Neuro-Enhancement aus der Perspektive der kantschen Ethik


Essay, 2014

6 Seiten, Note: 1.0

Anonym


Leseprobe

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Fundament zum Verständnis der Position Kants, da sich hier der entscheidende Gegensatz zu
anderen ethischen Positionen finden lässt. Eine Tugendethik etwa, wie sie von Aristoteles ent-
wickelt wurde, lehnt Kant explizit ab. Denn auch wenn die Talente des Geistes oder die Eigen-
schaften des Temperaments (das sind die Tugenden) ,,in mancher Absicht gut und wünschens-
wert" seien, so könnten diese Kant zufolge dennoch ,,äußerst böse und schädlich werden".
Nämlich dann, ,,wenn der Wille, der von diesen Naturgaben Gebrauch machen soll und dessen
eigentümliche Beschaffenheit darum Charakter heißt, nicht gut ist."
3
Eine an den Tugenden
oder dem Glück orientierte Ethik lehnt Kant ab, da deren Kriterium nicht das oberste Prinzip
der Moralität sein kann. Dasselbe gilt auch für eine konsequentialistische Ethik. Denn ,,[d]er
gute Wille ist nicht durch das, was er bewirkt oder ausrichtet, nicht durch seine Tauglichkeit
zur Erreichung irgend eines vorgesetzten Zweckes, sondern allein durch das Wollen d. i. an
sich, gut."
4
Nach Kant ist demnach auch das individuelle Glück nicht das Ziel des moralischen Han-
delns. Denn Glückseligkeit sei ein viel zu ungenauer Begriff, der durch die Vernunft niemals
eindeutig erkannt werde und demnach auch nicht als Richtschnur des moralischen Handelns
dienen könne.
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Im Rahmen der kantschen Ethik ist also nicht das Handeln gut, das sich durch
die Orientierung an einer irgendwie gearteten Tugend auszeichnet, noch das Handeln, das allein
die Güte der Konsequenzen beachtet oder das nach Glückseligkeit strebt. Nach Kant ist viel-
mehr gerade das ein Gutes, also ein moralisch gebotenes Handeln, das einen inneren morali-
schen Wert besitzt.
Denn da die Vernunft dazu nicht tauglich genug ist, um den Willen in Ansehung der Gegenstände desselben
und der Befriedigung aller unserer Bedürfnisse (die sie zum Teil selbst vervielfältigt) sicher zu leiten, als
zu welchem Zwecke ein eingepflanzter Naturinstinkt viel gewisser geführt haben würde, gleichwohl aber
uns Vernunft als praktisches Vermögen, d. i. als ein solches, das Einfluss auf den Willen haben soll, den-
noch zugeteilt ist: so muss die wahre Bestimmung derselben sein, einen nicht etwa in anderer Absicht als
Mittel, sondern an sich selbst guten Willen hervorzubringen, wozu schlechterdings Vernunft nötig war, wo
anders die Natur überall in Austeilung ihrer Anlagen zweckmäßig zu Werke gegangen ist. Dieser Wille
darf also zwar nicht das einzige und das Ganze, aber er muss doch das höchste Gut und zu allem Übrigen,
selbst allem Verlangen nach Glückseligkeit die Bedingung sein.
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Dieser Begriff des guten Willens führt Kant unmittelbar zu dem Begriff der Pflicht. Erst dieser
verleiht dem Begriff des guten Willens Bedeutung. Denn ,,eine Handlung aus Pflicht hat ihren
moralischen Wert nicht in der Absicht, welche dadurch erreicht werden soll, sondern in der
3
Kant 1968, 393, 7-13.
4
Kant 1968, 394, 13-15.
5
Vgl. Kant 1968, 395, 4-27.
6
Kant 1968, 396, 14-16.

3
Maxime, nach der sie beschlossen wird, hängt also nicht von der Wirklichkeit des Gegenstandes
der Handlung ab, sondern bloß von dem Prinzip des Wollens, nach welchem die Handlung
unangesehen aller Gegenstände des Begehrungsvermögens geschehen ist."
7
Der moralische
Wert einer Handlung konstituiert sich im Prinzip des Willens, das sich an der Pflicht, und das
ist bei Kant die Achtung vor dem moralischen Gesetz, nicht aber an den zu erreichenden Zielen
orientiert. ,,Unsere größte moralische Hochschätzung erhält diejenige Handlung, die rein aus
Pflicht geschieht, d.h. bloß aus Achtung vor dem moralischen Gesetz, ganz unabhängig von
Neigungen und Interessen."
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Die Frage, die an dieser Stelle offenbleibt, ist die, was das mora-
lische Gesetz genau ist.
Moralisches Handeln nach Kant ist also das pflichtgemäße Handeln, dass das moralische Gesetz
achtet und befolgt. Dementsprechend kann man nun zwischen pflichtgemäßen und pflichtwid-
rigen Handlungen unterscheiden. Letztere sind konkret die Handlungen, die der Pflicht wider-
streiten.
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Pflichtgemäße Handlungen hingegen sind die, die der Pflicht entsprechen. Hierbei
unterscheidet Kant ferner zwischen pflichtgemäßen Handlungen aus Neigung und denen aus
Pflicht. Erstere besitzen keinen inneren moralischen Wert, da die Koinzidenz von Neigung und
Pflicht bloß zufällig ist. Letztere hingegen sind genuin moralische Handlungen, da diese um
der Pflicht willen vorgenommen werden.
10
Die Frage bleibt jedoch bestehen: Was ist das mo-
ralische Gesetz? Die Antwort auf diese Frage, der kategorische Imperativ, bildet dann das Zent-
rum der kantschen Ethik.
Da ich den Willen aller Antriebe beraubt habe, die ihm aus der Befolgung irgend eines Gesetzes entspringen
könnten, so bleibt nichts als die allgemeine Gesetzmäßigkeit der Handlungen überhaupt übrig, welche allein
dem Willen zum Prinzip dienen soll, d. i. ich soll niemals anders verfahren als so, daß ich auch wollen
könne, meine Maxime solle ein allgemeines Gesetz werden. Hier ist nun die bloße Gesetzmäßigkeit über-
haupt (ohne irgend ein auf gewisse Handlungen bestimmtes Gesetz zum Grunde zu legen) das, was dem
Willen zum Prinzip dient und ihm auch dazu dienen muss, wenn Pflicht nicht überall ein leerer Wahn und
chimärischer Begriff sein soll.
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Die kantsche Ethik ist demnach eine Pflichtethik, deren Kern die Beachtung der allgemeinen
Gesetzmäßigkeit einer Handlung darstellt. Diese Position ist allerdings keineswegs vorausset-
zungslos. Ohne diese Fundamente hier einer Kritik unterziehen zu wollen, seien die folgenden
Prämissen der kantschen Position angeführt: (i) Es gibt unverbrüchliche moralische Gesetze,
(ii) Der unverbrüchliche Anspruch eines moralischen Gesetzes muss begründet sein, (iii) Die
Begründung des unverbrüchlichen Anspruchs eines moralischen Gesetzes liefert die Vernunft,
7
Kant 1968, 399f., 35-37; 1-2.
8
Schönecker und Wood 2002, S. 61.
9
Kant 1968, 397, 11-14
10
Vgl. Kant 1968, 397, 11-32, Schönecker und Wood 2002, S. 61.
11
Kant 1968, 402, 1-13; Hervorhebung im Original.

4
(iv) Sitz und Ursprung moralischer Gesetzmäßigkeiten ist die Vernunft, weshalb die Metaphy-
sik die Grundlage der Ethik ist.
12
Der entscheidende und keineswegs unproblematische Aus-
gangspunkt der kantschen Ethik ist also der, dass davon ausgegangen wird, dass es feste mora-
lische Gesetzmäßigkeiten gibt (moralischer Realismus
13
) und diese durch den Vernunftge-
brauch erkannt und begründet werden können. Es scheint nun möglich, die eigentliche Frage
der vorliegenden Arbeit, inwieweit die Verbesserung der eigenen geistigen Fähigkeiten mithilfe
technischer Eingriffe und medizinischer Hilfsmittel moralisch geboten oder verboten ist, aus
der Perspektive der Ethik Kants zu beantworten.
Zur Beantwortung der Kernfrage ist es zuerst notwendig zu klären, ob der Problemkom-
plex des Neuro- Enhancements überhaupt eine ethische Fragestellung im Sinne Kants beinhal-
tet. Daran anknüpfend ist zu klären, ob und inwiefern die Verbesserung der eigenen geistigen
Fähigkeiten mithilfe technischer Eingriffe und medizinischer Hilfsmittel pflichtwidrig oder
pflichtgemäß ist. Was die erste Frage angeht, so kann man problemlos festhalten, dass die hier
behandelte Frage eine genuin moralische Problemstellung beinhaltet. Denn die Grundfrage, auf
die die Ethik eine Antwort liefern soll, ist Kant zufolge die, was man tun soll, was moralisch
richtiges Handeln auszeichnet.
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Und dieses Aufgabengebiet der Ethik umfasst selbstverständ-
lich auch die für den vorliegenden Essay zentrale Frage. Die eigentliche Frage ist demnach die,
wie die Handlungen des Neuro- Enhancements sich zu dem allgemeinen Gesetz der Moralität
verhalten, wie solche Handlungen also vor dem Hintergrund der Pflicht bewertet werden müs-
sen. Diese Frage kann jedoch nicht allein durch den Rückgriff auf die obige Darstellung der
kantschen Ethik beantwortet werden. Denn da hier die anthropologische Frage berührt wird,
was das Menschsein ausmacht, welche Rechten und Pflichten der Mensch gegenüber sich selbst
hat, scheint es geboten, sich auch die Position Kants zu diesem Problemkomplex vor Augen zu
führen. Grundsätzlich vertritt Kant eine Position, die der individuellen Entscheidung auf Grund-
lage der Einsichten des eigenen Verstandes eine primäre epistemologische Position einräumt.
Die Autonomie ist ihm zufolge ,,der Grund der Würde der menschlichen und jeder vernünftigen
Natur."
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Diese Autonomie des Einzelnen wird jedoch durch den Kohärenzanspruch, den Kant
an seine Ethik stellt eingeschränkt. Denn auch der im Wortsinn Lebensmüde kann sich nicht
moralisch autonom dazu entscheiden, sein Leben zu beenden. Denn eine solche Handlung
würde, wäre sie moralisch gerechtfertigt, ein allgemeines Gesetz werden können. Dieses Gesetz
würde jedoch dem Zweck der Natur, d.i. die Beförderung des Lebens, widersprechen, kann also
12
Bittner 1993, S. 27.
13
Vgl. weiterführend Brink 1989.
14
Vgl. Härle 2011, S. 65.
15
Kant 1968, 436, 6-7.
Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Neuro-Enhancement aus der Perspektive der kantschen Ethik
Hochschule
Universität Stuttgart
Note
1.0
Jahr
2014
Seiten
6
Katalognummer
V319235
ISBN (eBook)
9783668188600
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
neuro-enhancement, perspektive, ethik
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Neuro-Enhancement aus der Perspektive der kantschen Ethik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319235

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