Erzählerrolle und Erzählerbemerkungen in Hartmanns von Aue Erec


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

49 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Zu Forschungslage und Problemstellung
1.1 Der Erzähler und seine Bemerkungen als Forschungsgegenstand
1.2 Problem und Methode

2. Die verschiedenen Erzählerbemerkungen im Erec
2.1 Der Erzähler und das Erzählen: Grundforderungen des Publikums an den Erzähler
2.1.1 Gliedernde Bemerkungen
2.1.1.1 Vorwegnahme: Ankündigung und Vorausdeutung
2.1.1.2 Rückverweis
2.1.1.3 Abkürzungs- und Auslassungsformeln
2.1.2 Beglaubigende Bemerkungen
2.1.2.1 Quellenberufung
2.1.2.2 Wahrheitsbeteuerungen
2.1.3 Verlebendigung (Stilfiguren)
2.1.3.1 Exclamatio
2.1.3.2 Wendung zum Publikum (apostrophe und appelativum)
2.1.3.3 Rhetorische Frage
2.1.3.4 Die Wechselrede
2.2 Zwischen Erzählen und Erzähltem: Der formale und der inhaltliche Aspekt
2.2.1 Der Vergleich
2.2.2 Vergleichs- und Einzigartigkeitshyperbel
2.2.3 Exempla (Beispielfiguren)
2.3 Der Erzähler und das Erzählte: Kommentierende Bemerkungen
2.3.1 Erläuterungen
2.3.2 Wertende Stellungnahmen
2.3.2.1 Lob
2.3.2.2 Tadel
2.4 Abstraktion und Didaktik: Allgemeine und verallgemeinernde Bemerkungen
2.4.1 Vergleich mit der Norm
2.4.2 Sentenzen und moralisch-didaktische Einschübe

3. Allgemeine Aussagen zur Erzählerrolle und den Erzählerbemerkungen im Erec
3.1 Zu Funktion und Leistung der Erzählerbemerkungen
3.1.1 Erzählerbemerkung und Erzählstruktur
3.1.2 Erzählerbemerkung und Erzählhandlung
3.2 Die Rolle des Erzählers und sein Auftreten in Hartmanns Erec
3.2.1 Zum Verhältnis von Autor und Erzähler
3.2.2 Die Rolle des Erzählers
3.2.3 Zur Erzählhaltung
3.2.4 Der Erzähler und sein Publikum

4. Die Erzählstrategie in Hartmanns Erec

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis
1. Texte
2. Literatur

Anhang
1. Die 19 Kategorien der Zwischenreden nach Mecke
2. Die verschiedenen Formen von Erzählerbemerkungen nach Kramer
3. Typen erzählerischen Hervortretens nach Pörksen
4. Die Einteilung der Erzählerbemerkungen nach Arndt

Einleitung

Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit der Erzählerrolle und den Erzählerbemerkungen in Hartmanns von Aue Erec. Da die Herangehensweise an dieses Thema in der gesichteten Forschungsliteratur sehr unterschiedlich ist und sich ein direkter Vergleich der Ergebnisse teilweise als nicht einfach erwies, widmet sich das erste Kapitel dieser Arbeit zunächst der Darstellung der Forschungslage anhand der für diese Arbeit genutzten Forschungsliteratur, um gleichzeitig auch die eigene Herangehensweise zu begründen.

Im zweiten Kapitel sollen dann die verschiedenen Formen von Erzählerbemerkungen im Erec untersucht werden, wobei die Kategorisierung hauptsächlich auf Pörksen und Arndt zurückgeht. Es geht dabei nicht um eine vollständige Erfassung aller Stellen von Erzählerbemerkungen im Erec, sondern um die Darstellung der verschiedenen Typen und ihrer Funktion, wobei exemplarische Beispiele jeweils angegeben werden. Es soll also u.a. die Vielfältigkeit der Erzählerbemerungen im Erec deutlich gemacht werden.

In den nachfolgenden Kapiteln sollen dann Fragen, die sich aus der Untersuchung der Erzählerbemerkungen ergeben, näher erläutert werden.

Dazu gehören u.a. allgemeine Aussagen zu Funktion und Leistung der Erzählerbemerkungen, zur Rolle des Erzählers und seinem Auftreten in Hartmanns Erec, welches ein anderes ist als das Auftreten des Erzählers z.B. bei Chrestien, sowie zur Erzählstrategie des Erzählers im Erec.

Der Hauptteil dieser Arbeit wird also das zweite Kapitel sein, in dem das unterschiedliche Auftreten der Erzählerbemerkungen untersucht wird.

1. Zu Forschungslage und Problemstellung

Wie schon in der Einleitung erwähnt ist die Herangehensweise der gesichteten Forschungsliteratur an das Thema Erzählerbemerkungen im mittelhochdeutschen Epos, insbesondere in Hartmanns von Aue ‚Erec’, sehr unterschiedlich. Deshalb soll hier zunächst ein Überblick über den Stand dieser Forschung und insbesondere ihrer Methodik gegeben werden, um aus dieser Grundlage heraus auch die eigene Herangehensweise an das Thema zu begründen.

1.1 Der Erzähler und seine Bemerkungen als Forschungsgegen-stand

Die Rolle des Erzählers sowie seine Bemerkungen wurden erst vergleichsweise spät zu einem eigenen Forschungsgegenstand. Dies geschah in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, als die Erec -Forschung ihren Blick auch auf die immanente Textgestaltung, also auf Stilmittel, die Hartmann einsetzt, um das Verständnis und die Deutung des Romans zu steuern, lenkte. Aus ihnen erhoffte man sich näheren Aufschluss über Hartmanns Intention und den Grad ihrer Übereinstimmung mit der Chrestiens, aber auch über die Zusammensetzung des von Hartmann vorausgesetzten Publikums.[1]

Die Ausdeutbarkeit stilistischer Merkmale für die Erschließung des Hartmannschen Publikums hatte bereits Ruh erkannt, er lehnt jedoch eine Interpretation der Epen, die von den „kommentierenden Stellen“ ausgeht, ab. Diese seien nur „Verständniskrücken“ für die Hörer, die sich in „Kennerschaft“ und „literarischem Urteil“ nicht mit dem Publikum Chrestiens messen können. Das „ad-auditores-Sprechen“ ist nach Ruh also den Vortragsbedingungen Hartmanns zuzuordnen, über den „ san “, also den Sinn der Erzählung sei damit nichts Wesentliches ausgesagt.[2]

Erst Günter Mecke ging in seiner Arbeit von 1965 erstmals explizit auf die Dichter-Publikums-Beziehung im Erec ein.[3] Seiner Meinung nach haben die Zwischenreden im Hinblick auf die Haltung des Erzählers gegenüber seinem Gegenstand sowie gegenüber seinem Publikum eine hohe Aussagekraft. Dies lässt – abweichend von der von Ruh vertretenden Meinung – die Annahme zu, dass Hartmann gerade in den Erzählerkommentaren seine Deutung des Geschehens gibt.

Mecke trug so wesentlich dazu bei, dass der Rolle des Erzählers im Erec besondere Beachtung zuteil wurde.[4]

Ihm ging es dabei vor allem um die Frage nach der Erzählhaltung und der Beziehung zwischen dem Erzähler und seinem Publikum. Mecke kommt dabei zu dem Schluss, dass sich in den Zwischenreden nicht so sehr der Inhalt forme, sondern vielmehr die Erzähler-Publikums-Beziehung.[5]

Die Arbeit Meckes weist nach Pörksen jedoch einige Probleme auf: Seiner Meinung nach zeige sie, dass Methode und Begriffe der Neueren Literaturwissenschaft nicht unmittelbar auf die mittelhochdeutsche Epik angewendet werden können. Mecke unternehme eine ausschließlich werkimmanente Textinterpretation der Zwischenreden des Erzählers und habe kein Vergleichsmaterial (bis auf einige Stellen bei Chrestien), so dass er häufig den formelhaften Charakter der Zwischenreden verkenne und sie als Ausdruck einer individuellen Gestik Hartmanns missverstehe oder überbewerte. Auch die Zusammenfassung der Interpretationsergebnisse fehle.[6]

Diese Ansicht wird unterstützt durch Meckes Einteilung der Zwischenreden, die nicht konsequent durchdacht und an einigen Stellen unzulänglich zu sein scheint. Die Kategorien überschneiden sich zu häufig und folgen keiner eindeutigen Systematik.[7]

Kramer hat in seiner Arbeit von 1971 die Erzählerbemerkungen und –kommentare nicht nur in Hartmanns Erec und Iwein, sondern auch in der jeweiligen Vorlage bei Chrestien untersucht, d.h. er hat einmal die beiden Werke des jeweiligen Autors miteinander verglichen, zudem jedoch auch das jeweilige Werk Hartmanns mit seiner Vorlage. Seine Ergebnisse zu den Erzählerbemerkungen und ihrer Funktion und Leistung im Erec (und Iwein) beruhen also auch auf dem Vergleich zu Chrestiens Erec et Enide (und Yvain).[8]

Nach Kramer sind die Erzählerbemerkungen „Gradmesser der Erzählermitgegenwart im Werk“, von der aus er der Frage nach der Erzählhaltung und der Erzählperspektive nachgeht. Als Erzählerbemerkung versteht er demnach die verschiedenen „Intensitätsgrade der Erzählermitgegenwart“.[9]

Aus dieser Vorgehensweise ergeben sich nach Kramer zwei Blickrichtungen: zum einen die Frage nach der Technik der Erzählerbemerkungen, d.h. die Frage nach den verschiedenen Arten und dem Aufbau der Erzählerunterbrechungen und zum anderen das Problem der Leistung der Erzählerbemerkungen in Bezug auf die Werkstruktur, d.h. die Frage nach der Funktion im Erzählablauf und dem Wie der Verwendung.

Die Aufgabe seiner Arbeit war also nicht die der Textinterpretation, sondern vielmehr die der Formuntersuchung, was als Interpretation des Erzählstils ansehbar ist.[10]

In seiner Arbeit beschränkt sich Kramer auf die direkten Unterbrechungen des Erzählablaufs durch den Erzähler und unterscheidet die verschiedenen Erzählerbemerkungen wie oben bereits erwähnt durch die verschiedenen Intensitätsgrade der Erzählerpräsenz. Hierauf beruht auch seine Kategorisierung der Zwischenreden.[11] Bei dieser Gradleiter ist das eine Extrem die sogenannte Erzählfloskel (ornatus facilis) und das andere der Exkurs. Zwischen diesen Endpunkten ergeben sich alle Arten von Erzählerbemerkungen, wobei Kramer anmerkt, dass die Einteilung der verschiedenen Kommentarformen nicht einfach und die Grenze zwischen Handlung und Kommentar häufig fließend und so nicht immer offensichtlich ist.[12]

Etwa gleichzeitig mit der Arbeit Kramers erschien die Uwe Pörksens: Sie hatte die vollständige Typologie des mittelalterlichen Erzählers zum Ziel, d.h. die Untersuchung der Erzählerbemerkungen in Hartmanns Erec war nicht Hauptgegenstand dieser Arbeit. Er untersucht die Formen des Hervortretens des Erzählers im mittelhochdeutschen Epos bei Lamprecht, Konrad, Hartmann, Wolframs Willehalm und den Spielmannsepen.[13]

Nach Pörksen überwiegt in der mittelhochdeutschen Epik der Eindruck des Typischen den des Individuellen. Die Poetik des mittelalterlichen Romans sei weitgehend systematisierbar, was auch für die Formen des erzählerischen Hervortretens gelte. Dabei gehe es um die Stellen, an denen der Erzähler sich über den Stoff erhebt, ihn kommentiert und seine Person ausdrücklich ins Spiel bringt, wobei er auch mit dem Publikum in Kontakt tritt.[14]

Für Pörksen ergaben sich ca. 30 Typen erzählerischen Hervortretens, die er in drei Gruppen einteilt[15]: In der ersten Gruppe vermittelt der Erzähler einen Überblick über den Stoff, erregt Erwartungen und verknüpft Teile der Geschichte, so dass das Publikum sie als Ganzes erfassen kann. Ebenso regelmäßig sind Formen der Beglaubigung des Geschehens, zudem verwendet er rhetorische Figuren zur Verlebendigung der Darstellung. Zur zweiten Gruppen gehören nach Pörksen verschiedene Formen von Vergleichen. Sie sollen einmal dem Publikum den Stoff veranschaulichen, erhöhen jedoch gleichzeitig das Geschehen. In die dritte Gruppe gehören die Erzählerbemerkungen, die das Dargestellte kommentieren und ihm eine Wertung geben. Dazu gehört auch ein großer Anteil an Didaktischem, u.a. auch theologische Hinweise und predigthafte Kommentare. In Formen von Lob, Mitgefühl, Klage und Tadel setzt sich der Erzähler mit seinen Figuren auseinander und wirkt indirekt auf sein Publikum. Schließlich benutzt er Humor und Ironie, durch die sich „das Erzählte im Erzähler bricht“.[16]

Pörksen weist zudem darauf hin, dass sich zu den meisten der gefundenen Typen von Erzählereingriffen entsprechende Begriffe in der antiken Rhetorik und ihrem mittelalterlichen Ableger, den ‚ artes ’ finden lassen, was jedoch keine direkte Schulung der mittelhochdeutschen Epiker nachweisen soll, aber zur begrifflichen Klärung beitragen und die Sachhaltigkeit der in dieser Arbeit verwendeten Unterscheidungen bestätigen kann.[17]

Pörksen stellt jedoch auch fest, dass sich trotz des traditionsbestimmten Charakters der mittelhochdeutschen Epen auch die Individualität einzelner Werke fassen lässt. Hierauf soll in Bezug auf Hartmanns Erec in den folgenden Kapiteln dieser Arbeit noch besonders eingegangen werden. Hierbei kann vor allem der Vergleich mit der Vorlage helfen, der bei Kramer Gegenstand der Untersuchung ist, so dass auch seine Ergebnisse hierzu in diese Arbeit mit einfließen werden.

Vergleiche mit der Vorlage zeigen, wie der mittelhochdeutsche Dichter den übernommenen Stoff in seine Gegenwart „übersetzt“. Das diuten der Autoren ist nicht, wie sie vorgeben, eine getreue Wiedergabe der Vorlage; sie verändern die Geschichte durch Auslassungen und Erweiterungen, geben einzelnen Zügen oder dem ganzen Stoff eine neue Deutung.[18]

Vergleiche mit den Vorlagen zeigen auch, dass die erzählerischen Zwischenreden weitgehend Eigentum der mittelhochdeutschen Dichter sind, d.h. abgesehen von Anregungen durch die Vorlagen stehen die Zwischenreden vor allem in der mittelhochdeutschen Stiltradition.[19]

1980 versucht Paul Herbert Arndt erneut, die Rolle des Erzählers und seiner Bemerkungen bei Hartmann zu bestimmen. Diese Fragestellung ist erstmals Hauptgegenstand einer Untersuchung. Er erstellt ein systematisches Ordnungsschema der Erzählerbemerkungen aus allen vier Erzählungen Hartmanns und ermittelt so ihre Funktion.[20]

Arndt kritisiert an den vorangegangenen Arbeiten zu diesem Thema, also auch an der Meckes, Kramers und Pörksens, dass es ihnen mehr darum geht, Unterschiede in der Erzähltechnik Hartmanns gegenüber anderen Autoren zu klären, als ein systematisches Gesamtbild des Erzählers und der Erzählerbemerkungen in den vier überlieferten Romanen Hartmanns zu gewinnen. Bisher sei auch kein systematisches Ordnungsschema geschaffen worden, in das die Erzählerbemerkungen eingeordnet werden können. Jeder habe seine eigene Typologie von Erzählerbemerkungen, so dass die erzielten Ergebnisse z.T. nicht einmal miteinander vergleichbar seien. Außerdem gehen in die Typologie verschiedene Aspekte ein, was zu Mehrfachnennungen und Mehrfacheinordnungen einzelner Passagen führe und der Übersichtlichkeit der Typologien nicht unbedingt dienlich sei.[21]

Arndt sucht deshalb nicht gleich zu Beginn nach einer Definition, was unter Erzählerbemerkung verstanden werden soll, sondern nach einer Methode, die Kriterien bereitstellt, nach denen die Erzählerbemerkungen vom reinen Erzähltext unterschieden werden können. Dazu gehört z.B. die Suche nach sprachlichen Erkennungsmerkmalen.[22]

Arndt erkennt zudem eine Dichotomie zwischen den besprechenden und erzählenden Teilen: die besprechenden Teile höben sich durch das Auftreten von „Tempusmetaphern“ deutlich und erkennbar von dem reinen Erzähltext ab und stehen offenbar in einer engen Beziehung zu den Erzählerbemerkungen, die Gegenstand der Untersuchung sind.[23]

Neben dem Problem der Identifizierung von Erzählerbemerkungen stellt sich für Arndt als zweites das Problem der Typologisierung. Ausgehend von einem Kommunikationsmodell[24] bezeichnet er vier ‚Gegenstandsbereiche’, die der Erzähler besprechen kann: 1. Erzähler und Publikum (Kommuni-kationspartner), 2. Das Erzählen (Kommunikationsvorgang), 3. Das Erzählte (Kommunikationsinhalt) und 4. Die gemeinsame Erfahrungswelt (Kommunikationshorizont).

Jede Erzählerbemerkung lasse sich in dieses Schema einordnen, so dass man sie vollständig und übersichtlich erfassen kann. Mit Hilfe dieses Schemas möchte Arndt nun folgende Fragen beantworten, die Ziel seiner Untersuchung sind: ‚Was bespricht der Erzähler?’, ‚Wie und warum tut er dies?’, ‚Wer ist der Erzähler?’ und ‚Was ist eine Erzählerbemerkung?’.[25]

Trotz der teilweise sehr unterschiedlichen Methodik und Herangehensweise an das Thema ‚Erzählerbemerkungen’ und der oftmals unterschiedlichen Zielsetzung kommen die vorgestellten Autoren der Arbeiten in vielen Punkten zu den gleichen Ergebnissen, worauf im Laufe dieser Arbeit noch genauer eingegangen wird.

Bereits von Mecke wurde die Frage nach dem Auftreten von Ironie und Komik angesprochen. Sie sei wesentliches Merkmal der engen Erzähler-Publikum-Beziehung und diene der Herstellung der Distanz zum Erzählten.[26]

Im Unterschied zu Chrestiens Erzähler, der neutral berichte und einen naiven Wunderglauben zum Ausdruck bringe, mache Hartmann als Erzähler auf Unwahrscheinlichkeiten der Handlung bewusst aufmerksam und ironisiere sie, indem er beispielsweise zu rationalisierenden Erklärungen ansetze. Anders als Chrestien gehe es Hartmann und seinem Publikum beim Erzählen daher offensichtlich nicht um die Aufrechterhaltung oder Schaffung einer ‚Gegenstandsspannung’, sondern um das Vergnügen an der Art und Weise des Vortrags, an der humoristisch gebrochenen Darbietung eines vertrauten Stoffes.[27]

Kramer und Pörksen gehen noch weiter und betonen zudem die didaktische Absicht, die Hartmann mit dem Vortrag seiner Romane generell verfolge. Beide betonen den engen Zusammenhang zwischen bewusster Zerstörung von Illusion und der pädagogischen Absicht Hartmanns.[28] Dieses Problem wird ebenfalls Gegenstand dieser Arbeit sein.

Alle Beiträge, die sich mit dem Erzähler in Hartmanns Dichtungen befassen, kommen also zu dem bereits von Mecke formulierten Ergebnis, dass Hartmanns Kommentare ein entscheidendes Medium für seine idealisierend-didaktische Erzählhaltung sind, die wiederum einen wesentlichen Unterschied zu den Werken Chrestiens ausmache. Sie kommen also zu einer anderen Auffassung als Ruh, der den Erzählerkommentaren nur eine untergeordnete Bedeutung beimisst. Sie sehen in den Kommentaren des Erzählers ein unverzichtbares Hilfsmittel für die Deutung der Hartmannschen Texte an. Hartmann wird ein souveräner Umgang mit der Vorlage bestätigt, was dafür spricht, dass er dem Stoff seine eigene Deutung geben wollte, die auf sein Publikum abgestimmt ist.[29]

Thomas Heine ging in seiner Arbeit von 1981 Shifting Perspektives: The Narrative Strategy in Hartmann’s ‘Erec’ noch einen Schritt weiter, indem er versuchte, die Erzählerkommentare für eine Gesamtdeutung des Erec nutzbar zu machen. Seiner Meinung nach sei allein das Vorhandensein beziehungsweise das Fehlen von Erzählerbemerkungen ein wichtiges Rezeptionssignal für die Hörer/Leser des Romans. Er widerspricht hier Kramer, der sagt, der Erzähler sei situationsgebunden und die zentrale Problematik der Aventüre-Fahrt bleibe unberührt.[30] Diese Problem soll im vierten Kapitel dieser Arbeit noch näher erläutert werden.

1.2 Problem und Methode

Diese Arbeit beschäftigt sich nun ausschließlich mit der Erzählerrolle und den Erzählerbemerkungen in Hartmanns Erec. Gegebenenfalls werden jedoch Unterschiede zu der Vorlage Chrestiens oder anderen mittelhochdeutschen Epen dargestellt, wobei jedoch häufig auf die Sekundärliteratur verwiesen werden muss.

Zunächst stellte sich auch für diese Arbeit das Problem der Kategorisierung der Zwischenreden, wobei das Ziel nicht die vollständige Erfassung aller Stellen von Erzählerbemerkungen im Erec ist. Vielmehr geht es um eine möglichst übersichtliche Darstellung der verschiedenen Erzählerbemerkungen in Hinblick auf ihren Einsatz und ihre Funktion. Es soll deutlich gemacht werden, in welch unterschiedlichen Formen die Erzählerbemerkungen im Werk auftreten, um dann in den nachfolgenden Kapiteln Fragen, die sich aus der Untersuchung der Bemerkungen ergeben, näher zu erläutern.

Trotz der unterschiedlichen Herangehensweise und Methodik kommen Pörksen und Arndt in ihrer Kategorisierung der Zwischenreden zu ähnlichen Ergebnissen, vor allem die erste Gruppe von Erzählerbemerkungen, die Pörksen „Der formale Aspekt: Grundforderungen des Publikums an den Erzähler“ und Arndt „Der Erzähler und das Erzählen. Erzähltechnische Bemerkungen“ nennt, umfasst bei beiden die gliedernden (Vorwegnahme, Rückverweis und Auslassungs- und Abkürzungsformeln) und die beglaubigenden Bemerkungen. Ein Unterschied sind die Stilfiguren, die Pörksen ebenfalls in diese Gruppe von Erzählerbemerkungen aufnimmt, weil sie der Verlebendigung des Erzählten dienen und seines Erachtens somit ebenfalls zu den Grundforderungen des Erzählens gehören, und die Arndt erst unter der Gruppe „Der Erzähler und das Publikum“ aufführt.[31]

Auch bei den anderen Gruppen lassen sich wenn auch nicht immer ganz so klare Gemeinsamkeiten in der Kategorisierung feststellen, was für diese Arbeit zu der Entscheidung geführt hat, in der Kategorisierung diesen beiden Autoren zu folgen, insbesondere auch deshalb, weil die Einteilungen recht übersichtlich erscheinen und einen guten Überblick über die verschiedenen Arten von Erzählerbemerkungen geben, die in den mittelhochdeutschen Epen und insbesondere in Hartmanns Erec vorkommen.

Wie schon erwähnt, unterscheidet Kramer die verschiedenen Erzählerbemerkungen durch die verschiedenen Intensitätsgrade der Erzählerpräsenz. Hierauf beruht seine Kategorisierung der Zwischenreden. Dadurch kommt er letztendlich zu den gleichen Kategorien wie Pörksen und Arndt, die Einteilung der Gruppen ist jedoch eine völlig andere. Trotzdem werden viele seiner Ergebnisse in diese Arbeit mit einfließen, vor allem, wenn es um allgemeine Aussagen zu Funktion und Leistung der verschiedenen Erzählerbemerkungen geht.

In dieser Arbeit wird es also in erster Linie darum gehen, deutlich zu machen, in welch vielfältigen und unterschiedlichen Formen die Erzählerbemerkungen und –kommentare im Erec auftreten. Daraus ergeben sich eine Reihe von Fragen, z.B. welche Rückschlüsse sich auf den Erzähler ziehen lassen, der ja offensichtlich ein anderer ist als der Chrestiens. Dabei geht es auch um die Frage nach seiner Rolle als Vermittler zwischen Gegenstand und Publikum. Das wiederum führt zu Fragen wie „Welche Funktion haben die Erzählerbemerkungen im Erec und was leisten sie?“.

Ein Teil dieser Fragen wird bereits in Kapitel 2 beantwortet, den allgemeineren Fragen wird jedoch in den Kapiteln 3 und 4 nachgegangen.

2. Die verschiedenen Erzählerbemerkungen im Erec

2.1 Der Erzähler und das Erzählen: Grundforderungen des Publikums an den Erzähler

Die erste Gruppe von Erzählerbemerkungen im Erec bilden die erzähltechnischen Bemerkungen. Nach Arndt dienen sie dem Erzähler dazu, über sein Tun, das Erzählen, zu sprechen, woraus sich drei Ziele ergeben: die Beglaubigung des Erzählten, die Gliederung des Erzählten sowie die Erläuterung seines erzählerischen Verhaltens.[32]

Pörksen nennt diese erzähltechnischen Bemerkungen die Grundforderungen des Publikums an den Erzähler. Dazu gehören die Überschaubarkeit der dargebotenen Geschichte, ihre Glaubwürdigkeit sowie ihre lebendige Darstellung. Daraus ergeben sich wiederum die erzählerischen Mittel der Gliederung, der Beglaubigung und der Verlebendigung.[33]

Während also bei Arndt die Erläuterung des erzählerischen Verhaltens eine eigene Kategorie von Erzählerbemerkungen im Erec einnimmt[34], gehören bei Pörksen auch die Stilmittel zur Verlebendigung des Erzählten zur ersten Gruppe von Erzählerbemerkungen. Diese stellen bei Arndt keine Erzählerbemerkungen im eigentlichen Sinne dar.[35] In dieser Arbeit werden sie jedoch dazu gerechnet, da es sich hierbei um wichtige stilistische Gestaltungsmittel in der traditionellen Rhetorik sowie in den mittelalterlichen artes handelt, in denen die Person des Erzählers formal gegenwärtig ist.[36]

2.1.1 Gliedernde Bemerkungen

Gliedernde Bemerkungen schaffen innerhalb des Erzählten Bezüge und ziehen Grenzen. Die Aufgabe des Erzählers ist es, Erwartungen zu wecken und die Erfassung einer Geschichte in ihrer Gesamtheit zu ermöglichen. In dieser Gruppe von Bemerkungen tritt der Erzähler als Arrangeur des Stoffes deutlich hervor und nimmt Abstand vom Erzählgegenstand. Er kündigt ein Thema an, kürzt es ab, synchronisiert gleichzeitige Handlungen und weist auf schon Erzähltes hin. Der Erzähler im mittelhochdeutschen Epos ist also der allwissende Erzähler, der sich zur Verstärkung zudem auf eine Vorlage oder Überlieferung beruft.[37]

2.1.1.1 Vorwegnahme: Ankündigung und Vorausdeutung

Eine der regelmäßigen und häufigen Formen erzählerischen Hervortretens ist die Vorwegnahme, die eine Aufforderung zur Aufmerksamkeit darstellt. Sie soll von der Wichtigkeit der angekündigten Mitteilung überzeugen und Spannung erwecken.[38]

Der Erzähler sammelt die Aufmerksamkeit für ein neues Thema, um den Hörern die Möglichkeit eines vorausschauenden Überblicks zu geben und die Aufmerksamkeit in eine bestimmte Richtung zu lenken. Diese Methode zur Erreichung der Ansprechbarkeit des Publikums wird auch in der antiken Rhetorik erwähnt.[39]

Häufig werden Vorwegnahmen mit dem Zeitadverb , Ankündigungen durch nû hoert oder ich sage iu eingeleitet, die die Situation eines mündlichen Vortrags illusionieren. Darauf folgt häufig eine allgemeine Vorwegnahme.[40]

Es gibt zwei Typen vorausweisender Bemerkungen: die Ankündigung und die Vorausdeutung. Bei der Ankündigung weist der Erzähler auf die unmittelbar folgende Darstellung eines bestimmten Details oder einer größeren Erzähleinheit hin. Es handelt sich um ein Gliederungssignal, welches einzelne Erzählabschnitte voneinander trennt.

Die Ankündigungen können zudem einer Intensivierung des Kontakts zum Publikum dienen.[41]

Für die Vorausdeutung ist kennzeichnend, dass sie sich mit einem Ereignis beschäftigt, was dem Handlungsablauf nach erst zukünftig ist, also anders als die Ankündigung nicht direkt an die Bemerkung anschließt. „Die Vorausdeutungen in Hartmanns Romanen sind ‚zukunftsgewisse’, wenn auch nicht immer ‚bestimmte’ Bemerkungen, die meisten mit ‚spannendem’, aber auch mit abschließenden Charakter.“[42]

Arndt stellt zudem fest, dass diese zukunftsgewissen Vorausdeutungen den Erzähler antizipieren, d.h. er befindet sich nicht in der Situation eines „erlebenden“, sondern in der eines „erzählenden“ Ich. „Erzählergegenwart“ und „Handlungsgegenwart“ können also nicht identisch sein, der vorauswissende Erzähler muss sich außerhalb der dargestellten Welt befinden.[43]

Ankündigungen und Vorausdeutungen haben also eine wichtige epische Funktion, indem der Erzähler kurze und weite Spannungsbogen entwirft, die er in detaillierter Ausführung wieder einholt.

Der Erec hat ein große Anzahl von Ankündigungsformeln, deren sprachliche Variationsbreite jedoch nicht sehr groß ist, am häufigsten ist der Typ ich sage iu [44]:

[...]


[1] vgl. Haase (1988), S. 196.

[2] vgl. Ruh (1977), S. 112f.

[3] vgl. Mecke (1965).

[4] Sein Forschungsansatz wird gestützt durch das zunehmende Interesse an der Instanz des epischen Erzählers auch in der Neueren Literaturwissenschaft: Nachdruck von Käte Friedemanns Die Rolle des Erzählers in der Epik. Darmstadt: 1969.

[5] vgl. Mecke (1965), S. 4.

[6] vgl. Pörksen (1971), S. 16f.

[7] Tabelle der 19 Zwischenreden–Kategorien nach Mecke siehe Anhang.

[8] vgl. Kramer (1971).

[9] vgl. Kramer (1971), S. 13f.

[10] vgl. Kramer (1971), S. 15.

[11] Die verschiedenen Formen von Erzählerbemerkungen nach Kramer siehe Anhang.

[12] vgl. Kramer (1971), S. 18f.

[13] vgl. Pörksen (1971).

[14] Pörksen (1971), S. 9f.

[15] Typen des erzählerischen Hervortretens bei Pörksen siehe Anhang.

[16] vgl. Pörksen (1971), S. 11.

[17] vgl. Pörksen (1971), S. 12.

[18] vgl. Pörksen (1971), S. 12f.

[19] vgl. Pörksen (1971), S. 13.

[20] vgl. Arndt (1980).

[21] vgl. Arndt (1980), S. 9.

[22] vgl. Arndt (1980), S. 10.

[23] vgl. Arndt (1980), S. 20f.

[24] Arndt erstellt ein Kommunikationsmodell mit folgenden Mindestanforderungen: 1. Es müssen ein Sender (ein Erzähler) und ein Empfänger (ein Publikum) vorhanden sein. Diese Rollen sind prinzipiell nicht austauschbar. 2. Es muss mit Hilfe eines gemeinsamen Codes (der Sprache, gesprochen oder geschrieben) ein Kommunikationsvorgang stattfinden. 3. Dieser Kommunikationsvorgang muss eine ‚Erzählung’ beinhalten. 4. Es muss einen gemeinsamen Kommunikationshorizont, eine gemeinsame Erfahrungswelt als Grundlage für die Möglichkeit der Kommunikation, geben (vgl. Arndt (1980), S. 36).

[25] vgl. Arndt (1980), S. 40.

[26] vgl. Mecke (1965), z.B. S. 13, S. 15, S. 34 und S. 135f.

[27] vgl. Haase (1988), S. 203.

[28] vgl. Haase (1988), S. 204.

[29] vgl. Haase (1988), S. 204ff.

[30] vgl. Heine (1981), S. 96.

[31] vgl. Pörksen (1971), S. 6f. und Arndt (1980), S. 2f.

[32] vgl. Arndt (1980), S. 43.

[33] vgl. Pörksen (1971), S. 18.

[34] Pörksen zählt diese zu den gliedernden Bemerkungen (vgl. Pörksen (1971), S. 42ff).

[35] Arndt nennt diese Formen erzählerischen Hervortretens „besondere Aktion des Erzählers und besondere Interaktion von Erzähler und Publikum“. Für Arndt ergibt sie diese Einteilung aus seiner sehr systematischen Herangehensweise, die vor allem auf kommunikationstheoretischen Konzepten beruht (vgl. Arndt (1980), S. 192).

[36] vgl. Pörksen (1971), S. 84.

[37] vgl. Pörksen (1971), S. 18.

[38] vgl. Pörksen (1971), S. 18f.

[39] vgl. Pörksen (1971), S. 20.

[40] vgl. Pörksen (1971), S. 19f.

[41] vgl. Arndt (1980), S. 61f.

[42] Arndt (1980), S. 63.

[43] vgl. Arndt (1980), S. 64.

[44] vgl. Pörksen (1971), S. 37f.

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Erzählerrolle und Erzählerbemerkungen in Hartmanns von Aue Erec
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Germanistik I: Deutsche Sprache, Ältere Deutsche Literatur, Niederdeutsche Sprache und Literatur, Skandinavistik)
Veranstaltung
Seminar: Hartmanns von Aue 'Erec'
Note
1,7
Autor
Jahr
2001
Seiten
49
Katalognummer
V31865
ISBN (eBook)
9783638327534
Dateigröße
763 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erzählerrolle, Erzählerbemerkungen, Hartmanns, Erec, Seminar
Arbeit zitieren
Christina von Bremen (Autor), 2001, Erzählerrolle und Erzählerbemerkungen in Hartmanns von Aue Erec, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31865

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