Einleitung
Beim übergreifenden Semesterthema „Kunst und Politik“ lag es nahe, sich dem ´Planet Beuys´ über die von ihm in den Gesprächen und Vorträgen permanent entwickelte und vorgetragene Programmatik anzunähern. Sehr schnell wurde dann beim Lesen klar, daß man einen politischen Terminus von Beuys niemals als solchen belassen kann, ohne ihn nicht gleichzeitig in den mitzudenkenden Parallelebenen Evolution, Anthropologie, Kosmologie zu verankern. Egal von welchem Aspekt aus man in das komplexe Beuys-Oevre einzutauchen versucht, man sieht sich stets einer Art assoziativer Baumstruktur-artiger Universalverzweigung gegenüber, innerhalb der Beuys seine Begriffe verwendet bzw. entwickelt. Von jedem Beuys-Satz, Beuys-Gespräch, Beuys-Werk scheint ein universalistischer Sog auszugehen, der den Rezipienten auf das dahinterliegende große Ganze, die zu schaffende „soziale Skulptur“ verweist. Joseph Beuys´ Gesamtwerk besteht nach Ansicht von Peter Schata in der „ausdrücklichen Darlegung seines Welt und Menschenbildes.“ Es ist trotz oder gerade wegen seiner vielen scheinbar auseinanderliegenden Denk- und Handlungsfelder als Einheit zu verstehen im Sinne eines großangelegten Syntheseversuchs.Dementsprechend wurde notwendigerweise auch die Person Beuys „als Einheit aus Person und Werk, aus Politiker und Künstler“ betrachtet.
Hiltrud Oman mahnte auf der Beuys-Tagung 1991 in Basel mit Blick auf den kommerziellen Kunstbetrieb an, daß durch die Atomisierung des Beuysschen Werks die in ihm enthaltenen universalistischen Intentionen ihrer Schlagkraft beraubt und „ins Ästhetische Eck zurückgedrängt“ würden. Gerade gegen diese „Nischenexistenz“ der Kunst bzw. die unvermeidliche Praxis der „Dekoration der Systeme“ mit ursprünglich transformatorisch-spirituell intendierten Kunstwerken aber kämpfte Beuys an. Ziel dieser Arbeit soll es sein, die politische Dimension von Beuys´ erweitertem Kunstbegriff anhand einiger wichtiger Elemente und Herleitungen herauszuarbeiten, möglichst ohne dabei die Gesamtzusammenhänge reduzieren zu müssen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zum Politikbegriff bei Beuys
3. Erweiterter Kunstbegriff und daraus abgeleitete politische Forderungen
3.1. Der grundlegende Topos des Erweiterten Kunstbegriffs
3.2. Plastische Theorie – soziale Skulptur
3.3. Soziale 3Gliederung
3.4. Veränderung der Gesellschaft – Basisdemokratie - Dritter Weg
4. Schlußbetrachtungen: Utopia und Evolution
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die politische Dimension des erweiterten Kunstbegriffs von Joseph Beuys. Ziel ist es, die zentralen theoretischen Elemente und deren Herleitungen zu analysieren, um das komplexe Zusammenspiel von Kunst, Anthropologie und gesellschaftlicher Transformation innerhalb des Beuys'schen Werks zu erschließen.
- Der erweiterte Kunstbegriff als transformatorische Kraft.
- Die Plastische Theorie und das Konzept der Sozialen Skulptur.
- Die Dreigliederung des sozialen Organismus nach Rudolf Steiner als Fundament.
- Basisdemokratie und der „Dritte Weg“ als gesellschaftspolitische Forderungen.
- Der Mensch als schöpferisches Wesen innerhalb der evolutionären Entwicklung.
Auszug aus dem Buch
3.2. Plastische Theorie – soziale Skulptur
An den Beginn seiner selbsterzählten Künstlerbiographie setzte Beuys die Begegnung mit dem Werk Lehmbrucks, an dessen Plastiken er Kategorien wahrgenommen hatte, „die niemals vorher vorhanden waren.“ Weiterhin beschrieb er biographisch seine enttäuschte Abwendung von der Wissenschaft, wo er „alles stark reduziert“ erlebte, als Ausgangspunkt einer Suche nach etwas „umfassenderen“:
„Ich habe...einen Ansatz aus der Wissenschaft heraus für die Kunst gehabt.“
Der Zuweisungsanspruch an die Kunst als das Schaffensfeld, wo eine neue transformatorische Synthese entwicklungsgeschichtlich bedingter Divergenzen möglich wird, macht das Erweitern vorhandener Begrifflichkeiten zu einer Grundvoraussetzung. Das Denken als primärer schöpferischer Vorgang wird zum Feld der Gestaltung durch eine angestrebte „Revolution der Begriffe“, das Wort als ein „Schlüsselzeichen für alle formenden und organisierenden Prozesse“ angesehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Semesterthema „Kunst und Politik“ ein und erläutert die Notwendigkeit, den politischen Terminus bei Beuys im Kontext seiner gesamten Programmwelt, insbesondere der sozialen Skulptur, zu betrachten.
2. Zum Politikbegriff bei Beuys: Dieses Kapitel arbeitet heraus, warum Beuys den herkömmlichen Politikbegriff ablehnte und ihn als unorganisch sowie als Scheindemokratie zur Verschleierung der Macht des Geldes kritisierte.
3. Erweiterter Kunstbegriff und daraus abgeleitete politische Forderungen: Hier wird der Prozess der Begriffserweiterung untersucht, der darauf abzielt, die Isolation künstlerischer Praxis aufzuheben und Kunst als transformatorische Kraft auf das Soziale anzuwenden.
3.1. Der grundlegende Topos des Erweiterten Kunstbegriffs: Das Unterkapitel beleuchtet den Wandel vom traditionellen Kunstverständnis zum transformatorischen Ansatz, angestoßen durch Episoden wie das Happening von 1968.
3.2. Plastische Theorie – soziale Skulptur: Dieses Kapitel beschreibt die plastischen Prinzipien von Wärme und Kälte und erklärt, wie die Aktion als treibende Kraft zur sozialen Skulptur führt.
3.3. Soziale 3Gliederung: Hier wird die Rezeption von Rudolf Steiners Reformmodell durch Beuys analysiert, das als theoretisches Fundament für die Neuorganisation von Geistesleben, Wirtschaft und Rechtssphäre dient.
3.4. Veränderung der Gesellschaft – Basisdemokratie - Dritter Weg: Das Kapitel dokumentiert die praktischen politischen Initiativen von Beuys, wie die Deutsche Studentenpartei und die FIU, und den „Dritten Weg“ als gesellschaftliche Alternative.
4. Schlußbetrachtungen: Utopia und Evolution: Die Schlußbetrachtungen ordnen Beuys' plastische Theorie in den Kontext utopischer Konzepte ein und betonen die Rolle des Menschen als schöpferisches Wesen in der Evolution.
Schlüsselwörter
Joseph Beuys, Erweiterter Kunstbegriff, Soziale Skulptur, Soziale Plastik, Dreigliederung, Rudolf Steiner, Politische Kunst, Basisdemokratie, Dritter Weg, Anthropologie, Evolution, Plastische Theorie, Gesellschaftsgestaltung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die politische Dimension im künstlerischen Schaffen von Joseph Beuys, insbesondere unter dem Aspekt seines „Erweiterten Kunstbegriffs“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Kritik am herkömmlichen Politikverständnis, das Konzept der „Sozialen Skulptur“, die Dreigliederung des sozialen Organismus und Beuys' Vision einer gesellschaftlichen Transformation.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die politischen Forderungen und Herleitungen innerhalb des Beuys'schen Oevres herauszuarbeiten, ohne den universellen Zusammenhang seines Welt- und Menschenbildes zu reduzieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Analyse von Primärquellen, Reden und Aufrufen von Joseph Beuys sowie auf die kritische Auseinandersetzung mit theoretischen Fundamenten wie der Anthroposophie Rudolf Steiners.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Politikbegriffs, des erweiterten Kunstbegriffs, der plastischen Theorie, der Dreigliederung des sozialen Organismus sowie der konkreten politischen Umsetzungsversuche durch Beuys.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie „Erweiterter Kunstbegriff“, „Soziale Skulptur“, „Dreigliederung“ und „gesellschaftliche Transformation“ charakterisiert.
Warum lehnt Joseph Beuys laut der Arbeit den herkömmlichen Politikbegriff ab?
Beuys lehnt ihn ab, weil er ihn als unorganisch betrachtet und als Synonym für die Verfilzung von Staatsmacht und Geldmacht ansieht, was laut Beuys zu Unfreiheit und Unbrüderlichkeit führt.
Welche Rolle spielt Wilhelm Lehmbruck für die Plastische Theorie bei Beuys?
Lehmbruck dient als biografischer Ausgangspunkt und Inspiration; Beuys identifizierte in dessen Werk Kategorien des plastischen Schaffens, die den Übergang zur sozialen Anwendung (soziale Plastik) einleiteten.
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- Jörg Wunderlich (Autor), 2004, Weltall.Erde.Kunst. Annäherungen an Joseph Beuys´Universalismus, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31796