Über den Sinn und Zweck der Verwendung von Anglizismen in der Pressesprache


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

29 Seiten, Note: 1


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Begriffserklärung
2.1. Pressesprache als Varietät?
2.2. Definition und Status der Anglizismen in der deutschen Sprache

3. Gesamtüberblick: Entwicklung des Englischen zum „neuen Latein“

4. Auswirkung auf die unterschiedlichen Sprachebenen

5.1. Syntax
5.2. Morphologie
5.3. Lexik und Semantik

6. Schlussfolgerung

7. Literaturverzeichnis

1. EINLEITUNG

Die deutsche Sprache scheint heutzutage zunehmend von einem aus dem englischen und amerikanischen Sprachraum stammenden Sprachgut bedrängt zu sein. Diese Tatsache wird in der Sprache der Presse besonders deutlich, wie eine umfassende Kritik seit Mitte des 20. Jahrhunderts bereits gezeigt hat. Dadurch, dass die Pressesprache eine hohe Gegenwartsbezogenheit aufweist, da sie „alle Gebiete des täglichen Lebens“ behandelt, kann sie als „ein sicheres Anzeichen für sprachliche Veränderungen“1 betrachtet werden. Eine besondere Rolle dabei spielen Anglizismen und Amerikanismen, die bereits durch den Kolonialismus und Welthandel Großbritanniens im 17., 18. und 19. Jahrhundert und durch die Etablierung der USA als Weltmacht im 20. Jahrhundert2 ihren Weg in die deutsche Sprache gefunden haben. Es soll hierbei angemerkt werden, dass die damaligen Entlehnungen teilweise aus Bedarf an Bezeichnungen für bisher nicht vorhandene oder wenig populäre Sachverhalte übernommen wurden, während in der heutigen Debatte über eine „Verenglischung“ und „Amerikanisierung“ geklagt wird3, da ein hoher Anteil an Wörter in die deutsche Sprache unhinterfragt aufgenommen werden.

Die vorliegende Arbeit soll am Beispiel der Pressesprache zeigen, wie sich die zunehmende Popularität des Englischen auf die unterschiedlichen Sprachebenen des Deutschen auswirkt. Mit Blick auf das Eindringen von Anglizismen in die Sprache der Presse soll dargelegt werden, dass die letztere keineswegs als eine Varietät zu betrachten ist, sondern eher als eine Widerspiegelung der gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und sprachlichen Zustände der Zeit gilt.

Im Hinblick auf die umfangreiche Fachliteratur, die der Untersuchung von Anglizismen in den prominentesten Wochenzeitungen gewidmet ist - wie etwa DIE ZEIT, SZ (Süddeutsche Zeitung) und FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) - und in Zeitschriften, worunter SPIEGEL und Focus als die meisterforschten Publikationen gelten, soll die vorliegende Arbeit einem potenziellen Varietätsanspruch der

Pressesprache entgegenwirken. Um dies zu beweisen, wird das vierte Kapitel am Gegenstand der ZEIT des Jahres 2016 (die ersten zehn Ausgaben) einige aufschlussreiche Beispiele zu den Veränderungen, die auf den einzelnen Sprachebenen stattgefunden haben, liefern.

Darüber hinaus nimmt sich die Arbeit vor, die Beweggründe und Umstände der massiven Verbreitung von Anglizismen gerade mittels Pressesprache zu erläutern. Abschließend sollen die Folgen der vieldiskutierten (Un-)Vermeidbarkeit dieses Phänomens dargelegt werden.

2. BEGRIFFSERKLÄRUNG

Dieses Kapitel wird einen Überblick über die zentralen Begriffe der Pressesprache, der Varietät und der Anglizismen bzw. Amerikanismen verleihen. Außerdem soll im Folgenden gezeigt werden, inwiefern sich diese Dimensionen untereinander beeinflussen.

2.1. Pressesprache als Varietät?

Bereits 1983 versuchte der Sprachwissenschaftler Heinz-Helmut Lüger Pressesprache zu definieren. Trotz der Feststellung, dass es aufgrund der Vielfalt an journalistischen Gattungen und Sprachstilen schwer möglich ist, der Pressesprache einen „einheitlichen, abgrenzbaren Sprachgebrauch zu unterstellen“4, besteht er auf zahlreiche gemeinsame Merkmale, vor allem hinsichtlich der Produktionsbedingungen und Mitteilungsabsichten, die durchaus für die Beibehaltung eines Oberbegriffs ‘Pressesprache‘ sprechen können, wenn auch nicht im Sinne eines homogenen Sprachstils.5

Dementsprechend nimmt sich Lüger eine komplexe Analyse der Pressesprache vor, indem er diese in Hinblick auf Darstellungs- oder Stilformen (tatsachenbetonte, meinungsbetonte und phantasiebetonte) einerseits, und auf journalistischen Aussageweisen (tendenziell repressive bzw. emanzipatorische) andererseits untersucht.6 In seiner Beschreibung berücksichtigt er die unterschiedlichen Sprachebenen, worunter Syntax und Lexik als die meistuntersuchten Bereiche gelten. Beschränkt man sich bei der Analyse auf diese beiden Ebenen, so kann man Pressesprache allgemein als „Indiz für Tendenzen der Gegenwartssprache“ betrachten. Andererseits lässt sich diese durch den „spezifische[n] Sprachgebrauch im Medium Presse“ bestimmen, noch genauer als „Sprachgebrauch eines bestimmten Publikationsorgans“.7 In der Anglizismenforschung sind vorwiegend die Ebenen der Lexik und der Syntax untersucht worden, da sie die meisten Einflüsse des Englischen aufweisen. Dies wird auch in der vorliegenden Arbeit deutlich.

Betrachtet man Pressesprache generell „als besonders geeignete Grundlage für allgemeinere synchrone und diachrone Sprachbeschreibungen“, als eine Widerspiegelung des „Sprachzustand[es] ihrer Zeit“, so kann man anhand dessen die Entwicklung der Anglizismen und Amerikanismen innerhalb der deutschen Sprache leichter festhalten.

Bei einer näheren Beobachtung der von Lüger aufgestellten Trias von Information, Meinungsbildung und Unterhaltung als Hauptfunktionen journalistischer Texte stellt man fest, dass diese nicht immer adäquat ist, da Pressetexte oft nicht genau einer der drei Kategorien zugeordnet werden können. Michael Hoffmann schlägt an ihrer Stelle eine Unterscheidung zwischen der „thematisch relevanten Bezogenheit auf ‚Neuigkeit‘ (als Informations- bzw. Thementyp) einerseits und der stilistisch relevanten Betontheit von Tatsachen, Meinungen, Erlebnissen (als Typen von ‚Neuigkeit‘) andererseits.“8 Eine solche Kategorisierung erscheint auch für die Begründung der Verwendung von Anglizismen/Amerikanismen in der Pressesprache eher angebracht. Dennoch sind diese wie auch die von Lüger genannten Merkmale unzureichend, um Pressesprache als eine homogene Varietät zu kennzeichnen.

Eine Sprachvarietät grenzt sich von anderen Varietäten durch bestimmte „Besonderheiten (Varianten) in Wortschatz und Aussprache“9 ab und wird in Bezug auf „ihre räumliche Geltung, ihren sozialen Status, ihre historische Rolle und ihre Funktion in der Kommunikation“10 definiert. Das letztere Merkmal ist für „funktionale Varietäten“ dahingehend kennzeichnend, als diese „für besondere situative Umstände der Kommunikation gelten, z.B. für Fachsprachen, Sondersprachen, spezialisierte Tätigkeiten etc.“11 Dabei entsteht das Problem der genauen Festlegung des Profils einer solchen spezifischen Varietät auf lexikalischer, morphologischer, phonologischer, syntaktischer und semantischer Ebene.12 Die Varianten, die eine solche Varietät ausmachen, orientieren sich zunehmend, wie Eichinger feststellt, an „standardsprachliche[n] Muster[n], die sich den Techniken struktureller Oralität bedienen“. Somit wird „eine durch Freundlichkeit und Alltäglichkeit stärker geprägte Sprachform […], die sich aber durchaus an den Normen gebildeten Sprechens und Schreibens orientiert“, zum „Kennzeichen einer modernen Standardsprachlichkeit“.13 Diese Tendenz ist besonders an den Anglizismen und Amerikanismen, die in der Pressesprache auftreten, zu erkennen, wie aus den folgenden Kapiteln deutlich wird.

2.2. Definition und Status der Anglizismen in der deutschen Sprache

Eine eindeutige, allgemeingültige Definition des Begriffes „Anglizismus“ hat die linguistische Forschung bis heute nicht geliefert. Um 1945 begann der Begriff zunehmend an Bedeutung zu gewinnen, so dass er in den folgenden Jahren, aufgrund der unterschiedlichen Perspektiven, aus denen er untersucht wurde, erkennbar an Komplexität gewann.14 Zudem entstand die Problematik der Unterteilung von Anglizismen in „Entlehnungen aus dem amerikanischen Englisch, dem britischen Englisch sowie den übrigen Sprachbereichen wie Kanada, Australien, Südafrika u.a.“15 Eine klare Abgrenzung insbesondere des britischen Lehnguts vom amerikanischen ist, wie die meisten Forscher feststellen, schwierig oder sogar irrelevant.16 Aus diesem Grund wird „Anglizismus“ als Oberbegriff für alle Wörter, die dem englischsprachigen Raum entstammen, bevorzugt.

Eine übersichtliche Definition des Begriffes „Anglizismus“ liefert Bußmanns „Lexikon der Sprachwissenschaft“. Bezeichnet wird dieser dort als ein [a]us dem Englischen in eine nicht-englische Sprache übernommener Ausdruck (a) als lexikalische Einheit Homepage, Highlight, Hooligan, (b) in idiomatischer Verwendung World Wide Web, (c) als syntaktische Konstruktion up to date, Global Player, Roller skating. - Als ‚Denglisch‘ werden Ausdrücke bezeichnet wie ausgepowert, anklicken, recyclen, einchecken, bei denen englische Ausdrücke in deutschen Wortbildungs- und Flexionsmustern verwendet werden.17

Damit wird eine synchrone Beschreibung des Begriffes in Bezug auf die Ebenen der Lexik wie auch der Syntax dargelegt. Im Gegensatz dazu bringt Yang einen diachronen Aufriss des „Anglizismus“ ein, indem er diesen in drei unterschiedliche Typen aufteilt. Als erstes nennt er die „[k]onventionalisierte[n] Anglizismen“, die trotz der unterschiedlichen Aussprache und/oder Orthographie als „allgemein üblich und bekannt“ gelten und somit von deutschen Sprechern kaum noch als Fremdwörter empfunden werden.18 Dabei liegen die Hauptunterschiede zwischen dem ursprünglich englischen Wort und der deutschen „Adaption“ in der Schreibung mit k anstatt des englischen c, in der Pluralendung -ys statt des englischen -ies und der Schreibung mit sch- an Stelle der sh -Konsonantengruppe des Englischen.19 Als Beispiele dafür sind Wörter wie „Kamera“, „Hobbys“ oder „Schock“ zu nennen. Als zweite Kategorie erwähnt Yang die „Anglizismen im Konventionalisierungsprozess“20, die durch einen unsicheren Status in der deutschen Sprache gekennzeichnet sind. Da sie während dieser Phase von den meisten Sprechern als Fremdwörter erachtet werden, müssen sie im Laufe der Zeit entweder als solche akzeptiert werden oder aus dem Sprachgebrauch komplett verschwinden. Als Beispiele dafür nennt Yang Wörter wie „Gay“ oder „Factory“. Zur letzten der von Yang ausgeführten Kategorien gehören „Zitatwörter, Eigennamen und Verwandtes“, die nur isoliert oder „in Zusammenhang mit Amerika, England, Kanada oder anderen englischsprachigen Ländern gebraucht“ werden. Dazu gehören Wörter wie „High School“, „Highway“ oder „US- Army“.21

Eine Ergänzung zum Begriff „Anglizismus“ bietet Zindler an:

Ein Anglizismus ist ein Wort aus dem britischen oder amerikanischen Englisch im Deutschen oder eine nicht übliche Wortkomposition, jede Art der Veränderung einer deutschen Wortbedeutung oder Wortverwendung (Lehnbedeutung, Lehnübersetzung, Lehnübertragung, Lehnschöpfung, Frequenzsteigerung, Wiederbelebung) nach britischem oder amerikanischem Vorbild.22

Dadurch wird sowohl ein geographischer Hinweis als auch einer bezüglich der möglichen Umstrukturierung des Charakters eines Fremdwortes gegeben - gemäß den sprachlichen und gesellschaftlichen Konventionen, aber nicht ohne Beachtung des britischen bzw. amerikanischen Musters. Würde man alle in der Fachliteratur vorhandenen Definitionen des Begriffes „Anglizismus“ heranziehen, so würde das Gesamtbild trotzdem unvollständig bleiben, denn es werden, wie Carolin Kruff feststellt, bei allen untersuchten Definitionen „[g]rammatikalische, syntaktische und phonetische Aspekte beim Entlehnungsprozess […]

[...]


1 Carstensen 1965: S. 20.

2 Kupper 2003: S. 18.

3 Dunger 1899. Zitiert ebd. S. 8.

4 Lüger 1983: S. 1.

5 Ebd.

6 Ebd. S. 18-22.

7 Ebd. S. 22f.

8 Hoffmann 2011: S. 1.

9 Ammon 2004: S. XXXII.

10 Dittmar 1997: S. 74.

11 Dittmar 1997: S. 74.

12 Ebd. S. IX.

13 Eichinger 2008: S. 4.

14 Eine solche multiperspektivische Darstellung des Begriffes ist bei Kruff 2014: S. 10-82 zu finden.

15 Yang 1990: S. 7.

16 Vgl. Zindler (1959), Carstensen (1965), Pfitzner (1978), Viereck (1980), Kupper (2003) u.a.

17 Bußmann 2008: ‚Anglizismus‘.

18 Yang 1990: S. 9.

19 Carstensen und Galinski 1976: S. 15.

20 Yang 1990: S. 9..

21 Yang 1990: S. 9.

22 Zindler 1959: S. 2.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Über den Sinn und Zweck der Verwendung von Anglizismen in der Pressesprache
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Projekt Brückensteine: Sprachvarietäten in Unterricht und Pausenhof
Note
1
Autor
Jahr
2016
Seiten
29
Katalognummer
V319239
ISBN (eBook)
9783668185388
ISBN (Buch)
9783668185395
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Linguistik, Sprachvarietäten, Sprache, Anglizismus, Amerikanismus, Die Zeit, Der Spiegel, Presse, Pressesprache, Zeitung, global language, Englisch, Syntax, Morphologie, Sprachwandel, Lexik, Semantik, Amerikanisierung, Verenglischung, Sprachkritik, Sprachpurismus, Sprachkontakt
Arbeit zitieren
Maria Baciu (Autor), 2016, Über den Sinn und Zweck der Verwendung von Anglizismen in der Pressesprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319239

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