Das Thema Zeit im Religionsunterricht. Analyse und didaktische Reflexion des zwölften Kapitels aus Michael Endes „Momo“


Hausarbeit, 2013

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung
1.1 Michael Ende
1.2 „Momo“
1.3 Die Zeit

2 Sachanalyse des zwölften Kapitels aus Michael Endes „Momo“
2.1 Interpretation
2.1.1 DieUhr
2.1.2 Das Nirgend-Haus
2.1.3 Meister Hora
2.1.4 Die Definition der Zeit
2.1.5 Der Ort, aus dem die Zeit herkommt
2.2 Augustinus
2.3 Die Zeit und das Alte Testament
2.4 Die günstige Zeit im Neuen Testament

3 Didaktische Reflexion
3.1 Der Einstieg in des Thema „Zeit“
3.2 Die weitere Behandlung des Themas „Zeit“
3.3 Der Abschluss des Themas „Zeit“

4 Schluss

5 Anhang
5.1 Literaturverzeichnis
5.1.1 Quellen
5.1.2 Monographien
5.1.3 Lexika
5.1.4 Zeitschriften
5.1.5 Intemetquellen
5.1.6 Bildquellen
5.1.7 Literaturhinweise

1. Einführung

Das Thema Zeit ist in der heutigen Gesellschaft allgegenwärtig. Bücher, Angebote von Klosterurlauben oder Zeit-Management-Seminare drücken das allgemeine Bedürfnis nach Entschleunigung aus. Auch darüber, wie Kinder ihre Zeit sinnvoll nutzen können und welche Lern- und Förderangebote Eltern für ihre Kinder in deren Freizeit aussuchen sollten, wird immer wieder diskutiert. Für den Religionsunterricht1 hingegen ist das Thema „Zeit“ noch relativ neu und unerprobt. Aufgrund der Aktualität und Wichtigkeit dieser Thematik muss überdacht werden, ob sie nicht auch in den RU verstärkten Einzug zu halten habe. Wie dies geschehen kann und warum es sich als sinnvoll heraussteilen könnte, soll im Folgenden untersucht und exemplarisch erörtert werden.

Die Auseinandersetzung mit der Zeit ist keine neue Kontroverse. Immer wieder wurde sich ihr auf unterschiedliche Weise angenähert. So thematisiert auch Michael Ende in seinem Kinder- und Jugendroman „Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit­Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte“2 die Zeit, das Nutzen der Zeit, den Zeitmangel und den Umgang mit ihr bei Erwachsenen und Kindern. Der Roman, insbesondere das zwölfte Kapitel, wird hier als beispielhafte Grundlage für die Behandlung des Themas „Zeit“ im RU dienen. Dabei wird zunächst das zwölfte Kapitel gedeutet und mit unterschiedlichen Zeit-Konzepten verknüpft. Anschließend soll eine didaktische Reflexion erfolgen.

1.1 Michael Ende

Michael Ende wurde am 12. November 1929 in Bayern geboren und wuchs in der Zeit des Zweiten Weltkriegs auf. Sein schriftstellerisches Debüt feierte Michael Ende I960 mit dem Kinderroman „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“. Anschließend lebte er zeitweise in Italien, wo auch das Buch „Momo“ entstand. Am 28. August 1995 verstarb Michael Ende in der Nähe Stuttgarts an Krebs. Er hinterließ zahlreiche Kinder- und Jugendromane und wurde mehrfach ausgezeichnet. Zu den bekanntesten Werken Michael Endes gehören „Die unendliche Geschichte“ (1979) und „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ (1989).3

1.2 „Momo“

Das Kinder- und Jugendbuch „Momo“ erschien 1972 und wurde bereits 1974 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Momo ist ein Waisenkind, das eines Tages von den Bewohnern der Stadt in dem verlassenen Amphitheater gefunden und fortan versorgt wird. Schnell erkennen die Bewohner, dass Momo ein besonderes Kind ist. Momos Gabe ist das Zuhören, sie schenkt den Leuten ihre Zeit und so führen Momo und die Bewohner ein friedliches Leben in dieser Symbiose. Doch dann erscheinen die grauen Herren von der Zeit-Spar-Kasse, die die Bewohner zum Zeitsparen animieren wollen. Hektik und Schnelllebigkeit brechen aus. Momo versucht vergebens gegen die Bemühungen der grauen Herren vorzugehen und gerät dadurch selbst in Gefahr. Im zwölften Kapitel gelangt Momo zu Meister Secundus Minutius Hora, dem Verwalter der Zeit. Er lebt im Nirgend-Haus in der Niemals-Gasse und teilt den Menschen ihre Zeit zu. Von ihm erfährt Momo mehr über die grauen Herren. Doch auch über die Zeit lernt Momo hier viel: Durch ein Rätsel erkennt sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, das Wesen der Zeit erfährt sie als „eine Art Musik, die man bloß nicht hört, weil sie immer da ist.“4 Schließlich bringt Meister Hora Momo an den Ort, aus dem ihre Zeit herkommt, in ihr Herz. Dort erblickt Momo einen runden See, über dem ein Pendel in einer Lichtsäule schwebt und in dessen Wasser Blumen aufblüh en und vergehen. Dabei hört Momo aus der Lichtsäule ein Rauschen, schließlich sogar Worte. Daraufhin bringt Meister Hora sie zurück in sein Haus. Wieder zu sich gekommen, will Momo ihren Freunden von ihrem Erlebnis erzählen, doch Meister Hora erklärt ihr, dass sie dazu warten müsse und versetzt sie in einen tiefen Schlaf. Als Momo erwacht, ist ein Jahr vergangen und die Welt hat sich verändert: Die aufgekommene Rastlosigkeit hat die ganze Stadt ergriffen. Für Muße ist kein Platz mehr, auch nicht bei den Kindern. Doch Momo nimmt den Kampf mit den grauen Herren auf und rettet, während Meister Hora die Zeit anhält, die Zeitblumen, die die grauen Herren den Menschen durch das Zeitsparen entrissen. Da den grauen Herren nun ihre Existenzgrundlage fehlt, lösen sie sich auf. Glücklich kann Momo zu ihren Freunden zurückkehren.

1.3 Die Zeit

Die Vorstellung von der Zeit und ihre Bedeutung haben sich über die Jahrtausende und Kulturen stets verändert. Dazu soll nun eine kurze Einführung gegeben werden. Der Grundstein der Vorstellung, die auch heute noch in der westlichen Welt von der Zeit gepflegt wird, wurde durch die griechische Philosophie gelegt.5 Vorher gab es keine Unterscheidung von der Zeit an sich und dem, was in ihr geschieht. Daher war weniger die Zeitmessung als ihr Inhalt bedeutsam, was sich an dem Fund alter Festkalender zeigt: Die rituelle Zeit gliederte das Leben und „als Wiederkehr gleichförmiger Abläufe [...] bildet sie die zyklische [Zeit] der kosmischen und natürlichen Prozesse ab.“6 Das Leben der Menschen wurde also vor allem von dem Ritus wie auch von der Natur und den Jahreszeiten geordnet. Diese Zeit des Ritus‘ und der Feste ist auch eine Zeit des Menschen und der Gemeinschaft, da sie gemeinschaftlich begangen wird.7

Erst in der Antike kam die Messbarkeit der Zeit zur Geltung. Die philosophischen Überlegungen zur Zeit, wie die Unterscheidung von Zeit und ihrem Inhalt oder von begrenzter Zeit und Ewigkeit, waren maßgebend für unser heutiges Zeitverständnis. Die allgemeine Vorstellung von Zeit folgte damals jedoch noch vermehrt dem alten Usus.8 Die Erfahrung von Zeit als etwas punktuell Messbarem brachte neue Überlegungen hervor: Im vierten Jahrhundert schrieb der Kirchenvater Augustinus seine Gedanken über die Zeit nieder. Er schloss sich Aristoteles in der Differenzierung von messender und gemessener Zeit an. Zum einen gibt Zeit also das Maß an, zum anderen wird das Verstreichen von Zeit durch Veränderungen erkannt und wahrgenommen. Für Augustinus trittjedoch vor allem die Seele bzw. der Geist in den Vordergrund.9

Das heutige Zeitverständnis wurde anschließend von vielen neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Errungenschaften geprägt. Auch der Eisenbahnbau revolutionierte den Umgang mit der Zeit: Die Einheit und Einhaltung der Zeit wurde nötig. Mit der Technik kam die Steigerung der Produktion, mit Uhren und Kalendern als Massenartikeln „die Möglichkeiten der Leistungssteigerung durch Beachtung von Zeitnutzungsimperativen.“10 Dabei gewann die Unterscheidung von objektiver Zeit (die messbar verstreichende Zeit) und subjektiver Zeit (das eigene Zeitempfinden) Bedeutung. Aus dem Gefühl der streng getakteten und stets entfließenden Zeit entwickelte sich das Bedürfnis, die gegebene Zeit gut zu nutzen und sinnvoll zu füllen.11

Dieser Abriss soll genügen, um einen Eindruck von der Entwicklung der Zeitwahmehmung erhalten zu haben und in die Erläuterung des Zeitbegriffes bei „Momo“ einsteigen zu können.

2. Sachanalyse des zwölften Kapitels aus Michael Endes „Momo“

Da bereits Michael Ende sowie der Roman „Momo“ vorgestellt und ein kurzer Überblick zur Einführung in das Thema „Zeit“ gegeben wurden, soll nun das zwölfte Kapitel „Momo kommt hin, wo die Zeit herkommt“ im Hinblick auf die Zeit analysiert werden.

2.1 Interpretation

Zunächst wird das zwölfte Kapitel näher erörtert. Darin lassen sich viele Darstellungen finden, die einer Interpretation bedürfen. Eine Auswahl dessen wird im Folgenden untersucht.

2.1.1 Die Uhr

Momo befindet sich im Nirgend-Haus, dem Wohnsitz Meister Horas. Dort findet sie in einer riesigen Halle eine Vielzahl an Uhren, geradezu einen „Uhr-Wald“12. Momo vermutet, dass jede Uhr die Zeit eines Menschen anzeige, Meister Hora erklärt ihr jedoch, dass es sich nur um eine Leidenschaft seinerseits handle.13 Die Lebenszeit des Menschen wird hier also eindeutig nicht durch die Uhr ausgedrückt. Es ist davon auszugehen, dass Michael Ende sich hier bewusst von der Darstellung der Uhr als Lebenszeit-Symbol abwendet. Die Uhren-Sammlung ist einzig Hobby des Zeitverwalters. Dies zeigt die untergeordnete Bedeutung der Uhr: Sie ist nur Gerät und nicht die Zeit selbst, über das Leben des Menschen kann sie keine Aussage treffen.

2.1.2 Das Nirgend-Haus

Interessant ist die Schilderung der Kerzen im Nirgend-Haus, „deren Flammen so reglos brannten, als seien sie mit leuchtenden Farben gemalt“14. Immer wieder wurde im Lauf der Geschichte ein Zusammenhang von Zeit und Bewegung angenommen.15 Bewegung findet in Zeit und Raum statt. Eine Bewegung ohne Dauer oder Ort, ohne Zeit und Raum ist physikalisch nicht vorstellbar. Daher könnte Stillstand auch als Zeitlosigkeit gedeutet werden. Befindet sich also das Nirgend-Haus außerhalb der Zeit? Da es sich beim Nirgend-Haus allein schon vom Namen her um einen nicht existierenden Ort handelt, liegt es nahe anzunehmen, dass es dort auch keine Zeit gebe. Dem widerspricht, dass es sich sehr wohl um einen Raum handelt, in dem es zweifellos Bewegung gibt: Momo und Meister Hora sind keineswegs regungslos und auch die Uhren laufen.16 Dass es sich hier aber weder um einen normalen Ort noch um eine normale Zeit handelt, wird durch die still brennenden Kerzen deutlich. Außerdem konnte Momo das Nirgend-Haus nicht einfach erreichen, sondern musste rückwärts gehen.17 Die Überschrift des dreizehnten Kapitels „Dort ein Tag und hier ein Jahr“ verdeutlicht des Weiteren die Andersartigkeit des Nirgend-Hauses. Die kurze Zeit, die Momo dort verbrachte, erstreckte sich in der realen Welt über ein ganzes Jahr.18 Bei dem Nirgend-Haus lässt sich wohl am ehesten von einem Nicht-Ort mit einer Nicht­Zeit sprechen, um seiner Besonderheit gerecht zu werden.

2.1.3 Meister Hora

Ebenso eigentümlich wie sein Haus ist auch die Figur des Meister Horas. Momo begegnet ihm als „alten Herrn mit silberweißem Haar“19, der jedoch beständig sein Alter verändert und je nach Gemütszustand jünger oder älter aussieht.20 Der Spruch „Man ist so alt, wie man sich fühlt“ findet in Meister Hora seine Personifizierung. Wie ein Vater oder Großvater versorgt er Momo, schmiert ihr beim Frühstück die Brötchen und trägt sie auf dem Arm, als er sie zu ihrer Zeit bringt.21 Trifft Momo hier Gott an? Dafür spricht die Güte und Liebe, mit der er das Mädchen behandelt, ebenso seine Tätigkeit, die Zeit an die Menschen zu verteilen.22 23 Einige Aspekte widersprechen hingegen dieser Vermutung. So braucht Meister Hora beispielsweise eine Allsicht­Brille, um das Geschehen in der Welt beobachten zu können, was wenig göttlich erscheint.24 Außerdem stellt er sich als Verwalter der Zeit vor und bestreitet, selbst die Zeit herzustellen.25 Damit ist er nicht ihr Schöpfer. Momo hegt nicht den Verdacht Gott gegenüberzustehen. Sie vermutet vielmehr, den Tod vor sich zu haben, worauf Meister Hora keine eindeutige Antwort gibt.26 Auch der Name Secundus Minutius Hora deutet klar auf seine Zeit-Zugehörigkeit hin, nicht auf einen religiösen Kontext.

[...]


1 Im Folgenden mit RU abgekürzt.

2 Im Folgenden mit „Momo“ abgekürzt.

3 Vgl. Wunderlich, Dieter: Michael Ende. 1929-1995 Biografie, Kelkheim, 2010. Zugriff am 14.08.2013, von: http://www.dieterwunderlich.de/Michael-Ende.htm.

4 Ende, Michael: Momo. Oder die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das denMenschen diegestohlene Zeit zurückbrachte, Stuttgart: Thienemann, 1973, S. 158.

5 Vgl. Assmann, Jan: Art. „Zeit, I. ,Vorgriechische‘ Zeit“, in: Ritter, Joachim u.a. (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie Bd. 12, Basel: Schwabe, 2004, Sp. 1186.

6 Ritter, Jan: 2004, Sp. 1187.

7 Vgl. ebd., Sp. 1186-1189.

8 Vgl. ebd., Sp. 1189.

9 Vgl. Westermann, Hartmut: Art. „Zeit, II. Antike“, in: Ritter, Joachim u.a. (Hg.): Historisches Wörterbuch der PhilosophieBd. 12, Basel: Schwabe, 2004, Sp. 1190/1204.

10 Lübbe, Hermann: Art. „Zeit, VII. Gesellschaft; Kultur; Literatur. A. Zeiterfahrung, Zeitnutzung, Zeitorganisation, subjektive Zeit und Zeitkultur“, in: Ritter, Joachim u.a. (Hg.): Historisches Wörterbuch der PhilosophieBd. 12, Basel: Schwabe,2004, Sp. 1249.

11 Vgl. ebd., Sp. 1249-1252.

12 Ende, Michael: 1973, S. 145.

13 Vgl. ebd., Michael: 1973, S. 159.

14 Ende: Michael: 1973, S. 144.

15 Vgl. z.B. Augustinus: Conf. 11,23,29/11,24,31.

16 Hier ist anzumerken, dass die Existenz von Zeit hier nicht durch die Funktion der Uhr angezeigt wird, sondern durch das Funktionieren ihrer Zeiger. Die Zeit treibt nicht selbst die Uhr an, sondern ermöglicht die Bewegung der Zahnräder, die die Uhr laufen lässt.

17 Vgl. Ende, Michael: 1973, S. 133.

18 Vgl. auchebd., S. 189.

19 Ebd., S. 145.

20 Vgl. ebd., S. 146/149/153.

21 Vgl. ebd., S. 149/161.

22 Vgl. Ende, Michael: 1973, S. 159.

23 Vgl. Hinz, Andreas: Zeit als Bildungsaufgabe in theologischer Perspektive. Münster: Lit, 2003, S. 179.

24 Vgl. Ende, Michael: 1973, S. 152.

25 Vgl. ebd., S. 159.

26 Vgl. Ende, Michael: 1973, S. 160.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Das Thema Zeit im Religionsunterricht. Analyse und didaktische Reflexion des zwölften Kapitels aus Michael Endes „Momo“
Hochschule
Universität Rostock  (Theologische Fakultät Rostock)
Veranstaltung
Religionspädagogisches Seminar: Zeit und Religion
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
25
Katalognummer
V317994
ISBN (eBook)
9783668172067
ISBN (Buch)
9783668172074
Dateigröße
596 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Zeit, Religion, Momo, Michael Ende, didaktische Reflexion
Arbeit zitieren
Kaja Bradtmöller (Autor), 2013, Das Thema Zeit im Religionsunterricht. Analyse und didaktische Reflexion des zwölften Kapitels aus Michael Endes „Momo“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317994

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