Die Begriffe 'Völkerwanderung' und 'Ethnogenese' als Metaphern im Kontext der heutigen Flüchtlingsbewegungen


Hausarbeit, 2015

13 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung ... 3

2 Begrifflichkeiten ... 3
2.1 Die Völkerwanderung ... 3
2.2 Ethnogenese ... 5
2.3 Arten und Gründe für die Wanderungsbewegungen ... 7

3 Beispiel und Vergleich zur aktuellen Situation in Europa, Deutschland, naher Osten ... 8
3.1 Die Ethnogenese der Goten vor der Völkerwanderung ... 8
3.2 Flüchtlingsbewegungen in 2015 ... 10

4 Zusammenfassung ... 11

5 Literaturverzeichnis ... 12

1 Einleitung

Die Parallelen zwischen der Völkerwanderung der Spätantike und den aktuellen Ereignissen in Europa sind frappierend. Nicht zuletzt deswegen ist das Interesse an dieser Epoche nach wie vor gegeben. Der Mittelmeerraum war seinerzeit von „dramatischen Umwälzungen“1 betroffen, die alle Lebensbereiche beeinflussten, vieles in Politik und Wirtschaft, Religion, Gesellschafts- und Alltagskultur veränderte sich und historische Weichen wurden gestellt, die für die kommenden Jahrhunderte die Entwicklungen prägten. Auch heute sieht sich die europäische Welt abermals mit Ereignissen konfrontiert, die ähnliche Auswirkungen haben könnten.

Nach einer anfänglichen Begriffsklärung soll die vorliegende Arbeit versuchen, den Begriff Völkerwanderung auf seine Validität zu untersuchen und mit Beispielen zu belegen, kontrastierend mit dem Begriff der Ethnogenese und in Anwendung auf die aktuelle Situation in Europa im Kontext der Flüchtlingsbewegungen. Die Auswahl an Literatur zu diesem Themenkomplex ist reichhaltig, viele Aspekte sind im Zuge des großen Interesses an dieser Zeit bereits untersucht worden. Dennoch, und das wird in der aktuellen medialen Aufbereitung der Flüchtlingsthematik umso deutlicher, birgt die Epoche der Völkerwanderung nach wie vor Diskussionsbedarf für die Forschung. Fehlende schriftliche Quellen der Gruppen, die durch das spätantike Europa zogen, mag einer der Gründe dafür sein; römische Quellen, z.B. Jordanes’ Getica, Tacitus’ Germania,2 stehen stets unter dem Verdacht der politischen Einfärbung. Diese Quellenlage ermöglicht viele interpretatorische Ansätze; sicherlich eine komplexe Thematik, die jedoch viele interessante Betrachtungsweisen ermöglicht.

2 Begrifflichkeiten

Im folgenden Abschnitt sollen die Begriffe „Völkerwanderung“ und „Ethnogenese“ grundlegen erläutert und an sich analysiert werden. Dazu gehört neben der Entstehungsgeschichte auch eine linguistische Betrachtung insbesondere des Begriffes der Völkerwanderung.

2.1 Die Völkerwanderung

Die Geschichte des Begriffs reicht ins 16. Jahrhundert zurück: geprägt durch das Werk des Wiener gelehrten Wolfgang Lazius von 1557, der mit „De gentium aliquot migrationibus“ den Begriff der „Völkerwanderung“ in der mitteleuropäischen Geschichtsschreibung verfestigt3. 1746 erhielt der Terminus erstmals einen Platz in Zedlers Universallexikon, dem jedoch eine Diskussion vorausgegangen war, ob man denn Lazius korrekt übersetzt habe, da ja „wandern“ für migrare zwar korrekt sei, im Zusammenhang mit einem ganzen Volk jedoch unvorstellbar4. Trotz des Eintrages in das Lexikon blieb eine gewisse Unsicherheit, die durch vorsichtige Formulierungen zum Ausdruck kam. Dennoch erklärte man dann bereits im 18. Jahrhundert die Folgen aus dem Hunnensturm zur Epochenschwelle, dem, im Nachgang zu und in Partizipation in Diskussionen, auch von Ranke kritisch gegenüberstand5. Sowohl der Terminus an sich als auch die Vorstellung dessen, was sich ereignet hat und was auslösender Moment für die Bewegungen war, ist schwer zu fassen und bedarf zunächst einer differenzierten Betrachtung.

Um den Begriff der Völkerwanderung fassen zu können, sollte zunächst der Begriff „Volk“ an sich geklärt werden, zumal er „ein emotional hoch aufgeladener Begriff mit stark schwankendem Inhalt“6 ist. Mal ist aus heutiger Sicht eher die Ethnie unter dem Begriff gemeint, mal aber auch als Synonym für Nation verwendet. In der Antike verstand man eine Gruppe als Volk, wenn die Mitglieder Gemeinsamkeiten des Aussehens (habitus), der Sitten und Gebräuche, der Sprache, der Tracht und Bewaffnung teilten7. Diese Deutung der äußeren Merkmale und sichtbaren Verhaltensweisen als Zugehörigkeitsmerkmal änderte in sich der Romantik zu der einheitlichen, durch gemeinsame Abstammung definierten Großgruppe8, deren Zugehörigkeit sich weniger auf Aussehen und Verhalten, denn auf Abstammung und dem Bezug zu einem „Traditionskern“9.

Der Volksbegriff heute ist ein eindeutiger Bestandteil unserer politischen Gedankenwelt. Man versteht darunter ein „klar abgrenzbare Menschengruppe, die ein bestimmtes Territorium bewohnt und sich durch eine Reihe gemeinsamer Merkmale von benachbarten Völkern unterscheidet“10, durch Sprache, Kultur und einheitlicher Abstammung. In biologischem Sinne könnte man ein Volk also mit einem Organismus vergleichen, der verschieden ausgeprägte Mutationen aufweist, in der Basis jedoch langfristig konstant bleibt11.

Auch der Begriff „Wanderung“ an sich ist differenziert zu betrachten, können doch größere Bewegungen vollkommen unterschiedliche Auslöser und Gründe haben. Walter Pohl unterscheidet in „Die Völkerwanderung“ in „allmähliche Expansion,[...] Flucht und Verdrängung,[...] sowie wohlorganisierte Märsche militärischer Gruppen“12. Völkerwanderung „bezeichnet im engeren Sinne die mit der Hunneninvasion 375 beginnende Völkerbewegung an der Nordgrenze des Imperium Romanum“13, „die Bewegung vollzog sich unter verschiedener Führungsstruktur“14.

Während die deutschsprachige Forschung in der Vergangenheit den Fokus auf „germanische“ Wanderungsbewegungen legte und so der Eindruck entstand, dass lediglich jene die Völkerwanderung ausmachten, sprach die europäische Forschung eher von der „Invasion der Barbaren“ im Zusammenhang mit den Verschiebungen, die durch die Hunneninvasion im oströmischen Reich in Gang gesetzt wurden15. Daher ist es eher geboten, von nicht-germanischen Gruppen zu sprechen, wenn die maßgebliche Gruppe der Wandernden zunächst grob benannt werden soll, die in „bunt zusammengewürfelt(en)16“ Verbänden in Bewegung kamen. In der römischen Geschichtsschreibung tauchen die Namen der Goten, Vandalen, Sueben und Langobarden über „Jahrhunderte hinweg immer wieder auf“17, was den Schluss zuließe, dass es sich hier um relativ stabile, etablierte Gruppierungen gehandelt haben muss. Andere bekannte „Größen“ des Frühmittelalters, die Alemannen, die Sachsen oder die Bajuwaren tauchen erst während oder sogar nach der Völkerwanderungszeit von 375 - 56818 in der Geschichtsschreibung auf und sind damit möglicherweise erst durch den Wanderungsprozess entstanden. Man muss jedoch im Blick behalten, dass die kontinuierliche Erwähnung bestimmter Namen nicht zwangsläufig darauf hinweist, dass bestimmte Völker langfristig existierten. Es besteht nämlich auch die Möglichkeit, dass verschiedene Gruppen, regional unabhängig voneinander, sich angesehene Namen schlicht angeeignet haben können19. „Neben den bekannten Stämmen müssen auch anonyme Gruppen unterwegs gewesen sein, so dass von in sich geschlossenen Ethnien nirgends eine Rede sein kann“, vielmehr ein „laufender Ethnogeneseprozess“20pen integrierten, assimilierten, akkumulierten21 weströmische Reich in Bedrängnis brachten22

Weiterhin schwierig ist in diesem Zusammenhang die Quellenlage, da nur wenige schriftliche Quellen, z.B. Ammian, zur Verfügung stehen und die archäologischen Funde „weniger kurzfristige politische Ereignisse widerspiegeln als vielmehr langfristig wirksame wirtschaftliche Entwicklungen und kulturelle Orientierungen“23. In vielen Fällen beschränkt sich die Quellenlage auf Abstammungsmythen, die nicht zeitgenössisch sind und im Nachgang erfunden wurden; vielfach gibt es für die Bewegung von Stämmen sogar keinerlei schriftlichen Überlieferungen24. Daher ist es umso schwerer nachzuvollziehen, ob es sich um ein wanderndes Volk im Sinne der heutigen Auffassung des Begriffs handelt oder ob sich das Volk erst während der Wanderung bzw. bei Eintritt der Sesshaftigkeit gebildet hat.

2.2 Ethnogenese

Schon seit Reinhard Wenskus’ „Stammesbildung und Verfassung. Das Werden der frühmittelalterlichen gentes“ aus dem Jahre 1961 ist der Begriff der Ethnogenese an die Stelle des Begriffes der Völkerwanderung getreten. Dass in der benannten Zeit tatsächlich ganze „Völker“ im Sinne der Romantik wanderten, wird in der Forschung angezweifelt25, da die Zusammensetzung und der Ursprung der Gruppen in Bewegung höchst unterschiedlich war: mal waren es Verbände des Militärs, mal die einfache „Zivilbevölkerung“, die sich auf der Suche nach einer neuen Heimat auf den Weg machten26. Vielmehr von Interesse sind die Gruppierungsprozesse, die zur Bildung der sogenannten gens (Volksstamm) führten.

[...]


[1] Fehr/ von Rummel: Die Völkerwanderung, S. 7.

[2] vgl. Giese: Die Goten, S. 11f.

[3] vgl. Fehr/von Rummel: Die Völkerwanderung, S. 7.

[4] vgl. Rosen: Die Völkerwanderung, S. 33.

[5] vgl. Rosen: Die Völkerwanderung, S. 33.

[6] Elwert: Artikel „Volk“ in: Wörterbuch der Völkerkunde, S.400.

[7] vgl. Pohl: Die Germanen, S. 7.

[8] vgl. Postel: Die Ursprünge, S. 59.

[9] Pohanka: Die Völkerwanderung, S. 7.

[10] Fehr/ von Rummel: Die Völkerwanderung, S. 10.

[11] vgl. Postel: Die Ursprünge, S. 60.

[12] Pohl: Die Völkerwanderung, S. 24.

[13] Wirth: „Völkerwanderung“ in: Lexikon des Mittelalters, Sp. 1822 ff.

[14] ebd.

[15] vgl. Fehr/ von Rummel: Die Völkerwanderung, S. 16.

[16] Fehr/ von Rummel: Die Völkerwanderung, Ebd.

[17] ebd., S. 26.

[18] vgl. Wirth: „Völkerwanderung“ in: Lexikon des Mittelalters, Sp. 1824.

[19] vgl. Fehr/ von Rummel: Die Völkerwanderung, S. 26.

[20] Fehr/ von Rummel: Die Völkerwanderung., S. 16.

[21] vgl. ebd.

[22] vgl. Pohanka: Die Völkerwanderung, S. 14f.

[23] Fehr/ von Rummel: Die Völkerwanderung, S. 9.

[24] vgl. ebd.: S. 12.

[25] vgl. Postel: Die Ursprünge, S. 59.

[26] vgl. Fehr/ von Rummel: Die Völkerwanderung, S. 9.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Die Begriffe 'Völkerwanderung' und 'Ethnogenese' als Metaphern im Kontext der heutigen Flüchtlingsbewegungen
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Geschichtswissenschaften)
Veranstaltung
ProSeminar Mittelalter - Herausforderungen an die Geschichtsschreibung des Mittelalters
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V318167
ISBN (eBook)
9783668173828
ISBN (Buch)
9783668173835
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Völkerwanderung, Germanen, Zusammenbruch römisches Reich, Übergang Antike Mittelalter, Mittelalter, Spätantike
Arbeit zitieren
Sarah Wunderlich (Autor), 2015, Die Begriffe 'Völkerwanderung' und 'Ethnogenese' als Metaphern im Kontext der heutigen Flüchtlingsbewegungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318167

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