., S. 41

[14] Beuys, in: Friedhelm Mennekes, Beuys zu Christus , S.126

[15] ( ebd. )

[16] ( ebd. )

[17] Beuys/Ende, Kunst und Politik, S.33

[18] Joseph Beuys, Sprechen über Deutschland, S.21

[19] Hannsmann, Pfauenschrei.Meine Jahre mit HAP Grieshaber, S.119

[20] Schneider, Geschichte der Ästhetik von der Aufklärung bis zur Postmoderne, S..16

[21] Beuys/Ende, Kunst und Politik, S.88

[22] Joseph Beuys, Sprechen über Deutschland, S.19

[23] ebd.

[24] Beuys/Ende, Kunst und Politik, S.25

[25] Mennekes, Beuys zu Christus, S.60

[26] a.a.O., S.62

[27] Beuys im Interview mit R.Rappmann, in: Harlan, Rappmann, Schata, Soziale Plasik, S.19

[28] Joseph Beuys, Sprechen über Deutschland, S.11

[29] Beuys, in: Kunst im politischen Kampf, S.31,
hier zitiert aus: Harlan, Rappmann, Schata, Soziale Plasik, S.55

[30] Joseph Beuys, Sprechen über Deutschland, S.13

[31] (ebd.)

[32] Joseph Beuys, Dank an Wilhelm Lehmbruck, herausgegeben von Brockhaus/Schmidt

[33] Kat. Basel 1977, hier zitiert von Bezzola , in: Beuysnobiscum, S.355

[34] ebd.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Weltall.Erde.Kunst. Annäherungen an Joseph Beuys´Universalismus
Hochschule
Burg Giebichenstein - Hochschule für Kunst und Design Halle
Veranstaltung
Kunst und Politik
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
12
Katalognummer
V31796
ISBN (eBook)
9783638326957
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Einzeiliger Zeilenabstand
Schlagworte
Weltall, Erde, Kunst, Annäherungen, Joseph, Beuys´Universalismus, Politik
Arbeit zitieren
Jörg Wunderlich (Autor), 2004, Weltall.Erde.Kunst. Annäherungen an Joseph Beuys´Universalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31796

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