Der Wandel der privaten Lebensformen und die Entwicklung von Ehe und Familie haben in den letzten Jahren ein bedeutendes Echo im öffentlichen Leben gefunden. Das späte Heiratsalter, die hohen Scheidungszahlen, der Rückgang der Geburtenzahlen, die Zunahme der Einpersonenhaushalte und der kinderlosen Ehen haben dazu geführt, dass die Funktion von Ehe und Familie zunehmend in den Medien in Zweifel gezogen wird. Sind wir auf dem Weg zur Single-Gesellschaft oder „[a]uf dem Weg zur Greisenrepublik“? Werden wir ein Land der Lebensabschnittspartner und Einzelkinder oder stirbt gar die Normalfamilie aus? Die Zukunftschancen der Familie werden heute in sehr düsteren Farben geschildert. Man spricht von der Familie in der Krise und sagt einen Zerfall derselben vorher.
Soziologisch lassen sich zwei grundsätzliche Pole unterscheiden: Zum einen wird die Entwicklung der familialen Strukturen als bedauernswerter Funktionsverlust, zum anderen als Ausbildung der eigensten Funktion der Familie beschrieben. Zwischen diesen Polen wird differenzierend von Funktionsentlastung, Funktionsverlagerung und evolutionärem Funktionswandel der Familie gesprochen. Hier wird ein Richtungsstreit sichtbar, in dem erbittert gerungen wird. Soll man am traditionellen Bild der Familie festhalten – an jener geschlossenen Einheit von Vater-Mutter-Kind, standesamtlich legitimiert und lebenslang aneinander gebunden? Sollen daran gemessen die anderen Formen als anormal, defizitär und funktionslos gelten?
Oft ist in Politik, Wissenschaft und Alltag nicht mehr klar, wer zur Familie gehört. Es stellt sich die Frage, welche Beziehungsformen normal, welche abweichend und welche der staatlichen Förderung würdig sind. Diese strukturellen Veränderungen haben tief greifende Konsequenzen für alle sozialen Sicherungssysteme, weil die Familie in ihren verschiedenen Ausprägungen das „Grundmodell für gelebten Gemeinsinn“ bildet, der Staat und die Gesellschaft gleichsam ihr Fundament in der Familie sehen. Gerade in der Politik wäre ein sachlicher Diskurs über den familialen Wandel als Basis für verantwortliches Handeln nötig.
Inhaltsverzeichnis
EINFÜHRUNG
1. DER BEGRIFF „FAMILIE“
1.1 ETYMOLOGISCHE HERLEITUNG DES BEGRIFFS „FAMILIE“
1.2 SOZIOLOGISCHE DEFINITION VON FAMILIE NACH NAVE-HERZ
1.3 DIE FAMILIE IN DER VORINDUSTRIELLEN TRADITIONELLEN GESELLSCHAFT
1.3.1 Das „ganze Haus“
1.3.2 Soziale Beziehungen im „Ganzen Haus“
1.3.3 Arbeitsteilung im „Ganzen Haus“
2. DIE VIELFALT VON FAMILIENFORMEN IN DER VORINDUSTRIELLEN ZEIT
2.1 VORINDUSTRIELLE FAMILIENFORMEN
2.2 DER MYTHOS DER GROßFAMILIE
3. DIE AUSWIRKUNGEN DER INDUSTRIALISIERUNG
3.1 DIE ENTSTEHUNG DES MODERNEN BÜRGERLICHEN FAMILIENMODELLS
3.2 DAS IDEAL DER ROMANTISCHEN LIEBE
3.3 INTIMISIERUNG UND EMOTIONALISIERUNG DER FAMILIE
3.4 DIE ENTSTEHUNG VON KINDHEIT
3.5 FUNKTIONALE GESCHLECHTSROLLENSPEZIALISIERUNG
3.6 DIE ARBEITERFAMILIEN
3.7 DIE UNIVERSALISIERUNG DES BÜRGERLICHEN FAMILIENMODELLS
4. FUNKTIONSVERLUST, FUNKTIONSENTLASTUNG ODER FUNKTIONSWANDEL DER FAMILIE?
5. FAMILIE IM ZEITGENÖSSISCHEN WANDEL VON DER MITTE DES 20. JAHRHUNDERTS BIS ZUM ANFANG DES 21. JAHRHUNDERT
5.1 PARTNERSCHAFTLICHE BEZIEHUNGEN ENDE DER 50ER UND ANFANG DER 60ER JAHRE
5.2 WANDEL DER PARTNERSCHAFTLICHEN BEZIEHUNGEN SEIT MITTE DER 60ER JAHRE
5.2.1 Emanzipation der Frau
5.2.2 Erwerbstätigkeit von Frauen
5.3 RÜCKGANG DER EHESCHLIEßUNGEN AB DEN 60ER JAHREN
5.4 ALLGEMEINER GEBURTENRÜCKGANG
5.5 ZUNAHME NICHTEHELICHER GEBURTEN
5.6 ZUNAHME DER EHESCHEIDUNGEN
5.7 ALTERNATIVEN ZU TRADITIONELLEN EHE- UND FAMILIENFORMEN
5.7.1. Einzelpersonenhaushalte
5.7.2 Nichteheliche Lebensgemeinschaften (NELs)
5.7.3 Wohngemeinschaften (WGs)
5.7.4 Gleichgeschlechtliche Partnerschaften
5.7.5 Sexuell nichtexklusive Partnerschaften
5.8 EHE- UND FAMILIENFORMEN
5.8.1 Zwei-Karrieren-Ehen
5.8.2 Commuter-Ehe
5.8.3 Transkulturelle Familie
5.8.4 Kinderlose Ehen
5.8.5 Alleinerziehende (Ein-Eltern-Familie)
5.8.6 Stieffamilien
5.8.7 Adoptionsfamilie
5.8.8 Inseminationsfamilien
5.8.9 Hausmännerehe
5.9 DEINSTITUTIONALISIERUNG DES BÜRGERLICHEN FAMILIENMUSTERS
6. THEORETISCHE ERKLÄRUNGSANSÄTZE FÜR DEN SOZIALEN WANDEL PRIVATER LEBENSFORMEN
6.1 INDIVIDUALISIERUNGSTHESE VON U. BECK
6.2 THEORIE DER SOZIALEN DIFFERENZIERUNG
7. FAZIT
Zielsetzung und Themenbereiche
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung der modernen Kleinfamilie vom vorindustriellen "Ganzen Haus" bis hin zur heutigen Pluralität privater Lebensformen, um den Wandel des familiären Leitbildes soziologisch zu analysieren.
- Historische Transformation von Familienstrukturen und Produktionsformen
- Entstehung und Wandel des bürgerlichen Familienideals
- Funktionswandel der Familie durch Industrialisierung und Modernisierung
- Analyse zeitgenössischer Lebensformen wie Singles, Patchwork oder Commuter-Ehen
- Soziologische Erklärungsansätze für sozialen Wandel und Individualisierung
Auszug aus dem Buch
1.3.1 Das „ganze Haus“
Die vorindustrielle traditionelle Gesellschaft war gekennzeichnet durch eine marktunabhängige, familien- und subsistenzwirtschaftlich fundierte Lebensweise. Das „Haus“ stellte eine wirtschaftliche Produktions- und Lebensgemeinschaft, die auf Selbstversorgung und wirtschaftliche Unabhängigkeit angelegt war, dar.
Die Sozialform des „ganzen Hauses“ bildet bis zur Industrialisierung das wichtigste und am weitesten verbreitete Wirtschafts- und Sozialgebilde, v. a. für die bäuerliche und handwerkliche Lebensweise. Der Begriff „Haus“ umfasste die Gesamtheit der unter dem Regiment eines Hausvaters stehenden Personen, sofern sie zusammen wohnten, arbeiteten und aßen. Die Mitglieder dieses Verbandes standen nicht alle mit dem Hausvater in verwandtschaftlicher Beziehung. Das „Haus“ definierte sich also als eine Rechts-, Arbeits-, Konsum- und Wirtschaftseinheit, zu der nicht nur die Familie im heutigen Sinn, sondern auch das Gesinde und der gesamte Besitz gehörten. Ein wesentliches Merkmal ist folglich die Einheit von Produktion und Familienleben. Die neben den ökonomischen Funktionen der Hausgemeinschaft zu erbringenden religiösen, rechtlichen (z.B. häusliche Gerichtsbarkeit) und sozialisatorischen Aufgaben unterstreichen den Charakter des multifunktionalen Zusammenhangs des ganzen Hauses. Die über die Verwandtschaft definierte Kernfamilie stellte keine gesonderte soziale Einheit innerhalb der Hausgemeinschaft dar. Alle Hausangehörigen wurden als Arbeitskräfte betrachtet und standen unterschiedslos unter der patriarchalisch-autoritären Herrschaft des Hausherrn.
Noch heute lässt sich der Begriff des „Hauses“ in seiner ursprünglichen Bedeutung in der amtlichen Bezeichnung „Haushalt“ erkennen, der sich aber von der Baulichkeit einer lokal zusammenlebenden Personengruppe abgelöst hat und beispielsweise auch Anstaltshaushalte (z. B. die Gesamtheit der finanziellen Ausgaben des Staates) meinen kann.
Zusammenfassung der Kapitel
Einführung: Die Einleitung beleuchtet den wahrgenommenen Wandel privater Lebensformen und diskutiert die soziologische Debatte über Funktionsverlust versus Funktionswandel der Familie.
1. DER BEGRIFF „FAMILIE“: Dieses Kapitel erläutert die etymologische Herkunft des Begriffs und definiert die Familie in der soziologischen Perspektive, inklusive einer historischen Betrachtung des vorindustriellen Haushalts.
2. DIE VIELFALT VON FAMILIENFORMEN IN DER VORINDUSTRIELLEN ZEIT: Der Abschnitt räumt mit dem Mythos der Großfamilie auf und beschreibt die vielfältigen, jedoch ökonomisch bedingten Familienkonstellationen vor der Industrialisierung.
3. DIE AUSWIRKUNGEN DER INDUSTRIALISIERUNG: Das Kapitel analysiert die Trennung von Wohn- und Arbeitsstätte, das Aufkommen der bürgerlichen Kleinfamilie und deren Einflüsse auf Liebe, Kindheit und Geschlechterrollen.
4. FUNKTIONSVERLUST, FUNKTIONSENTLASTUNG ODER FUNKTIONSWANDEL DER FAMILIE?: Hier wird kritisch reflektiert, ob die Familie Aufgaben verliert oder sich an moderne gesellschaftliche Strukturen anpasst.
5. FAMILIE IM ZEITGENÖSSISCHEN WANDEL VON DER MITTE DES 20. JAHRHUNDERTS BIS ZUM ANFANG DES 21. JAHRHUNDERT: Der umfangreiche Hauptteil untersucht den demografischen Wandel, veränderte Partnerschaftsmodelle, sinkende Geburtenraten und die Zunahme neuer Lebensformen wie NELs oder Wohngemeinschaften.
6. THEORETISCHE ERKLÄRUNGSANSÄTZE FÜR DEN SOZIALEN WANDEL PRIVATER LEBENSFORMEN: Die theoretische Fundierung erfolgt durch die Diskussion von U. Becks Individualisierungsthese sowie der Systemtheorie sozialer Differenzierung.
7. FAZIT: Das Fazit fasst zusammen, dass die Familie trotz Wandel und Pluralisierung der Lebensformen weiterhin einen hohen Stellenwert behält und gesellschaftlich zentral bleibt.
Schlüsselwörter
Familie, Sozialgeschichte, Kleinfamilie, Industrialisierung, Funktionswandel, Individualisierung, Geburtenrückgang, Eheschließung, Ehescheidung, Lebensformen, Partnerschaft, Moderne, Haushalt, Kindheit, Geschlechterrollen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die sozialgeschichtliche Entwicklung der Familie von vorindustriellen Wirtschaftsformen bis hin zur modernen, pluralistischen Lebenswelt in Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen den Funktionswandel der Familie, die Entstehung der bürgerlichen Kleinfamilie, demografische Trends sowie den Wandel von Partnerschafts- und Lebensmodellen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sich die Familie als Institution durch gesellschaftliche Modernisierungsprozesse gewandelt hat und warum moderne Alternativformen entstanden sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine tiefgehende Literaturanalyse soziologischer und historischer Forschungsquellen, ergänzt durch die Auswertung statistischer Daten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt detailliert den Wandel seit der Mitte des 20. Jahrhunderts, einschließlich Scheidungen, Geburtenraten, Erwerbstätigkeit von Frauen und verschiedenen neuen Lebensformen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Sozialgeschichte, Individualisierung, Funktionswandel, bürgerliches Familienmodell und die Pluralisierung privater Lebensformen.
Warum wird der Begriff "Ganzes Haus" historisch so hervorgehoben?
Weil das "Ganze Haus" die vorindustrielle Lebens- und Produktionseinheit war, die sowohl Familie als auch Gesinde und Besitz vereinte, bevor die Trennung durch die Industrialisierung erfolgte.
Welche Rolle spielt die Individualisierungsthese von U. Beck?
Sie dient als theoretischer Erklärungsansatz, um zu begründen, warum das Individuum zunehmend aus traditionellen Bindungen entlassen wird und Lebensformen heute flexibler und eigenverantwortlicher gewählt werden können.
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- Aneta Wawrzynek (Author), 2004, Sozialgeschichte der Familie: Entstehung und Entwicklung der modernen Kleinfamilie als Leitbild der Moderne, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31831