Was bewegt eine Schülerband dazu, sich nächtelang in einem modrigen und dunklen Kellerraum zu verbarrikadieren und unter ohrenbetäubender Lautstärke die immer selben Songs zu repetieren? Was möchten eine Sängerin wie Conchita Wurst, die Punkband The Clash oder der Rapper Haftbefehl eigentlich zum Ausdruck bringen? Warum verkleiden sich 15-jährige Jugendliche in ihrer Freizeit als Figuren aus Manga-Comics und erlernen das Spielen der Kugelflöte Okarina? Oder warum kommen Menschen dazu, sich als Hippies, Sludger, Slacker, Neogothiker, Cybers, Flattheads, Trancer, Gothic Lolitas, Goa- heads, Noiser, Emos, Shoegazer oder Jumpstyler zu bezeichnen? Kurzum: Welcher Sinn kann Populärkulturen und Subkulturen zugeschrieben werden?
Mögliche Antworten auf diese Fragen können die Cultural Studies liefern: Diesem Ansatz folgend lassen sich populärkulturelle und subkulturelle Phänomene, die weniger als be- deutungsschwangere Objekte, denn vielmehr als soziale Prozesse verstanden werden, auch als „Kunst des Eigensinns“ deuten.
Populärkultur wird hierbei weder unkritisch gefeiert, noch kulturkritisch verdammt, was sich an der Einschränkung des ihr zugesprochenen Eigensinns festhalten lässt. Denn dem Hegelschen Verständnis folgend, ist der Eigensinn „eine Freiheit, welche noch innerhalb der Knechtschaft stehenbleibt. Sowenig ihm die reine Form zum Wesen werden kann, so- wenig ist sie, als Ausbreitung über das Einzelne betrachtet, allgemeines Bilden, absoluter Begriff, sondern eine Geschicklichkeit, welche nur über einiges, nicht über die allgemeine Macht und das ganze gegenständliche Wesen mächtig ist.“
Das Grundanliegen dieser Arbeit besteht darin, der nach Eigensinn suchenden Perspektive der Cultural Studies, die ihrer inneren Konstitution nach selbst ein höchst eigensinnigen Ansatz darstellt, nachzuspüren. Den äußeren Rahmen für diese „Suchaktion“ bildet der kulturvermittelnde Musikunterricht auf erhöhtem Anforderungsniveau. Es soll aus-gehend von den Sichtweisen und Meinungen der Schülerinnen und Schüler über den Weg der qualitativen Forschung ermittelt werden, ob sich der Ansatz der Cultural Studies, der bis dato noch keine explizite didaktische und methodische Transformation in den Musikunterricht erfahren hat, sinnvoll in denselbigen integrieren lässt. Erforscht werden demnach Meinungsbilder, Einstellungen und Zugänge von Jugendlichen im Altern von 15 bis 18 Jahren zu Inhalten und Fragestellungen der Cultural Studies.
Inhaltsübersicht
1. Einleitung
2. Was sind Cultural Studies?
2.1 Eine erste Annäherung
2.1.1 Ausgewählte Definitionsversuche
2.1.2 Fünf wesentliche Charaktermerkmale
2.1.3 Der Kulturbegriff der Cultural Studies
2.2 „Ringen mit den Engeln“ - das theoretische Grundgerüst der Cultural Studies
2.2.1 Die drei Entwicklungsphasen nach Rainer Winter
2.2.2 Zwischen Kulturalismus und Strukturalismus
2.2.3 Kodieren und Dekodieren nach Stuart Hall - ein grundlegendes Modell
2.3 „Die Werkzeugkiste der Cultural Studies“ - praktische Forschungsansätze
2.3.1 Forschungsfelder und „Untersuchungsgegenstände“
2.3.2 Methodenvielfalt
2.3.3 Zwei Beispiele aus der Forschungspraxis
2.3.3.1 Beispiel 1: Subkulturstudien nach Dick Hebdige
2.3.3.2 Beispiel 2: Populärkulturstudien nach John Fiske
2.4 Zwischenfazit I
3. Cultural Studies goes to school I - eine Verortung des Cultural Studies-Ansatzes im theoretischen Kontext der allgemeinen Pädagogik
3.1 Ursprünge der Cultural Studies in der Erwachsenenbildung
3.2 Allgemeines zur Wechselbeziehung zwischen Cultural Studies und Pädagogik
3.3 Cultural Studies und die Kritische Pädagogik
3.3.1 Der Ansatz von Henry Giroux
3.3.2 Der Ansatz von David Buckingham
3.4 Zwischenfazit II
4. Cultural Studies goes to school II - eine qualitativ-empirische Verortung des Cultural Studies-Ansatzes im Musikunterricht der Oberstufe
4.1 Forschungsanliegen und Untersuchungsgegenstand im Allgemeinen
4.2 Gruppendiskussionen
4.2.1 Spezifische Forschungsfragen
4.2.2 Methodisches Vorgehen
4.2.2.1 Qualitative Interviewforschung in Form von Gruppendiskussionen
4.2.2.2 Darstellung des spezifischen Untersuchungsgegenstandes
4.2.2.3 Sampling, Feldzugang und Durchführung
4.2.3 Auswertung der Gruppendiskussionen
4.2.3.1 Transkription
4.2.3.2 Analysemethoden
4.2.4 Ergebnisse
4.2.4.1 Ergebnisse der Gruppendiskussion in Kurs A
4.2.4.2 Ergebnisse der Gruppendiskussion in Kurs B
4.2.4.3 Zusammenfassender Vergleich
4.3 Einzelinterviews
4.3.1 Spezifische Forschungsfragen
4.3.2 Methodisches Vorgehen
4.3.2.1 Qualitative Forschung in Form von offenen Leitfadeninterviews
4.3.2.2 Darstellung des spezifischen Untersuchungsgegenstands
4.3.2.3 Sampling, Feldzugang und Durchführung
4.3.3 Auswertung der Interviews
4.3.3.1 Transkription
4.3.3.2 Analysemethode
4.3.4 Ergebnisse
4.3.4.1 Zusammenfassung des Interviews mit Schüler A
4.3.4.2 Zusammenfassung des Interviews mit Schülerin B
4.3.4.3 Zusammenfassung des Interviews mit Schüler C
4.3.4.3 Zusammenfassung des Interviews mit Schülerin D
4.3.4.4 Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Einzelinterviews
4.4 Synthese der Ergebnisse aus den Gruppendiskussionen und Einzelinterviews - ein kritisches Resümee
4.5 Kritische Reflexion des Forschungsprozesses
5. Diskussion
5.1 Vorschläge für eine weiterreichende Transformation des Cultural Studies-Ansatzes in den Musikunterricht der Oberstufe
5.2 Abschließendes Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern der Ansatz der Cultural Studies, der bisher kaum didaktisch für den Musikunterricht aufbereitet wurde, sinnvoll in den Musikunterricht der gymnasialen Oberstufe integriert werden kann, um die kritische Handlungsfähigkeit (agency) von Jugendlichen zu fördern.
- Grundlagen und zentrale Konzepte der Cultural Studies
- Wechselbeziehung zwischen Cultural Studies und Pädagogik
- Empirische Untersuchung von Meinungsbildern Jugendlicher zu Cultural Studies im Musikunterricht
- Potenziale und Grenzen einer Transformation des Ansatzes in die schulische Praxis
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Was bewegt eine Schülerband dazu, sich nächtelang in einem modrigen und dunklen Kellerraum zu verbarrikadieren und unter ohrenbetäubender Lautstärke die immer selben Songs zu repetieren? Was möchten eine Sängerin wie Conchita Wurst, die Punkband The Clash oder der Rapper Haftbefehl eigentlich zum Ausdruck bringen? Warum verkleiden sich 15-jährige Jugendliche in ihrer Freizeit als Figuren aus Manga-Comics und erlernen das Spielen der Kugelflöte Okarina? Oder warum kommen Menschen dazu, sich als Hippies, Sludger, Slacker, Neogothiker, Cybers, Flattheads, Trancer, Gothic Lolitas, Goa heads, Noiser, Emos, Shoegazer oder Jumpstyler zu bezeichnen? Kurzum: Welcher Sinn kann Populärkulturen und Subkulturen1 zugeschrieben werden?
Mögliche Antworten auf diese Fragen können die Cultural Studies liefern: Diesem Ansatz folgend lassen sich populärkulturelle und subkulturelle Phänomene, die weniger als bedeutungsschwangere Objekte, denn vielmehr als soziale Prozesse verstanden werden, auch als „Kunst des Eigensinns“2 deuten.
Kultur ist demnach ein Medium für spontane Kreativitätsäußerungen im Alltagsleben, über die Kritik an dominanten gesellschaftlichen Zuständen geübt werden kann.3 Das Projekt der Cultural Studies beschäftigt sich, einer ersten groben Orientierung nach, „mit Subkulturen, Gegenkulturen, Minderheiten, alternativen Strömungen, mit deren Widerstandsformen, Widerspenstigkeiten, symbolischen Einwänden sowie kleinen, oft unbemerkt bleib-enden Veränderungen in alltäglichen Praktiken.“4
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Fragestellung ein, warum Jugendliche populärkulturelle und subkulturelle Phänomene verfolgen und wie der Ansatz der Cultural Studies diese als Ausdruck von Eigensinn und sozialer Praxis verstehen kann.
2. Was sind Cultural Studies?: Dieses Kapitel bietet eine komprimierte theoretische Einführung in die Cultural Studies, ihre transdisziplinäre Natur sowie zentrale Konzepte wie Macht, Kultur und Identität.
3. Cultural Studies goes to school I - eine Verortung des Cultural Studies-Ansatzes im theoretischen Kontext der allgemeinen Pädagogik: Hier wird der Ansatz der Cultural Studies im pädagogischen Kontext verortet, wobei insbesondere auf die Kritische Pädagogik und Ansätze von Giroux und Buckingham eingegangen wird.
4. Cultural Studies goes to school II - eine qualitativ-empirische Verortung des Cultural Studies-Ansatzes im Musikunterricht der Oberstufe: Das Kernkapitel präsentiert die methodische Vorgehensweise und die Ergebnisse der empirischen Studie zu Meinungsbildern von Schülern im Musikleistungskurs.
5. Diskussion: Das Kapitel reflektiert die Ergebnisse, liefert konkrete Ansätze für eine didaktische Transformation in den Musikunterricht und zieht ein abschließendes Fazit zur Integration des Ansatzes.
Schlüsselwörter
Cultural Studies, Musikunterricht, Populärkultur, Subkultur, Identität, Macht, Eigensinn, Agency, Kritische Pädagogik, Musikpädagogik, Qualitative Forschung, Gruppendiskussion, Leitfadeninterview, Schülermeinungen, Alltagskultur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob und wie der theoretische Ansatz der Cultural Studies gewinnbringend in den Musikunterricht der gymnasialen Oberstufe integriert werden kann.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Konzepte von Kultur, Macht und Identität sowie die Analyse von Subkulturen und Populärkultur im Kontext der Lebenswelt von Jugendlichen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, das Meinungsbild von Schülern zu erforschen und Ansätze für einen kritischen, lebensweltorientierten Musikunterricht zu entwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt ein qualitativ-empirisches Vorgehen mit Triangulation: Es wurden Gruppendiskussionen in zwei Musikkursen durchgeführt und durch Einzelinterviews ergänzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Verortung (inkl. Pädagogik) und eine umfangreiche empirische Studie inklusive Auswertung und Synthese der Ergebnisse.
Welche Schlüsselbegriffe sind charakteristisch?
Charakteristisch sind die Begriffe "Eigensinn", "Agency", "Macht-Musik-Identität" sowie "kultureller Kreislauf".
Welche Rolle spielt die "Kunst des Eigensinns"?
Der Begriff dient als Obertitel und konzeptionelle Klammer, um populärkulturelle Phänomene als Ausdruck einer widerständigen Handlungsmacht (Agency) zu verstehen.
Welche Rolle spielt die europäische Kunstmusik?
Sie bildet den bisherigen Schwerpunkt im Musikunterricht, wird von Schülern jedoch als normativ empfunden, wobei sie den Wunsch nach einer stärkeren Einbindung aktueller populärer Musik äußern.
- Citar trabajo
- Ansgar Ruppert (Autor), 2015, Die Kunst des Eigensinns. Eine Verortung des Cultural Studies-Ansatzes im Musikunterricht der gymnasialen Oberstufe, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318851