Die Rolle von Medien in Konflikten. Der Radiosender RTLM in Ruanda


Hausarbeit, 2015

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtlicher Hintergrund zum Völkermord in Ruanda

3. Medien als Konfliktantreiber
3.1 Mediengeschichte in Ruanda
3.2 Kriegswaffe Radio: RTLM/ 'Hate-Radio'

4. Fazit

Quellen

1. Einleitung

„Die tödliche Macht der Feder […] das Schreibgerät als jene[r] Pfeil […], der die Wunde schlug und sie doch zugleich heilen wird.“ 1

Worte sind Macht und können mehr auslösen als man auf den ersten Blick glauben mag. Worte können geschrieben oder gesagt Unheil anrichten, zum Bösen anstiften, Leben verändern. Das eingangs erwähnte Zitat erwies sich im Hinblick auf diese Arbeit sehr treffend, da diese die Rolle von Medien in Konflikten am Beispiel Ruandas thematisiert. Als 1994 ein Genozid in Ruanda stattfand, waren es Worte, die den Konflikt zum eskalieren brachten und die Worte eines Radiosenders wurden zur stärksten Waffe vor- und während des Völkermords.

Die Folgen sind langatmig und mit dem Ende des Genozids noch lange nicht vorbei. Sexueller Missbrauch von Frauen als Kriegsstrategie führte dazu, dass bis zu einer halben Million Frauen während des Genozids in Ruanda Opfer dieser systematischen Vergewaltigungen wurden. Doch mit dieser allein war es nicht vorbei, denn diejenigen, die danach nicht umgebracht wurden, lebten nicht nur mit ihrem Trauma, sondern häufig auch mit HIV-Aids. Schätzungen zufolge wurden bis zu 70 % der Opfer mit der Krankheit infiziert was dazu führt, dass sie gesellschaftlich ausgegrenzt werden und verarmen. Zahlreiche Voll-Waisen sind ebenfalls Folge dieser Kriegsverbrechen. Medizinische Versorgung, Entschädigung, Gerechtigkeit scheinen kaum Anwendung zu finden, weshalb Frieden für viele der Opfer lange nur ein unverständliches Wort war und teilweise noch ist.2

Doch wie kann es sein, dass ein Radiosender so eine Tragweite erreichen konnte? Um diese Frage zu beantworten wird zunächst der geschichtliche Hintergrund Ruandas erläutert. Anschließend werden Medien als Konfliktantreiber und die Mediengeschichte in Ruanda betrachtet, worauf die Analyse folgt, wie Radio RTLM zu einer Kriegswaffe werden konnte. Diese Frage wird letztendlich im Fazit zusammenfassend beantwortet.

2. Geschichtlicher Hintergrund zum Völkermord in Ruanda

Den Krieg habe ich schon zuvor gesehen, aber ich habe niemals eine Frau mit einem Kind auf dem Rücken gesehen, die eine andere Frau mit einem Kind auf dem Rücken tötet.3

Dieses Zitat verdeutlicht die Brutalität, die für den Völkermord in Ruanda stand und wurde in einem Interview zwischen einem UNAMIR-Offizier und Human Right Watch 1997 verwendet. Über eine Million Menschen wurden zwischen dem 6. April und dem 19. Juli 1994 ermordet.4

In Ruanda, einem dicht besiedelten afrikanischem Staat, befanden sich einst unter der Bevölkerung drei soziale Gruppen: Hutu, Tutsi und Twa. Während die Twa sich aufs Jagen und Sammeln konzentrierten, waren die Hutu als Bauern, die Tutsi hingegen als Viehzüchter tätig.5 Ursprünglich schienen diese drei Bevölkerungsgruppen zu unterschiedlichen Ethnien zu gehören, jedoch führte die kulturelle Assimilation dazu, dass sich die Begriffe Hutu und Tutsi nur noch auf ihre Subsidenzwirtschaft bezogen. Es war möglich in die jeweils andere Gruppe zu wechseln, wenn bspw. ein Hutu Vieh erwarb konnte er zum Tutsi zu werden. Sprache und Religion einten die Bevölkerung ebenso wie deren gemeinsame Geschichte. Mit Einzug der belgischen Kolonialisatoren sollte sich dies jedoch ändern. Diese begannen mit einer künstlich herbeigeführten ethnischen Einstufung der Schichtzugehörigkeit, welche sogar im Pass vermerkt wurde. Dies trennte die Hutu und Tutsi voneinander und sollte folgenschwere Ausmaße annehmen.6

Die von außen definierte politische Identität ließ die Menschen schnell davon überzeugen, dass sie dieser auferlegten Ethnie angehörten. An eine flexible soziale Mobilität war nicht mehr zu denken und die beiden Gruppen wurden mit gegenseitigem Hass infiziert, der sich durch vielerlei Maßnahmen tief verankerte.7

Eine Politisierung von Ethnizität wurde während der Dekolonialisierung sowohl von Hutu- als auch von Tutsi-Politikern benutzt, um ihren Machtanspruch zu legitimieren. Während die Hutu forderten, dass die jahrelange diskriminierende Unterdrückung ein Ende haben muss, rechtfertigten die Tutsi ihren Herrschaftsanspruch damit, dass sie schon seit Jahrhunderten herrschten und die Hutu-Bevölkerung unterwarfen.8

Das Land hatte mit einer starken wirtschaftlichen Krise zu kämpfen, da eine Umstrukturierung des Agrarsystems Armut und Elend in der Bevölkerung verursachte. Die vorherrschende ethnische Spannung wurde dadurch extrem verschärft. Die folgende starke Arbeitslosigkeit führte zu einem anhaltenden Gefühl der Perspektiv- und Nutzlosigkeit, was ebenfalls den Prozess des politischen Zusammenbruchs beschleunigte.9

Die folgenden Geschehnisse werden nur kurz angerissen, da das Hauptaugenmerk dieser Arbeit auf den Medien liegt. 1959 begann eine soziale Revolution und damit, unterstützt durch die belgische Kolonialmacht sowie die katholische Kirche, die Machtübernahme der Hutu, wobei es bis 1994 zu regelmäßigen Massakern an den Tutsi kam. Aber auch Anschläge der Tutsipartei an zahlreichen Hutu folgten. Das belgische Militär half die sogenannte Revolution niederzuschlagen, konnte jedoch nicht verhindern, dass diese 20000 Tote forderte sowie 153000 Tutsi ins Exil flohen.10

1961/1962 wurde die Tutsimonarchie komplett abgeschafft. Grégoire Kayibanda wurde zum Präsidenten, die Hutupartei regierte und Ruanda erhielt seine Unabhängigkeit. In den Jahren 1963-1966 drangen die Exiltutsi mehrfach nach Ruanda, flohen jedoch nach erneuten Massakern wieder in die Nachbarländer. 1973 wurden tausende von Tutsi verhaftet, ermordet oder vertrieben. Nach einem Militärputsch wurde Juvénal Habyarmana Präsident des Landes. 1987 gründeten Exiltutsi in Uganda die Ruandische Patriotische Front-RPF, welche 1990 von dort aus Ruanda angriff. Nachdem am 6. April 1994 das Flugzeug des Präsidenten abgeschossen wurde, beschuldigte man sofort die Tutsi dafür verantwortlich zu sein, worauf der Völkermord begann.11

Bis zum heutigen Tag ist die Frage nach den Verantwortlichen des Attentats nicht geklärt, jedoch lassen einige Hinweise vermuten, dass der Genozid im Vorfeld gut vorbereitet wurde. Bereits eine halbe Stunde nach dem Flugzeugattentat begann das Morden, wobei die Täter mit vorbereiteten Todeslisten arbeiteten. Die Verbrechen verteilten sich sehr schnell in ganz Ruanda. Straßenblockaden, Patrouillen, Hetzjagden sowie Vergewaltigungen und die Zerstückelung der Körper von Tutsi, aber auch moderaten Hutu verdeutlichten ein unfassbares Ausmaß an Gewalt. Das sehr direkte Töten mit Hiebwaffen veranschaulicht, dass das Töten persönlich war. Jahrelanges schüren von Angst machte den Genozid zu einem persönlichen Akt und brachte die Bevölkerung, freiwillig wie auch unter Druck, zum Morden und forderte eine Million Menschen in drei Monaten.12

Eine weitere wichtige Rolle vor und während des Genozids spielten die Medien, die stark dazu beitrugen, dass die ethnisch konstruierten und politisch unterstützten Konflikte sich zuspitzten, worauf nachfolend in dieser Arbeit eingegangen wird.

3. Medien als Konfliktantreiber

„Massenmedien vermitteln nicht Wirklichkeit, sondern sie schaffen sie.“ 13

Die Rolle der Medien ist ein wichtiges Thema in jeder Gesellschaft. Mit ihr steht und fällt die Meinung des Volkes und oft können Medien Meinungen bilden, Menschen von Dingen überzeugen oder Stimmungsbilder schaffen. In der Vergangenheit wurden oft Medien als politisches Instrument benutzt, um die Bevölkerungsansichten in eine bestimmte Richtung zu lenken. Nicht umsonst spricht man inzwischen von Medien als vierte Gewalt. Medien sind in der Lage, Konflikte zu fördern, anzuheitzen bzw. zu schüren. Entsprechend haben sie aber auch die Macht, die Bevölkerung dabei zu unterstützen Frieden aufzubauen, was in dieser Arbeit aufgrund der Kürze nicht näher thematisiert werden kann.

RTLM, der Radiosender in Ruanda, der unter anderem als Kriegswaffe bezeichnet wurde, soll in diesem Teil der Arbeit näher beleuchtet werden. RTLM hatte die Macht, den Genozid vor und während der gewalttätigen Tage des Mordens zu unterstützen. In diesem Kapitel wird erst auf die verschiedenen Medienarten in Ruanda Bezug genommen, welche dem Leser als Grundlage für den nächsten Abschnitt dienen soll, in dem analysiert wird, wie Radio, hierbei RTLM, so eine Tragweite erreichen konnte.

[...]


1 Stockhammer 2005, S. 72.

2 Siehe Amnesty International https://www.amnesty.de/umleitung/2004/deu05/078. Entnommen am 01.03.2015.

3 Krüger 1994, S. 923.

4 Barth 2006, S. 112.

5 Schilling 2005, S. 50.

6 Schilling 2005, S. 51, 65.

7 Schilling 2005, S. 65-66.

8 Barth 2006, S. 114.

9 Runkel 1994, S. 9-10.

10 Mujawayo und Belhaddad 2007, S. 265.

11 Mujawayo und Belhaddad 2007. S. 265-266.

12 Runkel 1994, S. 11-12.

13 Zit. Prof. Querulix (*1946), deutscher Aphoristiker und Satiriker, aphorismen.de.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Rolle von Medien in Konflikten. Der Radiosender RTLM in Ruanda
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
16
Katalognummer
V318477
ISBN (eBook)
9783668178267
ISBN (Buch)
9783668178274
Dateigröße
680 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ruanda, Rolle von Medien, Genozid, RTLM
Arbeit zitieren
Sandy Mercier (Autor), 2015, Die Rolle von Medien in Konflikten. Der Radiosender RTLM in Ruanda, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318477

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