Autonome Nationalisten. Die Lebenswelt einer Jugendkultur und die Möglichkeiten der lebensweltorientierten Sozialarbeit im Kontext Rechtsextremismus


Hausarbeit, 2014

42 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Lebenswelt der Autonomen Nationalist_innen (AN)
2.1 Entwicklung und Differenzierung der Szene
2.2 Profil der AN-Szene
2.2.1 Personenpotential und Strukturen
2.2.2 Selbstverständnis
2.2.3 Die politische Strategie: Themen
2.2.4 Aktionsformen und Gewalt
2.3 Geschlechterverhältnisse

3. Möglichkeiten der lebensweltorientierten Sozialarbeit im Kontext Rechtsextremismus: EXIT-Deutschland als Praxisbeispiel
3.1 EXIT: Allgemeines
3.2 Arbeitet EXIT lebensweltorientiert?
3.3 EXIT und die AN: Welche Angebote und Strukturen von EXIT kann man in der Lebenswelt der AN verorten?

4. Fazit und Ausblick

5. Quellenverzeichnis

6. Anhang

1. Einleitung

Schwerpunkt dieser Arbeit ist die Darstellung der Lebenswelt der Autonomen Nationalist_innen (AN) als eine Form des jugendkulturell orientierten Neonazismus und als Anpassungsversuch des neonazistischen Milieus an Transformationsprozesse der modernen Gesellschaft. Möglichkeiten der lebensweltorientierten Sozialen Arbeit im Kontext Rechtsextremismus werden am Beispiel des Aussteiger_innenprogramms „EXIT-Deutschland“ (EXIT) exemplarisch skizziert. Es wird auf ausgesuchte Aspekte eingegangen, die eine Schnittstelle bilden zwischen der Lebenswelt der AN und den EXIT-Angeboten.

Die Auseinandersetzung mit der Lebenswelt der Klientel ist unbedingte Voraussetzung für die Entwicklung von geeigneten sozialarbeiterischen Hilfen und für die Konzeptualisierung von Strategien der Prävention und der Intervention.

Für ein umfassendes Verständnis der Lebenswelt dieser Jugendkultur ist eine detaillierte Untersuchung zentraler Aspekte zwingend erforderlich. Nach einer Beschreibung der Entwicklung und Ausdifferenzierung der AN-Szene in Deutschland (Kapitel 2.1) wird anschließend im Kapitel 2.2 versucht, ein Profil der Szene zu entwerfen. Elemente des Profils umfassen zum einen das Personenpotential und die regionalen strukturellen Entwicklungen der Szene in Deutschland. Zum anderen ist eine Auseinandersetzung mit den Themen und ihrer politischen Strategie interessant. Das Selbstbild der AN ist auf den ersten Blick widersprüchlich (faschistisch und nationalistisch versus revolutionär und autonom). Entscheidend ist die Auseinandersetzung mit ihrem Selbstbild und ihren stilistischen und ästhetischen Inszenierungspraxen (Kapitel 2.2.2) und die Untersuchung der szenetypischen Handlungsmuster wie Aktions- und Gewaltformen (Kapitel 2.2.3 und 2.2.4). Das Kapitel zur Analyse der Geschlechterverhältnisse (2.3) soll die Skizzierung der Lebenswelt der gewählten Zielgruppe abrunden und inhaltlich ergänzen.

Das dritte Kapitel stellt Möglichkeiten lebensweltorientierter Sozialarbeit im Kontext Rechtsextremismus vor. Für diese Arbeit wurde das Ausstiegsprogramm für Rechtsextreme von EXIT-Deutschland ausgewählt. Es wird geprüft, ob und inwiefern EXIT die Struktur- und Handlungsmaxime der Lebensweltorientierung nach Hans Thiersch in ihrem Programm berücksichtigt (Kapitel 3.2). Schließlich wird gezeigt, welche Angebote von EXIT sich in der Lebenswelt der AN verorten lassen (Kapitel 3.3). Das vierte Kapitel bildet ein Resümee, in dem die wesentlichen Ergebnisse zusammengefasst und ein Fazit formuliert werden. In einem Ausblick werden die Zukunftsperspektiven der AN-Szene als soziale Bewegung beleuchtet.

2. Die Lebenswelt der Autonomen Nationalist_innen (AN)

2.1 Entwicklung und Differenzierung der Szene

Die AN sind eine Strömung innerhalb des militanten Neonazismus in Deutschland. Sie sind Ausdruck einer Modernisierung neofaschistischer Jugendkultur. Das Schlagwort AN beinhaltet kein inhaltlich ausdifferenziertes Konzept, sondern es wird als semi-politisches Label verwendet. In den 1980er Jahren gab es in der extrem rechten Jugendkultur eine Suche nach neuen Artikulations- und Organisationsformen (vgl. Schedler 2011a, S. 18). Es wurde ein Rückgang von parteilich organisierten Aktivist_innen festgestellt: 1987 waren es 2.100 und 1989 nur noch 1.500 Personen (vgl. ebd.). Es bildeten sich informelle Gruppen gewaltbereiter Rechtsextreme, insbesondere Nazi-Skinheads (vgl. ebd.). In den 1990er Jahren konzentrierte sich die organisierte Rechte insbesondere in Westdeutschland (vgl. ebd.). Die rechtsextreme Gewaltwelle während der 1990er Jahre ging oft aus vom rechten Untergrund (Hoyerswerda, Rostock, Solingen) (vgl. ebd.). Es folgte eine Verbotswelle neonazistischer Organisationen, die verheerende Auswirkungen auf die Szene hatte (vgl. ebd.). Christian Worch und Thomas Wulff (Führungspersonen der NPD) regten einen Diskussionsprozess in der Szene an, um neue Organisationsformen zu entwickeln. Daraufhin entstanden die Freien Kameradschaften, vor allem um die eigenen Strukturen gegen Repressionen abzusichern (vgl. ebd. S. 19). Es gab eine Entwicklung von Parteien oder parteiähnlichen überregionalen Zusammenschlüssen hin zu kleinen lokal und regional organisierten Gruppen. Ein absolutes Novum war die Zuordnung zur Gruppe ohne Satzung, Mitgliedsausweis oder Parteibuch. Das Konzept der Freien Kameradschaften war ein Erfolgsmodell, dem sich immer mehr Rechtsextreme anschlossen (vgl. ebd. S. 19-21 und Peters, Schulze 2009, S. 14-16).

Früher war die Organisation der Rechten mit ihrer Führungszentriertheit stark hierarchisch strukturiert, hochschwellig und elitär. Es wurde sich bewusst abgeschottet. Daraus ergab sich eine hohe Repressionsanfälligkeit. Heute ist sie locker strukturiert und hat eine enge Bindung an ihre Umwelt durch lokale Bezüge und einer dezentralen Organisation.

Die ersten AN entstanden aus der Berliner Kameradschaftsszene heraus, insbesondere aus der „Kameradschaft Tor“ in Friedrichshain und Lichtenberg (vgl. Schedler 2011a, S. 30 und Peters 2011, S. 54).[1] Eine Ausdifferenzierung der AN- Szene fand zum Beginn der 2000er Jahre statt (vgl. ebd.). Das vorher begrenzte optische Erscheinungsbild wird aufgebrochen und neu interpretiert und inszeniert: Auffällig ist die Orientierung am politischen Gegner, also die Übernahme von Ausdrucksformen, Ästhetik, Aktionsformen und politischer Arbeitsweise der autonomen linken Szene. Viele Elemente des linken Lifestyles werden bewusst adaptiert und eine neue Erlebniswelt des Rechtsextremismus geschaffen (vgl. Schedler 2011a, S.30f. und Peters 2011, S. 57). Heute sind AN-Szenen insbesondere in Großstädten und Ballungsgebieten und zunehmend auch im ländlichen Raum aktiv (vgl. Schedler 2011a, S.32).

In der deutschen Neonazi-Szene gibt es ein widersprüchliches Verhältnis sowohl im Spannungsverhältnis AN und Kameradschaften, als auch gegenüber dem rechtsextremen Parteienspektrum wie der NPD. In NPD-Kreisen wechselt die Meinung zur AN zwischen Akzeptanz und Verständnis auf der einen und extremer Ablehnung auf der anderen Seite. Die NPD kritisiert die anarchistische Erscheinungsform der AN (vgl. Sager 2011, S. 105). So werden z.B. Demonstrationen als Spaßveranstaltungen deklariert (vgl. ebd. S. 110). Insbesondere das Kopieren von Ästhetik und anderen Stil- und Ausdrucksformen der Linken (ihrer politischen Gegner), die Verwendung von Anglizismen sowie die hohe Gewaltbereitschaft in der AN-Szene werden kritisiert (vgl. ebd.).

So hieß es z.B. in einer Erklärung des NPD-Präsidiums von 2007: „Unsere Fahnen sind schwarz- unsere Blöcke nicht“ (NPD-Parteipräsidium Berlin 2007). Auf der anderen Seite zeigte der ehemalige NPD-Parteivorsitzende Udo Voigt Verständnis für die AN, als er sie in einer Wahlkampfveranstaltung ausdrücklich grüßte und betonte, dass der Konflikt durch die Medien forciert wurde (vgl. Peters, Schulze 2009, S. 48).

Diese widersprüchliche Positionierung zur AN-Szene hat folgende Gründe: Auf der einen Seite braucht die NPD so viel Unterstützung und Personenpotential wie möglich (besonders auf Demonstrationen und anderen Großveranstaltungen). Hier werden AN-Aktivist_innen zur Verstärkung gebraucht. Auf der anderen Seite hat die NPD Angst vor einem schlechten Image, d.h. sie wollen in erster Linie ihre Wahlen gewinnen und eine hohe Akzeptanz in breiten Bevölkerungsschichten erreichen (vgl. Sager 2011, S. 118f.).

Das Label AN für neue Kameradschaften ist mittlerweile rückläufig. Diese Tendenz wird in Fachkreisen als „Rollback“ bezeichnet (vgl. Häusler, Schedler 2011, S. 318). Die eigene Widersprüchlichkeit in der Szene führt zu einer Zerfaserung der Strukturen. Das autonome Organisationsprinzip steht der NS-Ideologie vollkommen entgegen (vgl. ebd., S. 316).

2.2 Profil der AN-Szene

2.2.1 Personenpotential und Strukturen

Schedler spricht von einem Generationswechsel in der deutschen Neonazi-Szene. AN-Mitglieder_innen sind meist Jugendliche oder junge Erwachsene. Der Altersdurchschnitt der Personen, die sich in der AN-Jugendkultur engagieren, beträgt 15-20 Jahre. Führungspersonen sind in der Regel älter, undzwar zwischen 18-25 Jahre. Im Durchschnitt sind die AN jünger als in den Kameradschaften (hier sind die Personen ca. 30-40 Jahre alt). (Vgl. Schedler 2009, S. 336 und Virchow 2011, S. 91f.)

Das Personenpotential betrug 2008 ca. 400-500 Aktivist_innen, das sind ca. zehn Prozent der gesamten Neonaziszene in Deutschland (vgl. Schedler 2009, S. 336). Eine genaue Zahl ist schwer zu ermitteln, da z.B. Demonstrationen auch von Neonazis aus anderen Szenen besucht werden. Man kann festhalten, dass es in den letzten Jahren eine starke zahlenmäßige Zunahme des Personenpotentials gab, welches sukzessive weiter anwächst: Schedler geht davon aus, dass man von etwa 800 AN (Daten von 2009) sprechen kann (vgl. ebd.). Der Verfassungsschutzbericht 2013 allerdings geht von rund 7.400 subkulturell geprägten Rechtsextremist_innen in Deutschland aus und bezeichnet die Zahlen aber als rückläufig (die Definition dieser Personengruppe schließt AN-Aktivist_innen mit ein, wobei hier aber auch noch weitere neonazistische Gruppen wie z.B. Skinheads u.a. gezählt werden) (vgl. Bundesministerium des Inneren 2013, S. 80f.).

AN-Strukturen sind in der gesamten Bundesrepublik vertreten. Regionale Schwerpunkte sind insbesondere: Ruhrgebiet und Rheinland[2], Süddeutschland[3] und Berlin und Umgebung[4] (vgl. Schedler 2009, S. 336). Ballungsgebiete sind besonders Berlin und Dortmund. In Berlin wird der Begriff AN als Label für einen Kreis aus mehreren Kameradschaftsszenen genutzt, der über ca. 100 Mitglieder_innen verfügt (vgl. ebd.). In Nordrheinwestfalen ist besonders Dortmund zu nennen als Hochburg der AN-Szene. Im Ruhrgebiet zählt beinahe die gesamte Neonazi-Szene zu den AN, die sich hier mit einem Potential von 200 Personen auf ca. 20 Gruppen aufteilt, welche sich explizit AN nennen. Hinzu kommen weitere Gruppen aus dem neofaschistischen Spektrum im Ruhrgebiet, die in regionalen Aktionsbündnissen organisiert und sehr gut miteinander vernetzt sind (vgl. ebd. S. 336 f.).

Besonders hervorzuheben ist der Umstand, dass die AN bis vor kurzem ein reines Westphänomen waren. Es gibt einen starken Ost-West Gegensatz der AN-Szenen im bundesrepublikanischen Vergleich. Ein Erklärungsversuch ist die unterschiedliche Ausrichtung neonazistischer Strukturen (vgl. ebd. S. 337). Die bürgerliche Ausprägung neonazistischer Szenen in Ostdeutschland steht dem rebellischen, militanten Selbstverständnis der AN entgegen. Das Erhalten eines bürgernahen Images steht hier im Vordergrund. Eine strukturelle Angleichung der Ost-West-Verhältnisse ist aber wahrscheinlich. In den neuen Bundesländern ist eine sukzessive Zunahme von AN-Strukturen zu verzeichnen. In Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig Holstein gibt es einige Gruppen der „Freien Nationalisten“, die jetzt eine Anbindung suchen (vgl. ebd.).[5]

Man kann beobachten, dass Strategien der AN auch im europäischen Ausland adaptiert werden. AN-Strukturen sind kein rein deutsches Phänomen. Seit 2007 bilden sich in Tschechien[6], den Niederlanden, Zypern[7], Österreich und der Schweiz ähnliche Gruppen (vgl. ebd. S. 338).[8]

2.2.2 Selbstverständnis

„Wir verstehen den ‚autonomen Nationalismus‘ als eine längst notwendig gewordene neue Strategie: Die straffen Organisationsformen der ‚alten Rechten‘ in Parteien, Kameradschaften und Vereinen boten dem Repressionsapparat des Systems und dem organisierten politischen Gegner eine Vielzahl an Sicherheitslücken und verhinderten eine progressive Entwicklung des Widerstands durch die ständige Wiederbenutzung ausgetretener Wege. Dem ‚autonomen Nationalismus‘ hingegen liegt die Idee von unabhängigen und frei agierenden Aktivistinnen und Aktivisten zugrunde, die aktiven und vor allem kreativen Widerstand leisten. Feste Strukturen werden durch ein dichtes Netzwerk überflüssig gemacht, das arbeitsteilig nach den verschiedenen Fähigkeiten der Einzelnen zusammenarbeitet“ (Autonome Nationalisten Göppingen 2014).

Wie in der Internetdarstellung der AN Göppingen deutlich wird (vgl. ebd.) begreifen sich die AN zwar als Teil des nationalen Widerstands, grenzen sich aber stark ab zum tradierten Auftreten der NPD und den klassischen Kameradschaftsszenen. Die Betonung auf eine autonome Organisation soll Unabhängigkeit gegenüber den „Freien Nationalisten“ schaffen. Ideologisch gibt es aber keine Abgrenzung (siehe folgendes Kapitel zu politischen Inhalten). Die große Mehrheit der AN-Mitglieder_innen versteht sich als Nationalsozialist_innen (vgl. Schedler 2009, S. 347 und Virchow 2011, S. 92).

Ein Schlagwort des Selbstverständnisses der AN ist der „Do it yourself“ (DIY) - Aktivismus (vgl. Schedler 2009, S. 338 und Puls 2011, S.127f.), wo es darum geht eigenständig politische Aktionen durchzuführen. Mit einem rebellischen Auftreten verstehen sie sich als antibürgerlich, provokativ, martialisch, militant und revolutionär (vgl. Schedler 2011a, S.82).

Bei der AN finden sich Elemente aus dem historischen Nationalsozialismus, die sich auf den linken sozialistischen Flügel der NSDAP beziehen. Also z.B. Elemente der Vorstellungen von Otto Strasser oder Ernst Niekisch (vgl. Virchow 2011, S. 97). Die AN sind nationalrevolutionär (vgl. ebd.): sie fordern eine Volksgemeinschaft und eine Umkehrung der Herrschaftsverhältnisse:

„Das Ziel ist die Idee der nationalen und der sozialen Revolution unter die Menschen zu tragen, auf bestehende Missstände aufmerksam zu machen und aktiv gegen diese vorzugehen. Selbstbestimmter Widerstand!“ (Autonome Nationalisten Göppingen 2014)

Sie wollen keine veralteten Parolen oder Parteiprogramme mehr und das Führerprinzip wird abgelehnt. Diese Neuausrichtung wird strategische Modernisierung bezeichnet (vgl. ebd., S. 339). Es zeigt sich aber in der Realität, dass es eindeutig hierarchische Strukturen mit Führungspersonen gibt (vgl. Schedler 2009, S. 338). Die AN bezeichnen sich als Trendsetter der extrem Rechten: als Avantgarde, neu und innovativ. Sie verstehen sich z.B. als

(…) junge Deutsche Jungs und Mädels, die aus verschiedenen Dörfern und Städten aus Ostfriesland und der näheren Umgebung kommen! Wir verstehen uns ausschließlich als neue und moderne ‚Nationale Sozialisten.‘ Als junge nationale Aktivisten, die den Kampf auf der Straße aufgenommen haben, um u.a. jegliche Jugendsubkulturen zu unterwandern und sie für uns zu gewinnen“ ( Autonome Nationalisten Ostfriesland 2014).

Statt des alten tradierten und „verstaubten“ Neonazi-Auftretens bedienen sie sich an Symbolik, Ästhetik und Aktionsformen der radikalen Linken, insbesondere der autonomen Antifa. Sie kopieren, re kodieren und neuinterpretieren traditionell linke Ausdrucksformen.

Symbolik und Ästhetik

Die Internetpräsenz der AN Wetzlar zeigt beispielhaft, wie sich die AN über eine Straßenkampf-Ästhetik selbstinszeniert:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Autonome Nationalisten Wetzlar 2014)

Die vermummte Gestalt am rechten Bildrand ist Mittelpunkt eines Rings auf dem „Autonome Nationalisten Wetzlar“ steht. Gestalt sowie das Zeichen mit Schriftzug sind kopierte Elemente aus der Symbolsprache und der Ästhetik der Antifa, wie der direkte Vergleich mit der Internetseite der „Autonomen Linken Weimar“ anschaulich zeigt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Autonome Linke Weimar 2014)

Kleidung

Bomberjacke und Springerstiefel wurden abgelöst von Cargohosen, Kapuzenpullovern mit Logos von Szenebands oder politischen Slogans, Skaterschuhe und Baseball-Caps (vgl. Schedler 2011a, S. 71). Auf Demonstrationen gleichen sie mit schwarzer Kleidung, Sonnenbrillen, buttonbesetzten Caps sowie Kapuzen und Halstüchern ihren politischen Gegner_innen (vgl. ebd.). Che Guevara T-Shirts sind keine Seltenheit (vgl. Antifaschistisches Infoblatt 2011). Diese Inszenierungspraxen sind auch Ausdruck eines Wunsches nach mehr Individualität und Pluralisierung im Gegensatz zu der soldatischen Uniformität in der NS-Ideologie.

Musik

Die Orientierung an linken Codes und Symboliken öffnet den AN neue Zielgruppen im Spektrum der Jugendkulturen. Es wird ein Klientel erreicht, das den Neonazis bis dato verschlossen blieb: Anstatt klassischem Rechtsrock werden auf AN-Aufmärschen Songs von den Ärzten“ (klassische Punkband) oder „Ton, Steine, Scherben“ (Musik aus der linken Hausbesetzerszene) gespielt (vgl. Schedler 2009, S. 341). In Bezug auf Musik ist die Aneignung des „Hardcore-Styles“[9] (Variante des Punks: schnell, laut, radikal, aggressiv, antibürgerlich, antikommerziell, martialisch und ab und zu auch politisiert) durch die extreme Rechte erwähnenswert. Die „Hardcore“-Musikszene besitzt große Anziehungskraft sowohl für linke als auch für rechte Gruppen, da sie besonders vielfältig und heterogen ist v.a. bezüglich der politischen Einstellung der Bands (vgl. Peters, Schulze 2009, S.30). Der Habitus der Militanz, die Bedeutung des DIY-Prinzips und die Thematisierung von Feindbildern (z.B. bezüglich Kapitalismus) sind Teil der Lebensphilosophie des „Hardcore“ und bilden daher einen Anknüpfungspunkt für die AN (vgl. ebd., S. 31). Der NSHC („Nationalist-Socialist-Hardcore“) ist ein Produkt dieser Aneignung des „Hardcore“-Styles. Diese neuere Stilrichtung hat die Rechtsrockszene in den letzten zehn Jahren modernisiert (vgl. Raabe, Langebach 2011, S. 154): Beim Brechen von ästhetischen Codes der Skinheadszene spielt der NSHC eine große Rolle: Er beförderte maßgeblich die Integration von Lifestyle-Elementen (Straight-Edge, Tierschutz, Antikapitalismus) anderer Jugendkulturen in die rechte Jugendszene Deutschlands (vgl. ebd.). Der Einfluss des NSHC zeigt, dass die Modernisierung der neofaschistischen Jugendkultur in vielfältige dynamische Prozesse eingebettet ist.

Die Zeitschrift „Der Fahnenträger“ ist das wichtigste Blatt zu Politik und Ideologie in der rechtsextremen Szene und zeigt sehr anschaulich, wie sich das Selbstbild und das Selbstverständnis der Szene wie oben dargestellt vor allem ästhetisch weiterentwickelt und modernisiert hat (vgl. die Titelseiten ausgewählter Ausgaben im Anhang).[10]

2.2.3 Die politische Strategie: Themen

Es geht „hier nicht um Musik, Kleidung, Haarschnitte, Videos, Buttons, oder sonst etwas. Es geht einzig und alleine um die Verbreitung des NS zum Schutze von Volk, Nation und Rasse“ (User Hannes Larsson zit. nach Schedler 2009, S. 343).

Zentrales Ideologie-Element ist das Streben nach einer nationalen Volksgemeinschaft. Die AN fordern eine ethnisch definierte Volksgemeinschaft, die nationalsozialistisch organisiert ist. Die Staaten sollen nach völkischen Kriterien umstrukturiert werden. Diese Forderung wird versucht zu koppeln an aktuelle Feindbilder in der Gesellschaft, wie z.B. Islamophobie (der Islamhass ist widersprüchlich, da die AN sich auch mit Palästina solidarisieren. Siehe unten). Die AN inszenieren sich als Interessenvertreter der Arbeiterschaft: Im Vordergrund stehen Themen wie Kapitalismus und Globalisierung, um über die Kritik am politischen System besonders Jugendliche für sich zu gewinnen (vgl. Schedler 2009, S. 343). Die AN beschränken sich nicht nur auf die Übernahme von optischen Erscheinungsformen, sondern versuchen auch semantische Anleihen von den Linken zu adaptieren (vgl. ebd., S. 342): Kapitalismus- und Globalisierungskritik haben meist antisemitischen oder antiamerikanischen Hintergrund. Hinter Kapital und „Hochfinanz“ stecken laut AN die Juden, so wird ein Schlagwort aus dem linksalternativen Kontext gerissen und mit neuen rechtsextremen Inhalten besetzt. Interessant ist die sukzessive Verwendung von Anglizismen. Englische Sprache wird nicht vermieden wie in NS-Kreisen üblich (wo meistens Runen und Frakturschrift eingesetzt werden), sondern im Gegenteil gezielt eingesetzt in der Öffentlichkeitsarbeit; auf Internetseiten, Flyern, Bannern und Transparenten: „ capitalism kills“, „control your city!“, „fight the system- fuck the law!“ (Antifaschistisches Infoblatt 2005).

Hinter der Globalisierungskritik steht die Forderung nach ethnisch definierten nationalen Volksgemeinschaften, statt einer „grenzenlosen Weltgesellschaft“ (AG Ruhr-Mitte zit. nach Schedler 2009, S. 344). Sogar Umweltschutz und Tierrechte stehen auf der politischen Agenda der AN (Randerscheinung). Es gibt Proteste gegen Pelzbekleidung, Kritik am Zirkus (Tierquälerei) und darüber hinaus sogar die Forderung nach veganer Lebensweise und der Ablehnung von Drogenkonsum in Anlehnung an die Straight-Edge-Bewegung, was aber nicht repräsentativ für die Szene ist (vgl. Schedler 2009, S. 346).

Die „Anti-Antifa-Arbeit“ hat das Ziel ihre politischen Gegner_innen zu bekämpfen und den öffentlichen Raum zu besetzen (Machtdemonstration). Aktionsschwerpunkt dieser Arbeit ist die Gewaltausübung. Strategien dieser Arbeit sind wiederum an der linksautonomen Antifa-Arbeit angelehnt, wie das Plakatdesign des „Freien Widerstands“ zeigt („Good Night Left Side“ statt „Good Night White Pride“):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ein Aufkleber des Onlineversandhandels „Antisem.it“ (Antisem Versand 2014).

Die Antikriegs-Phraseologie und die Slogans zum Antiimperialismus stehen nicht für Pazifismus oder Kritik am Militarismus, sondern sind Codes für anti-amerikanische Propaganda (gegen den Irak-Krieg) und zeigen ihre anti-israelische/ anti-jüdische Einstellung (Solidarität mit Palästina und mit islamistischen Terrorist_innen) (vgl. Schedler 2009, S. 345 und die Rückseite der 12. Ausgabe der Zeitschrift „Der Fahnenträger“ im Anhang). Der Aufkleber des Neonazi-Onlineshops „Resistore“ (mittlerweile verboten) veranschaulicht diese Propaganda:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Capitalism kills“: Ein Aufkleber des Onlineversands Resistore (Resistore 2012).

Die Themen der AN sind nicht neu. Themen aus dem linken Spektrum werden aus dem Kontext gerissen und neu besetzt mit neonazistischen Konzepten. Die AN wenden eine Strategie der Dekontextualisierung (vgl. Schedler 2011a, S. 75) an, um veränderte, modernisierte und jugendkulturell angepasste Darstellungsformen für ihre extrem rechten Inhalte zu finden.

2.2.4 Aktionsformen und Gewalt

Die AN sind extrem gewaltbereit. Gewalt ist zentraler sinn- und identitätsstiftender Bestandteil ihres Selbstverständnisses und wird gezielt zur Durchsetzung politischer Interessen eingesetzt, v.a. um politische Gegner_innen zu bekämpfen (Linke, Polizei). Gewalt ist bei den AN erlebnisorientiert, ästhetisiert und legitimiert durch die soziale Vergemeinschaftung und die Stärkung der Binnenidentität innerhalb der Gruppe (vgl. Peters, Schulze 2009, S. 37). Die Gewaltbereitschaft äußert sich v.a. auf Demonstrationen (siehe Schwarzer Block in diesem Kapitel) und in den rebellischen Parolen: „destroy your local antifa“, „smash antifa“ ( Autonome Nationalisten Wetzlar 2014).

Die AN lehnen die parlamentarische Politik der Neonazi-Parteien strikt ab und konzentrieren sich auf den Kampf um die Straße. Die AN sind im Gegensatz zu den meisten neonazistischen Gruppen sehr aktionsorientiert. Aktionsorientierte Veranstaltungen reichen von Blockaden, Demonstrationen, Häuser besetzen, Mahnwachen, „Solidaritäts-Parties“, bis hin zu Verteilung von Flugblättern und der Besetzung des öffentlichen und medialen Raumes durch Aufkleber, Plakate, Street Art, Graffiti, eigene Videos und Transparente (vgl. Schedler 2011a, S. 76). Mobilisiert wird spontan und flexibel über SMS- und E-Mail-Verteiler (vgl. ebd.). Ziel ist meist nicht die Verbreitung politischer Inhalte, sondern eine Machtdemonstration in Verbindung mit der Besetzung des öffentlichen Raumes: Aktionsformen wie Graffitis, Tags, Schablonen und Street Art sind besonders erlebnisorientiert und dienen v.a. zur Markierung der eigenen Sozialräume (vgl. ebd.). Die eigenen Webseiten und Blogs sind bunt, professionell gestaltet und bieten Propagandamaterial (Aufkleber, Flugblätter, usw.) direkt zum Ausdrucken oder Herunterladen nach dem DIY-Prinzips, wodurch die Schwelle zum Mitmachen erheblich gesenkt wird (vgl. ebd., S. 77 und Autonome Nationalisten Wetzlar 2014). Peters bezeichnet diese Form des Aktionismus auch als „Propaganda der Tat“, d.h. die Aktion an sich ist der Kern des Politischen, die kollektive Aktion wird zum Inhalt gemacht (vgl. Peters, Schulze 2009, S. 36).

[...]


[1] Für weiterführende Informationen zu der AN-Szene in Berlin siehe Kritter, Kunow, Müller 2011, S. 187-194.

[2] Für weiterführende Informationen zur regionalen Entwicklung in Nordrheinwestfalen siehe Schedler 2011b, S. 195-209.

[3] Für weiterführende Informationen zur regionalen Entwicklung in Süddeutschland (Baden-Württemberg und Bayern) siehe Born 2011, S. 231-240.

[4] Für weiterführende Informationen zur regionalen Entwicklung in Berlin und Umgebung siehe Kritter, Kunow, Müller 2011, S. 187-194.

[5] Für weiterführende Informationen zur regionalen Entwicklung in den fünf neuen Bundesländern siehe Schulze 2011, S. 219-230.

[6] Für weiterführende Informationen zur Ausbreitung von AN-Strukturen in Tschechien siehe Kalibova 2011, S. 250-259.

[7] Als Beispiel für eine AN-Gruppe im Ausland wurde die Internetseite der AN-Zypern ausgewählt (siehe Autonomous Nationalists Cyprus 2014).

[8] Für weiterführende Informationen zur Entwicklung von AN-Szenen in Europa siehe Schedler, Fleisch 2011, S. 241-249.

[9] Für weiterführende Informationen zu „Hardcore“ und NSHC siehe Peters, Schulze 2009, S. 26-33 und Raabe, Langebach 2011, S. 154-166.

[10] „Der Fahnenträger“ wird in Mecklenburg-Vorpommern gedruckt und kommt ursprünglich aus der Kameradschaftsszene, wird aber zunehmend auch von und für AN-Mitglieder_innen gemacht. Interessant ist die Entwicklung im Design der Titelseiten: Zuerst klassisch NS-typisch (z.B. Schrift und Figuren in Ausgabe 2) und schließlich neu und modernisiert angepasst an die Ästhetik und die Symbolsprache der AN (z.B. Schrift, Themen und Auswahl der Bilder in Ausgabe 14 von 2006).

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Autonome Nationalisten. Die Lebenswelt einer Jugendkultur und die Möglichkeiten der lebensweltorientierten Sozialarbeit im Kontext Rechtsextremismus
Hochschule
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
Veranstaltung
Theorieansätze der Sozialen Arbeit im Kontext von Erziehung und Bildung
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
42
Katalognummer
V318859
ISBN (eBook)
9783668181168
ISBN (Buch)
9783668181175
Dateigröße
8813 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Autonome Nationalist_innen, Lebensweltorientierung, Rechtsextremismus, Jugendkultur
Arbeit zitieren
Katharina Rolfes (Autor), 2014, Autonome Nationalisten. Die Lebenswelt einer Jugendkultur und die Möglichkeiten der lebensweltorientierten Sozialarbeit im Kontext Rechtsextremismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318859

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