Friedrich Nietzsche und der Buddhismus. Wie urteilt er über die buddhistische Lehre in "Antichrist"? Gibt es Parallelen zwischen seiner Philosophie und dem Buddhismus?


Hausarbeit, 2014

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

1.) Einleitung

2.) Leitthemen des Antichristen

3.) Nietzsches Kontakt mir der buddhistischen Lehre

4.) Nietzsches Urteil über den Buddhismus im Antichrist
4.1) Das leidvolle Dasein
4.2) Der Buddhist als„später“Mensch
4.3) Nietzsches Argumentationsstrategie

5.) Fehlinterpretationen
5.1) Der Begriff„Leiden“
5.2) Der Begriff„Nirwana“

6.) Versteckte Parallelen zwischen Nietzsches Philosophie und dem Buddhismus
6.1) Die ewige Wiederkehr des Gleichen und die Samsara-Lehre
6.2) Die Idee vomÜbermenschen und Buddha

7.) Resümee

8.) Literaturverzeichnis

1.) Einleitung

„ In der Tat, wir Philosophen undfreien Geisterfühlen uns bei der Nachricht, daßderalte Gotttot ist, wie von einer Morgenröthe angestrahlt; [...] endlich dürfen unsere Schiffe wieder ausfahren [...] das Meer, unser Meer liegt wieder offen da, vielleicht gab es noch niemals ein sooffenes Meer. “ 1

Welcher Gedanke mag sich hinter dem poetischen Ausdruck „offenes Meer“ verbergen? Ein von Friedrich Nietzsche (1844-1900), dem „Umwerter aller Werte“ proklamiertes, neues Moralsystem, welches die ressentimentgeladenen und lebensverneinende Moral des Christentums für immer hinter sich lassen möchte? Vielleicht gar eine europäische Form des Buddhismus, dessen spiritueller Zielpunkt Nirwana ja vielfach mit der Metapher des ruhigen Meeres umschrieben wird?

Die folgende Abhandlung versucht diesen Fragestellungen nachzuspüren (die auf Grund der für Nietzsche charakteristischen Doppeldeutigkeiten und konsequenten Vermeidung eines „so ist es“ nicht klar beantwortet werden wird) und Bezüge zwischen dem Buddhismus und der Philosophie Nietzsches herauszuarbeiten. Brennpunkt dieser vergleichenden Betrachtung bildet das 1988 verfasste Spätwerk Der Antichtist. Fluch auf das Christenthum, einer der schärfsten Angriffe auf das Christentum und die Staatskirche, die im 19. Jahrhundert verfasst wurden.2 Diese Schrift, die gegen das Christentum den Vorwurf erhebt eine ideologische Zurechtfälschung der Wirklichkeit in Form einer sittlichen Weltordnung zu sein und die Menschheit durch Mechanismen des Mitleidens dem Nihilismus entgegen zutreiben, soll einleitend in ihren wesentlichen Grundzügen dargestellt werden. Auf Grundlage des Hintergrundwissens des Autors über den Buddhismus werden anschließend die Kernaussagen über diese Religion zusammen- getragen und in Hinblick auf ihrer argumentative Komposition näher untersucht. Geht es Nietzsche hierbei um eine ehrliche Auseinandersetzung mit einer ihm fremden Religion oder instrumentalisiert er fragmentarisches Wissen um seinen antichristlichen Argumenten (die auch als unterschwellige Hetze gegen das Judentum gedeutet werden können und daher aus einer kritischen Distanz betrachtet werden müssen) mehr Schlagkräftigkeit zu verleihen?

Von Nietzsche unternommene Fehlinterpretationen der buddhistischen Lehre werden aufgedeckt aber auch grundlegende, einer oberflächlichen Betrachtung oftmals verlustig gehenden gemeinsamen Schnittmengen beiden Denksystemen dargestellt.

2.) Leitthemen des Antichristen

Der intellektuellen Redlichkeit folgend, jener Gewissenhaftigkeit des Geistes, die als Maxime des kognitiven Handelns ein kritisches und hartnäckiges Hinterfragen jeglicher Grundsätze fordert, analysiert Nietzsche im Antichristen das moralische Fundament der christlich-abendländischen Kultur und denunziert dieses im Sinne seiner grundlegenden Verneinung einer von Metaphysik, Wissenschaft und Tranzendentalien geprägten ZweiWelten-Denke als „ Todfeindschafts-Form gegen die Realität “ 3.

Wesentlicher Mechanismus der „Entnatürlichung“ des Menschen ist das Mitleiden, jener kontagiöser und depressiver Instinkt, der Nietzsche nach zu urteilen die Lebensenergie schwächt und den Menschen dem Nichts entgegen treibt, denn: „ Mitleiden ist die Praxis des Nihilismus. “ 4 Entgegen einer altruistischen Ethik stellt das Mitleiden eine Prolongation des Leidens dar und ist in diesem Sinne ethisch unproduktiv. Die vorherrschenden Macht- Strukturen des auf dem Mitleid aufbauenden und weltabgewandten Moralsystem der christlichen Kirche werden durch Theologen und Priester und die Erfindung der Sünde aufrecht erhalten.5 Nietzsche stellt den gesamten Klerus und allen voran den Kirchenvater Paulus, jener Verkörperung des „ Genie im Hass “ 6 , als Fälscher des von Jesus Gelebten dar: „ Das Wort schon „ Christenthum “ ist ein Missverständnis - im Grunde gab es nur einen Christen, und der starb am Kreuz. “ 7

Nietzsche interpretiert die psychologischen Figur „Jesus“ als einen in sich gekehrter „Idioten“8 und „heiliger Anarchisten“, der als Gegenentwurf zum institutionalisierten Christentum zu verstehen ist. 9 Dieser Jesus versuchte eine Anspruchsverminderung der äußeren Welt zu leben, kannte keine Begriffe wie „Schuld“ und „Sühne“ und war keine Lehre, sondern eine Praktik. Durch die Fehlinterpretation seines Todes am Kreuz entstand das Ressentiment, jener aus einer systematischen Verdrängung von Rachegelüsten sich aufstauende Affekt, der die Werttäuschung in Form der europäischen Moral bedingt.10 Laut Nietzsche krankt der moderne, medriokre Herdenmensch an den Niedergangswerten dieses Ressentiments und der damit einhergehenden Verfallserscheinung der Décadence.

Der Autor ruft zur inneren Distanznahme auf: „ Lieber im Eise leben als unter modernen Tugenden und andren Südwinden! “ 11 um zu vermeiden, dass man so lebt, „ daßes keinen Sinn mehr hat, zu leben [...] “ 12

3.) Nietzsches Kontakt mir der buddhistischen Lehre

Bevor der Antichrist in Hinblick auf Aussagen über den Buddhismus untersucht werden wird, gilt es die Einbettung des Autors in buddhistische Denkstrukturen darzustellen: Erst zu Beginn der 19. Jahrhunderts wiesen Denker wie Schelling oder Schopenhauer ihr Publikum auf östliche Religionen und Philosophien hin, wobei nicht von der Hand zu weisen ist, dass das Interesse an dem Neuartigen und Exotischem einer neutralen und unvoreingenommen Annäherung sicherlich im Wege stand. Die sich in diesem Jahrhundert ausbildende Religionswissenschaft und die erstarkende vergleichende Sprachwissenschaft versuchten bei der „Neuentdeckung“ die Wissenschaftlichkeit zu bewahren.13 So begann die Übersetzung und Rezeption von buddhistischen Texten in die englische, französische und deutsche Sprache. Zu unterscheiden ist hierbei zwischen den Sanskrit-Texten, die eine nördlichere Ausprägung des Buddhismus (Mahayana- Buddhismus) repräsentieren und von literarischem und mythologischem Gestus sind und den Pali-Texten, die den südlichen Theravada-Buddhismus vermitteln, wobei ein deutlicher Fokus auf Buddhas Leben, Charakter und Person vorherrscht. Nietzsche kam mit Letzteren über folgenden Sekundärquellen in Berührung:14

-Otto Böhtlingk: Indische Sprüche, Sanskrit und Deutsch, 1870
-Paul Deussen: Die Elemente der Metaphysik,1877; Das System des Vedenta, 1883; Die Sutras des Vedenta,1887
-Max Müller: Essays Bd.II, Beiträge zur vergleichenden Mythologie und Ethnologie,1869
-Hermann Oldenberg: Buddha, sein Leben, seine Lehre, seine Gemeinde, 1881
-Jakob Wackernagel: Über den Ursprung des Brahmanismus, 197715

Nietzsche hat sich auf seinem Bildungsweg eine solide Grundlage an religions- wissenschaftlichem Wissen angeeignet. Da ihm aber der unmittelbarer sprachliche Zugang zum Buddhismus fehlte, richteten sich seine Kenntnisse an dem Niveau der zeitgenössischen deutschen Indologie aus. Wie schon erwähnt beschränkt sich seine Kenntnis auf den Theravada-Buddhismus, der im indischen Kulturraum verhaftet ist. Die vielfältigen Strömungen dieser Religion, die sich über 2500 Jahre über verschiedenen Kulturbereiche unteranderem in Tibet, Vietnam, Korea und Japan verbreiteten, waren Nietzsche unbekannt und führten zu einem beschränkten Wissenshorizont.16 Darüber hinaus kritisierte Nietzsche den rein philologischen Umgang mit der indischen Philosophie und Literatur. Ihn interessierten vielmehr die existenziellen Dimensionen der östlichen Spiritualität, was zu einer sehr individuellen und selektiven Form der Rezeption beitrug.17 In dieser Hinsicht ist er durch die Buddhismus-Interpretation seines einstigen geistigen Mentors Schopenhauer geprägt, der diese Religion als eine Form von Nihilismus deutete, die in diesem Sinne mit seiner Erklärung von Welt einher gehen konnte. So schreibt Schopenhauer: „ Wollte ich die Resultate meiner Philosophie zum Maaßstabe der Wahrheit nehmen, so müsste ich dem Buddhismus den Vorzug vor den anderen zugestehen. “ 18 Die Grundannahme, das der Buddhismus eine nihilistische Religion sei, hat Nietzsche fälschlicherweise von Schopenhauer übernommen. Von der pessimistischen Weltanschauung seines „Erziehers“ hat sich Nietzsche jedoch entfernt und in seinen späteren Werken eine diametral entgegen gesetzte Position erreicht, indem er den Nihilismus als existenzielle Krankheit Europas diagnostiziert und auf das schärfste verurteilt.19

4.) Nietzsches Urteil über den Buddhismus im Antichrist

4.1) Das leidvolle Dasein

„ Mit meiner Verurtheilung des Christenthums möchte ich kein Unrecht gegen eine ver- wandte Religion begangen haben, die der Zahl der Bekenner nach sogarüberwiegt, gegen den Buddhismus. Beide gehören als nihilistische Religionen zusammen, sie sind d é cadence-Religionen, beide sind von einander in der merkwürdigsten Weise getrennt. “ 20 In dieser Aussage spiegelt sich das von Nietzsche entworfenen, grundlegende argumentative Spannungsverhältnis zwischen Christentum und Buddhismus wieder. Beide sind ihrem Wesen nach weltverneinend und daher von einem moralischen Verfall durchzogen. Die Weltverneinung beider Religionen kann anhand der Fokussierung auf eine tranzendentale Sphäre („Paradies“ oder „Nirwana“ bzw. „Paranirvana“) und die Leidhaftigkeit des Daseins festgemacht werden. Nach Nietzsches liegt der entscheidende Vorteil des Buddhismus in der Bekämpfung des Leidens: „ Der Buddhismus ist die einzige eigentliche positivistische Religion, [...] er sagt nicht mehr „ Kampf gegen die Sünde “ sondern, ganz der Wirklichkeit recht gebend, „ Kampf gegen das Leiden “ . 21 In diesem Sinne besitzt der Buddhismus eine aktive Komponente, die sich sowohl auf des Handeln und als auch auf das Denken bezieht. Hier wird Nietzsche (wenngleich er keine direkten Hinweise gibt) die vier edlen Wahrheiten (die Grundlehre des Buddhismus) vor Augen gehabt haben:

1. Leben birgt immer die Möglichkeit des Leidens.
2. Das Leiden kommt nicht zufällig, sondern es hat klar erkennbare Ursachen.
3. Das Leiden ist nicht unentrinnbar, sondern es gibt Möglichkeiten es zu überwinden.
4. Der Buddhismus zeigt hierfür einen Weg.22

Aufbauend auf der Erkenntnis dieser Wahrheiten bietet der Buddhismus in Form des Achtfachen Pfades23 eine Anweisung zum Ausweg aus der Leidhaftigkeit des Dasein. Da diese Glaubenspraxis das Leiden und nicht die Sündhaftigkeit der Menschen fokussiert und zu bekämpfen versucht, konnte sie sich von dem Affekt des Ressentiment befreien, was sie in der Wertung Nietzsches weit über das Christentum stellt. Nietzsche bewundert hier die Erkenntnisarbeit die innerhalb des buddhistischen Denksystems geleistet wurde:

„ Der Buddhismus [...] ist hundert Mal kälter, wahrhafter, objektiver. Er hat nicht mehr nöthig, sich sein Leiden, seine Schmerzfähigkeit anständig zu machen durch die Interpretation der Sünde, - er sagt bloss, was er denkt „ ich leide “ [...] “ 24 Die gedankliche Auseinandersetzung mit dem Leiden auf einer Metaebene führt zu einer Abstraktion und Distanzierung von demselben. Das Leiden wird auf mentalem Wege hintergangen.

[...]


1 Nietzsche (2005), S.551

2 Vgl. Ries (1990), S.100

3 Nietzsche (1999c), S.197

4 Ebenda, S.173

5 Vgl. Ebenda, S.229

6 Ebenda, S.215

7 Ebenda, S.211

8 Der Begriff „Idiot“ ist hier im ursprünglichen Sinne zu verstehen und meint einen von der Außenwelt/ Realität/sozialen Umgebung abgewandten Menschentypus.

9 Vgl. Ries (1990), S.101

10 Vgl. Conrad (1974), S.12

11 Nietzsche (1999c), S.169

12 Ebenda, S.217

13 Salaquarda (1985), S.2

14 Vgl. Morrision (1997), S.11

15 Vgl. Ryogi (1995), S.11

16 Vgl. Ryogi (1995), S.6

17 Vgl. Figl (2007), S.288-291

18 Schopenhauer (2006), S.195

19 Vgl. Morrision (1997), S.5

20 Nietzsche (1999c), S.186

21 Nietzsche (1999c), S.186

22 Vgl. Gäng (2002), S.76

23 Siehe dazu Ceming und Sturm (2005), S.12

24 Nietzsche (1999c), S.189

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Friedrich Nietzsche und der Buddhismus. Wie urteilt er über die buddhistische Lehre in "Antichrist"? Gibt es Parallelen zwischen seiner Philosophie und dem Buddhismus?
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Philosophie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V318745
ISBN (eBook)
9783668178809
ISBN (Buch)
9783668178816
Dateigröße
1335 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nietzsche, Antichrist, Buddhismus
Arbeit zitieren
Ansgar Ruppert (Autor), 2014, Friedrich Nietzsche und der Buddhismus. Wie urteilt er über die buddhistische Lehre in "Antichrist"? Gibt es Parallelen zwischen seiner Philosophie und dem Buddhismus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318745

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