Frieda von Bülow und die deutsche Kolonialliteratur. Die Darstellung des „Fremden“ in „Tropenkoller“ und „Im Lande der Verheißung“


Bachelorarbeit, 2012

40 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Eigen“- und „Fremdentwürfe“

3. Weibliche Akteure bei der Konstruktion des „Fremden“

4. Grundlagen für die anschließende Analyse
4.1. Frieda von Bülow
4.2. Politischer Hintergrund im Kaiserreich
4.3. Der deutsche Kolonialroman

5. Analyse
5.1. „Tropenkoller“
5.2. „Im Lande der Verheißung“
5.3. Die Darstellung des „Fremden“

6. Fazit

7. Bibliographie

Frieda von Bülow und die deutsche Kolonialliteratur

Die Darstellung des „Fremden“ in „Tropenkoller“ und „Im Lande der Verheißung“

1. Einleitung

Feministin, Rassistin, Nationalistin, Antisemitin, Kämpferin für das koloniale Projekt des Deutschen Reiches, Schriftstellerin, aber auch Besitzerin einer Farm in Ostafrika. All dies ist beschreibend für Frieda von Bülow. Eine Frau, die sich seit Ende des 19. Jahrhunderts aus den begrenzten Handlungsspielräumen für Frauen mehr Freiheiten erkämpfte und die sich aufopfernd der „nationalen Sache“, den Kolonien, widmete. Sie war einst eine in der Öffentlichkeit sehr bekannte und gefeierte Schriftstellerin und gilt als Begründerin der deutschen Kolonialliteratur. Heute jedoch findet man ihren Namen nicht einmal mehr in den Nachschlagewerken. Bereits im „Der Brockhaus in Fünfzehn Bänden“1 von 1997 ist unter ihrem Namen kein Eintrag mehr zu finden, während sie hingegen im „Der Große Brockhaus – Handbuch des Wissens“2 von 1929 noch aufgeführt wurde. Und das, obwohl sie 1886 eine der BegründerInnen der Evangelischen Frauenmission für Deutsch-Ostafrika sowie des Deutsch-nationalen Frauenbunds zur Krankenpflege in den Kolonien war. Zwei von zahlreichen Vereinigungen, die zur Unterstützung des deutschen Projekts, den Kolonien in Afrika, gegründet wurden.

Dieses koloniale Projekt des Deutschen Reiches ist jedoch einem Großteil der heutigen Bevölkerung unbekannt. Die deutsche Kolonialvergangenheit wird in den Schulen selten behandelt, frühestens jedoch in der Sekundarstufe II. Doch selbst dann ist die deutsche Kolonialgeschichte kein Pflichtfach, sondern kann lediglich als Wahlbereich belegt werden.3 Auch die Antwort der Deutschen Literaturwissenschaften auf diese Massenproduktionen der kolonialen Literatur war bis vor wenigen Jahren noch stillschweigendes Desinteresse. Und das, obwohl die Kolonialliteratur über einen langen Zeitraum großen Anteil an der deutschen Literatur hatte. Vielleicht ist dieses Desinteresse auf die Tatsache zurückzuführen, dass die Auseinandersetzung mit den zahlreichen kolonialen Publikationen gleichzeitig auch eine Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte in Afrika erfordert. Denn bis heute haben viele Deutsche ein bestimmtes Bild von Afrika und den Afrikanern, was sicherlich auch Auswirkungen der Kolonialliteratur sind, die spezielle Konstruktionen von Schwarzen und Weißen, von „Naturvölkern“ und „Kulturvölkern“ sowie von Tradition und Moderne vermittelten. Die Konstruktion des „Anderen“ wird bis heute genutzt, um sich selbst abzugrenzen und aufzuwerten.

Auch die Beteiligung von Frauen am Kolonialismus blieb in der Feminismusforschung jahrelang unerwähnt. Lange galt der Kolonialismus als ausschließlich „männliche Geschichte der Eroberung“, dabei gab es auch viele Partizipationsmöglichkeiten für Frauen.4 Die Frau wurde früher von der Frauenforschung und -bewegung als passives Opfer des Patriarchats dargestellt5, dabei bewiesen gerade Frauen wie Frieda von Bülow, dass sie auch aktiv am deutschen kolonialen Projekt mitgewirkt haben. Zum Einen durch die Gründung von Vereinen und Frauenorganisationen, zum Anderen aber auch durch eine öffentliche, positive Darstellung des Lebens in den Kolonien. Letzteres erfolgte beispielsweise über die berühmten Kolonialromane, die den Frauen nahe bringen sollten, wie viel Freiraum sie in den Kolonien haben könnten und ihnen ein besseres Leben fern auf dem afrikanischen Kontinent versprachen. Die Vereine trugen maßgeblich zur Verbreitung kolonialer Ideen bei. Frauen arbeiteten karitativ, aber auch bildungspolitisch und ebneten den Weg für den Kolonialismus durch ihre Missionsarbeiten.6 Die vorliegende Arbeit dient dazu, die weibliche Beteiligung an der nationalen und kolonialen Idee sichtbar zu machen.

Nachfolgend wird sich diese Arbeit mit der Darstellung des „Fremden“ in zwei Kolonialromanen Frieda von Bülows auseinandersetzen. Aus diesem Grund wird zuerst anhand des Werkes „Orientalismus“7 von Edward W. Said gezeigt, dass der Entwurf des „Fremden“ im europäischen Kontext das Ergebnis eines Zuschreibungsprozesses ist. Diese Zuschreibung vermittelt, wie die Deutschen sich und das Andere wahrnahmen. Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit den Konstruktionen des „Fremden“, an der auch Frauen beteiligt waren, um die eigene - nun endlich neu gewonnene - Machtstellung hervorzuheben. Kapitel 4 gibt Einblick in Bülows Leben, das viele Parallelen zu ihren Romanen aufweist. Außerdem liefert das Kapitel eine Einführung in die politischen Hintergründe des Kaiserreichs, aber auch einen kurzen Exkurs in das Thema Kolonialroman. Daraufhin folgt in Kapitel 5 die Vorstellung der Kolonialromane „Tropenkoller“ und „Im Lande der Verheißung“, welche anschließend analysiert werden. Der Fokus der Analyse liegt auf der Darstellung des „Fremden“ in diesen beiden Romanen. Abschließend erfolgt eine Zusammenfassung der Arbeit und die Aussicht auf Anknüpfungspunkte für weitere wissenschaftliche Werke.

2. „Eigen-“ und „Fremdentwürfe“

Als Grundlage für die folgende Darstellung dient Edward W. Saids Werk „Orientalismus“8, in dem Said sich mit dem Bild des Orients im Westen befasst sowie „Identität und Ordnung. Entwürfe des 'Eigenen' und 'Fremden' in deutschen Kolonial- und Afrikaromanen von 1889 bis 1952“9 von Daniel Schneider. Beide Werke verdeutlichen, wie wichtig die Abgrenzung des Anderen für die Aufwertung der eigenen „Kultur“ ist, was zum Verständnis für bestimmte Darstellungen des „Fremden“ in Romanen, insbesondere in Kolonialromanen, führen soll.

Said weist darauf hin, dass die Vorstellungen über „Orient“ und „Okzident“, also über Osten und Westen, nicht naturgegeben, sondern konstruiert sind. Dies bedeutet jedoch nicht, dass der „Orient“ lediglich eine erfundene Idee ist, die keinen Bezug zur Realität aufweist. Zudem ist der Orient nicht nur vom Westen geschaffen worden, sondern es handelt sich dabei um eine gegenseitige Beteiligung zwischen dem „Orient“ und dem „Okzident“. Dies veranschaulicht er in folgendem Zitat:10

Zur Orientalisierung des Orients trug nicht allein bei, dass er sich nach allen für einen Durchschnittseuropäer des 19. Jahrhunderts geltenden Normalitätsmaßstäben als „orientalisch“ darstellte, sondern auch, dass er sich dafür eignete und anbot.11

Auf der Darstellungsebene wird das „Fremde“ als „ein Instrument des 'Eigenen' [genutzt,] für welches die jeweilige Autorin, der Autor verantwortlich“ ist.12 Leitmotiv dieser Abgrenzung des Anderen von den Europäern ist der Gedanke daran, allen anderen nicht europäischen Gesellschaften überlegen zu sein. Es werden anderen Völkern und „Kulturen“ Rückständigkeiten zugeschrieben, während hingegen die eigene „Kultur“ als die Fortgeschrittenste gilt, um die eigene Hegemonie zu bekräftigen. Die Europäer nutzen die „Fremdzuschreibung“, um ihre vorherrschende Machtposition zu legitimieren.13

Said verweist darauf, dass die persönlichen Lebenserfahrungen eines Autors niemals geleugnet werden können und betont, dass man dies auch bei der Orientforschung betrachten muss. Es ist wichtig, ob ein Amerikaner oder ein Europäer über den Orient forscht oder schreibt, denn seine Betrachtung des Orients wird in erster Hinsicht durch seine nationale Identität bestimmt sein und erst in zweiter Hinsicht aus seiner individuellen Position.14 Daher spiegeln sich in Bülows Romanen nicht nur ihre Lebenserfahrungen, sondern auch die Kolonialpolitik des Kaiserreichs wieder.

Die Differenzierung des „Eigenen“ und des „Fremden“ sind demnach vom Menschen konstruierte Ideen. Es entsteht eine Darstellung des „Fremden“, die gleichzeitig viel über das „Eigene“ aussagt.15 In Hinblick auf die Werke Bülows, impliziert die Repräsentation des Anderen daher viel über die zeitgemäßen politischen Hintergründe in Deutschland zum Ende des 19. Jahrhunderts. Aber auch ihre feministischen Ziele werden in ihren Romanen zum Ausdruck gebracht. Ihre kolonialpolitische feministische Positionierung kann daher anhand ihrer Kolonialromane herausgefiltert werden.

Gemäß Daniel Schneider erfolgt der Bewertungsakt des „Fremden“ und des „Eigenen“ über eine Belegung mit Kategorien.16

„Innen“ und „Außen“, „Eigen“ und „Fremd“ werden durch die Zuweisung der Kategorien „Rasse“, „Kultur“, „Geschlecht“, „Religion“ und „Aktivität“ positiv bzw. negativ aufgeladen und münden in der figurativen Identität.17

Diese konstruierten Kategorien lassen sich auch in Bülows Werken wiederfinden. Sie erleichtern den Prozess der Bewertung des Anderen, indem sie die eigene „Kultur“, das eigene „Geschlecht“, die eigene „Religion“, oder aber die eigene „Aktivität“ auf eine höhere Position setzen, um hegemoniale Verhältnisse zu verdeutlichen und zu festigen. Insbesondere die Kategorien „Rasse“ und „Geschlecht“ sind ausschlaggebend für die Aufwertung des „Eigenen“ in Bülows Werken.

Die Kategorisierungen kommen lediglich dem „deutschen Ordnungswunsch“ zugute und dienen zugleich als Rechtfertigung für die eigenen Kolonialinteressen. Sie werden dabei normalerweise durch afrikanische Romanfiguren vorgenommen, nicht durch Deutsche.18 Schneider verweist jedoch darauf, dass Bülows Werk „Im Lande der Verheißung“ ein Kolonialroman niedriger Komplexität ist. Dieser Komplexitätsgrad „bemisst sich an der Dominanz der Sphäre des 'Eigenen' und einer Vernachlässigung der Ausdifferenzierung der Sphäre des 'Fremden'.“19 Das bedeutet, dass der Grundkonflikt in Bülows Werk „Im Lande der Verheißung“ immer in der eigenen Sphäre in Form von Eheproblemen oder als Kontroverse zwischen „Erhaltern“ und „Erneuerern“ stattfindet. Eine Ausarbeitung der Figuren auf Seiten der Sphäre des „Fremden“ ist nicht gegenwärtig.20

Auch der Konflikt zwischen Männern und Frauen um Machtverhältnisse wird in Frieda von Bülows Werken „Tropenkoller“ und „Im Lande der Verheißung“ ausgetragen. Dieser Konflikt um Machtstellungen führte dazu, dass Frauen ebenfalls bestimmte Bilder des „Fremden“ nutzten, um die eigenen Position in den Kolonien zu rechtfertigen und hervorzuheben. Dies wird in anschließendem Kapitel näher erläutert.

3. Weibliche Akteure bei der Konstruktion des „Fremden“

Grundlegend für dieses Kapitel sind die Studien über afrikanische und weiße Frauenbilder sowie über die deutsche Frauenrolle als „Kulturträgerin- und erhalterin“ in Afrika. Hierfür werden in erster Linie die Werke „Die weiße Frau als Trägerin deutscher Kultur. Koloniale Diskurse über Geschlecht, 'Rasse' und Klasse im Kaiserreich“21 von Katharina Walgenbach und „Weiße Weiblichkeiten. Konstruktionen von 'Rasse' und Geschlecht im deutschen Kolonialismus“22 von Anette Dietrich sowie der Sammelband „Frauen in den deutschen Kolonien“23 von Marianne Bechhaus-Gerst/Mechthild Leutner herangezogen. Ebenso relevant ist Lora Wildenthals Aufsatz „Rasse und Kultur. Frauenorganisationen in der deutschen Kolonialbewegung des Kaiserreichs“24 in Birthe Kundrus' Werk „Phantasiereiche: Zur Kulturgeschichte des deutschen Kolonialismus“25.26

Wie bereits erwähnt, waren Frauen ebenso an der Konstruktion von bestimmten Entwürfen des „Fremden“ beteiligt wie Männer. Frauen nutzten die Kategorie „Rasse“, um ihren Platz in den Kolonien zu sichern, denn sie strebten nach Partizipation an kolonialen Angelegenheiten im Deutschen Kaiserreich. Jedoch mussten sie sich bis zur Jahrhundertwende überwiegend einer hauptsächlich von Männern dominierten Kolonialbewegung unterordnen. „Viele Zeitgenossen, darunter Sozialisten und Feministinnen“27 betonten jedoch allmählich, dass die Rolle der Frau den Fort- oder Rückschritt einer Gesellschaft signalisiert. Um also „die kulturelle Hierarchie zwischen den europäischen Metropolen mit ihrer vermeintlich gehobenen Stellung der Frau“28 zu sichern, konnte die patriarchalische Metropole den Wunsch der Frauen nach Beteiligung nicht mehr ohne Weiteres ignorieren.29

Nach Partizipation am kolonialen Projekt strebten Frauen unterschiedlichster politischer Kontexte. Anhängerinnen der radikalen Frauenbewegung sahen ebenso der Hoffnung nach einem kolonialen Betätigungsfeld entgegen wie kolonialistisch-nationalistische Frauenorganisationen. Den weißen Frauen im Deutschen Kaiserreich eröffneten sich verschiedene Mitwirkungsmöglichkeiten in der Kolonialpolitik. Um ihre Position zu sichern, wurden Vorstellungen von „weißer Weiblichkeit“ entworfen und gefestigt. Diese Konstruktion diente nicht nur den Frauen, um ihre Vormachtstellung in den Kolonien zu rechtfertigen, sondern auch der Darstellung der deutschen „Kultur“ in den Kolonien. Deutsche Frauen waren für die Übermittlung „nationaler Werte“, als Kontrollinstanz in einer dominierenden Männerwelt, die zu Unsittlichkeiten neigte sowie für den Erhalt der deutschen „Kultur“ notwendig geworden.30

„Der Handlungsradius der Frauen dehnte sich parallel mit der Expansion des Deutschen Reiches aus.“31 Für die Verwirklichung deutscher Kolonialinteressen wurden Frauen als „Kulturträgerinnen“ zu substanziellen Stützen, da sie als „Wächterinnen der deutschen Kultur und Hüterinnen der deutschen 'Rasse'“32 einen wesentlichen Beitrag zur Begründung einer nationalen Identität beitrugen. Die Konstruktion des Weiblichen wurde zur Darstellung nationaler Kontinuität genutzt. Ihre Aufgaben bestanden aus nationaler Erziehung sowie Traditionspflege. Die deutschen Qualitäten der Frau wurden außerdem durch bürgerliche Tugenden wie Sauberkeit und Reinheit idealisiert. Diese symbolisierten den Fortschritt der Nationalisierung. Frauenbewegungen nutzten diesen Kanal für ihre Emanzipationsziele.33

Auch als moralische und erzieherische Instanz war die deutsche Frau in den Kolonien notwendig geworden. Zum Einen sollte ihre kulturelle Kolonisation den afrikanischen Kolonisierten gelten, zum Anderen aber auch den deutschen Kolonialherren selbst. Der Kolonisierungsauftrag wurde der deutschen Frau zugeschrieben, da lediglich ihre Anwesenheit Sitte und Moral der deutschen Kolonialisten verbessern würde, weil diese auszuarten drohte. Da sie spezielle Vorstellungen über deutsche Ordnung und Wohlständigkeit mitbrachte, galt ihr Auftrag der Erziehung und Fürsorge der kolonisierten Bevölkerung. Diese Erziehung zielte hauptsächlich auf die Disziplinierung zur Arbeit und die Konvertierung zum christlichen Glauben ab. Es wurde also ein Bild von weißer, insbesondere weiblicher „Kultur“ in den kolonialen afrikanischen Kontext integriert, das den Deutschen bei der Abgrenzung von der afrikanischen „unzivilisierten Kultur“ half.34

Eine weitere Funktion der Frauen in den Kolonien bestand im Erhalt deutscher „Kultur“ sowie die Vermeidung von „Rassenmischungen“. Laut Walgenbachs Definition von „Rasse“/Ethnizität „werden 'Rassen' als soziale Erfindungen gefasst.“35 Die Kategorie „Rasse“ wird dementsprechend von Europäern konstruiert, um die eigene Hegemonie, den Kolonialismus, aber auch die Sklaverei zu legitimieren. Der Status der Deutschen als „überlegenere Rasse“ durfte nicht beschädigt werden, denn sonst würde diese „Rechtfertigungsideologie“ scheitern. Es herrschte daher große Angst vor einer drohenden „Verkafferung“36 der deutschen Kolonialherren, da diese sexuelle Beziehungen mit den Einheimischen eingingen. Nachkommen zu zeugen und die deutsche „Rasse“ mit der schwarzen „Kultur“ zu „vermischen“ galt weitgehend als Bedrohung gar als „Rassenverrat“. Um diesem „Rassenverfall“ zu entgehen wurden deutsche Frauen in die Kolonien geschickt, um dort weiße Familien zu gründen. Die bisher in der Gesellschaft umstrittene Partizipation von Frauen in den Kolonien wurde nun notgedrungen gewünscht, spätestens nach dem man eine „Rassenmischung“ durch „Mischehen“ befürchtete.37

Durch die konstruierte Kategorie „Rasse“ erreichten Frauen einen Machtzuwachs. In den Kolonien standen die weißen Frauen nicht nur über schwarzen Frauen, sondern auch über den kolonisierten Männern. Diese erweiterten Handlungsspielräume waren auf den häuslichen Bereich begrenzt. Dort wurde die kolonisierte Bevölkerung von weißen Frauen diszipliniert, dominiert und sozial kontrolliert. Das Konzept von „Häuslichkeit“, dass weiße Frauen in die Kolonien trugen, übermittelte deutsche Heimat in afrikanischen Gebieten und zugleich eine „nationale Verbindung zum Reich“. Weiße Frauen nutzten dieses vorgegebene Konstrukt der „Häuslichkeit“, da sie hofften dadurch ihre Stellung zu verbessern. Sie trugen daher einen wesentlichen Anteil an der Erschaffung von „weißer – nationalisierter und rassifizierter – Häuslichkeit“38 bei.39

Die Gründung von zahlreichen Frauenvereinen und -verbänden in den Kolonien stellte eine weitere Möglichkeit für die Frauen dar, am kolonialen Projekt teilzuhaben. Bestehende Kolonialvereine waren zu Beginn ausschließlich gegen die Partizipation von Frauen in Kolonialfragen. Es gab jedoch einen Sinneswandel, nachdem die männlichen Vereinsmitglieder feststellten, dass Frauen bei der Beschaffung der Finanzen „durch karitative und kulturelle Tätigkeiten [...] für die Vereine“40 äußerst hilfreich waren. Auch zu Werbezwecken waren diese Wohltätigkeitsveranstaltungen sehr gern gesehen, da gerade die Promotion des kolonialen Projekts zu Zeiten der Uneinigkeit in kolonialpolitischen Fragen im Kaiserreich äußerst bedeutend war.41

[...]


1 Brockhaus, 2. Bd. 1997.

2 Warmbold 1982, S. 68.

3 Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport Berlin 2006/2007, S. 30.

4 Dietrich 2007, S. 8.

5 Dietrich 2007, S. 13.

6 Dietrich 2007, S. 239.

7 Said 2009.

8 Said 2009.

9 Schneider 2011.

10 Said 2009, S. 13-14.

11 Said 2009, S. 14.

12 Schneider 2011, S. 14.

13 Said 2009, S. 16.

14 Said 2009, S. 20-21.

15 Said 2009, S. 13.

16 Schneider 2011, S. 18.

17 Schneider 2011, S. 18.

18 Schneider 2011, S. 80.

19 Schneider 2011, S. 320.

20 Ebenda.

21 Walgenbach 2005.

22 Dietrich 2007.

23 Bechhaus-Gerst u.a. 2009.

24 Kundrus 2003.

25 Ebenda.

26 Lindner 2011, S. 6.

27 Kundrus 2003, S. 202.

28 Ebenda.

29 Ebenda.

30 Dietrich 2007, S. 8, 83, 243-245.

31 Dietrich 2007, S. 83.

32 Ebenda.

33 Dietrich 2007, S. 83; Bechhaus-Gerst u.a. 2009, S. 186.

34 Walgenbach 2005, S. 120, 125-126.

35 Walgenbach 2005, S. 54.

36 „Die Rede vom 'Verkaffern' stellt einen zentralen kolonialen Diskurs dar, der die Angst vor dem Verlust der nationalen, weißen Identität bzw. die Annäherung an die kolonisierte Bevölkerung in den Kolonien ausdrückte“. Zitiert nach Axter 2005 in Bechhaus-Gerst u. a. 2009.

37 Bechhaus-Gerst u. a. 2009, S. 176, 180-183.

38 Bechhaus-Gerst u.a. 2009, S. 187.

39 Ebenda.

40 Dietrich 2007, S. 238.

41 Ebenda.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Frieda von Bülow und die deutsche Kolonialliteratur. Die Darstellung des „Fremden“ in „Tropenkoller“ und „Im Lande der Verheißung“
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
40
Katalognummer
V318460
ISBN (eBook)
9783668177444
ISBN (Buch)
9783668177451
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frieda von Bülow, Kolonialliteratur, Kolonialroman, Tropenkoller, Im Lande der Verheißung, Frauen in den Kolonien, Darstellung des 'Fremden'
Arbeit zitieren
Sandy Mercier (Autor:in), 2012, Frieda von Bülow und die deutsche Kolonialliteratur. Die Darstellung des „Fremden“ in „Tropenkoller“ und „Im Lande der Verheißung“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318460

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