Die Rolle des Islam im syrischen Flüchtlingsdrama und auf dem Weg der Geflohenen nach Europa


Essay, 2016
11 Seiten, Note: Bestanden

Leseprobe

„Krieg, Krieg bleibt immer gleich.“ Das sind die Worte, die als Slogan für die Videospielreihe „Fallout“ dienen und diese prägen. Es sind, trotz den Errungenschaften der letzten Jahrhunderte, wie dem humanitären Völkerrecht und den allgemeinen Menschenrechten, wahre Worte, die auch für die Gegenwart gelten. Der Krieg in Syrien zeigt das jeden Tag aufs Neue. Es ist die Zivilbevölkerung, die besonders unter den Folgen des Krieges leidet. Diese wird – direkt oder indirekt – zur Flucht aus ihrer Heimat gezwungen. Ein Großteil der Menschen bleibt als Binnenflüchtlinge in Syrien oder flieht in die Nachbarstaaten, eine Minderheit macht sich auf den Weg nach Europa. Auf dem europäischen Kontinent – legal ohnehin kaum zu erreichen[1] – werden die Geflüchteten überwiegend widerwillig empfangen. Weite Teile der europäischen Bevölkerung sind von Angst vor den Flüchtlingen geprägt und lehnen deren weitere Aufnahme ab. Der Grund für diese Angst und Ablehnung ist schnell gefunden: Es ist der Islam. In Dresden gehen jeden Montag die „patriotischen Europäer“ gegen „Islamisierung“ auf die Straße, die AfD steigert mit ihren flüchtlingsfeindlichen Äußerungen beinahe wöchentlich die eigenen Umfragewerte und aus Osteuropa ist zu hören, dass man nur eine geringe Zahl von Flüchtlingen aufnehmen werde – solange diese Christen sind.

Die Beschäftigung mit der Frage „Welche Rolle spielt der Islam bzw. der Islamismus im gegenwärtigen Flüchtlingsdrama in und um Syrien?“ liegt also nahe und ist in diesen schwierigen Zeiten zentral. Um sie beantworten zu können, müssen erst einmal andere Fragen gestellt und beantwortet werden:

Gibt es den Islam überhaupt? Wie stark hängen Islam und Islamismus zusammen? Welche Rolle spielen islamistische Milizen im syrischen Bürgerkrieg und welcher Verbrechen machen sie sich schuldig? Welche Rolle spielt der Islam für die Menschen auf der Flucht? Ist die Zugehörigkeit zum Islam ein „Integrationshindernis“ in Europa oder kann der islamische Glaube bei der Integration helfen?

Mit der Beantwortung der zentralen Fragestellung lässt sich auch eine Antwort auf die Frage „Wie berechtigt sind die Sorgen vieler Europäer vor den Flüchtlingen und dem Islam?“ finden.

Die Frage, wie der Islam ist, kann nur beantwortet werden, wenn man beantwortet, was der Islam ist und ob man von dem Islam überhaupt sprechen kann. Die Gemeinsamkeiten im Glauben aller Muslime sind schneller genannt als die Unterschiede. Für Muslime ist der Glaube an einen Gott (Allah) und den Propheten Mohammed zentral. Als wichtigste Schriftquelle des Islams gilt der Koran, der von den Muslimen als Wort Gottes angesehen wird. Die überwiegende Mehrheit der Muslime misst außerdem den Berichten über das Leben und Verhalten des Propheten Mohammed enorme Bedeutung bei. Vorstellungen von „Sünde“ sind, ähnlich wie im Christentum, im Islam zu finden. Außerdem spielen „Pflichten“ wie beten, fasten und spenden eine zentrale Rolle im Glauben aller (frommen) Muslime.

Neben den Grundüberzeugungen, die alle „Konfessionen“ des Islam gemeinsam haben, gibt es riesige Unterschiede zwischen den verschiedenen Strömungen. Die beiden größten und dominierenden Gruppen innerhalb des Islam sind die Sunniten einerseits und die Schiiten andererseits. Beide Großgruppen zersplittern weiter in unzählige kleinere Gruppierungen, die sich in Bezug auf theologische bzw. historische Fragen und Ansichten enorm unterscheiden. Hinsichtlich der Auslegung der religiösen Texte und deren heutiger Anwendung gibt es ebenfalls große Unterschiede innerhalb der islamischen Theologie.

Die Differenzen zwischen eher liberalen Reformern und fundamentalistischen Hardlinern sind enorm. Zwischen den Menschen, für die der islamische Glaube in erster Linie eine spirituelle Sache ist, und denen, für die der Islam ganz wesentlich auch eine rechtliche und politische Weltanschauung ist, verhält es sich ebenso. Ein mystisch angehauchter Sufi hat mit einem fundamentalistischen Wahhabiten recht wenig gemeinsam. Letzterer wird den Sufi wahrscheinlich als „Ketzer“ wahrnehmen. Von dem Islam kann also keine Rede sein. Ähnlich wie das Christentum zeichnet sich der Islam durch seine verschiedenen Strömungen, die sich teilweise fundamental widersprechen, aus.

Vom „Islamismus“ zu sprechen ist in vielerlei Hinsicht leichter als vom Islam. Die Frage, ob Islamismus und Islam zusammenhängen und wenn ja, wie stark, ist fundamental um die Rolle der Religion im syrischen Bürgerkrieg zu klären.

Der Islamismus ist viel mehr als „nur“ eine Religion. Er ist politische Weltanschauung, gesellschaftliche Ordnungsform und Rechtstheorie in einem. Der Islamismus ist eine totalitäre Ideologie, die Gewaltenteilung, Gleichberechtigung und Freiheit ablehnt. Es gibt einen einheitlichen Islamismus zwar genauso wenig wie einen einheitlichen Islam, aber die Parallelen zwischen den einzelnen islamistischen Strömungen sind stark, unabhängig davon, auf welcher islamischen Theologie sie aufbauen. Diese Feststellungen veranlassen manche Menschen zu der Annahme, der Islamismus habe nichts mit dem Islam zu tun und sei rein politisch zu erklären. Diese These ist aus verschiedenen Gründen nicht haltbar. Da es den Islam nicht gibt, kann auch nicht die Rede davon sein, Islamismus habe nichts mit dem Islam zu tun. Islamismus hat nicht nur etwas mit manchen islamischen Strömungen zu tun, sondern ist weitestgehend gleichbedeutend mit diesen. Die ägyptischen Muslimbrüder, die Hamas im Gazastreifen, die libanesische Hisbollah, die saudischen Wahhabiten und der sogenannte „Islamische Staat“ (IS) - sie alle sind islamistisch, trotz der Unterschiede in religiöser Zugehörigkeit, den Unterschieden in den Extremen der Positionen und den verschiedenen Mitteln zum Erreichen ihrer Ziele. Mit dieser Feststellung wird auch die Annahme, dass Islamisten nur einen winzigen Teil der weltweiten Muslime ausmachen, hinfällig. Die Tatsache, dass Millionen Menschen islamistischen Parteien nach dem „arabischen Frühling“ ihre Stimme gegeben haben, lässt sich nicht ignorieren. Natürlich macht das nicht jeden „moderaten“ Islamisten und deren Wähler zum Verfechter des globalen Dschihad und des Terrors, es zeigt aber, wie stark das islamistische Gedankengut in vielen Teilen der islamischen Welt verankert ist. Das Erstarken des Islamismus in den letzten Jahrhunderten – und insbesondere in den letzten Jahrzehnten – hat mehrere Gründe. Der Kolonialismus des Westens, die zunehmende soziale Ungleichheit, Staatszerfall und die Kriege der letzten Jahre sind zweifellos mitverantwortlich für diese Entwicklung. Einige entscheidende Gründe sind aber eben auch in den Fundamenten des islamischen Glaubens zu finden. Es stellt sich als grundlegende Schwierigkeit heraus, dass der Koran selbst als unverfälschtes Wort Gottes gesehen wird. Eine Interpretation der heiligen Schrift der Muslime wird so deutlich erschwert. Die Verehrung Mohammeds ist ebenfalls mit Problemen behaftet, da sie eine sachliche und kritische Beschäftigung mit seinen Taten, die aus heutiger Sicht eigentlich nicht mehr gerechtfertigt werden können, deutlich erschwert. Der deutsch-ägyptische Politikwissenschaftler Hamed-Abdel Samad geht soweit, zu sagen, es gäbe „nichts, was der IS macht, was Mohammed seinerzeit nicht getan hat“.[2] In diesem Sinn interpretiert der sog. IS die islamischen Quellen nicht falsch – er interpretiert sie gar nicht und nimmt sie beim Wort. Die islamischen Quellen sind, wie die christlichen auch, häufig widersprüchlich und bedürfen der Interpretation – soweit wie Abdel-Samad muss man also nicht gehen. Es ist aber unstrittig, dass sie die Möglichkeit bieten als Grundlage für abscheuliche Verbrechen benutzt zu werden. Genau das geschieht in erheblichen Teilen der islamischen Welt, auch weit abseits des sog. IS. Der Islamismus trennt nicht zwischen religiöser Welt und weltlicher. Die islamischen Quellen tun das ebenfalls häufig nicht und bieten so die Grundlage des Islamismus.

[...]


[1] Vgl. Bendel, „You're better than this, Europe!“ Die EU und die Flüchtlingsrechte.

[2] Vgl. Abdel-Samad/Main, http://www.deutschlandfunk.de/politologe-abdel-samad-der-islamische-staat-ist-das.886.de.html?dram:article_id=333128

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Details

Titel
Die Rolle des Islam im syrischen Flüchtlingsdrama und auf dem Weg der Geflohenen nach Europa
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt  (Studium Generale bzw. Geschichts- und Gesellschaftswissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Ringvorlesung K'Universale: Flucht
Note
Bestanden
Autor
Jahr
2016
Seiten
11
Katalognummer
V318860
ISBN (eBook)
9783668181380
ISBN (Buch)
9783668181397
Dateigröße
396 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Islam, Islamismus, Flucht, Religion, Europa
Arbeit zitieren
Franz Hausmann (Autor), 2016, Die Rolle des Islam im syrischen Flüchtlingsdrama und auf dem Weg der Geflohenen nach Europa, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/318860

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