Das inszenierte „Fremde“ in Peter Altenbergs „Ashantee“

Inszenierung und Dekonstruktion von Stereotypen


Seminararbeit, 2016

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Autorinszenierung
2.1. Inszenierungsstrategie des Autors
2.2 Inszenierungsstrategie des Erzählers

3. Inszenierung von Hetero-Stereotypen in „Ashantee“
3.1 Inszenierung stereotypischer Darstellungen
3.1.1 Darstellungsstereotype
3.1.2 Einstellungsstereotype
3.1.3 Dekonstruktion stereotyper Darstellungen
3.2 Inszenierung stereotypischer Handlungen
3.2.1 Handlungsstereotype
3.2.2 Überzeugungsstereotype
3.2.3 Dekonstruktion stereotyper Überzeugungen

4. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Von den 1870er Jahren an wurden Menschen bis weit ins 20. Jahrhundert in den Großstädten Nordamerikas und Europas als Objekte in großen, kommerziellen Schaustellungen angeboten (Vgl. Schwarz 2001: 14). Der Schwerpunkt der Ausstellungen bestand in Inszenierungen des „Fremden“, welche auf die Vermittlung von Authentizität abzielten. Hauptschauplatz der „exotischen" Menschen im Habsburger Wien ist zwischen 1894 und 1901 der Tiergarten des Wiener Prater (Vgl. Ebd.: 125). Im Setting dieser Vergnügungslandschaft wurde im Sommer 1896 die exotische Welt der Aschanti zur Schau gestellt. Der Wiener Literat Peter Altenberg lässt in seinen 1897 erschienen Prosaskizzen „Ashantee“ die Erfahrungen des Narrativen-Ich mit den zur Schau gestellten Aschanti und den Besuchern schildern. Die Skizzen sind Zeugnis jener Stereotypen, welche den Aschanti damals anhafteten. Laut Dreesbach erzeugten Völkerschauen glaubwürdige Authentizität, indem die gezeigten Menschen ihren Klischees entsprechend dargestellt wurden (Vgl. Ebd.: 2005: 49). Der Duden definiert „Klischee“ als „eingefahrene, überkommene Vorstellung“[1]. Mit „Vorstellungen“ oder „Bildern“ („Imagines“), „die sich bestimmte Personen oder Gruppen von Personen zu verschiedenen Zeiten“ (Rühling 2004: 279) von x gemacht haben, beschäftigt sich die Imagologie. Die kleinsten imagologischen Einheiten bilden Stereotype (Vgl. Ebd.: 282). Es gibt zahlreiche Versuche für die Definition von „Stereotypen“. Die Sozialwissenschaftlerin Constanze Jecker beispielsweise führt in ihrer Promotionsarbeit vier verbreitete Definitionen an (Vgl. Ebd. 2014: 184-186). In dieser Arbeit soll anhand Lutz Rühlings Begriffsbestimmung von „Stereotypen“ gearbeitet werden. Ihm gelingt es, Stereotypen systematisch nach ihrer Beschaffenheit in vier Klassen zu differenzieren: Einstellungs-, Überzeugungs-, Handlungs- und Darstellungsstereotype. Was ist an der Darstellung und den Handlungen der Aschanti in Altenbergs Skizzen stereotyp? Und welche stereotypen Einstellungen und Überzeugungen der Besucher können anhand der Inszenierung der Aschanti abgeleitet werden? Der Anspruch dieser Arbeit ist eine nach Rühling systematische Kategorisierung historischer Stereotype, welche den Aschanti anhafteten. Zudem wird das literarische Verfahren erörtert, welches Altenberg anwendet, um den Erzähler Stereotype dekonstruieren zu lassen. Ergänzend wird Fischer-Lichtes Begriff der Theatralität angewandt, um zu zeigen, wie vermeintliche Authentizität in der Völkerschau inszeniert wird. Der Sekundärliteratur, die sich mit den in „Ashantee“ vorkommenden Stereotypen beschäftigt, ist es bisweilen nicht gelungen, den Terminus „Stereotyp“ differenziert anzuwenden. Dies soll im Folgenden anhand Rühlings Modell der Stereotypenforschung geschehen, um so eine präzise Vorstellung der historischen Stereotype zu erhalten, welche der Erzähler in den Skizzen widerlegt.

2. Autorinszenierung

Peter Altenberg inszeniert sich während der Ausstellung des „Aschanti-Dorfes“ im Wiener Tiergarten 1896 als „idealen Besucher“, „inoffiziellen Führer“ und „Aschanti-Gönner“ (Schwarz 2008: 115). Seine 1897 publizierten Prosaskizzen „Ashantee“ gleichen einem Gedächtnisprotoll, indem Altenberg seine persönlichen Erfahrungen mit den zur Schau gestellten Aschanti sowie den Besuchern schildert. Tatsächlich referieren die Namen der Figuren auf die an der Völkerschau teilnehmenden Aschanti. Dies lässt auf die Strategie des Autors schließen, eigene Erfahrungen in den Skizzen widerzugeben (Vgl. Schwarz 2001: 187). Der Ich-Erzähler der Prosaerzählungen nennt sich selbst „Herr Peter“, „Peter“ und „Peter A.“ Die Namensähnlichkeit zwischen Erzähler und Autor lässt eine scharfe Trennlinie zwischen beiden Instanzen nicht zu. Infolgedessen unterstreicht der extratextuelle Namenserweis ebenfalls auf den – nicht in Gänze nachweisbaren – Wirklichkeitsgehalt der Erzählungen. Der Literaturwissenschaftler Krah warnt jedoch, dass „nicht vom Autor gesprochen werden [sollte], wenn die Sprechinstanz des Textes gemeint ist und beide sollten vor allem nicht kurzschlüssig identifiziert werden. Das Erste mag ein rein sprachliches Ausdrucksproblem sein, das Zweite zeugt von einer unreflektierten Vorgehensweise und einem falschen Verständnis von Texten“ (Krah 2006: 191).

Inwiefern sich textexterne Kommunikationssituationen zwischen Altenberg, den Aschanti und den Besuchern mit den textinternen Sprechsituationen in den Prosaskizzen decken, lässt sich lediglich anhand Altenbergs Briefkorrespondenzen nachvollziehen, auf die im Folgenden ebenfalls eingegangen wird. Dennoch postuliert die vorliegende Arbeit eine Annäherung zwischen vermittelnder Erzählinstanz und Autor sowie zwischen den übrigen literarischen Figuren und den Aschanti beziehungsweise den Besuchern. Im Folgenden wird erörtert, wie sich Peter Altenberg als „Ashanti-Gönner“ im Wiener Tiergarten inszeniert und welche Funktion die Inszenierung hat.

2.1. Inszenierungsstrategie des Autors

Zum einen wird Peter Altenberg von Zeitgenossen und der Wiener Presse eine Rolle im Kontext der Aschanti-Schau zugeschrieben, zum anderen lassen sich aus seinen Briefen aus dem Jahr der Völkerschau Rollenmerkmale ableiten, die er sich selbst zuschreibt. Doch welche Rolle hatte der Autor von „Ashantee“ inne und welche Strategie verfolgt er damit? In Anlehnung an Fischer-Lichtes Theorie der Inszenierung von Authentizität wird im Folgenden Altenbergs Rolle als „idealer Besucher“ (Schwarz 2008: 117) untersucht.

Anne Dreesbach setzt Völkerschauen und Theatralität folgendermaßen in Verbindung:

Die Zurschaustellung ‚exotischer‘ Menschen können sehr gut mit Theateraufführungen verglichen werden. So wird die Konstruktion von ,Exotik‘ besonders deutlich: Der Zuschauer bezahlte, um sich ein Theaterstück [...] anzusehen, welches von einem Regisseur auf eine bestimmte Weise [...] inszeniert worden war. Der Regisseur [...] hatte dazu die geeigneten Schauspieler [...] ausgewählt, die einen Text lernen und Kostüme tragen mussten. Bühnenbild vervollständigt die Szenerie. Das Stück wurde vor einem Zuschauerraum aufgeführt [...] (Dreesbach 2005: 150).

Dreesbachs Vergleich, der sich auf Fischer-Lichtes Aufsatz Theatralität und Inszenierung[2] stützt, lässt sich reibungslos auf die Zurschaustellung der Aschanti übertragen. Das Theaterstück, welches die zahlenden Zuschauer sehen, konstituiert sich aus den inszenierten Ritualen, wie „Tänzen und Umzügen“(Schwarz 2008: 118) und dem vermeintlich authentischen Alltagsleben, wie „Unterricht der Kinder, Kochen oder Toilette der Frauen“ (Ebd.: 118), das den Regieanweisungen der Zoo-Direktion folgt. Die Aschanti-Mitglieder spielen die ihnen zugeschriebenen Rollen im „Aschanti-Dorf“, welches zugleich als Bühnenbild fungiert. Bei genauerer Betrachtung stellt man fest, dass die „inszenierte Theateraufführung“ der Aschanti die Erwartungen und Heterostereotypen der Besucher entsprechen und bestätigen soll: „Unmissverständlich erwarten die ,Wiener‘ von den ,Aschanti‘ Erotik und Exotik, wodurch sich ihre Bedeutung als Projektionsfläche bestätigt“ (Schwarz 2001: 152). Die Darsteller des Aschanti-Spektakels sollten sichtbare Zeichen der Natürlichkeit eines Naturvolkes zur Schau stellen: Nacktheit, Erotik und Exotik (Vgl. Ebd.: 150). Die Veranstalter setzen in der Inszenierung der Aschanti bewusst auf die Wahrnehmung dieser Zeichen. Die Inszenierung des „Aschanti-Dorfes“ im Setting des Wiener Tiergartens scheint dafür prädestiniert zu sein. Schließlich stellt das „Neue Wiener Tagblatt“ unter anderem einen Zusammenhang zwischen wilden Tigern und den aus Guinea stammenden Aschanti her (Vgl. Ebd.: 152). Die durch die Presse erzeugten Erwartungen und Stereotypisierung der Afrikaner legitimiert die Zurschaustellung der Aschanti im Zoo.

Für die Dauer der Ausstellung betritt Peter Altenberg die „Bühne“ des Aschanti-Dorfes. Dabei wird ihm von der Zoo-Direktion das Privileg erteilt, hinter die Einfriedung des „Dorfes“ zu treten (Vgl. Schwarz 2008: 117). Altenberg tritt aus der Position des „blöden rohen viehischen weißen Menschen“ (Brief an Gretl Engländer vom 5.8.1996 in Kopp/Schwarz 2008: 89), der die Bestätigung seiner Vorurteile in der Ausstellung sucht, in die Rolle des „idealen Besuchers“, welcher die Rolle des „authentischen Primitiven“ dekonstruiert (Vgl. Rahman 2008: 152). Seine „eigene Kommentare und die seiner Freunde und Feinde bestätigen den Eindruck, dass sich Altenberg täglich und nahezu rund um die Uhr im ,Aschanti-Dorf‘ aufgehalten haben muss“ (Schwarz 2001: 187). Daraus geht hervor, dass Altenberg für die gesamte Dauer der Ausstellung seine Rolle als „idealer Besucher“ wahrnimmt. Als Vertrauter und Freund der Aschanti inszeniert sich Altenberg auch in der Wiener Presse. In der „Wiener Allgemeinen Zeitung“ schreibt er bezüglich der Abreise der Aschanti aus Wien: „Jawol, schöne Stunden haben Die verlebt, die die armseligen und kranken Vorurtheile in sich besiegt haben und den Schwarzen, die nicht lesen und schreiben können, mit Freundschaft und Achtung begegnet sind“ (Kopp/Schwarz: 112). Altenberg selbst nimmt öffentlichkeitswirksam Abstand von den Vorurteilen der Besuchermasse. Das „Wiener Familien Journal“ bezeichnet Altenberg als „Aschanti-Gönner“. Über die Ausflüge Altenbergs mit Mitgliedern der Aschanti in die Wiener Öffentlichkeit berichtet u.a. die „Alte Presse“ unter dem Titel „Ein Wiener Dichter und die Aschantimädchen“ (Vgl. Brief an Ännie Holitscher in Kopp/Schwarz 2008: 95). Altenberg selbst stilisierte sich als Führer für die Besucher. „Er verabredete sich mit Freunden und Bekannten im Tiergarten und gab anscheinend bald den inoffiziellen Führer durch das Dorf. Was er den Besuchern während der Führungen durch das „Aschanti-Dorf“ berichtete, ist aufgrund fehlender Quellen indes nicht bekannt. Lediglich ein Brief Richard Beer-Hoffmans an Arthur Schnitzler gibt entsprechende, obgleich negative, Eindrucke einer Führung durch Altenberg wider:

Altenberg hat mir – ich bat ihn nicht darum – im Tiergarten durch einige Stunden Gesellschaft geleistet. Von dem plumpen Comödienspiel dieses armseligen Schmierencomödianten können sie sich kaum einen Begriff machen. Er lehnt verzückt an irgend einer Umfriedung und starrt auf irgend einen Schwarzen oder Schwarze und wartet, daß ihn ein zufällig Vorübergehender [...] aus seiner Verzückung reiße[3]

Die Veranstalter haben die Besucherwartungen und das klischeehafte Bild von den Aschanti gezielt in Szene gesetzt, um die Afrikaner samt ihres Environments als natürlich erscheinen zu lassen. Altenberg betritt die inszenierte Bühne – das „Aschanti-Dorf“ – um sich öffentlich wirksam als Sympathisant der Aschanti zu inszenieren und Vorurteile gegenüber diesen zu dekonstruieren. Zum einen wird Altenberg von den Besuchern, die er durch das Dorf führt, selbst als Kenner und Freund der Aschanti wahrgenommen. Darüber hinaus nutzt er auch Presse und Briefkorrespondenzen, um als solcher anerkannt zu werden. Andererseits macht er von diesen Medien gebrauch, um seine Strategie, Vorurteile und Berührungsängste mit den Aschanti abzubauen, publik zu machen. Inwieweit Altenberg mit Hilfe von Führungen, Presse und Briefwechsel tatsächlich Vorurteile abbauen konnte, lässt sich nicht erahnen. Inszenierungen zielen jedoch grundsätzlich auf den Aspekt der Wahrnehmung (Vgl. Fischer-Lichte 2000: 20). Als „Aschanti-Gönner“ und Sympathisant, als welcher er sich inszenierte, wurde er wie gezeigt, jedenfalls wahrgenommen.

2.2 Inszenierungsstrategie des Erzählers

In der Sekundärliteratur werden dem Narrativen-Ich verschiedene Rollen zugeordnet, die sich einander nicht ausschließen. Schließlich lässt sich von allen zugeschriebenen Rollen dieselbe Strategie der Erzählinstanz ableiten. Dies wird im Folgenden gezeigt.

Die Strategie des Erzählers ist die Dekonstruktion der im kulturellen Wissen verankerten Heterostereotype gegenüber den ausgestellten Aschanti in der Epoche des Fin de Siècle. Der Erzähler inszeniert sich in der Rolle des „Teilnehmenden Beobachters“ in der ausgestellten „Dorfgemeinschaft“ der Aschanti: „Altenbergs Text lässt sich unter diesem Aspekt wie eine Anleitung über den richtigen Zugang zu fremden Menschen und Kulturen lesen und in diesem Sinne durchaus als Vorwegnahme des Konzepts der ,Teilnehmenden Beobachtung‘: Anteilnahme, Verständnis und Kommunikation (Schwarz 2001: 195). Die Rolle des „Teilnehmenden Beobachters“ legitimiert den Erzähler, bestehende Heterostereotype gegenüber den Aschanti literarisch zu widerlegen, da der Autor diese nicht bestätigt sieht. Diese These bestätigt Rahman: „Voraussetzung für Altenbergs Zugang zu den Aschanti ist die Dekonstruktion ihrer Rolle als ,authentische Primitive‘“ (Ebd. 2008: 152). Die Glaubwürdigkeit des Erzählers, Verständnis für die Kultur der Aschanti aufzuweisen und infolgedessen befähigt zu sein, Heterostereotype abzubauen, unterstreicht die Tatsache, dass der Autor selbst „Teilnehmender Beobachter“ unter den Afrikaner war. Der Erzähler ist demzufolge als Alter Ego des Autors zu betrachten. Der Erzähler sieht sich in seinen Besuchen im Wiener Tiergarten mit den Besuchern und deren Heterostereotypen konfrontiert. Dabei erscheinen Altenbergs Figuren selbst als Klischees.

Über mehrere Szenen werden verschiedene soziale Gruppen, die durch klischeehafte – sprich gute lesbare Zeichen – charakterisiert werden, gleichsam wie einem Panorama der Gesellschaft vorgeführt: die Bildungsbürger, die Vornehmen, die Ungebildeten (Schwarz 2001: 191f.)

Dieses literarische Verfahren hält dem Leser die spezifischen Heterostereotype aller sozialen Klassen vor Augen. Zum anderen deutet die klischeehafte Darstellung der auftretenden Besucher, die Träger der Heterostereotype sind, auf deren Fiktion hin. Diese These untermauert die Anonymität der Figuren, die entweder über ihre Funktion („Clark“, Direktor“) oder mit Anfangsbuchstaben („Frau H.“, „Frln. D.“, Monsieur R. de B.“) genannt werden (Vgl. Ebd.: 196). In den Kommunikationssituationen zwischen Erzähler und Publikum, stilisiert sich „Peter A.“ „zur Auskunftsperson, zum omnipräsenten Vermittler und Interpreten [...] [der] die falschen, groben und inhumanen Vorstellungen über die ,Aschanti‘ bloßstellt“ (Ebd.: 194). Altenbergs „Aschantee“ ist jedoch nicht nur als Kritik an zeitgenössischen Stereotypen zu lesen. Ebenso macht der Erzähler seine ablehnende Haltung gegenüber den kommerziellen Ausstellungspraktiken deutlich:

Die Inszenierungen [der Aschanti; Anm. Verfasser] werden als billige Anbiederungen an den Geschmack eines breiten Publikums bloßgestellt. So etwa die Nacktheit die Nacktheit der ,Aschanti‘, die als Demütigung und Grausamkeit – angesichts der Kälte in Wien – offengelegt wird (Ebd.: 190)

Abschließend ist festzuhalten, dass sowohl Erzählinstanz als auch Autor die Strategie verfolgen, den der Aschanti angehefteten Heterostereotype in der Rolle des „Teilnehmenden Beobachters“ zu dekonstruieren. Eine scharfe Grenze zwischen Erlebten und Fiktion, zwischen Autor und Erzähler, kann nicht gezogen werden (Vgl. Kopp: 2008: 146). Sowohl Peter Altenberg selbst, als auch das Narrative-Ich in „Ashantee“ üben harsche Kritik an den Ausstellungspraktiken, welche die Heterostereotypen der Zoobesucher bestätigen sollen.

3. Inszenierung von Hetero-Stereotypen in „Ashantee“

Nachdem geklärt wurde, dass eine scharfe Grenze zwischen Autor und Erzähler nicht gezogen werden kann, werden nun die Heterostereotype in den Prosaskizzen „Ashantee“ von Altenberg untersucht. Wie eingehend festgestellt wurde, spiegelt sich in der Erzählinstanz die Autorenkritik an der Inszenierung von Heterostereotypen der Aschanti wider. Doch welchen Typologien von Hetero-Stereotypen gilt die Kritik des Erzählers? Die folgende Analyse widmet sich der Klassifikation von Stereotypen nach Lutz Rühling in Darstellungs-, Einstellungs-, Handlungs- und Überzeugungsstereotype. Dabei wird zu klären sein, wie stereotypische Darstellungen der Aschanti inszeniert werden und welche Einstellungsstereotype der Besucher sich dadurch explizieren lassen. Anschließend wird untersucht, wie stereotype Handlungen der Aschanti inszeniert werden und welche stereotypen Überzeugungen des Publikums diese Handlungen implizieren.

3.1 Inszenierung stereotypischer Darstellungen

Dreesbach unterscheidet bei der Inszenierung von Völkerschauen drei Typen:

[Z]um Ersten das so genannte Eingeborenendorf, das den Besuchern vorgaukelte, sie nähmen am tatsächlichen Leben der gezeigten Völker teil [...] zum Zweiten die zirzensisch Inszenierung [...] und zum Dritten die freak show [Herv. im Original] (Ebd 2005: 154)

Die im Wiener Tiergarten organisierte Völkerschau bedient sich sowohl der ersten als auch der zweiten Variante der zur Schaustellung der Aschanti. Die Publikumsgunst einer Völkerschau hing maßgebend von der Authentizitätsfiktion des zur Schaugestellten ab (Vgl. Dürbeck 2006: 69). Im Kontext von „Ashantee“ bedeutet dies, dass das Publikum ein sowohl authentisch inszeniertes Dorf als auch authentische Vorführungen von Ritualen und Brauchtum erwartet. In diesem Abschnitt wird untersucht, wie im Medium Völkerschau in den Skizzen „Ashantee“ stereotypische Darstellungen inszeniert werden, um die Vorstellungen des von den Aschanti verkörperten „Fremden“ zu bestätigen. Dabei soll die Frage berücksichtigt werden, welche Darstellungen von den Aschanti in den Erzählungen überhaupt als stereotyp zu interpretieren sind und welche Einstellungsstereotype sich von den Darstellungen ableiten lassen.

[...]


[1] http://www.duden.de/rechtschreibung/Klischee, zuletzt aufgerufen am 20.03.2016

[2] Fischer-Lichte, Erika: „Theatralität und Inszenierung“, in: Fischer-Lichte, Erika/Pflug, Isabel (Hg.): Inszenierung von Authentizität, Bd. 1: Theatralität. Basel/Tübingen: Francke, 2000, 11-30.

[3] Richard Beer-Hoffmann an Arthur Schnitzler, 20.5.1897, in: Fliedl, Konstanze (Hg.): Arthur Schnitzler und Richard Beer-Hoffmann. Briefwechsel 1891-1931. Wien/Zürich: Europa Verlag, 1992, S. 106.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Das inszenierte „Fremde“ in Peter Altenbergs „Ashantee“
Untertitel
Inszenierung und Dekonstruktion von Stereotypen
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Mittlere und Neuere Geschichte)
Veranstaltung
Inszenierung und Popularisierung von Wissen im 19. Jahrhundert. Akteure – Räume – Medien.
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
24
Katalognummer
V319099
ISBN (eBook)
9783668182547
ISBN (Buch)
9783668182554
Dateigröße
768 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Peter Altenberg, Völkerschau, Fin de Siècle, Inszenierung, Stereotype, Imagologie, Theatralität, Fischer-Lichte, Lutz Rühling, Aschanti, Ashantee, Impressionismus
Arbeit zitieren
Daniel Nagelstutz (Autor), 2016, Das inszenierte „Fremde“ in Peter Altenbergs „Ashantee“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319099

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