Der Psychiater und Schriftsteller Bruno Alfred Döblin hat mit dem 1929 erschienenen Roman „Berlin Alexanderplatz“ seinen erfolgreichsten Text geschrieben. Das Werk gilt als einer der Schlüsseltexte der deutschen Moderne. Erzählt wird die Geschichte des Transportarbeiters Franz Biberkopf, der zu Beginn des Romans aus dem Gefängnis entlassen wird und als ehrlicher Mann im Berlin der Weimarer Republik in ein anständiges Leben zurückfinden will. Dieser „Roman der Stimmen“, dessen Figuren allesamt Außenseiter der bürgerlichen Gesellschaft sind, ist ein Ausdruck des Innenlebens benachteiligter Schichten, das in der Literatur häufig nur schwer zur Sprache findet.
Die erste Figur, der Biberkopf nach der Entlassung aus dem Gefängnis zu Beginn des Romans begegnet, ist der Jude Nachum, der den verstörten Fremden in die Wohnung eines Rabbiners bringt. Eine Untersuchung des Themas Antisemitismus in den Werken Alfred Döblins mag auf den ersten Blick überraschend erscheinen, da der Autor selbst in einer jüdischen Familie aufgewachsen ist, vor den Nazis ins Exil flüchten musste und seine Bucher während der Nazizeit gar zur verbotenen Literatur gehörten. Döblins Biographie zeigt jedoch, dass eine Definition bzw. Identifikation als „Jude“ seitens der Gesellschaft nicht zwangsläufig eine ebensolche Selbstidentifikation voraussetzt oder nach sich zieht: Döblin spürte zu dem Judentum nie eine tiefe Verbindung, trat sehr früh aus der jüdischen Gemeinde aus und konvertierte später zum Katholizismus.
Nichtsdestotrotz spielte das Judentum in seiner Biographie eine nicht zu unterschätzende Rolle, da die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sowohl für sein Leben weitreichende physische Konsequenzen hatten, von denen die Flucht ins amerikanische Exil nur die auffälligste ist, als auch eine innere Auseinandersetzung mit seiner eigenen Identität forderten. Im letzten Teil der Arbeit gehe ich deshalb auf Döblins Judenbild und die Darstellung der Juden in seinem autobiographischen Reisebericht „Reise in Polen“ ausführlicher ein, da das literarische Werk besonders bei dieser Untersuchung auch vor dem Hintergrund der Biographie des Autors zu sehen ist und nicht von dieser getrennt betrachtet werden sollte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Literarischer Antisemitismus
3. Die jüdischen Figuren in Berlin Alexanderplatz
3.1. Inhaltliche Darstellung
3.2. Beschreibung des Äußeren
3.3. Ort der Begegnungen
3.4. Gestaltung der Figurenrede
3.4.1. Die Bedeutung der Sprache im Judentum
3.4.2. Die Gestaltung der Sprache in Berlin Alexanderplatz
3.5. Charakterzüge der Figuren
3.5.1. Erste Begegnung
3.5.2. Zweite Begegnung
3.5.3. Dritte Begegnung
3.6. Indikatoren des literarischen Antisemitismus
4. Die jüdischen Figuren in Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine
4.1. Inhaltliche Darstellung
4.2. Indikatoren
5. Die jüdischen Figuren in Verratenes Volk
5.1. Inhaltlich Darstellung
5.2. Indikatoren
6. Vergleich der Darstellung der jüdischen Figuren in den Werken
7. Alfred Döblins Bezug zum Judentum
7.1. Kindheit
7.2. Döblins Annäherung an das Judentum ab 1921
7.3. Reise in Polen
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung jüdischer Figuren in ausgewählten Werken von Alfred Döblin unter dem Aspekt des literarischen Antisemitismus. Ziel ist es zu analysieren, ob und inwiefern sich die Charakterisierung der jüdischen Gestalten – insbesondere im Hinblick auf Sprache, Äußeres und Verhalten – als antisemitisch interpretieren lässt und wie sich Döblins eigene, komplexe Beziehung zum Judentum in dieser literarischen Gestaltung widerspiegelt.
- Analyse der Darstellung jüdischer Figuren in Berlin Alexanderplatz.
- Vergleichende Untersuchung der Werke Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine und Verratenes Volk.
- Erarbeitung von Indikatoren für literarischen Antisemitismus.
- Einbettung der literarischen Analyse in die Biografie Alfred Döblins und seinen persönlichen Bezug zum Judentum.
- Differenzierung zwischen klischeehaften Stereotypen und einer realistischen Figurenzeichnung im Kontext der jeweiligen Zeit.
Auszug aus dem Buch
3.4.2. Die Gestaltung der Sprache in Berlin Alexanderplatz
Die Sprache des Romans Berlin Alexanderplatz zeugt von großem Realismus. Rückblickend stellte Döblin fest: „Ich konnte mich auf die Sprache verlassen: die gesprochene Berliner Sprache; aus ihr konnte ich schöpfen […]“. Der innerere Monolog hebt sich nicht als solcher von der äußeren Rede ab. Die Figuren „sprechen“ innerlich so artikuliert wie äußerlich, auch zwischen Sprechakten verschiedener Sprecher wird nicht unterschieden. Das soziale Milieu der Charaktere determiniert im Roman deren sprachliches Verhalten. Die soziolinguistisch am stärksten bestimmende Sprachschicht in Berlin Alexanderplatz ist das Berlinerische, die Sprache des einheimischen Franz Biberkopf. Das Werk ist von einem so dichten Netz von Berlinismen durchzogen, dass es Walter Benjamin mit Recht ein „Monument des Berlinischen“ nennt. Döblin, der mit dem Jiddischen vertraut war und sogar selbst versuchte, es zu lernen, verwendet nun in der Gestaltung der Figurenrede der jüdischen Figuren in das Deutsche assimilierte Eigenheiten der jiddischen Aussprache. Die Dehnung in offener Silbe ist noch nicht durchgeführt worden (bsp. statt jener jenner), der Umlaut ö wird zu einem langen ee (bsp. statt schön scheen), der Umlaut ü zu einem kurzen i (bsp. statt Übeltaten Ibeltaten) und der Diphthong eu zu einem offenem ai (bsp. statt Freuden Fraiden).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema der Arbeit, Vorstellung der Forschungsfrage sowie kurzer Abriss über die Bedeutung der jüdischen Figuren in Berlin Alexanderplatz.
2. Literarischer Antisemitismus: Definition des Begriffs sowie Vorstellung von Indikatoren zur Identifizierung antisemitischer Tendenzen in literarischen Texten.
3. Die jüdischen Figuren in Berlin Alexanderplatz: Detaillierte Analyse der Darstellung der jüdischen Charaktere im Hauptwerk Döblins unter Berücksichtigung von Sprache, Äußeren und Charakterzügen.
4. Die jüdischen Figuren in Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine: Untersuchung der jüdischen Figuren in Döblins Frühwerk und Identifizierung antisemitischer Klischees in der Figurenzeichnung.
5. Die jüdischen Figuren in Verratenes Volk: Analyse der Figuren im Spätwerk vor dem Hintergrund von Exil und persönlicher Auseinandersetzung Döblins mit der eigenen Identität.
6. Vergleich der Darstellung der jüdischen Figuren in den Werken: Synthese der Ergebnisse und Gegenüberstellung der unterschiedlichen Zeichnung jüdischer Figuren über Döblins Schaffensphasen hinweg.
7. Alfred Döblins Bezug zum Judentum: Biografische Untersuchung des Autors, seines persönlichen Verhältnisses zum Judentum sowie seiner Reiseerfahrungen in Polen.
8. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage und Einordnung der Ergebnisse in den Kontext von Döblins Gesamtwerk.
Schlüsselwörter
Alfred Döblin, Berlin Alexanderplatz, literarischer Antisemitismus, jüdische Figuren, Jiddisch, Ostjudentum, Stereotype, Identität, Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine, Verratenes Volk, Reise in Polen, Literaturwissenschaft, Weimarer Republik, Diaspora, Assimilation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Alfred Döblin in seinem Roman Berlin Alexanderplatz sowie in zwei weiteren Werken (Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine und Verratenes Volk) jüdische Figuren darstellt und ob diese Darstellung als Ausdruck von literarischem Antisemitismus zu werten ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die literarische Charakterisierung jüdischer Figuren, die Verwendung von Klischees und Sprachmustern (insbesondere Jiddisch) sowie der Einfluss von Döblins eigener Biografie und Identitätssuche auf seine literarische Arbeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es zu überprüfen, ob sich in den Werken ein intentionaler oder fahrlässiger literarischer Antisemitismus nachweisen lässt oder ob die Figurenzeichnung eine realistische Spiegelung des damaligen sozialen Kontextes darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die sich auf Kriterien für literarischen Antisemitismus (u.a. nach Martin Gubser und Klaus-Michael Bogdal) stützt und diese mit biographischen Hintergründen des Autors sowie zeitgeschichtlichen Kontexten verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Analyse der Werke, den Vergleich der Figurendarstellungen über Döblins Schaffensperioden hinweg und die Untersuchung von Döblins persönlichem Bezug zum Judentum und seiner Identität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie literarischer Antisemitismus, Alfred Döblin, jüdische Identität, Jiddisch, Stereotype und Literatur der Moderne charakterisieren.
Inwiefern beeinflusste Döblins Reise nach Polen seine Sicht auf das Judentum?
Die Reise war ein zentrales Ereignis, das Döblins Interesse am Ostjudentum weckte und seinen Blick von der Ablehnung oder Gleichgültigkeit hin zu einer faszinierten, wenn auch ambivalenten Auseinandersetzung mit der jüdischen Kultur und Tradition verschob.
Unterscheidet sich die Darstellung jüdischer Figuren in Döblins Früh- und Spätwerk?
Ja, die Arbeit zeigt eine deutliche Entwicklung: Während im Frühwerk (Wadzeks Kampf) eher klischeehafte und negativ konnotierte Darstellungen dominieren, sind die Figuren in Berlin Alexanderplatz realistischer gezeichnet. Im Spätwerk (Verratenes Volk) wird die Darstellung durch die persönliche Exilerfahrung Döblins diffuser und spiegelt eine kritische Distanz und Hilflosigkeit wider.
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- Janina Jasencak (Author), 2015, Die Darstellung der jüdischen Figuren in Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318817