Identitätskonstruktion in Olga Grjasnowas Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“


Bachelorarbeit, 2014

46 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Identität - Grundlagen, Begriffe, Theorien
2.1 Vom statischen Konstrukt zur prozessualen Identität
2.1.1 Individuelle Identität im Zuge der Modernisierung
2.1.2 Narrative Identität
2.2 Identität und Alterität
2.3 Aspekte einer modernen Identitätskonstruktion

3. Identitätskonstruktion der Protagonistin Mascha Kogan in Olga Grjasnowas Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“
3.1 Zeitverhältnisse im Roman
3.2 Die Erzählerfigur: Zeitpunkt, Ort und Fokalisierung
3.3 Situative Identitäten: Aserbaidschan, Deutschland, Israel
3.3.1 Kindheit in Aserbaidschan, Traumatisierung und Emigration im Zuge des Konflikts um die Region Bergkarabach
3.3.1.1 Familiäres Umfeld
3.3.1.2 Traumatisierung
3.3.1.3 Emigration im Kontingent jüdischer Flüchtlinge
3.3.2 Jugend und Studium in Deutschland
3.3.2.1 Schulzeit und Beziehung zu Sibel
3.3.2.2 Studienzeit, Zukunftspläne und Beziehung zu Sami
3.3.3 Einsatz der Romanhandlung: Tod des Freundes, Abschluss des Studiums und Aufbruch nach Israel
3.3.3.1 Beziehung zu Elias
3.3.3.2 Tod des Freundes und Versinken in Melancholie
3.3.4 Israel: Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit
3.3.4.1 Ankunft in Israel
3.3.4.2 Begegnung mit Ori und Beziehung zu Tal
3.3.4.3 Gefühl der Ortlosigkeit
3.3.4.4 Verschwimmen von Gegenwart und Vergangenheit: Schlussteil
3.4 Haltung und Umgang zur jüdischen Glaubenszugehörigkeit
3.5 Umgang und Haltung zu Ethnizität, Nation und Rassismus
3.6 Identität im sozialen Austausch: Beziehungen und Begegnungen
3.7 Zusammenfassung

4. Abschlussbemerkungen

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Konstruktion des Selbst geschieht in Geschichten.“1 Die Geschichte von Mascha Kogan ist verschlungen: Sie beginnt in Baku, Aserbaidschan, von wo aus die Figur aufgrund der gewalttätigen Konflikte um die Region Bergkarabach nach Deutschland emigriert und endet - offen - bei einem Anschlag im Westjordanland.

Mascha Kogan ist die Protagonistin des 2010 von Olga Grjasnowa veröffentlichten Romans „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ - eine komplexe Figur, die sich nahezu mühelos auf der ganzen Welt situieren könnte, die aber kein Zuhause definieren kann, die Jüdin ist, aber kein Hebräisch, sondern Arabisch spricht, die vom Kindheitsalter an mit einem Trauma lebt, sich nach Geborgenheit sehnt und der eine feste Bindung dennoch schwerzufallen scheint. Eine ebenso komplexe wie vielschichtige Handlung, die die Identität dieser Figur immer wieder neu konstituiert und definiert. Doch wie genau lässt sich die Identitätskonstruktion dieser Figur entschlüsseln, nachvollziehen und interpretieren? Welche Erlebnisse und Begegnungen lassen sich als Referenzpunkte ihrer Identität heranziehen? Und nicht zuletzt: Mit welchen erzählerischen Mitteln wird diese Identitätskonstruktion entfaltet?

Die Identitätskonstruktion der Protagonistin Mascha Kogan ist die zentrale Fragestellung der vorliegenden Arbeit. Da der Roman autodiegetisch konzipiert ist, bietet sich diese Figur, die gleichzeitig Akteurin und Erzählerin der Handlung ist, ideal für diese Themenstellung an. In einem ersten Teil sollen zunächst theoretische Vorüberlegungen, die für die konkrete Analyse von Identität von Bedeutung sind, angestellt sowie verschiedene Identitätsmodelle und -theorien vorgestellt werden. Dabei ist in einem ersten Schritt zu klären, ob man unter der Begrifflichkeit Identität einen permanenten Prozess oder ein statisches Konstrukt verstehen muss, um in einem weiteren Schritt die Theorie der narrativen Identität u.a. in Anlehnung an den französischen Philosophen Paul Ricoeur vorzustellen. Inwiefern die Modernisierung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Einfluss auf die individuelle Identitätskonstruktion eines Subjekts Einfluss genommen hat und welche Faktoren bei einer modernen Identitäts- konstruktion von Wichtigkeit sein können, wird anschließend behandelt. Weiterhin soll unter dem Stichwort Identität und Alterität kurz die Bedeutung des sozialen Umfeldes eines Individuums skizziert werden.

Im zweiten Teil der Arbeit werden die bereits erarbeiteten Konzepte in der textgestützten Analyse der Protagonistin zur Anwendung kommen. Zunächst werden allgemeine für den Roman geltende erzähltheoretische Merkmale, die für die Identität der Protagonistin wichtig sind, vorangestellt ausgearbeitet, jedoch an relevanter Stelle auch später in die Untersuchungen integriert. Ausgehend von der Annahme, dass Identitätsbildung kein statischer Begriff, sondern vielmehr ein immer wieder stattfindender Prozess ist und sich stets in Zusammenwirkung mit anderen Individuen vollzieht, werden anschließend die relevanten Lebensstationen der Protagonistin in chronologischer Ordnung rekonstruiert und in Bezug zu ihrer Identität der Erzählgegenwart gesetzt - so etwa ihre Zukunftspläne, ihre Traumatisierung im Kindheitsalter, ihr Umgang mit Trauer etc. Im Anschluss an diese Untersuchungen werden themenzentrierte Fragen aufgeworfen und diskutiert: Wo situiert sich die Relation der Protagonistin zu ihrer Religion, dem jüdischen Glauben, in ihrer Identität? Welche Rollen spielen Erfahrungen mit vorurteilsgeprägtem Denken, offenem Rassismus und der Umgang mit Multikulturalismus im Allgemeinen? Wie verhält sich die Figur im sozialen Austausch, speziell in Beziehungen? Die Untersuchung stützt sich wesentlich auf die im ersten Teil unter Hinzunahme von Fachliteratur erarbeiteten Modelle und Theorien von Identität.

Die Ergebnisse dieser textgestützten, sowohl auf Inhalt als auch auf Form konzentrierten Analyse werden abschließend zusammengefasst sowie unter Fragestellung, ob es sich hierbei um eine gelungene Identitätskonstruktion handelt, reflektiert.

2. Identität - Grundlagen, Begriffe, Theorien

Identität - was ist das überhaupt? Ein statisches Konstrukt, welches die Individualität eines jeden unveränderlich beschreibt oder vielmehr ein lebenslang andauernder Prozess, in dem individuelle Erfahrungen und Erinnerungen kohärent organisiert und gebündelt werden und der die Individualität eines Subjekts immer wieder neu absteckt? Läuft Identitätskonstruktion unabhängig von äußeren Faktoren ab oder wird sie gerade dadurch beeinflusst? Welche Rolle spielen gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Umbrüche in Bezug auf die Identitätskonstitution des Einzelnen? Diese Überlegungen sind grundlegend vor jeder Analyse einer Identitätskonstruktion und sollen im nachfolgenden Kapitel unter Einbezug verschiedener Identitätstheorien geklärt werden. Dabei sollen zunächst Entwürfe individueller und kollektiver Identität, anschließend das Konzept von Identität und Alterität sowie zum Schluss Aspekte einer modernen Identitätskonstruktion vorgestellt werden.

2.1 Vom statischen Konstrukt zur Theorie der prozessualen Identität

2.1.1 Individuelle Identität im Zuge der Modernisierung

Assmann differenziert in seinen Überlegungen zur Identitätskonstitution zwischen der individuellen und personalen Identität.2 Unter individueller Identität versteht er das subjektiv gestaltete Bewusstsein eines jeden Einzelnen über seine ihn von allen anderen unterscheidende Einzigartigkeit, seine „Unverwechselbarkeit und Unersetzbarkeit“3. Demgegenüber bezeichnet die personale Identität den „Inbegriff aller dem Einzelnen durch Eingliederung in spezifische Konstellationen des Sozialgefüges zukommenden Rollen, Eigenschaften und Kompetenzen“4 ; hier wird also die Rolle, die dem gesellschaftlichen Umfeld des Einzelnen bei der individuellen Identitätskonstruktion zukommt, deutlich betont. Assmann unterstreicht weiterhin, dass diese beiden Komponenten der individuellen Identität immer „soziogen und kulturell determiniert“5 sind; beide Prozesse, der der Individuation und der der Sozialisation, verlaufen in kulturell vorgezeichneten Bahnen. Beide Identitätsaspekte sind Sache eines Bewußtseins, das durch Sprache und Vorstellungswelt, Werte und Normen einer Kultur und Epoche in spezifischer Weise geformt und bestimmt wird. Die Gesellschaft erscheint so […] nicht als eine dem Einzelnen gegenüberstehende Größe, sondern als konstituierendes Element seines Selbst. Identität, auch Ich-Identität, ist immer ein gesellschaftliches Konstrukt und als solches immer kulturelle Identität.6

Diese These findet auch bei Glomb Bestätigung, nach dessen Definition sich die Konstitution personaler Identität stets am „Schnittpunkt von gesellschaftlicher Interaktion und individueller Biographie“7 abspielt. Dabei wirft er auch die Frage nach der Beständigkeit und Kontinuität dieser sozialen Faktoren auf - und, aufgrund des großen Einflusses, den diese auf die individuelle Identitätskonstitution nehmen - auch nach der Stabilität der Identität eines Individuums als solche. Eine Frage, die sich bei Keupp präzise formuliert wiederfindet: „Wo soll denn das Statische herkommen in einer so fluiden gesellschaftlichen Situation?“8 Durch langfristig entstandene soziale, wirtschaftliche und politische Umbrüche sowie in jüngerer Zeit neue Medien, Freizügigkeit in einer globalisierten Welt, schnelle und stichwortartige Kommunikationsformen, Massenmedien und auch soziale Netzwerke findet der Individualisierungsprozess der persönlichen Biographie immer neue Möglichkeiten und Ausdrucksformen, steht aber genauso vor immer neuen Herausforderungen und Fragestellungen nach der individuellen Verortung. Es stellt sich demnach die Frage nach den „identitätsstrategischen Konsequenzen einer gesellschaftlichen Situation, in der dem Subjekt nach wie vor zugemutet wird, sich kohärent zu erleben und zu erzählen, in dem aber soziale Modelle dafür immer weniger integrationsmächtig sind.“9 So diagnostiziert auch Hall diesen Prozess der sich auflösenden kollektiven Identitäten, die vormals als sinnstiftend gerade in Bezug auf die personale Identität gewirkt haben:

Denn mit dem relativen Niedergang, der Erosion und Instabilität des Nationalstaats, der Autarkie der nationalen Ökonomien und somit auch der nationalen Identitäten fand gleichzeitig eine Fragmentierung und Erosion der kollektiven Identitäten statt. […] Diese Identitäten platzierten, positionierten und stabilisierten uns und ermöglichten uns gleichzeitig, die Imperative des individuellen Ich fast wie einen Code zu lesen und zu verstehen […].10

Die Auflösung vormals Sinn gebender Strukturen nehmen demnach erheblichen Einfluss auf die Ausbildung individueller Identität, wie auch Glomb zusammenfassend feststellt, indem er die Identitätskonstitution früherer sozialer Organisationsformen denen moderner Strukturen gegenüberstellt: Die vormals gegebene Einbettung der Person in eine von stabilen Sozial- und Sinnstrukturen […] geprägte Gemeinschaft [habe] in höherem Maße zu einer unproblematischen I. beigetragen als das Leben in einer nicht mehr in ihrer Gesamtheit überschaubaren, funktional ausdifferenzierten und von einer Vielzahl konkurrierender Sinnsysteme [...] bestimmten modernen Gesellschaften, in denen aufgrund der Relativität bzw. des Fehlens überindividuell gültiger Orientierungen und Normen I. zur vom Individuum erbringenden Leistung wird.11

Mit der Auffassung von Identitätskonstruktion als Leistung führt Glomb den Begriff der aktiv vom Subjekt ausgehenden Synthese von Identität ein, die nicht länger als statisches Konstrukt in einer fluiden Gesellschaft interpretiert werden kann, als „stabile Referenzpunkte […], die in der Vergangenheit, der Gegenwart und für alle Zukunft Ruhepunkte in einer sich wandelnden Welt darstellen“12 ; sie muss vielmehr als andauernder und vom Individuum immer wieder zu bewältigender Prozess begriffen werden.

Da diese These, die für die vorliegende Arbeit von zentraler Bedeutung ist, in der Forschungsliteratur weitgehend Bestätigung gefunden hat, stellt sich zum Schluss dieses Kapitels die Frage nach der Abschließbarkeit dieses persönlichen Projektes der Identitätskonstruktion. Findet Identitätsbildung ausschließlich in einem bestimmten Lebensabschnitt statt, an dessen Ende ein stabiles Ergebnis steht, oder handelt es sich hierbei um eine lebenslange Entwicklung? Ausgehend von der These, dass nicht nur Identität selbst, sondern auch die bereits erwähnten sozialen und kulturellen Einflussfaktoren beständiger Veränderung unterliegen, soll an dieser Stelle davon ausgegangen werden, dass Identitätsbildung als lebenslanger Prozess begriffen wird, „den zu untersuchen nur Sinn macht, wenn man die Situierung des einzelnen in Zeit, Raum und Gesellschaft“13 in die Untersuchungen integriert. In diesem Zusammenhang soll im nachfolgenden Abschnitt die Theorie der narrativen Identität eingeführt werden.

2.1.2 Narrative Identität

Im Anschluss an seine Thesen der Auswirkungen der erodierten sozialen und politischen Bedingungsfaktoren auf die individuelle Identitätsbildung fordert Hall:

Statt Identität als eine schon vollendete Tatsache zu begreifen, sollten wir uns vielleicht Identität als eine 'Produktion' vorstellen, die niemals vollendet ist, sich immer in einem Prozess befindet, und immer innerhalb - nicht außerhalb - der Repräsentation konstituiert wird.14

Doch wie kann man sich diesen Produktionsprozess individueller Identität konkret vorstellen? Kraus führt in diesem Zusammenhang den maßgeblich von Paul Ricoeur geprägten Begriff der narrativen Identität und der Selbst-Narration ein. Dabei geht er davon aus, dass die Prozeßziele der Kohärenz und Kontinuität in der Identitätsbildung mit dem Mittel der Selbst-Narration erreicht werden. […] Erzählend organisiert das Subjekt die Vielgestaltigkeit seines Erlebens in einen geschlossenen Verweisungszusammenhang. Die narrativen Strukturen sind indes keine Eigenschöpfung des Individuums, sondern im sozialen Kontext verankert und von ihm beeinflusst, so daß ihre Genese und ihre Veränderung in einem komplexen sozialen Prozeß stattfinden.15

Dabei versteht man unter einer Selbst-Narration „die Art und Weise, in der das Individuum relevante Ereignisse auf der Zeitachse aufeinander bezieht.“16 In dieser Auffassung von Identitätskonstruktion wird diese zu einem „permanenten reflexiven Prozeß“17, dessen Abschlüsse stets nur als Zwischenergebnisse, jedoch nie als vollständige Endresultate interpretiert werden können - von Bedeutung sind gerade „die Offenheit und Unabgeschlossenheit des Sich-Erzählens. Kohärenz und Kontinuität müssen immer wieder von Neuem erkämpft werden.“18 Mit dieser Theorie wird den stetigen Veränderungen und Verlagerungen der gesellschaftlichen Entwicklung und deren Einfluss auf die persönliche Biographie und individuelle Identität des Einzelnen Rechnung getragen sowie die finale Abschließbarkeit einer subjektiven Identitätskonstruktion negiert.

Ricoeur verlagert diese Perspektive der Identitätskonstruktion auf die Ebene der Erzähltheorie. Vorab sei gesagt, dass sich personale Identität nach seiner Definition aus zwei Komponenten formt, der Selbigkeit (lat. idem) und der Selbstheit (lat. ipse) . 19 Diese polaren Begrifflichkeiten definieren die Spannung zwischen identischem, also gleichbleibendem Selbst (ipse) und die Frage nach dessen Veränderlichkeit in der Zeit20, also der zentralen Fragestellung der Identitätsproblematik (vgl. Kap. 2.1.1). Als Reaktion auf dieses Spannungsfeld führt er die Begrifflichkeit der narrativen Identität ein, die zwischen diesen antagonistischen Polen vermittle und sie zusammenhalte, „die Beständigkeit in der Zeit des Charakters und […] [die] Selbst-Ständigkeit“21, wobei der entscheidende Schritt in Richtung einer narrativen Auffassung personaler Identität […] mit dem Übergang von der Handlung zur Figur getan [ist]. Eine Figur ist derjenige, der die Handlung in der Erzählung vollzieht.22

In der Auffassung, dass Leben und also auch Identität stets in Geschichten und Erzählungen geordnet wird, überträgt er diese Thesen auf die Erzähltheorie, wonach sich also Identitätsbildung stets narrativ in enger Wechselwirkung mit dem Plot vollzieht:

Die Erzählung konstruiert die Identität der Figur, die man ihre narrative Identität nennen darf, indem sie die Identität der erzählten Geschichte konstruiert. Es ist die Identität der Geschichte, die die Identität der Figur bewirkt.23

Identität wird also durch Handlung bedingt. Nach diesem kurzen Exkurs zur Erzähltheorie, der als theoretische Grundlage für die Analyse narrativer Entfaltung von Identität im vorliegenden Roman relevant sein wird, soll sich im Folgenden auf die Aspekte „Identität und Alterität“ sowie Aspekte einer modernen Identitätskonstruktion konzentriert werden, da diese für die spätere inhaltsgestützte Analyse der Protagonistin Mascha Kogan aus Olga Grjasnowas Roman von Bedeutung sind.

2.2 Identität und Alterität

Keupp betont die Bedeutsamkeit eines sozialen Gegenübers für die individuelle und subjektive Identitätsausbildung.24 Er geht davon aus, dass „wir unsere Identität, unsere unverwechselbare Eigenheit nur in engem Zusammenwirken mit „den anderen“, mit unserem sozialen Umfeld entwickeln und bewahren können“25. Auch bei der Theorie der narrativen Identität findet sich diese These wieder; so betont Kraus, dass die „Geschichten, die wir erzählen, […] keine individuellen Besitztümer, sondern als Produkte sozialen Austauschs zu verstehen“26 sind. Es wird also deutlich, dass sich Identität stets aus einem Zusammenspiel des individuellen Bildes des Subjekts über sich selbst, durch die große gesellschaftliche Struktur, die es umgibt, sowie einem konkreten persönlichen Umfeld konstituiert. In diesem Zusammenhang erscheint Identität als ein variables soziales Konstrukt, dass sich nicht autonom entwickeln kann, sondern der beständigen Interaktion wie auch der sozialen Anerkennung durch andere Individuen bedarf. Folgt man dieser These und steigert sie ins Extreme, so kann subjektive Identitätsbildung auch als eher passiver Akt, der auch durch die Objektsetzung durch andere vonstatten gehen kann, interpretiert werden. Die Problematik, die sich aus diesem Abhängigkeitsverhältnis ableiten lassen kann, erscheint logisch:

Soziale Zuschreibungen sind eine Realität menschlichen Lebens. Sie können willkommen sein, weil sie Verhaltenssicherheit bieten: Dafür […] gibt es Rollenmodelle. Die Zuschreibungen können aber auch zu Problemen führen, wenn das Subjekt spürt, daß „es selbst“ noch mehr oder auch ganz anders ist, als seine Rollen ihm vorgeben.27

Problematisch kann eine Identitätskonstruktion demnach werden, wenn die sozialen Rollenzuschreibungen sich nicht mit der subjektiven Identität eines Individuums kohärent organisieren lassen und die mit dem Rollenbild verknüpfte Erwartungshaltung sich nicht mit dem eigenen Selbstverständnis deckt. Eine weitere Problematik in der subjektiven Identitätsausbildung in Zusammenwirkung mit dem sozialen Umfeld sieht Keupp auch hier in den raschen Veränderungen, die die modernisierte Gesellschaftsordnung mit sich bringt: Hier „werden Kollektive brüchiger, und ihre Möglichkeit, einen sicheren Hafen sozialer Zugehörigkeit und daraus erwachsender Anerkennung zu bieten, schrumpft beständig.“28 Dies verschärft sich womöglich, wenn das Individuum, etwa als Angehöriger einer Familie mit Migrationshintergrund, zwischen verschiedenen Gesellschaftsformen steht und von ihm eine Situierung gefordert wird - eine „identitäre[] Krisenzeit[]“ als Folge von „Entwurzelung aus der Herkunftsgesellschaft und [...] Neuverwurzelung in der Aufnahmegesellschaft“29, wie es bei der Protagonistin in Olga Grjasnowas Roman der Fall ist. Dies sei an späterer Stelle ebenfalls zu berücksichtigen.

2.4 Aspekte der modernen Identitätskonstruktion

Welche Aspekte lassen sich nun konkret zur Konstruktion von Identität heranziehen und sich ebenso als Ansatzpunkte für die spätere Analyse der Protagonistin des vorliegenden Romans heranziehen? Zunächst seien Kriterien genannt, die eine Einordnung in und eine Teilhabe an der kollektiven Identität einer Gruppe ermöglichen: Zugehörigkeit zu einer Nation, Religion und Sprache; Aspekte, die Assmann als Teil eines gemeinsamen Sinnsystems definiert.30 Antor benennt außerdem beispielsweise Ethnizität als wesentlichen Faktor der Identitätskonstitution von Subjekten […], da die Zugehörigkeit zu und Identifikation mit einer bestimmten ethnischen Gruppe gleichzeitig eine Platzierung in einem kulturellen, historischen und sprachlichen Raum bedeutet und somit eine Situierung in der Welt im Sinne einer Selbstdefinition darstellt.31

Ebenso ermöglicht das Beherrschen einer oder mehrerer Sprachen die Verortung des Individuums in den es umgebenden Kontext und ist insofern „nicht primär ein Mittel der Kommunikation; sie ist vor allem ein Werkzeug kultureller Konstruktion, mit dessen Hilfe unsere wahre Identität und unser wahrer Sinn konstituiert werden“32 - eine interessante These in Bezug auf die Figur Mascha Kogan, da sie als Dolmetscherin mehrere Sprachen bis zur Automatisierung beherrscht. Damit verbunden ist bei dieser Figur auch der Aspekt der Erwerbsarbeit heranzuziehen, die laut Keupp einen der „wesentlichsten Stützpfeiler von Identität“33 darstelle. Durch diese werden Teilhabe an der Gesellschaft, finanzielle und materielle Unabhängigkeit z.B. vom Elternhaus oder vom Staat sowie Verwirklichung der persönlichen Ziele ermöglicht. Sie ist als solche „sinnstiftende Instanz“ […]. Sich selbst als Produzent, Wertschöpfer, Kooperationspartner und Teil eines gesellschaftlichen Zusammenhangs zu erfahren, ist außerhalb von Erwerbsarbeit bisher kaum möglich. Es ist eine spezifische Form von sozialer Zugehörigkeit und Einbindung, die über Arbeit vermittelt wird. Die Identitätsarbeit der Subjekte besteht darin, Arbeitsverhältnisse in eine Richtung zu gestalten, die ihre Möglichkeiten von Selbstverwirklichung und Handlungsfähigkeit erweitert.34

Ebenso nennt Keupp partnerschaftliche Beziehungen und geschlechtliche Einordnung als wesentliches Kriterium bei der Identitätskonstruktion junger Erwachsener. Partnerschaften und Liebesbeziehungen dienen erstens der Ablösung von der Ursprungsfamilie sowie zweitens der Positionierung in Bezug auf das individuelle Geschlecht: „Junge Erwachsene erzählen sich nicht als einsame Individuen. Identität wird im Bereich von Intimität und Partnerschaft in starkem Maß als von einem signifikanten Anderen abhängig und auf diesen bezogen erfahren.“35

Im Gegensatz zu festen Partnerschaften betrachtet Keupp sehr frühe feste Bindungen oder im Gegenteil promiskuitives Verhalten als die Folge einer individuellen Identitätsschwäche, deren Ursache „oftmals frühere Verletzungen und Traumata“36 seien - dies gilt es ebenfalls im Hinblick auf die Protagonistin des vorliegenden Romans zu hinterfragen. Keupp benennt ebenso soziale Netzwerke als Motoren der Identitätskonstruktion junger Erwachsener; tatsächlich spielen diese Medien im vorliegenden Roman jedoch keine relevante Rolle und sollen daher nicht in die nachfolgenden Überlegungen integriert werden. Die anderen hier dargestellten Aspekte wie Ethnizität, Religion, Sprache, Erwerbsarbeit und geschlechtliche Beziehungen sollen dahingegen als wesentliche Kriterien der Identitäts- konstruktion auf inhaltlicher Ebene im nachfolgenden Kapitel herangezogen werden.

3. Identitätskonstruktion der Protagonistin Mascha Kogan in Olga Grjasnowas Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“

Nachdem im vorangegangenen Kapitel verschiedene Modelle, Theorien und Kriterien der Identitätskonstruktion vorgestellt wurden, sollen diese im nun folgenden Teil in der Analyse der Identität der Protagonistin Mascha Kogan von Olga Grjasnowas Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ zur Anwendung kommen. Da der Roman autodiegetisch konzipiert ist, also aus der Ich-Perspektive der Protagonistin selbst erzählt wird, bietet sich diese Figur ideal für die vorzunehmende Untersuchung an.

In Anlehnung an Ricoeurs These, dass sich „literarische Erzählungen und Lebensgeschichten nicht nur einander nicht ausschließen, sondern sich - trotz oder wegen ihres Kontrastes - ergänzen“37, scheint es sinnvoll, bei der Analyse der Identitätskonstruktion der Protagonistin Mascha Kogan sowohl erzähltheoretische, d.h. formale, als auch inhaltliche Aspekte in die Untersuchung zu integrieren. Weiterhin geht Ricoeur davon aus, dass „jede Fabelkomposition auf einer wechselseitigen Genese zwischen der Entwicklung einer Figur und derjenigen einer erzählten Geschichte beruht“38 und dass als Folge dieser Überlegung die „Figur im gesamten Handlungsverlauf eine Identität, die zu derjenigen der Geschichte korrelativ ist“39, entwickelt. In diesem Zusammenhang und ebenso in Anlehnung an Kraus' Begrifflichkeit der „situative[n] Identitäten“40 wird sich die anschließende Untersuchung zunächst in mehrere Teile gliedern, die die unterschiedlichen Lebenssituationen der Protagonistin in chronologischer Reihenfolge rekonstruieren, um gemäß dieser Thesen vom Verlauf der Handlung auf die Entwicklung ihrer Identität rückschließen zu können: Zunächst werden ihre Herkunft, ihr familiäres Umfeld und ihre Traumatisierung im Kindheitsalter sowie die Umstände der Emigration aus der ehemaligen Sowjetrepublik Aserbaidschan nach Deutschland untersucht. In einem nächsten Schritt werden ihre Schulzeit und Zukunftspläne sowie das Studium in Deutschland bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Romanhandlung einsetzt, dargestellt: die Fußballverletzung ihres Freundes Elias in der Endphase ihres Studiums. Bis zu diesem Zeitpunkt werden alle relevanten Inhaltspunkte anhand von Rückblenden aus der subjektiven Erinnerung der Protagonistin rekonstruiert - entsprechend der These, dass „Erinnerung als unverzichtbarer Bestandteil von Identitätsarbeit“41 wirkt.

Der Umgang mit dem Tod ihres Freundes - sowohl in Deutschland als auch in Israel - wird die Grundlage des folgenden Abschnitts bilden. Die Begegnungen und Beziehungen, die sie während all dieser unterschiedlichen Lebensabschnitte führt, sollen gemäß der These von Identität und Alterität dabei ebenso in die Überlegungen integriert werden. Auch die unter 2.4 dargestellten, von Keupp genannten Kriterien einer modernen Identitätskonstruktion werden an relevanten Stellen in die Untersuchungen einbezogen.

Im Anschluss an die situationsspezifischen, einer chronologischen Ordnung entsprechenden Untersuchungen sollen einzelne Aspekte der individuellen Identitätskonstruktion gemäß Keupps Kriterien, die zentral für eine moderne Identitätskonstitution sind, in gesonderten Abschnitten zusammenfassend beleuchtet und interpretiert werden. Dazu gehören u.a. die Haltung der Protagonistin zu religiösen Fragestellungen sowie ihrer Zugehörigkeit zur jüdischen Glaubensgemeinschaft, ihre Erfahrungen und Umgang mit Vorurteilen und Rassismus sowie abschließend unter dem Stichwort Identität und Alterität ihre partnerschaftlichen Beziehungen. Die Ergebnisse werden zum Ende der Untersuchung noch einmal zusammengefasst und der Reflektion unterzogen, ob es sich um eine gelungene Identitätskonstruktion handelt.

Dabei soll stets die Untersuchung erzählerischer Mittel, die zur Komposition der Handlung und also auch der Figur eingesetzt werden, an relevanten Stellen in die Überlegungen integriert werden. Bei dieser Analyse der Form wird sich eng an der von Martínez/Scheffel gewählten Kategorisierung des „„Wie“ der Darstellung“42 orientiert und anhand der von ihnen vorgeschlagenen Organisation in Zeit, Stimme und Modus43 gearbeitet.

Bevor sich nun der chronologischen inhaltsgestützten Analyse der Figur zugewandt wird, sollen zunächst zentrale Kriterien der erzählerischen Form, die als grundlegend für den gesamten Roman gelten können, festgestellt werden: Dabei handelt es sich um die Organisation von Zeit und die Erzählerfigur. Auch an späterer Stelle werden Überlegungen zu diesen Kriterien wiederholt in die Untersuchung eingebunden.

[...]


1 Kraus, Das erzählte Selbst, S.168.

2 vgl. Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, S.137f.

3 ebd., S.137f.

4 ebd., S.138.

5 ebd., S.138.

6 ebd., S.138.

7 Glomb, Identität, S.307.

8 Keupp, Identitätskonstruktionen, S.76.

9 Kraus, Das erzählte Selbst, S.159.

10 Hall, Rassismus, S.69.

11 Glomb, Identität, S.307.

12 Hall, Rassismus, S.47.

13 Keupp, Identitätskonstruktionen, S.66.

14 Hall, Rassismus, S.26.

15 Kraus, Das erzählte Selbst, S.159.

16 Keupp, Identitätskonstruktionen, S.208.

17 Kraus, Das erzählte Selbst, S.161.

18 ebd., S.161.

19 vgl. Ricoeur, Das Selbst als ein Anderer, S.142-171.

20 vgl. Haas, Kein Selbst ohne Geschichten, S.76.

21 Ricoeur, Das Selbst als ein anderer, S. 203.

22 ebd., S.176.

23 ebd., S.182.

24 Vgl. dazu ebd., Identität und Alterität - Identität als soziales Konstrukt, S.95-100.

25 ebd., S.67.

26 Kraus, Das erzählte Selbst, S.170.

27 Keupp, Identitätskonstruktionen, S. 96.

28 ebd., S.99.

29 Kreppel, Deutsch. Jüdisch. Israelisch, S.22.

30 vgl. Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, S.139.

31 Antor, Ethnizität, S.183.

32 Chambers, Migration - Kultur - Identität, S.28.

33 Keupp, Identitätskonstruktionen, S.111.

34 ebd., S.129.

35 ebd., S.150.

36 ebd., S.137.

37 Ricoeur, Das Selbst als ein Anderer, S.200.

38 ebd., S.178.

39 ebd., S.177.

40 Kraus, Das erzählte Selbst, S.171.

41 Neuhaus, Identität durch Erinnerung, S.60.

42 Martínez/Scheffel, Erzähltheorie, S.29-91.

43 Die von Martínez/Scheffel vorgeschlagenen Begrifflichkeiten der Erzähltheorie werden für die folgenden Kapitel übernommen.

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Identitätskonstruktion in Olga Grjasnowas Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft)
Note
1,5
Autor
Jahr
2014
Seiten
46
Katalognummer
V318784
ISBN (eBook)
9783668179363
ISBN (Buch)
9783668179370
Dateigröße
754 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
identiät, Zeitgenössische Literatur, Olga Grjasnowa, Trauma
Arbeit zitieren
Stephanie Frauenkron (Autor), 2014, Identitätskonstruktion in Olga Grjasnowas Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318784

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