Der Vormärz. Die wirtschaftliche Krise des Handwerks am Vorabend der Revolution 1848


Seminararbeit, 2013
17 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition Handwerk

3. Die Entwicklung des Handwerks
3.1. Das „Alte Handwerk“
3.2. Soziale Kontrolle in den Zünften
3.3. Handwerk und die große Bedeutung für Städte in der Frühen Neuzeit
3.4. Neue Gewerbezweige

4. Gewerbefreiheit und Folgen

5. Handwerk und Pauperismus

6. Krise des Handwerks während des Vormärz

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Betrachtet man den Terminus „Vormärz“ in der historischen Geschichtswissenschaft, findet man unterschiedliche Zeitabschnitte, die die Historiker als die Epoche des Vormärzes bezeichnen. Während das Ende dieser Epoche die Märzrevolution 1848 darstellt, gibt es über den Beginn des Vormärzes eine gewisse Uneinigkeit. Während einige als Vormärz die Zeit zwischen 1815 und 1848 benennen, gibt es nicht unlängst weniger, die den Beginn des Vormärzes erst in der Julirevolution 1830 sehen. Vereinzelt, jedoch eher selten, sind Ansätze zu finden, die den Beginn der Epoche erst 1840 mit Regierungsantritt des preußischen Königs Friedrich Wilhelms IV interpretieren. Es lässt sich demnach nicht umgehen, mit seiner eigenen Deutung des Beginns der Epoche, bereits auch schon eine bestimmte Position der Interpretation einzunehmen. Diese Entscheidung impliziert, welche Ereignisse und Entwicklungen man als besonders relevant erachtet und gleichzeitig als Auslöser oder Ursache der Revolution anerkennt. Dieter Langewiesche1 bezeichnet als „Signum der Epoche“, den Konflikt zwischen den „Kräften der Bewegung und denen der Verteidigung“. Im Zuge des Vormärzes kam es durchaus zu Reformen, die jedoch den festgesetzten Ordnungsrahmen des Staatenordnungssystems des Wiener Kongresses, nicht überwinden konnten. Das System geriet an seine Grenze und gesellschaftliche Gruppierungen versuchten ihre politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Freiheit zu erlangen.

Betrachtet man die Revolution von 1848 genauer, und geht den Ursachen für ihren Ausbruch auf den Grund, spricht man heute von drei wesentlichen Krisenherden innerhalb der zeitgenössischen politischen und gesellschaftlichen Struktur. Die Politische Krise und die damit einhergehende Forderung der Menschen nach mehr politischer Mitsprache, auch Partizipation genannt. Durch eine Verfassung sollte politische Freiheit erlangt werden und die Nationale Einheit durch den Nationalstaat gewährleistet werden. Doch auch auf sozialer Ebene befand man sich in einer Krise. Zwischen 1815 und 1848 kam es im Land zu einem Bevölkerungswachstum von 22 Millionen auf 35 Millionen Menschen. Es folgte eine große Abwanderung von Landarbeitern in Städte, wo es in Folge dessen zu Arbeitsplatzmangel kam und schließlich zu Massenarmut. Dieser Pauperismus wurde durch zwei Missernten 1846 und 1847 noch zusätzlich verstärkt. Die Preise stiegen im Zuge dieser Entwicklung an und auch durch die große Hungersnot kam es letztlich zu der sozialen Frage. Neben diesen Problemen kam es aber auch auf dem wirtschaftlichen Sektor zu einer Krise. Die traditionellen Handwerksbetriebe litten unter der steigenden Konkurrenz, die die Gewerbefreiheit zur Konsequenz hatte. Es kam zu einem Überangebot und somit schließlich zur Arbeitslosigkeit. Weiterhin hatte die sogenannte „Modernisierungskrise“ ebenso einen Einfluss auf die wirtschaftliche Lage, denn der gewerbliche Wettbewerb bekam internationale Konkurrenz, vor allem aus England.

Im Folgenden möchte ich mich vor allem mit dem wirtschaftlichen Aspekt der Krisenherde am Vorabend der Revolution beschäftigen und dafür die Entwicklung, beziehungsweise viel mehr die Krise des Handwerks betrachten und abschließend bewerten, inwiefern man ihren Anteil am Ausbruch der Revolution als entscheidend betrachten kann.2

2. Definition Handwerk

Um die Entwicklung des Handwerks genauer zu betrachten ist es vorab notwendig das Handwerk zunächst einmal zu definieren.

„Als Handwerker wird der Berufsstand und die gewerbliche Tätigkeit bezeichnet, bei der meist auf Bestellung ein Produkt oder eine Dienstleistung unmittelbar für den Verbraucher hergestellt wird. Es steht somit im Gegensatz zur industriellen Massenproduktion auf Vorrat.“3

Dies stellt eine gute Überleitung zur Krise des Handwerks zu Beginn des 19. Jahrhunderts dar, denn aus der Definition geht sehr deutlich der Kontrast des Handwerks zur industriellen Massenproduktion hervor, der wohl auch begründet, weshalb man oftmals alleinig die einsetzende industrielle Revolution als Ursache für die Krise des Handwerks betrachtet.

3. Die Entwicklung des Handwerks

Das städtische Handwerk in Deutschland war gegen Ende des 18. Jahrhunderts zu einem großen Teil noch in sogenannten „Zünften“ organisiert. Einen „grundlegenden - obwohl oft nur vorübergehenden - Eingriff in die rechtliche Verfassung des Handwerks“4 bedeutete die französische Besetzung Deutschlands. Lange Zeit betrachtete man aber die einsetzende Krise des Handwerks, und die damit verbundene Verarmung des Handwerks als eine zwangsläufige Folge der industriellen Revolution. Mit Einbruch der industriellen Revolution sagten viele Stimmen dem Handwerk als eine „überholte Produktionsform“ ein baldiges Ende voraus. Andererseits erklärte man das Handwerk immer wieder als einen „unentbehrlicher Faktor im Wirtschaftsleben und vor allem als Träger und Exponent bürgerlich-mittelständischer Werte für unbedingt notwendig [..] und seine Existenz leidenschaftlich verteidigt.“5

Um uns der Entwicklung des Handwerks am Vorabend der Revolution zu nähern, ist es vorab notwendig das „Alte Handwerk“ zu betrachten, um den „tiefgreifenden Wandel“ der „traditionellen Struktur und Funktion“ zu begreifen, der letztlich einer der Auslöser für die „Unsicherheit und Unruhe“ der Handwerker war.6 Außerdem kann man somit „diejenigen Kräfte und Vorstellungen sichtbar [zu] machen, die die Handwerker in ihrer Auseinandersetzung mit den Bedingungen der modernen Wirtschaftsentwicklung leiteten“.7

3.1. Das „Alte Handwerk“

Im Folgenden Abschnitt betrachten wir nun zunächst folglich die Geschichte und Entwicklung des Handwerkes bis zum Einsetzen des großen strukturellen und sozialen Wandels, der am Vorabend der Revolution einsetzte, auch innerhalb des Handwerks. Das Handwerk ist vom Spätmittelalter bis zur Einführung der Gewerbefreiheit im 19. Jahrhundert in Interessenvereinigungen, den sogenannten „Zünften“, organisiert. Diese garantierten ökonomische und soziale Sicherheit und hatten außerdem die Verantwortung für die berufliche Bildung. In der Zunft vereinigte sich Handwerkliche Erfahrung und Tradition, es bildete sich eine kulturelle Identität, die im Inneren als eine Art „Religiöse Gemeinschaft“ anzusehen war. Diese „religiöse Gemeinschaft“ wurde beispielsweise dadurch zum Ausdruck gebracht, dass im Todesfall eines Zunftmitgliedes, die Teilnahme am Begräbnis in vielen Zünften für die Mitglieder verpflichtend war. Den Handwerkern kam bei vielen öffentlichen Anlässen, wie unter anderem bei kirchlichen Feiern, aber auch bei Festen weltlicher Natur, eine zentrale Rolle zu. „Nahrung und Ehrbarkeit“ waren elementare Stichworte des „alten Handwerks“. Die „Nahrung“ der Mitglieder versuchte die Zunft durch die „Monopolisierung“ des Arbeits- und Produktionsbereiches sicherzustellen.8 Die Zunft fungierte somit als eine Art Ordnungsinstitution, die außerdem Ausbildungsrichtlinien und beispielsweise auch die Konkurrenz durch Niederlassungsbestimmungen regelte. Die Zunft war somit ebenfalls als ein Instrument städtischer Wirtschaftspolitik anzusehen, was die Versorgung der Bevölkerung gewährleistete und Käufer vor Übervorteilung schützen sollte. Diese stadtpolitische Macht wurde nicht zuletzt durch den sogenannten Zunftzwang ermöglicht.

3.2. Soziale Kontrolle in den Zünften

Neben diesen wirtschaftlichen Aspekten regelten die Zünfte ebenso auch das gesellschaftliche, religiöse und gesellige Leben ihrer Angehörigen. Angehörige des Handwerks waren nicht nur die Meister und Gesellen, sondern diese mitsamt ihren Familien. Sie unterstanden gewissermaßen Verhaltensregeln, die man auch mit einer „Sozialkontrolle“ vergleichen könnte. Diese Kontrolle hatte bereits ihren Anfang, wenn ein Lehrling aufgenommen wurde, denn um aufgenommen zu werden, musste er seine „eheliche und ehrliche Abkunft nachweisen“.9 Dies bedeutete im Umkehrschluss, dass unehelich geborene oder von Eltern mit unehrlichen Berufen abstammende, von der Aufnahme grundsätzlich ausgeschlossen waren. Um das Prestige der Zünfte nicht zu gefährden, war man mit der Aufnahme zu einem christlichen Lebenswandel verpflichtet. Neben dieser Kontrolle hatte man aber auch umfassende Vorteile durch den Eintritt in eine Zunft. Die Zunft diente also nicht nur als ein Kontrollapparat, sondern hatte auch eine versorgende und unterstützende Tätigkeit. Vor allem Witwen und Waisen wurden durch Unterstützungskassen geholfen. Zünfte wiesen auch oft Räumlichkeiten und Orte auf, die nicht nur zur beratenden Zusammenkunft dienten, sondern oft auch Zentrum von Festen und Feierlichkeiten waren, die natürlich dazu beitrugen, dass die Zunftmitglieder sich einer sozialen Gemeinschaft angehörig fühlten und durch die Zunft einen gewissen Halt erfuhren.

Die Zünfte oblagen einer sogenannten Wirtschaftsethik, die entgegen dem heutigen Prinzip oder den mit der Industrialisierung einsetzenden Kapitalismus, nicht auf Gewinnmaximierung aus war. Es ging primär um den Zweck der Versorgung. Dies bedeutete andererseits allerdings eine Kontrolle des Gleichgewichts zwischen Produktion und Absatz, was zur Folge hatte, dass die Zünfte im Laufe der Frühen Neuzeit immer strikter und strenger eingriffen und versuchten, dieses Gleichgewicht zu regeln. Dieses Eingreifen missfiel einigen Menschen der Bevölkerung, weshalb der Ruf der Zünfte im Laufe der Zeit eine durchaus negative Entwicklung erfuhr. Die Zünfte hatten allerdings nicht nur gegen ihren immer schlechter werdenden Ruf zu kämpfen, sondern hatten es zunehmend auch mit außerzünftiger Konkurrenz zu tun. In den Archiven der Städte fand man bis heute einige Beschwerden und Klagen über sogenannte „Störer und Pfuscher“, die diesen Kampf bestätigen.10

3.3. Handwerk und die große Bedeutung für Städte in der Frühen Neuzeit

Das Handwerk war eine prägende Erscheinung des Wirtschaftslebens in den frühneuzeitlichen Städten. Die Bedeutung hervorzuheben, ermöglicht den tiefgreifenden Wandel des Vormärzes zu verdeutlichen und nachvollziehbar zu machen, welche sozialen und strukturellen Veränderungen dieser Wandel für die Menschen bedeutete. Der Wirtschaftshistoriker Friedrich-Wilhelm Henning schätzte, dass unter 1000 Stadtbewohnern durchschnittlich 100 Handwerker waren. Dies bedeutete einen Anteil von rund 10 Prozent. Diese Handwerkerdichte oblag einer gewissen Schwankungsbreite, da es zum Einen von Stadt zu Stadt unterschiedliche Bedingungen und Ressourcen gab und zum Anderen generelle, methodische Schwierigkeiten bei der Ermittlung statistischer Werte aus frühneuzeitlichen Quellen. Solche Zahlen haben keine Allgemeingültigkeit und keinen Anspruch auf Richtigkeit, aber sie verdeutlichen, dass Handwerker in Städten eine bedeutende Gruppierung darstellten. Dies wird noch sichtbarer, wenn man den Anteil der Handwerker in den Haushaltungen und den rechtlichen Vollbürgern betrachtet.

„Im sächsischen Aue lag beispielsweise der Anteil der von Handwerkern geführten Haushalte im 18. Jahrhundert zwischen 27,2 und 31 Prozent, und eine 1699 für ganz Kursachsen durchgeführte Zählung ergab, dass im Durchschnitt von 95 Städten der Anteil der Handwerker an den Inhabern des Bürgerrechts bei etwas mehr als die Hälfte lag (52 Prozent).“11

Innerhalb der Frühen Neuzeit begann sich das Handwerk und seine einzelnen Berufsgruppen zunehmend auszudifferenzieren. Es entstanden bis ins 18. Jahrhundert hinein mehr als 30 unterschiedliche Berufszweige innerhalb des Handwerkes. Trotz dieser Vielfalt ließ sich das Handwerk grob in besonders häufig vorkommende Gruppierung gliedern. Nahrungsmittelhandwerke und Bekleidungshandwerke stellten die tragende Säulen des Handwerks dar. Das Nahrungsmittelhandwerk umfasste Bäcker, in all ihren Variationen und Spezialisierungen, aber auch Metzger. Bekleidungshandwerke waren insbesondere Schuhmacher und Schneider. Es waren also vorrangig Handwerke, die für die Versorgung der breiten Bevölkerungsschicht verantwortlich waren, was auch folgender statistischer Wert belegt:

„Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts machten beispielsweise in München die Angehörigen von Berufen aus den Bereichen der Nahrungs- und Genussmittelherstellung 37,58 Prozent aller Handwerker aus.“12

3.4. Neue Gewerbezweige

Die Krise des Handwerks im Vormärz wird oft unmittelbar mit dem Begriff der „Industriellen Revolution“ in Verbindung gebracht. Es herrschte vermehrt die Auffassung vor, dass die industrielle Revolution Ursache und Auslöser der einsetzenden Krise war, und sie somit auch den Pauperismus verschuldete. Dies ist in einer gewissen Weise auch durchaus berechtigt, jedoch muss man auch die neuen Gewerbezweige beachten, die gerade in der Zeit des Vormärzes eine größere Rolle spielten, als das gerade erst einsetzende Fabrikwesen. Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass während des Vormärzes plötzlich alles durch Fabriken industriell hergestellt wurde und das Handwerk somit keine Überlebenschance mehr hatte. Es ist viel mehr die Abschaffung der oben ausführlich beschriebenen Zünfte und die Öffnung der Wirtschaft auch für andere Gewerbezweige, die dementsprechend eine Konkurrenz für das Handwerk darstellten.

[...]


1 Beek, Markus: Vormärz. Aus: Lexikon zu Restauration und Vormärz. Deutsche Geschichte von 1815 bis 1848, hrsg. v. Andreas C. Hofmann, in: aventinus, URL: http://www.historicum.net/no_cache/persistent/artikel/9017/ (24.08.2012)

2 Bultmann, Markus, Die Revolution in Deutschland 1848/49 , URL: http://www.bundesarchiv.de/imperia/md/content/dienstorte/rastatt/lernhilfe_revolution.pdf (24.08.2012)

3 URL: http://www.luebeckonline.com/mustervertraege/agb/handwerk-dienstleistungen.html (24.08.2012)

4 Lenger, Friedrich, Sozialgeschichte der deutschen Deutschen Handwerker seit 1800. Frankfurt am Main 1988, S.13

5 Bergmann, Jürgen, Das Berliner Handwerk in den Frühphasen der Industrialisierung, Berlin 1973, S.1

6 Bergmann, Jürgen, Das Berliner Handwerk in den Frühphasen der Industrialisierung, Berlin 1973, S.2

7 Bergmann, Jürgen, Das Berliner Handwerk in den Frühphasen der Industrialisierung, Berlin 1973, S.3 3

8 Lenger, Friedrich, Sozialgeschichte der deutschen Deutschen Handwerker seit 1800. Frankfurt am Main 1988, S.13

9 Rosseaux, Ulrich, Städte in der Frühen Neuzeit. Darmstadt 2006, S.51 4

10 Rosseaux, Ulrich, Städte in der Frühen Neuzeit. Darmstadt 2006, S.52

11 Rosseaux, Ulrich, Städte in der Frühen Neuzeit. Darmstadt 2006, S.49

12 Rosseaux, Ulrich, Städte in der Frühen Neuzeit. Darmstadt 2006, S.50 6

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Vormärz. Die wirtschaftliche Krise des Handwerks am Vorabend der Revolution 1848
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
17
Katalognummer
V318049
ISBN (eBook)
9783668172418
ISBN (Buch)
9783668172425
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vormärz, 1848, Revolution, Krise, Handwerk, wirtschaftlich, politisch, sozial
Arbeit zitieren
Laura Krüger (Autor), 2013, Der Vormärz. Die wirtschaftliche Krise des Handwerks am Vorabend der Revolution 1848, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318049

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