Frauenverehrung und -verachtung im Mittelalter. Wigalois’ Japhite und die gelobten Tugenden "triuwe" und "stæte"


Hausarbeit, 2014
17 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Personenbeschreibung Japhite
a. Bedeutung der triuwe im Minnenverhältnis
b. Bedeutung der staete im höfischen Minneverhältnis

3. Frauenverehrung und Frauenverachtung

4. Frauenbewegung
a. Frauen im Orden
b. Warum drängten so viele Frauen in die Klöster?

5. Propagierung der kirchlichen Ehemoral: Gräfin Ida von Boulogne

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Heiligkeit hat nichts zu tun mit außergewöhnlichen Taten.

Weder die Absonderlichkeit des Lebens noch weniger die Gabe der Wunder sind Zeichen und Maßstab wahrer Heiligkeit.

Es gibt manchen Christen, der unbeachtet über die Erde geht, den man zur großen Überraschung im Paradies auf einem ebenso schönen Platz antreffen wird, wie ihn die be- rühmtesten Heiligen innehaben.“

- Vinzenz Palotti1

Die vorliegende rbeit „Wigalois’ Japhite - Gottes Heil der triuwen Ehefrau“ setzt den Fokus auf die Figur Japhite des Wigalois: Ihre Personendarstel- lung in Hinblick auf die damaligen Diskurse „Frau“ und „Weg zu der Erret- tung durch Gott“͘ Beginnend von der Charakterisierung der Japhite, werde ich ihre zwei gelobten Tugenden triuwe und stæte veranschaulichen und im Folgenden einen kurzen Blick auf die mittelalterliche Frauenverehrung und -verachtung lenken, um einen kleinen Einblick in das damalige Frauen- bild zu gewähren. Mit diesem Hintergrundwissen, wird die historische Frauenbewegung in die Klöster mit einer Art Emanzipation assoziiert. Die Frauen brachen in großen Zahlen aus ihrer alten Rolle der Frau aus, was zur Besorgnis von Seiten der Kirche führte. Dagegen sollte die propagierte Ehemoral Abhilfe schaffen. Beispielsweise sollte die Heiligsprechung der Ehefrau Gräfin Ida von Boulogne, dazu führen, dass sich Frauen an ihr ein Beispiel nähmen.

Japhite verkörpert mehr als eine weibliche Randfigur. Sie wird bis auf die Tatsache ungetauft zu sein, mit ihren hervorstechenden Tugenden, der triuwe und stæte, zum Ideal der Ehefrau erklärt.

Möchte der Autor demonstrieren, dass selbst einer Heidin, die bis zu ihrem Tode ungetauft blieb, aufgrund ihrer inbrünstigen und aufrichtigen Treue und Beständigkeit zu ihrem Mann, Hoffnung in die Errettung ihrer Seele zugesprochen werden kann?

Wirnt von Grafenberg spricht mit ihr und durch sie, zum Publikum und ver- sucht Einfluss auf die vorherrschenden Diskurse zu nehmen. Das reale Bild der Frau im Mittelalter gleicht nicht annähernd seiner literarischen Versi- on. Zu Frauen wurde nur solange aufgesehen, wie sie Jungfrau blieben und das Zölibat lebten. Im 11. Jahrhundert beängstigte der Andrang der Frau- enbewegung die Brüder. Auch die angesetzte strengere Klausur und die fi- nanzielle Notlage konnten nicht verhindern, dass mehr und mehr Frauen in die Klöster eintraten. Die Sorge wuchs, dass die Schwestern selbstbestimm- ter und eigenständiger werden könnten. Die Kirche bzw. die Brüder propa- gierten hierzu die Ehemoral. Dies mache ich unter der Heranziehung der Gräfin Ida von Bolougne fest, die als gehorsame Ehefrau zur Heiligen er- klärt wurde und damit Gottes Heil erlangen konnte. Hier schließt sich der Kreis, denn eben diese Moral wird im Wigalois durch Japhite präferiert, die ich untersuchen möchte.

2. Personenbeschreibung Japhite

Bevor Japhite zum ersten Mal erscheint, treten ihre schönen zwelf mägde2 ein, von der jede eine leuchtende Kerze trägt (V. 7297-7299). Die guotiu (V. 7300) Kleider der Jungfrauen sind von bunt und von samîte (V. 7301) und ir zobel waren rîche (V. 7408). Schon damals galt Pelz als Statussymbol und der Zobel war äußerst wertvoll.3 Von Grafenberg hebt die Schönheit der Japhite besonders hervor (V. 7429-7430) und bemerkt, dass sie mehr noch als ihr Gefolge, nach bester höfischer Sitte gekleidet ist (V. 7431-7439). Der von Salamandern hergestellte mit Seide überzogene Zobelmantel, bedarf einer genaueren Betrachtung:

„Das durch die Kunstfertigkeit des Salamander im Feuer gefertigte sîdîn- werc (V. 7441) schützt Japhite gegen die viure des Teufels (V. 7447-7454)͘“4 Lohbeck vergleicht Japhite auch gleich mit dem Salamander, wie dieser als bezeichnunge des Gerechten gelte, da er inmitten seiner Peiniger sein Gottvertrauen und damit seine Seele bewahre, vermöge Japhite zu leben: „Ihre minne zum Teufelsbündler Roaz bleibt rein, dessen destruktiver Cha- rakter kann sie im wahrsten Sinne des Wortes nicht zerstören͘“5

Wirnts Hauptakzent bei dieser heiden- Gestalt liege auf ir minne stæte (V. 7497) und ganziu triuwe (V. 7461), welche jedoch durch die eigensüchtige und valsche minne von Roaz zerstört würde.6

Ihrer Schönheit wird ein weiteres Mal Erwähnung (V. 7455-7456) geschenkt und zudem charakterisiert er:

an ir was vrouwen êre

und ganziu triuwe veste.

deheiner slahte gebreste,

der ie an deheinem webe wart, des was ir lîp vil wol bewart, wan daz si ungetoufet was;

was si vor andern meine. (V. 7460-7467)

Wirnt von Grafenberg beschreibt Japhite als makellose, ideale Frau, nur merkt er an, dass sie nicht getauft wurde, was darauf hinweist, dass sie ei- ne Heidin ist. Die reine (V. 7468) Frau Japhite verhält sich immer so, wie es ihr Gemahl wünscht. Sie unter gibt sich all seinen Befehlen, denn:

ê wær si gelegen tôt,

swaz er si lâzen hieze,

ê si daz niht enlieze. (V. 7490-7493)

Nach dieser Musterbeschreibung spricht Wirnt das Publikum an und verrät das Geheimnis, wie der Liebe Dauer verliehen werden könnte, die Frau sollte sich nach dem Belieben ihres Mannes verhalten.

Während des Kampfes zwischen Wigalois und Roaz bedauert Japhite den fremden Ritter in der Erwartung, dass ihm der Tod bevorsteht. Doch der Damen schoene gap im solhe maht daz er aber mit kreften vaht.7 (V. 7560-7561)

Als Roaz' Bein stark getroffen wird, verändert der Kummer über den Schmerz ihres Geliebten nicht nur Japhites Stimmung, sondern auch ihr Antlitz:

ir antlütze wart missevar, daz ê in hôhem (ge)müete

baz danne ein rôse blüete. (V. 7606-7608)

Ihr Kummer beweist, nach Wirnt, ihre wahre Liebe zu Roaz. (V. 7609-7610) Nach einem harten, erbitternden Kampf (V. 7616-7662) muss Japhite den Tod ihres geliebten Gemahls mitansehen und zerfällt daran (V. 7673-7678):

von sînem tôde si erschrac

sô sêre daz ir herze brast lûte als ein dürrer ast,

swâ man den bricht enzwei. (V. 7679-7683)

Ungestört trauert Japhite schweren Herzens um ihren Gemahl, sie beklagt den Toten auf mitreißende Weise und küsst ihn. Das Grab ihres Gemahls hat ihr alles entrissen. Sie spricht Wehklagen aus und macht sich für den Tod verantwortlich:

si sprach ,owê, lieber man,

nu hâstu dînen schoenen lîp

verloren umb mich armez wîp (V. 7701-7703)

Sie will ohne Roaz nicht länger leben und wünscht sich den Tod, um ihm auch dorthin zu folgen, sei es im Himmel oder in der Hölle (V. 7705-7708, 7725, 7736).

Japhite begreife, dass es für ihren nur auf gemeinsames Streben ausgerich- teten muot (V. 7728) keinen gemeinsamen Bezugspunkt gäbe. Ihre minne hätte sich ausschließlich nur auf sie beide ausgerichtet. Jetzt erst, nach dem Tode von Roaz, stelle sich Japhite die Frage, welchen Bezug ihrer bei- der minne tatsächlich zu ihrer gotes minne, zu Machmet, habe und sie gäbe sich selbst die Antwort:8

owê, Rôaz, vil lieber man,

ich muoz dich klagen, des gêt mir nôt; von dînem tôde bin ich tot;

du wære mîn herze und mîn lîp, ich dîn herze und dîn wîp;

(…)

sît dîn herze ie was mîn und aller mîn wille den,

sô sol dîn tôt mîn tôt ouch sîn!’ (V. 7724-7736)

Die ganze, vollkommene triuwe der Heidin Japhite wird insgesamt fünfmal gerühmt (V. 7746, 7788, 7886, 7901, 7903).

„ ngeregt und bewegt vom Anliegen der Rettung der Heidin ringt der Autor um das Heil der von ihm hoch geschätzten heidnischen Frau͘“9 Wirnt ist völlig hingerissen von der treuen Frau Japhite und erzählt:

ezn lebte bî den zîten

dehein vrouwe mit sô reinen siten. (V. 8017-8018)

Deshalb leistet er für die Herrin, die aus Herzenskummer starb, Fürbitte und glaubt an ihre Rettung (V. 8019-8022), denn:

diu wâre riuwe ist gewesen

ir touf an ir ende. (V. 8023-8024) und wiederholt ein weiteres Mal:

ir touf was di riuwe

die si dolte umb ir liep. (V. 8031-8032)

Das Begräbnis der Japhite geht unter heftigen Wehklagen und mit aufrich- tiger Trauer vonstatten (V. 8228-8229, 8252, 8327). Doch der Autor bleibt trotz der Tränentaufe und ihres hohen ethischen Ranges unsicher und rechnet sie teils zu den Verlorenen (V. 7754-7755), teils zu den noch Loszu- bittenden (8025-8030).10

Allerdings erweckt ihr Grabmal in seiner Gestaltung, wenn die christliche Edelsteinallegorese mit berücksichtigt wird, den Anschein der Gewissheit des Heils, aufgrund gelebter Minnetriuwe: Das Symbol ihrer triuwe (V. 8249-88251), der goldene Ring aus zwei ineinandergreifenden Händen, umschließt den Sarkophag aus einem Hyazinth, auf den ein Saphir gelegt ist. Aufgrund ihrer lichthellen Farbe weisen aber beide Edelsteine auf den Bereich des Himmlischen.11

Hauptbedeutungen sind: Der Himmel als Heimat, Hoffnung, Lohn, Ziel des Menschen.

Japhite aber ruht einsam in ihrem Sarg.

„Ihr Seelenheil bedeutet die Trennung vom Geliebten in alle Ewigkeit, end- gültiges Scheiden dessen, was die Liebe vereint hatte (V. 7726-7731)͘“12

[...]


1 http://www.heute-heilig.de/sidebarpages/pallottis-zitate/ (29.08.2014)

2 Von Grafenberg: Wigalois, S. 170

3 Vgl. Ennen: Frauen im Mittelalter, S. 85

4 Lohbeck: Wigalois. Struktur der bezeichnunge, S. 258

5 Ebd. S. 259

6 Ebd.

7 Hierzu in 3. Frauenverehrung und Frauenverachtung mehr

8 Lohbeck: Wigalois. Struktur der bezeichenunge, S. 226

9 Hahn: Gott und Minne, Tod und triuwe. Zur Konzeption des Wigalois des Wirnt von Grafenberg, S. 55

10 Vgl. Ebd. S. 55

11 Vgl. Ebd. S. 55f

12 Ebd. S. 55f

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Frauenverehrung und -verachtung im Mittelalter. Wigalois’ Japhite und die gelobten Tugenden "triuwe" und "stæte"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Interkultureller Dialog (Christentum, Judentum, Islam) in der mittelalterlichen Literatur
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V318233
ISBN (eBook)
9783668174504
ISBN (Buch)
9783668174511
Dateigröße
748 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frauenverehrung, mittelalter, wigalois’, japhite, tugenden
Arbeit zitieren
Meltem Yildirim (Autor), 2014, Frauenverehrung und -verachtung im Mittelalter. Wigalois’ Japhite und die gelobten Tugenden "triuwe" und "stæte", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318233

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