Die Speisung der Fünftausend. Exegetische Untersuchung der Perikope Lukas 9, 10-17


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
33 Seiten, Note: 2,7
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Übersetzungsvergleich
2.1. Vers-für-Vers Analyse Lukas 9, 10-17

3. Linguistische Betrachtung
3.1. Syntaktische Analyse
3.2. Semantische Analyse
3.3. Pragmatische Analyse

4. Literarkritik
4.1. Abgrenzung der Perikope vom Kontext
4.2. Synoptischer Vergleich
4.2.1. Vergleich Matthäus 14, 13-21 mit Markus 6, 30-44
4.2.2. Vergleich Markus 6, 30-44 mit Lukas 9, 10-17
4.2.3. Vergleich Matthäus 14, 13-21 mit Lukas 9, 10-17

5. Formgeschichte
5.1. Gattungszugehörigkeit
5.2. Vergleich von Lk 9, 10-17 mit anderer Perikope
5.3. Funktion der Gattung Wundergeschichte
5.4. Sitz im Leben:

6. Traditionsgeschichte
6.1. Motivkritik

7. Redaktionsgeschichte

8. Gesamtinterpretation

9. Literaturverzeichnis

10. Abkürzungsverzeichnis

A. Anhang
I. Übersetzungsvergleich Lukas 9, 10-17
II. Synoptischer Vergleich Lukas 9, 10-17
III. Vergleich von Lk 9, 10-17 mit Lk 5, 1-11

1. Einleitung

Die historisch-kritische Methode in traditioneller Anwendung gilt inzwischen nicht mehr als das „non plus ultra“ für exegetische Untersuchungen, sondern wurde durch weitere Methodenschritte der Literarkritik ergänzt. Hierdurch ist ein umfangreicher Methodenkanon entstanden, dessen Anwendung im „Arbeitsbuch zur Exegese des Neuen Testaments“ von Wolfgang Fenske detailliert beschrieben ist. Fenskes Vorlage folgend, geht diese exegetische Hausarbeit vom Methodenschritt „Textkritik / Übersetzungsvergleich“ aus, um für die Weiterarbeit eine Übersetzung ausfindig zu machen, die dem Urtext möglichst nahe ist. Es folgt eine linguistische Betrachtung, um die Frage nach dem pragmatischen Aufbau, den inhaltlichen Aussagen und den beabsichtigten Wirkungen des Textes zu erhellen. Dieser Methodenschritt ist der einzige synchrone Methodenschritt. In der „Literarkritik“ wird die Perikope von ihrem Kontext abgegrenzt und in einem synoptischen Vergleich innerhalb der Evangelien auf Brüche im Text untersucht, um einen Rückschluss auf Minor- oder Major-Agreements ziehen zu können. Die formgeschichtliche Analyse soll die Funktion der Textgattung erschließen und Aufschluss über die Frage nach dem „Sitz im Leben“ nach Hermann Gunkel geben. Die traditionsgeschichtliche Analyse hinterfragt und belegt hingegen die vorliegende Perikope anhand innerbiblischer und außerbiblischer Belege unter besonderer Berücksichtigung des jüdischen und des hellenistischen Weltbilds. Die Untersuchung der Redaktionsgeschichte bezieht das theologische Profil des Redaktors in die Bewertung der Perikope mit ein. Abgerundet wird die exegetische Untersuchung der Perikope Lk 9, 10-17 von einem Fazit in Form einer Gesamtinterpretation.

2. Übersetzungsvergleich

Der Übersetzungsvergleich hat das Ziel zu untersuchen, welche deutsche Bibelübersetzung dem Urtext am nächsten kommt, damit man gezielt mit dieser Bibelübersetzung exegetisch weiterarbeiten kann. Die Problematik jeglicher Übersetzungsarbeit liegt darin, die Aussagen des Urtextes korrekt festzustellen und anschließend äquivalent in der Zielsprache wiederzugeben. Im Rahmen einer konkordanten Wort-für-Wort-Übersetzung besteht die Gefahr, dass der Bedeutungssinn des Urtextes verloren geht (vgl. Haacker, 1981, S.25ff). Abgesehen davon könnte es auch zu semantischen Abweichungen zwischen Urtext und Übersetzung kommen, wenn der Autor eine bestimmte Wirkung des Textes zu erzielen beabsichtigt oder im Rahmen der Anpassung an das kulturelle Milieu einer Zielsprache (vgl. a.a.O., S.29). Um die dem Urtext nähere Übersetzung ausfindig zu machen, bedient sich die Textkritik diverser Instrumente, wie der Untersuchung des Schreibmaterials, der Datierung von Schriften mit der C 14-Methode, einer Schriftanalyse sowie einer Untersuchung nach Zugehörigkeit zu Textfamilien und Kategorien (vgl. Fenske, 1999, S.72ff). In Anbetracht der vorliegenden Bibelübersetzungen und des Umstandes, dass der Autor dieser exegetischen Hausarbeit über keine Griechischkenntnisse verfügt,dienen „lectio brevior“ und „lectio difficilior“ als geeignete Instrumente (vgl. a.a.O., S.80ff). Somit ist eine kürzere und eine schwierigere Lesart Merkmal der dem Urtext näheren Übersetzung. Eine Vers-für-Vers-Analyse zwischen den Bibelübersetzungen „Neue Genfer Übersetzung“, „Hoffnung für alle“ und „Schlachter“ ergibt Aufschluss darüber, welche Übersetzung dem Urtext näher ist.

2.1. Vers-für-Vers Analyse Lukas 9, 10-17

Bei der Betrachtung der Vers-für-Vers Analyse (vgl. Anhang I) fällt durch die gesamte Perikope auf, dass die Bibelübersetzungen „Neue Genfer Übersetzung“ und „Hoffnung für alle“ die bestimmte Person Jesus benennen, „Schlachter“ jedoch die unbestimmte Person „er“ verwendet. Dies ist ein Anhaltspunkt dafür, dass die Schlachter-Übersetzung „lectio difficilior“ entspricht, da der Brückenschlag von „er“ zu „Jesus“ als Interpretationsleistung des Lesers gefordert ist.

Vers 10:

Vergleicht man die verschiedenen Übersetzungen von Vers 10, fällt im Hinblick auf „lectio brevior“ und „lectio difficilior“ auf, dass die „Neue Genfer Übersetzung“ sich einiger Einschübe bedient (Danach […] Jesus [… ] zog sich ´in die Nähe` […] zurück, um […]) und durch die Ergänzung des Adverbs „danach“ die zeitliche Abfolge betont, durch die Ergänzung der Präposition „um“ einen neuen Kausalzusammenhang schafft und sich eines nicht ganz wertfreien „zurückziehens“ bedient anstatt des neutraleren „mitnehmens“. Die „Hoffnung für alle“ ergänzt ebenfalls den Kausalzusammenhang „Dort wollte er mit ihnen alleine sein“, während die Übersetzung nach Schlachter in diesem Vers die kürzeste Leseart ohne ersichtliche Einschübe darbietet. Die Schlachter-Übersetzung bedient sich jedoch ebenfalls, wie die „Neue Genfer Übersetzung“, des wertenden Verbs „zurückziehen“ anstatt des neutralen Verbes „mitnehmen“ der Übersetzung „Hoffnung für alle“. Die Übersetzung nach Schlachter begründet den Rückzug Jesu nicht mit einem „Allein sein wollen“, sondern lässt hier durch einen Rückzug „an einen einsamen Ort“ Interpretationsspielraum für das Motiv Jesu. Somit ist die Übersetzung nach Schlachter in Vers 10 nicht nur die kürzere, sondern – da keine Interpretation vorweggenommen wird – auch schwierigere Leseart und somit am engsten am Urtext orientiert.

Vers 11:

In der Übersetzung nach Schlachter wird knapp geschildert, dass die „Volksmenge“ Jesus folgte, während in der „Hoffnung für alle“-Übersetzung „Menschen in Scharen“ ihm folgten und in der „Neue[n] Genfer Übersetzung“ sogar „Leute in großen Scharen“ folgten. Nach Schlachter heißt es „[…] er nahm sie auf […]“; die „Hoffnung für alle“ und die „Neue Genfer Übersetzung“ hingegen schildern, „er schickte sie nicht fort / wies sie nicht ab, sondern […]“ und betonen hierdurch Jesu gutmütigen Charakter. Schlachter verschachtelt den Vers durch mehrere Nebensätze in nur einem Satz, während in der„Hoffnung für alle“ und der „Neue Genfer Übersetzung“ der Vers in zwei Sätze gegliedert ist. Somit ist die Übersetzung nach Schlachter in Vers 11 nicht nur die kürzere, sondern auch schwierigere Leseart.

Vers 12:

Sowohl die „Hoffnung für alle“ als auch die „Neue Genfer Übersetzung“ bedienen sich einiger Einschübe. Zum einen ist von „übernachten und etwas zu essen bekommen / kaufen können“ die Rede, wo die Schlachterübersetzung lediglich von „einkehren und Speise finden“ spricht. Ein Einkehren bedingt nicht zwangsläufig ein Übernachten. Zum anderen bedienen sich die beiden Übersetzungen der Füllwörter „doch“ und „ja“ im Rahmen von Umgangssprache. In der „Neue[n] Genfer Übersetzung“ sowie der Schlachter-Übersetzung ist davon die Rede, man befinde sich an einem „einsamen Ort“, wohingegen die „Hoffnung für alle“ Übersetzung ableitet: „Hier gibt es doch nichts!“. Außerdem ist in der „Hoffnung für alle“ von „zwölf Jüngern“ die Rede, während die anderen beiden Übersetzungen lediglich von den „Zwölf“ berichten. Insbesondere die fehlenden Anführungszeichen, das Auskommen ohne Füllwörter sowie die Interpretationsmöglichkeit des Begriffes „einkehren“ machen in Vers 12 die Schlachter-Übersetzung nicht nur zur kürzeren, sondern auch schwierigeren Lesart und somit am engsten am Urtext orientiert.

Vers 13:

In der Schlachter-Übersetzung „spricht“ Jesus (zu seinen Jüngern), in der „Hoffnung für alle“ fordert Jesus, in der„Neue[n] Genfer Übersetzung“ erwidert Jesus. Das Verb „sprechen“ hat eine rein informative Funktion, „erwidern“ und „fordern“ jedoch eine diskutierende bis streitende Funktion und stellen eine Steigerung des recht neutralen Verbs „sprechen“ dar. Dieser Umstand misst der Schlachter-Übersetzung die geringere Färbung durch den Autor bei und legt nach „lectio brevior“ jene als ursprünglichere Übersetzung nahe. Die Übersetzung nach Schlachter nutzt auch in Vers 13 wörtliche Rede ohne Anführungszeichen und ohne umgangssprachliche Füllwörter. Die beiden anderen Übersetzungen verwenden das umgangssprachliche Füllwort „etwa“, welches im Kontext impliziert, dass die Jünger an dem Sinn der nachgestellten Handlungsoption des Essenskaufs zweifeln. Auch dieser Umstand weist die Schlachterübersetzung als kürzer zu lesen und schwieriger zu verstehen und somit also als dem Urtext nähere Übersetzung aus.

Vers 14:

Die Information über die Anzahl der zu speisenden Männer ist in der „Neue[n] Genfer Übersetzung“ in Klammern gesetzt. Dies impliziert, dass es sich hierbei um eine weniger wichtige Information handle und nimmt der Information an Bedeutung. Die beiden anderen Übersetzungen verzichten auf Klammersetzung und erhalten die Bedeutung dieser im Vers 14 vorangestellten Information. Da die „Neue Genfer Übersetzung“ durch die Klammersetzung eine Zusatzinformation über das Gewicht der eingeklammerten Information enthält, hat diese Übersetzung einen größeren Informationsgehalt als die anderen, was nach der lectio brevior gegen eine große Nähe zum Urtext spricht. Das Gewicht des Imperativs zum Versammeln in Gruppen wiegt bei der Schlachter-Übersetzung am geringsten, da Jesus dort zu seinen Jüngern spricht „lasst sie sich gruppenweise setzen, […]“, hingegen in der „Hoffnung für alle“- Übersetzung ordnet Jesus die Versammlung an „Sagt ihnen, sie sollen […]“. In der „Neue[n] Genfer Übersetzung“ „sagte Jesus zu seinen Jüngern: Sorgt dafür, dass […]“, was in der Imperativwirkung stärker wiegt als bei der Übersetzung nach Schlachter, aber nicht so stark wiegt wie in der „Hoffnung für alle“- Übersetzung. Der Übersetzungsvergleich von Vers 14 spricht auf der Basis von lectio brevior der Schlachter-Übersetzung die größere Nähe zum Urtext zu. Die Frage nach lectio difficilior lässt sich nicht eindeutig zwischen den Übersetzungen „Hoffnung für alle“ und „Schlachter“ klären, jedoch kann die Schlachter-Übersetzung tendenziell wegen des komprimierten Informationsgehaltes und der unbequemeren Leseart als die schwerere Leseart genannt werden.

Vers 15:

Das Adverb „als“ in Vers 14 der „Neue[n] Genfer Übersetzung“ betont und gliedert die zeitliche Abfolge der Ereignisse. Die Tatsache, dass alleinig in dieser Übersetzung wiederholt Adverbien verwendet werden, legt den Gedanken nahe, es handle sich hierbei um ein Stilmerkmal des Übersetzers. Als Stilbruch hebt sich ab, dassVers 15 der „Neue[n] Genfer Übersetzung“ nicht als geschlossene (Teil-)Handlung endet, sondern mitten im Satz mit einer Einleitung zum Folgevers. Zudem ist Vers 15 der „Neue[n] Genfer Übersetzung“ der umfassendste Vers im Übersetzungsvergleich. Eine dichte Orientierung am Urtext ist in Anbetracht der angeführten Umstände unwahrscheinlich. Die Übersetzung „Hoffnung für alle“ bietet den kürzesten Wortlaut „Und so geschah es.“ Nach lectio brevior bietet diese Übersetzung die knappste Leseart und steht dem Urtext nahe. Da der Wortlaut dieser Übersetzung ohne Rückbezug auf den vorausgegangenen Vers keine Aussagekraft darüber hat, was genau geschah, ist er auch nach lectio difficilior die schwierigste Leseart und steht dem Urtext von den verglichenen Übersetzungen am nächsten. Da der Wortlaut identisch bereits im Schöpfungsbericht 1Mo.1,7 vorkommt und sich die Übersetzung „Hoffnung für alle“ als sehr freie Übersetzung erwiesen hat, ist jedoch eine gewisse Skepsis geboten. Schließlich ist der Wortlaut der Schlachter-Übersetzung „Und sie machten es so und ließen alle sich setzen“ ebenfalls sehr knapp formuliert, jedoch wesentlich aussagekräftiger in Bezug auf den zurückliegenden Vers.

Vers 16:

In der „Neue[n] Genfer Übersetzung“ und der „Hoffnung für alle“-Übersetzung wird ausgeführt, dass die Jünger die Speisen weitergaben. Die Schlachter-Übersetzung beschränkt sich darauf, dass „er“ die Speisen brach, damit die Jünger sie austeilten. Dass die Jünger die Speisen real ausgeteilt haben, überlässt Schlachter der Interpretation des Lesers. Obwohl die Übersetzungen, abgesehen von der Ergänzung des tatsächlichen Austeilens und abgesehen von den Verbunterschieden zwischen „verteilen“, „weiter geben“ und „austeilen“ weitgehend übereinstimmen, ist die Schlachter-Übersetzung die kürzeste. Somit ist sie nach „lectio brevior“ die dem Urtext nähere Übersetzung. Dadurch, dass Vers 16 in der Schlachter-Übersetzung aus einem Satz besteht und in den anderen beiden Übersetzungen aus zwei Sätzen, liest sich diese gemäß „lectio difficilior“ schwieriger. Auch dies spricht der Schlachter-Übersetzung die größere Nähe zum Urtext zu.

Vers 17:

Eine gewisse Ferne zum Urtext erkennt man in der „Hoffnung für alle“ durch das Füllwort „noch“. Sowohl in der „Neue[n] Genfer Übersetzung“ als auch in der „Hoffnung für alle“ ist ein Adverb „Am Schluss“ beziehungsweise „Als“ eingeschoben. Dies kommt der Gliederung der Handlungsabfolge zugute und sorgt für eine leichtere Lesart. Die Schlachter-Übersetzung bedient sich keiner Einschübe und ist nach „lectio brevior“ die dem Urtext näher gelegene Übersetzung. Ihre altbackene verschachtelte Syntax spricht für eine schwerere Lesart nach “lectio difficilior“ und bestätigt die Nähe zum Urtext.

Insgesamt bietet die Übersetzung der Perikope nach Schlachter die kürzere Lesart und da mangels Einschüben Interpretationsspielraum bleibt und zudem die Sprache unmoderner wirkt, stellt sie auch die schwierigere Lesart dar. Somit ist die Schlachter-Übersetzung dem Urtext am nächsten und wird daher dem weiteren Verlauf dieser Ausarbeitung zu Grunde gelegt.

3. Linguistische Betrachtung

Um die Bedeutung der Perikope zu erfassen, hilft es, durch eine syntaktische Analyse erste Rückschlüsse auf die Gattung der Perikope zu ziehen. Verifizieren oder falsifizieren lässt sich dieser Rückschluss unter Hinzuziehung der semantischen Analyse, welche von der Erkenntnis der Wortbedeutung zur Erkenntnis der Textbedeutung führt. Unter analytischem Einbezug sprachlicher Mittel kann ein Rückschluss gezogen werden, was die jeweilige Perikope bewirken soll (vgl. Fenske, 1999, S.30f). Dies ist anhand der Markierungen in Anhang A.I. nachzuverfolgen und bringt uns den inhaltlichen Aussagen, aber auch den Absichten des Textes näher.

3.1. Syntaktische Analyse

Eine Untersuchung der Verben ergibt, dass alle Verben im Präteritum formuliert sind, mit Ausnahme der Verben bei wörtlicher Rede. Die Perikope enthält viele Verben der Bewegung (kehren zurück, getan, nahm, zog zurück, folgten, traten herzu, hingehen, gebt, setzen, machten, nahm, gab, austeilten). Dies kann als ein Hinweis auf Ortswechsel verstanden werden. Auch Verben der Kommunikation kommen mehrfach vor (erzählten, redete, sprachen, sprach), was auf Dialoge zwischen Akteuren hinweist. Ein Imperativ kommt einmalig vor („gebt“), was anhand der geringen Häufigkeit gegen eine Streitschrift als Gattung spricht. Auch die Passivformulierung in Vers 15 („und ließen alle sich setzen“) spricht gegen eine Streitschrift als Gattung, da hier keine Imperativform genutzt wurde. An theologischen Termini kommen die Begriffe „Reich Gottes, Heilung, machte gesund, Himmel, segnete“ vor. Vor allem „Heilung“ und „gesund machen“ weisen auf eine Wundererzählung, spezieller auf ein Heilungswunder hin. Adverbien am Satzanfang wie „Als“ und Konjunktionen am Satzanfang wie „Aber“ weisen auf eine Wendung oder eine Problemstellung innerhalb der Perikope hin. Eine sprachliche Besonderheit kann je nach Auslegung in Vers 16 „austeilten“ beobachtet werden. Denn „austeilten“ kann als Konjunktiv 2 oder Indikativ-Formulierung verstanden werden. Als Konjunktiv-Formulierung würde offen bleiben, ob die Jünger die Speise tatsächlich austeilten, während hingegen eine Indikativ-Formulierung kennzeichnet, dass die Speise tatsächlich ausgeteilt wurde.

3.2. Semantische Analyse

In Vers 10 zieht sich Jesus mit den Jüngern zurück „an einen einsamen Ort“. Umgangssprachlich kann unter dem Rückzug an einen einsamen oder stillen Ort auch der Gang auf die Toilette verstanden werden. Im Kontext von Vers 11 wird jedoch deutlich, dass Jesus und die Jünger sich lediglich zum Ruhen zurückzogen, da die Volksmenge wohl kaum auf die Latrine gefolgt wäre. Der Ausdruck „jemanden zu sich nehmen“ bedeutet nach modernem Verständnis, dass man jemanden bei sich einziehen lässt oder dass man jemanden verspeist. In Vers 10 ist jedoch sinngemäß gemeint „jemanden mit sich nehmen oder unter Berücksichtigung des Nomadenlebens ein „beieinander lagern“. Dies gilt analog für „er nahm sie auf“ in Vers 11. In Vers 11 ist außerdem die Rede von einem „gesundmachen“. Da nicht bekannt ist, dass Jesus über medizinische Kenntnisse verfügte und Heilungen durch ihn stets als Wunderheilungen überliefert sind, kann in Vers 11 von Wunderheilungen ausgegangen werden. Der Begriff „traten herzu“ in Vers 12 hat in der heutigen Sprache keine Bedeutung. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass die Jünger zu Jesus und weiteren Personen der Volksmenge „hinzu treten“ und es sich um eine veraltete Ausdrucksweise handelt. Die Formulierung „je fünfzig und fünfzig“ in Vers 14 kann missverstanden werden. Sollen die Menschen sich zu Gruppen von fünfzig und nochmals fünfzig, also zu 100 Personen zusammenfinden? Oder handelt es sich um eine alte Sprechweise von fünfundfünfzig? Es könnte sich bei „fünfzig und fünfzig“, da es sich um einen Ausdruck in wörtlicher Rede, also mit umgangssprachlicher Behaftung, handelt, um eine exemplarische Aufzählung handeln im Sinne von „mehreren Gruppen zu je 50 Personen“. Eindeutig kann diese Unklarheit nicht geklärt werden, wobei letztere Argumentation in Anbetracht der wörtlichen Rede wahrscheinlich zutreffend ist.

3.3. Pragmatische Analyse

In Anbetracht der Ergebnisse der syntaktischen und semantischen Analyse ist deutlich geworden, dass es sich bei der Perikope um eine Wundererzählung handelt. Verwirrenderweise kommen sowohl ein Heilungswunder als auch ein Naturwunder in der Perikope vor. Bereits die Überschrift setzt jedoch den Fokus auf „Die Speisung der Fünftausend“, also das Naturwunder. Zudem wird das Heilungswunder nur beiläufig im letzten Drittel von Vers 11 genannt. Die Speisung hingegen wird von Vers 12 bis 17 erwähnt, sodass es sich bei der vorliegenden Perikope sehr wahrscheinlich um eine Naturwunder-Erzählung handelt. Dies wird in einem späteren Methodenschritt verifiziert werden.

4. Literarkritik

4.1. Abgrenzung der Perikope vom Kontext

Zunächst fällt auf, dass in Vers 10b als Subjekt des Satzes nicht mehr explizit eine handelnde Person genannt wird. Es findet keine Renominalisierung statt, wie sie für den Beginn einer völlig neuen Perikope häufig kennzeichnend ist. Ein Ortswechsel findet zwar statt, doch durch die fehlende Renominalisierung verweist der Beginn des Textes auf das Vorangegangene. Dort wird am Anfang von Vers 10 kurz von der Rückkehr der Apostel berichtet. Der Name Jesu wird in diesem Teilvers ebenfalls nicht genannt. Dies erweckt den Anschein, die Rückkehr der Apostel und die darauf folgende Erzählung stehen für den Evangelisten Lukas in Zusammenhang. Trotzdem beginnt die eigentliche Perikope erst in der zweiten Hälfte von Vers 10, gekennzeichnet durch einen Ortswechsel, die erneute Einleitung ,,Er nahm sie zu sich […]“ und eine völlig neue Thematik. Das Ende der Perikope ist hingegen deutlich mit Vers 17 erreicht, da ab Vers 18 neuerliche Orts- und Zeitangaben gemacht werden und zudem die handelnden Personen durch Pronomen benannt werden.

Der Text zeigt eine große innere Geschlossenheit. Es sind keine starken Brüche im Textaufbau und der syntaktischen Erzählstruktur erkennbar. In Vers 11 wird der Textaufbau nur geringfügig unterbrochen, indem dort von Jesu Lehren und Heilen als Geschichte in der Geschichte berichtet wird. Von verschiedenen Übersetzungsvorlagen kann daher nicht ausgegangen werden.

4.2. Synoptischer Vergleich

Ein synoptischer Vergleich ist sinnvoll, wenn mehrere Texte mit ähnlichem Inhalt vorliegen. Unsere Perikope liegt vor als Evangelium von Matthäus, von Markus und von Lukas. Die Texte werden in der anhängenden Synopse (vgl. Anhang A. II.) nebeneinander positioniert und Übereinstimmungen, Ergänzungen und Auslassungen werden mit besonderem Focus auf die Evangelien von Markus und Lukas herausgearbeitet. Hierzu werden Übereinstimmungen unterstrichen. Es folgt eine Auswertung in sogenannte „minor agreements“ und „major agreements“ anhand sprachlich-stilistischer sowie inhaltlich-sachlicher Kriterien. Abgeschlossen wird der synoptische Vergleich durch eine Gesamtinterpretation (vgl. Ebner/Heininger, 2007, S.133ff). Diese Hausarbeit stützt sich auf die Zwei-Quellen-Theorie, die besagt, dass alle Synoptiker sich auf das Markusevangelium sowie eine hypothetische Quelle „Q“ stützen (vgl. a.a.O., S.153f). Die alternative Two-Gospel-Hypothesis wird als Gegenmodell in dieser Ausarbeitung vernachlässigt. Beim synoptischen Vergleich fällt auf Anhieb auf, dass alle drei Synoptiker die gleiche Begebenheit in Grundzügen in ihren jeweiligen Evangelien übernommen haben. Eine literarische Abhängigkeit gemäß der Zweiquellentheorie ist also sehr wahrscheinlich.

[...]

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Die Speisung der Fünftausend. Exegetische Untersuchung der Perikope Lukas 9, 10-17
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Evangelische Theologie)
Veranstaltung
Seminar: Einführung in die exegetischen Methoden des Neuen Testaments
Note
2,7
Jahr
2015
Seiten
33
Katalognummer
V319215
ISBN (eBook)
9783668183629
ISBN (Buch)
9783668183636
Dateigröße
638 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Die Speisung der Fünftausend, Exegese
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Die Speisung der Fünftausend. Exegetische Untersuchung der Perikope Lukas 9, 10-17, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319215

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