Adultismus und Epiphanismus. Institutionen der Erziehungshilfe im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und sozialer Gleichberechtigung


Hausarbeit, 2016

29 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Adultismus und Epiphanismus die ersten erlebten Diskriminierungsformen
1.1. Adultismus und Epiphanismus in der stationären Kinder- und Jugendhilfe
1.2. Wie äußern sich Adultismen und Epiphanismen in der stationären Kinder- und Jugendhilfe
1.3. Fazit

2. Ein Spannungsfeld zwischen sozialer Gleichberechtigung und gesellschaftliche Rahmenbedingungen
2.1 Gesellschaftliche Rahmenbedingungen
2.2 Individuelle Bedingungen – Die Rolle der pädagogischen Fachkräfte
2.3 Fazit

3. Wie kann der Herausforderung der Partizipation von KlientInnen im Jugendhilfekontext begegnet werden?
3.1 Konzeptionelle Einbettung von Partizipation in die Einrichtungsstruktur
3.2. Entwicklung einer adultismuskritischen Haltung
3.2 Fazit

4. Fazit

5. Wissenschaftliche Selbstreflexion

6. Literaturverzeichnis

Einleitung

„Wenn der Kuchen redet, haben die Krümel Pause“

Fast täglich erleben Kinder und Jugendliche durch erwachsene Menschen Diskriminierung(en), überwiegend der Gegebenheit geschuldet, dass sie gesetzlich in unserer Gesellschaft als Kinder oder Jugendliche gelten. Schon allein diese Tatsache, dass sie Kind oder Jugendlicher sind, macht sie zur Angriffsfläche für Diskriminierungen in sämtlichen Lebensbereichen.[1]

Die Gesetzmäßigkeiten in unserer Gesellschaft diskriminieren Kinder und Jugendliche sehr deutlich und drängen ihnen eine gewisse Abhängigkeit zu den Erwachsenen auf. Junge Menschen besitzen in Bezug auf ihre Lebensgestaltung und deren staatlichen Gegebenheiten wenig Rechte auf Mitsprache und Selbstbestimmung.[2]

Auch wenn sowohl rechtliche als auch fachliche Direktiven für die Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe bestehen, welche vorgeben, dass die Hilfeadressaten an allen sie betreffenden Entscheidungen zu beteiligen sind, stellt dieser Bedarf speziell die Fachkräfte in den stationären Hilfen zur Erziehung stets vor neue Herausforderungen. Sie befinden sich inmitten des Spannungsfeldes zwischen dem Kontrollanspruch von Staat und Gesellschaft und dem individuellen Hilfeanrecht von KlientInnen.[3]

Es soll im Rahmen dieser Hausarbeit in der Auseinandersetzung mit Adultismus und Epiphanismus nicht darum gehen, jegliche pädagogischen Interventionen im Umgang mit Kindern und Jugendlichen im Rahmen der stationären Hilfen zur Erziehung infrage zu stellen, sondern darum, den Lesenden für die durch gesellschaftliche Zwänge und Gegebenheiten begünstigte Entwicklung von diskriminierenden Denkweisen zu sensibilisieren und in diesem Zusammenhang die kindliche Wahrnehmung und Perspektive zu veranschaulichen.

Auch wenn Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene Diskriminierungen sehr individuell und verschieden wahrnehmen, geht es inhaltlich in der vorliegenden Ausarbeitung um die Fragestellung: „Inwieweit lassen Adultismus und Epiphanismus in der stationären Kinder und Jugendhilfe grundsätzlich minimieren, um der Herausforderung von Partizipation der Klientel im Jugendhilfekontext fachlich gerecht zu werden?“ Immer mit dem Fokus auch auf die Gesellschaft gerichtet, die letztendlich die Normen prägt und Kinder und Jugendliche aufgrund ihres jungen Alters etikettiert und somit ihre Bedürfnisse und Interessen infrage stellt.

1. Adultismus und Epiphanismus die ersten erlebten Diskriminierungsformen

„Wir kennen das Kind nicht, schlimmer noch: wir kennen es aus Vorurteilen.“[4]

Janusz Korzcak stellt einen der bedeutendsten Pädagogen des vorigen Jahrhunderts dar, welcher sich bis zu seinem Tod für die uneingeschränkte Achtung von Kindern einsetzte. Mit seinen pädagogischen Hauptwerken „Wie man Kinder lieben soll“[5] und „Das Recht des Kindes auf Achtung“[6] verfolgte er bereits im frühen 20. Jahrhundert die Zielstellung die Erwachsenenwelt für die Bedürfnisse und Interessen von Kindern zu sensibilisieren, damit diese ihre traditionellen Denkweisen und Handlungsspielräume gegenüber diesem, durch die Gesellschaft diskriminierten Personenkreis reflektieren und verändern.[7]

Der Begriff Adultimus (engl. „adultism“) ist eine Herleitung des englischen Worts „adult“ für Erwachsene und der Endung -ism oder -ismus, welche häufig als Kennzeichnung für eine gesellschaftlich durch Tradition und Gesetze determinierte Machtstruktur verwendet wird.[8] Die Begrifflichkeit Epiphanismus bezeichnet die strukturelle Altersdiskriminierung von Jugendlichen.[9] Epiphanismus und Adultismus bezeichnen demnach die strukturelle Diskriminierung von Kindern und Jugendlichen durch die Erwachsenenwelt. Diese erste bzw. zweite erlebte Deklassierung, welche aufgrund des Umganges von Erwachsenen mit der Machtdisparität entsteht, erfolgt zumeist in der Konstellation Erwachsener – Kind bzw. Jugendliche(r), kann jedoch ebenso zwischen älteren und jüngeren Kindern/Jugendlichen auftreten.[10] Der vollständigkeitshalber sei an dieser Stelle kurz erwähnt, dass auch in den Interaktionen von Erwachsenen diskriminierende Verhaltensweisen präsent sind. Diesbezüglich werden zum Beispiel Berufseinsteiger, Auszubildende und jüngere MitarbeiterInnen von Älteren und höher gestellten MitarbeiterInnen nicht ernst genommen oder für niedrigere Arbeiten missbraucht. Nicht selten werden auch in diesem Kontext auf Sätze wie „Nimm es oder dich nicht so ernst“, „Tu nicht so Erwachsen“, „Das ist noch nichts für dich“ „Denkst du, dass du so wichtig bist“, „Was kannst du schon daran ändern“ und „Werde erst mal erwachsen“ zurück gegriffen. Adultismus und Epiphanismus beginnen nicht erst mit der Reglementierung, Benachteiligung und Betitelung mit „Göre“, „Rotzlöffel“, „Flegel“ und „Rüpel“, sondern äußern sich auf Grund des Labelings bereits bei der Verwendung von scheinbar positiv besetzten Attributen wie „Och, Kinder sind immer so süß.“, „Die sind so niedlich.“[11] Es erfolgt eine Etikettierung und somit eine Diskriminierung mit Ressentiments und Zuschreibungen einer ganzen Personengruppe aufgrund unveränderlicher Attribute.[12]

Die in unserer Gesellschaft kaum bekannten Begriffe Adultismus und Epiphanismus beziehen sich demnach nicht nur auf das diskriminierende Verhalten Erwachsener gegenüber Kindern und Jugendlichen, sondern geben dem Fakt, dass Erwachsene und ältere Menschen davon ausgehen, dass sie allein aufgrund ihres Alters intellektueller, autorisierter, qualifizierter und verantwortlicher sind als Kinder, Jugendliche und Heranwachsende und daher deren Bedürfnissen, Empfindungen, Perspektiven, Betrachtungsweisen und Anschauungen ignorieren bzw. übergehen, einen fachterminologischen Namen.[13]

„Unsere Welt ist für große Menschen gemacht. Sie ist für erwachsene Menschen gemacht. Kinder und Jugendliche werden darin als „unfertige“ Wesen wahrgenommen und auch als solche behandelt. Ihre Meinungen sind weniger wert, sie werden sehr oft nicht gehört. Und selbst in Kindereinrichtungen sind zwar die Möbel und Sanitäreinrichtungen für Kinder normiert, aber Stufen, Türgriffe und Lichtschalter nicht.“[14]

1.1. Adultismus und Epiphanismus in der stationären Kinder- und Jugendhilfe

Dieses Kapitel beschäftigt sich neben den speziellen Anzeichen von Diskriminierungen aufgrund des Alters, welche sich bezüglich der besonderen Gegebenheit der Fremdunterbringung für die Kinder und Jugendlichen ergeben, mit der Suche nach einem Antonym für Adultismus und Epiphanismus sowie deren Bedeutung für die weitere Ausarbeitung dieser Hausarbeit. Der Begriff der stationären Jugendhilfe bezieht sich in diesem Zusammenhang auf die Heimunterbringung von Kindern und Jugendlichen im Rahmen der Hilfen zur Erziehung gemäß der Paragrafen 27, 34 des Sozialgesetzbuches VIII.

Die Thematiken Adultismus und Epiphanismus haben hier bisher nur wenig Aufmerksamkeit im deutschsprachigen Forschungsbereich erhalten.[15] Auch lässt sich kein wirklich eindeutiges Antonym für Adultismus und Epiphanismus in Internetquellen und Literaturrecherchen ausmachen. Oftmals zeichnen sich bei den möglichen als Gegensatzwörtern für Adultismus bzw. Epiphanismus einsetzbaren fachlichen Begrifflichkeiten wie Partizipation, Inklusion und auch eine Art Emanzipation schleichende Übergänge in deren Definition ab, sodass sich aus dem Gesamtbild bzw. der Gesamtbetrachtung dieser drei oben genannten Fachbegriffe ein recht nachvollziehbarer Gegensatz von Adultismus bzw. Epiphanismus erahnen und ausmachen lässt. Warum ist nun diese Betrachtungsweise aber von Bedeutung? Warum macht es Sinn nach dem Antonym für Adultismus und Epiphanismus zu suchen?

In jedem Segment unseres gesellschaftlichen Lebens existieren diskriminierendes Verhalten und benachteiligende Attitüden. Begrifflichkeiten wie “infantil“, „kindisch“, „unreif“ und “naiv“ sind negativ und verwerflich belegt. Wer diese Label einsetzt, möchte für gewöhnlich auf das “unnormale“ Verhalten, welches durch ein “unangepasstes“ Kind oder Jugendlichen zum Ausdruck gebracht wird, aufmerksam machen. Daher ist es auch nicht verwerflich, dass viele junge Menschen vor allem Heranwachsende ihrem Unmut gegenüber der Titulierung mit dem Begriff “Kind“ Ausdruck verleihen und sich von Erwachsenen ungerecht und reglementiert behandelt fühlen – 29,1 Prozent der jungen Menschen zwischen 18 und 24 Jahren fühlen sich aufgrund ihres jungen Alters diskriminiert.[16] Auch wird vielen jungen Menschen für gewöhnlich jede Entscheidungsfähigkeit, Beteiligung, Selbstorganisation und Mitbestimmung vorenthalten. Die Mehrheit der Erwachsenen räumen sich das komplette Bestimmungs- und Handlungsrecht über jüngere Menschen ein. Wird dieses untergraben, folgen oftmals Konsequenzen.

Wird diese diskriminierende Haltung im Zusammenhang mit dem Agieren Erwachsener in den stationären Hilfen zur Erziehung näher betrachtet, fällt dem Beobachter schnell auf, dass fremd untergebrachte Kinder und Jugendliche diese Art der ersten Diskriminierung unter anderem schon mit dem Hintergrund des bestehenden Zwangskontextes noch viel deutlicher erleben. Hinzu kommt, dass die Klientel der stationären Kinder- und Jugendhilfe zumeist in ihren Herkunftsfamilien negative Erfahrungen in der Beziehung zu erwachsenen Menschen gemacht und Beziehungsabbrüche erlebt hat. Verbunden mit einer moderneren und zunehmend sehr individualisierten Gesellschaft konnten sie oftmals nur einen sehr ambivalenten Rückhalt von erwachsenen Menschen erleben. Diese Erfahrungen wirkten sich oftmals traumatisierend auf die Kinder und Jugendlichen aus. Sie haben bereits Schutz- und Abwehrmechanismus entwickelt, welche es ihnen erschweren, neue feste Bindungen einzugehen bzw. enge Beziehungen längerfristig aufrechtzuerhalten. Viele KlientInnen zeigen auf Grund dieser Lebenserfahrungen Phasen von Abneigung gegenüber fast allen erwachsenen Verhaltensmodellen und besitzen eine immense Feinfühligkeit bzw. Sensibilität in Bezug auf Benachteiligung, Bevormundung und Ungerechtigkeit durch Erwachsene. Fühlen sich die Kinder und Jugendlichen ungerecht behandelt oder gar diskriminiert, können Verweigerungshaltungen oder gar Widerstände gegenüber der Jugendhilfe deutlich sichtbar werden.[17]

Trotz dieses Hintergrundwissens sind auch Fachkräfte der Sozialen Arbeit nicht davor gefeit, diskriminierende Handlungsansätze oder Verhaltensweisen, welche gesellschaftlich geprägt wurden, in den beruflichen Kontext zu übertragen. Hier setzt die Fragestellung dieser Hausarbeit an, inwieweit sich Diskriminierungsformen infolge des Alters in der stationären Kinder und Jugendhilfe minimieren lassen, um der Herausforderung der Partizipation von KlientInnen im Jugendhilfekontext fachlich zu begegnen? Ob und welche Handlungsempfehlungen existieren, wird im weiteren Verlauf herausgearbeitet und dargestellt.

Da allerdings über den Habitus von Adultismus und Epiphanismus sowie deren Folgen in Bezug auf die stationären Hilfen zur Erziehung nach SGB VIII keine repräsentativen Quellen und Studien existieren und zusätzlich kaum wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen, wie Kinder und Jugendliche generell Ungleichheiten, Vorurteile und Diskriminierungen wahrnehmen und sich darauf bezogen verhalten, ist es von essenzieller Bedeutung nach alternativen Forschungsprojekten und Quellen in diesem Zusammenhang zu recherchieren. Hier knüpft der zu Beginn dieses Kapitels erwähnte Grundgedanke an, nach einem Antonym für Adultismus und Epiphanismus zu suchen. Denn im Zusammenhang mit Partizipation von Kindern und Jugendlichen in den stationären Hilfen zur Erziehung existiert eine deutlich größere Vielfalt an Literatur und Forschungsergebnissen, aus welchen sich klar Diskriminierungen gegenüber Kindern und Jugendlichen ableiten lassen, um sich mit der Fragestellung dieser Ausarbeitung adäquat auseinandersetzen zu können.

Es wurden in den vergangenen Jahren diverse Arbeitsgruppen gegründet, um sich der Thematik Diskriminierung und einer gelingenden partizipierenden Gleichberechtigung von Klientel im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe zu nähern. Auch haben sämtliche freie und öffentliche Träger, welche in der Bundesrepublik Deutschland ansässig sind, die Beteiligung bzw. Partizipation von Kindern und Jugendlichen in den stationären Hilfen zur Erziehung, im Rahmen des Qualitätsmanagements auf die Fahne geschrieben und konzeptionell verankert. Aber wie sieht die Realität tatsächlich aus? Die Fachhochschule Landshut/ University of Applied Sciences startet in diesem Kontext mit dem SOS-Kinderdorf e.V. Deutschland das Projekt „Beteiligung – Qualitätsstandard für Kinder und Jugendliche in der Heimerziehung“, um die Perspektive der KlientInnen in Bezug auf die Qualität von beteiligender und partizipierender Kinder- und Jugendhilfe herauszukristallisieren.[18] Im Rahmen dieses Projektes wurde deutlich, dass viele Kinder und Jugendliche in den stationären Hilfen zur Erziehung eindeutige Beschränkungen in ihrer Privatsphäre erleben und ihnen die Beteiligung an der Lebensgestaltung aberkannt wird. Jedes Fünfte fremd untergebrachte Kind oder jeder Jugendliche erlebt Diskriminierungen bezüglich der Wahrung des Postgeheimnisses. Sogar jede(r) dritte KlientIn kann sein privates Eigentum nicht vor anderen Individuen schützen bzw. wegschließen. Nur jedem zweiten Mädchen /jedem zweiten Jungen wird ein ungestörter privater Rückzugsort zu gesprochen. Jede(r) Vierte erlebt Einschränkungen in Bezug auf die Beteiligung, Mitbestimmung in Bezug auf die Kontaktgestaltung zur Herkunftsfamilie. Nur die Hälfte aller Kinder und Jugendlicher in der Heimerziehung erhalten die Möglichkeit, ihr Bedürfnis nach freier Outfitwahl und autonomer Zimmergestaltung nach zu kommen.[19]

Aber an welcher Stelle fängt Adultismus und Epiphanismus eigentlich an? Beginnt diese Art der Diskriminierung auf Grund des jungen Alters, weil ich den Kindern und Jugendlichen nicht zugestehe, ihre Bekleidung für den nächsten Tag selbst auszusuchen oder weil ich ihnen auf Grund des Vorschulalters nicht zu traue die Inhalte der Hilfekonferenz im Jugendamt zu bewältigen und sie daher von der Teilnahme ausschließe? Laut Manuela Ritz kann dies jede(r) Erwachsene für sich selbst überprüfen, indem er sich die Frage stellt, „Würde ich mit Erwachsenen genauso reden, sie genauso behandeln?“[20]

In der Interaktion zwischen Kindern bzw. Jugendlichen und Fachpersonal existieren inmitten eines zweifelhaften „Grenzbereiches“ diverse bereits oben schon benannte Verhaltensmuster, welche eine diskriminierende Behandlung zum Ziel haben. Es ist in unserer Gesellschaft durch aus natürlich, dass ein Kind beim Überqueren der Straße an die Hand genommen wird. Dieses Verhalten würde das Fachpersonal nicht gegenüber seinem erwachsenen Freund oder seiner Freundin an den Tag legen, da beide Personen auf gleicher Augenhöhe stehen und er/sie davon ausgeht, dass der/die BegleiterIn über ausreichend Erfahrungen und Kenntnisse im Umgang mit dem Straßenverkehr besitzt. Auch wird sich das Fachpersonal keine Sorgen darüber machen, wenn es mit einem Freund oder einer Freundin im Restaurant mit geschärften Messern diniert. Ganz anders und natürlich wäre dies, wenn das Fachpersonal mit sehr jungen KlientInnen in einer Gaststätte speisen würde, bei welchem sich die Entwicklung der Feinmotorik als noch nicht ausgereift darstellt.[21]

Die oben benannten fragwürdigen Interaktionsmuster äußern sich darin, dass Fachkräfte Entscheidungen fällen oder Äußerungen tätigen, welche nicht wie im Beispiel abhängig vom Entwicklungsstand des Kindes oder Jugendlichen sind, sondern aufgrund von Bequemlichkeit oder gar Machtdemonstrationen entstehen.[22]

An dieser Stelle sollte sich jeder in der Sozialen Arbeit Tätige fragen, wann stellt sich meine Sicht auf Kinder und Jugendliche, welche mein Erleben und Verhalten beeinflusst, zu einer Apologie eines eventuell nicht zu rechtfertigenden Agierens gegenüber Kindern und Jugendlichen dar? Agiere ich in jener Situation tatsächlich mit dem Hintergrund Kinder oder Jugendliche vor Gefahren zu behüten oder um meine Höherstellung in der Hierarchie zu demonstrieren?[23]

1.2. Wie äußern sich Adultismen und Epiphanismen in der stationären Kinder- und Jugendhilfe

Wie anhand der im vorangegangenen Kapitel dargestellten Ausschnitte der Studienergebnisse „gelingende Beteiligung“ deutlich wird, erfahren Kinder und Jugendliche in den stationären Hilfen zur Erziehung, ähnlich wie in der Schule und der Ausbildung diskriminierend Verhaltensweisen durch seitens der pädagogischen Fachkräfte. Auch werden ihnen diesbezüglich oftmals wenig Möglichkeiten der Mitbestimmung und der Selbstorganisation zum Beispiel in Bezug auf wie und was sie lernen möchten, ob sie Hausaufgaben machen wollen, wie sie beabsichtigen ihren Alltag zu gestalten, was sie anziehen mögen oder gar an Nahrung zu sich zu nehmen wünschen, zu geschrieben.

Hinterfragen oder erkundigen sich junge Menschen nach dem Handeln der Fachkräfte und nehmen diese dies als unangenehm, unpassend oder zu kritisch wahr, werden die Kinder und/oder Jugendlichen mit Aussagen wie den folgenden konfrontiert oder gar aufgebürdet „So ist das nun mal“, „Du kannst das noch nicht verstehen“, „Du bist noch zu klein dafür“, „Das kannst du erst verstehen, wenn du alt genug bist“, „Das geht dich gar nichts an“. Oftmals versuchen Erwachsene gar nicht erst ihr Handeln zu erklären und den Kindern oder Jugendlichen eine Klärung herbei zu führen, sondern tun deren Interessen oder Bedürfnisse mit strukturell diskriminierenden Äußerungen ab.[24]

Um ein Gefühl davon zu erhalten, wie Kinder, Jugendliche und Heranwachsende generell Adultismen und Epiphanismen wahrnehmen, empfiehlt es sich laut ManuEla Ritz als eine Art Experiment den Kindern oder Jugendlichen zwei Stunden pro Tag die Möglichkeit zu ebnen, die Strukturierung und Gestaltung des Tagesablaufes zu übernehmen. ManuEla Ritz geht davon aus, dass den Erwachsenen schnell vor Augen geführt wird, aus welchem Umfang die täglichen Aufforderungen, Anordnungen und Anweisungen gegenüber Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden bestehen. ManuEla Ritz äußert auch, dass sofern, sich jeder an dieses Experiment hält, dem/der Erwachsenen rasch vor Augen geführt wird, wie beschwerlich es sein muss, sich ständig auf das Begehren anderer Menschen einzulassen, welches zusätzlich zum Teil fern ab der eigenen Bedürfnisse und Interessen liegt. Der Tagesablauf von Kindern, Jugendlichen und auch Heranwachsenden folgt oftmals der Strukturierungen von Erwachsenen. Es wird ihnen vorgeschrieben welche Handlungsabläufe sie wann, wie schnell und in welchem Umfang auszuführen haben. Ganz gleich, wann sie Hunger oder Appetit besitzen, um zum Beispiel eine Nahrung aufzunehmen oder ob es aktuell in ihrem Interessengebiet liegt, genau jetzt nach draußen zu hetzten.[25]

Noch deutlicher wird die Diskriminierung von Kindern und Jugendlichen in der Fremdunterbringung, wenn man diese nach der Beteiligung bei Entscheidungsprozessen befragt. Die Kinder und Jugendlichen haben im Rahmen der Repräsentativbefragung von IPP[26] und SPI[27] die Möglichkeit erhalten, ihre Beteiligungsmöglichkeiten in der stationären Einrichtung der Jugendhilfe zu benoten. Die Durchschnittsnoten je Einrichtung verteilen sich folgender Maße:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[28]

[...]


[1] Vgl. Ritz in Wagner 2013: 165

[2] Vgl. National Coalition Building Institute Suisse Schweiz; Kinderlobby Schweiz: 10f.

[3] Vgl. Kuhlmann 2003: 1

[4] Korczak 1967: 21

[5] Korczak 1919

[6] Korczak 1928

[7] Vgl. Degner; Kunz 2013: 1

[8] Vgl. Ritz 2008: 128

[9] Vgl. Perko 2012: 12

[10] vgl. Ritz in Wagner 2013: 165

[11] vgl. Behrend; Wolschke: in Social Justice als soziales und politisches Projekt 21-22

[12] Vgl. Ritz in Wagner 2013: 170

[13] Vgl. Ritz 2008: 1 f.

[14] Cornelia 2014

[15] vgl. Richter 2013: 3

[16] Vgl. Schuhmacher 2015

[17] Vgl. Ortel 2012: 1

[18] Vgl. Harting; Wolff 20: 1f.

[19] Vgl. Strauss; Sierwald 2008: 14-15

[20] Vgl. Behrend; Wolschke: in Social Justice als soziales und politisches Projekt 21-22

[21] Vgl. Behrend; Wolschke: in Social Justice als soziales und politisches Projekt 21-22

[22] vgl. Behrend; Wolschke: in Social Justice als soziales und politisches Projekt 21-22

[23] Vgl. Behrend; Wolschke: 21-22

[24] Vgl. National Coalition Building Institute Suisse Schweiz; Kinderlobby Schweiz: 10f.

[25] Vgl. Ritz in Wagner 2013: 169

[26] Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) vertreten durch Dr. Florian Straus

[27] Sozialpädagogisches Institut (SPI) im SOS Kinderdorf e.V vertreten durch Dr. Wolfgang Sierwald

[28] vgl. Strauss; Sierwald 2008: 17

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Adultismus und Epiphanismus. Institutionen der Erziehungshilfe im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und sozialer Gleichberechtigung
Hochschule
Fachhochschule Potsdam
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
29
Katalognummer
V318134
ISBN (eBook)
9783668173743
ISBN (Buch)
9783668173750
Dateigröße
954 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kinder- und Jugendarbeit, Diskriminierung, Partizipation, Gesetz, Selbstbestimmung, Adultismus, Epiphanismus, Jugendhilfe
Arbeit zitieren
Henriette Ortel (Autor), 2016, Adultismus und Epiphanismus. Institutionen der Erziehungshilfe im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und sozialer Gleichberechtigung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318134

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Adultismus und Epiphanismus. Institutionen der Erziehungshilfe im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und sozialer Gleichberechtigung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden