Der pelagianische Streit. Das Schreiben der Synode von Mileve an den römischen Bischof Innozenz I.


Hausarbeit, 2014

34 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wissenschaftliche Übersetzung

3. Paraphrase
3.1 Textimmanente Quellenanalyse
3.1.1 Textstruktur und Textgliederung
3.1.2 Texterklärung
3.2 Einordnung der Quelle in den weiteren historischen Makrokontext
3.3 Untersuchung des historisch-literarischen Mikrokontextes
3.4 Gesamtdeutung der Quelle

4. Abschlussreflexion

Abkürzungs- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist das Schreiben der Synode an den römischen Bischof Innozenz I, welches unter Zuhilfenahme gängiger Methodenschritte der Paraphrase analysiert werden soll. Ziel ist es hierbei, auf Grundlage dieser Untersuchungsergebnisse die Quelle in ihrer Gesamtheit zu erschließen sowie ihre historische sowie theologische Bedeutsamkeit innerhalb der Auseinandersetzung mit dem Pelagianismus zu erörtern. Hierzu erweist es sich als zwingend notwendig, die Quelle stets in ihrem historischen Kontext wahrzunehmen sowie die Absicht der Verfasser und deren intendierte Wirkung auf den Adressaten im Blick zu behalten.

So soll in einem ersten Schritt eine Textbestimmung durchgeführt werden, welche als Grundlage für alle nachfolgenden Ausführungen fungiert. In einem zweiten Schritt schließt sich eine detaillierte Analyse des Quellentextes an, wobei diesem Methodenschritt im Rahmen der Arbeit besondere Gewichtung zukommt. Innerhalb dieses Schrittes erweisen sich eine Strukturanalyse und Textgliederung als wichtige Untersuchungspunkte, wobei der Schwerpunkt der Analyse auf der nachfolgenden Texterklärung liegen soll, im Zuge derer die zugrundeliegende Quelle auf detaillierte Weise analysiert und erklärt wird.

In dem sich anschließenden, dritten Schritt soll eine Einordnung der Quelle in den weiteren historischen Makrokontext erfolgen, bevor, auf Grundlage der vorangegangenen Untersuchungsergebnisse, der historisch-literarische Mikrokontextes der Quelle anhand zweier ausgewählter Beispiele analysiert wird. Abschließend sollen die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit resümiert und ausgewertet werden mit dem Ziel, die Erkenntnisse der einzelnen Untersuchungen zu einer Gesamtdeutung des Quellentextes zusammenzuführen.

Besonderes Augenmerk soll dabei stets auf die eingefügten Exkurse sowie auf die Vertiefung gelegt werden, welche eine tiefgreifendere Beschäftigung mit einzelnen theologischen oder historischen Entwicklungen ermöglichen.

2. Wissenschaftliche Übersetzung

CLXXVI.1

Dem gesegneten und verdientermaßen verehrungswürdigen Herrn und in Christus hochzu-ehrenden Papst Innocentius [senden] Silvanus, der Älteste2, Valentinus, Aurelius, Donatus, Restitutus, Lucianus, Alypius, Augustinus, Placentius, Severus, Fortunatus, Possidius, Novatus, Secundus, Maurentius, Leo, Faustinianus, Cresconius, Malchus, Litorius, Fortunatus, Donatus, Ponticianus, Saturninus, Cresconius, Honorius, Cresconius, Lucius, Adeodatus, Processus, Secundus, Felix, Asiaticus, Rufinus, Faustinus, Servus, Terentius, Cresconius, Sperantius, Quadratus, Lucillus, Sabinus, Faustinus, Cresconius, Victor, Gigantius, Possidonius, Antoninus, Innocentius, Felix, Antoninus, Victor, Honoratus, Donatus, Petrus, Praesidius, Cresconius, Lampadius, Delphinus von der milevitanischen Synode3 einen Gruß im Herrn.

1. Weil dich der Herr durch das besondere Geschenk seiner Gnade auf den apostolischen Stuhl gesetzt und [uns] einen solchen in unsrigen Zeiten gegeben hat, dass es uns vielmehr als ein Vergehen der Nachlässigkeit angerechnet werden müsste, wenn wir deiner Ehrwürdigkeit4, [dies] was zum Besten der Kirche verhandelt werden muss, verschweigen wollten, als ob du dasselbe widerwillig oder nachlässig aufnehmen könntest, darum bitten wird dich, du werdest dich entschließen, den großen Gefahren der kranken Glieder Christi deine Hirtensorgfalt zuwenden.

2. Ja überhaupt versucht eine neue und allzu gefährliche Häresie der Feinde der Gnade Christi sich zu erheben, welche uns auch das Gebet des Herrn5 durch gottlose Erörterungen6 zu entreißen versucht. Obwohl [uns] nämlich der Herr lehrte, dass wir sagen: ‚Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.‘7, behaupten jene, dass der Mensch in diesem Leben, nachdem er die Gebote Gottes kennengelernt hat, zu einer so vollkommenen Gerechtigkeit ohne die Hilfe der Gnade des Erlösers allein durch die Kraft des freien Willens gelangen könne, dass es nicht mehr nötig sei zu sagen: ‚Vergib uns unsere Schulden.‘. Aber dieses, was folgt: ‚Führe uns nicht in Versuchung.‘8 sei nicht so zu verstehen, als ob wir die göttliche Hilfe erbitten müssten, um nicht in der Versuchung der Sünde zu verfallen, sondern dies liege in unserer Macht, und um dies zu erreichen, reiche der alleinige Wille des Menschen aus, als ob der Apostel vergebens gesagt hätte: ‚So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.‘9 und: ‚Gott ist treu, der nicht zulässt, dass ihr versucht werdet über das hinaus, was ihr vermögt, sondern führt die Versuchung zu solch einem Ende, dass ihr's ertragen könnt.‘10. Vergebens hätte auch der Herr zu dem Apostel Petrus gesagt: ‚Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht schwinde.‘11 und zu all den seinen: ‚Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallt.‘12, wenn dies alles in menschlicher Macht steht.

Sie behaupten in keineswegs christlicher Erwartung, dass auch die kleinen Kinder, wenn keines die Sakramente der christlichen Gnade empfangen hat, das ewige Leben erlangen werden und entkräften so die Worte des Apostels: ‚Durch einen Menschen ist die Sünde in die Welt gekommen und der Tod durch die Sünde und so ist er zu allen Menschen durchgedrungen, darauf alle gesündigt haben.‘13 und an einer anderen Stelle: ‚So wie in Adam alle sterben, so werden sie auch in Christus alle lebendig gemacht werden.‘14.

3. Paraphrase

3.1 Textimmanente Quellenanalyse

3.1.1 Textstruktur und Textgliederung

Ziel der nachfolgenden Untersuchung ist es, eine Strukturanalyse der zugrundeliegenden Quelle vorzunehmen, ihre Gattung zu bestimmen sowie eine Textgliederung zu erstellen.

Um sich nun der Zuordnung des Schreibens der Synode von Mileve an Papst Innozenz I zu einer Form und Gattung zu nähern, muss vorab festgelegt werden, wie der Begriff der Form inhaltlich zu füllen ist. Diese bestimmt JOLLES wie folgt:

Gleiches gesellt sich zu Gleichem, aber es bildet hier keinen Haufen von Einzelheiten, sondern eine Mannigfaltigkeit, deren Teile ineinander eindringen, sich vereinigen, verinnigen, und so eine Gestalt, eine Form ergeben – [...].Wo nun die Sprache bei der Bildung einer solchen Form beteiligt ist, wo sie anordnend, umordnend in eine solche Form eingreift [...] – da können wir von literarischen Formen sprechen.15

Hinsichtlich der Bestimmung einer solchen literarischen Form ist das vorliegende Schreiben aufgrund seines erzählenden Sprachduktus der Großgattung Epik und der Untergattung des Briefes zuzuordnen. Das Schreiben weist durch seinen kommunikativen Charakter sowie den stetige Adressatenbezug typische Gattungsmerkmale des Briefes auf, welches weiter durch die Kürze und Klarheit in der sprachlichen Gestaltung sowie im Aufbau des Schreibens bestätigt wird. Weiterhin gestützt wird diese Gattungszuordnung durch den im Briefeingang formulierten Gruß sowie den Wunsch am Briefschluss, welche charakteristische Formelemente des Briefes darstellen.

Ausgehend von dieser Gattungszuordnung sollen nun nachfolgend einige Untersuchungen hin auf sprachliche Auffälligkeiten, bedeutungstragende Wortfelder sowie semantische Verknüpfungen erfolgen, mithilfe derer eine erste Grobgliederung erstellt werden soll.

So lässt sich nach dem in der 3.Ps. formulierten Grußwort der auf der Synode anwesenden Bischöfe an Papst Innozenz I ein Wechsel der Sprecherhaltung, eingeleitet durch das Stilmittel der Apostrophe, konstatieren, welcher in seiner textgliedernden Funktion den Briefkopf von dem nachfolgenden Briefeingang separiert. Nachfolgend wird der Sprachduktus des Textes abermals durchbrochen, wenn sich an die direkte Anrede an den Papst eine, die Abschnitte zwei bis vier umfassende, deskriptive Darstellung der das Christentum bedrohenden Häresie anschließt. Diese mündet abschließend in den durch die 1.Ps.Pl. eingeleiteten Briefschluss, welcher als Appell und Vertrauensaussage an den Papst zu verstehen ist.

Auf Grundlage dieser sprachlich-stilistischen Beobachtungen ergibt sich bereits eine grobe kompositorische Dreigliederung des Schreibens:

Briefkopf

Briefeingang (Abschnitt 1): Preisung des Papstes und Darlegung des Anlasses des Briefes

Briefcorpus (Abschnitt 2-4): Beschreibung der Bedrohung durch die Häresie des P. und C.

Briefschluss (Abschnitt 5): Appell und Vertrauensaussage

Diese Gliederung wird weiterhin durch semantische Gesichtspunkte gestützt. So lässt sich zwischen dem Briefkopf mit der Adscriptio und der nachfolgenden Nennung des Absenders eine deutliche Zäsur zu dem Briefeingang konstatieren, welcher den Papst in seiner Ehrwürdigkeit als ein munus gratiae des Herrn preist sowie in aller Kürze das Anliegen des Briefes bündelt, welches in der Bitte um die pastoralem diligentia des Papstes gegen die magna pericula der christlichen Gemeinde besteht.

Diese Gefährdung der Christenheit wird sogleich im ersten Satz des sich anschließenden Briefcorpus näher bestimmt, welches einen syntaktischer Bruch zwischen den Abschnitten, trotz des Umschwungs in ein deskriptives Beschreiben der Häresie, verhindert. Diese Häresie wird durch die Formulierung zweier Vorwürfe inhaltlich näher beschrieben, welche in einer, von der afrikanischen Kirche abweichenden Auslegung verschiedener Bibelzitate gründen. So lässt sich innerhalb dieses Briefcorpus eine weitere Untergliederung in die Formulierung des ersten Vorwurfs der Negation der notwendigen Gnade des Erlösers zugunsten des freien Willens des Menschen sowie in die Beschreibung des zweiten Vorwurfs der Negation der Notwendigkeit der Kindertaufe vornehmen, welches in den Verweis auf den stellvertretenden Charakter dieser beiden Vorwürfe für alle häretischen Ansichten der dem Schreiben beiliegenden Dokumente mündet.

Hieran anschließend lässt sich als dritten Untergliederungspunkt des Briefcorpus ein als Feststellung formulierter, indirekter Appell an Innozenz bestimmen, welcher zum Vorgehen gegen die Häretiker mit Blick auf die Gefährdung der gesamten Christenheit drängt. Diese haeresis wird in dem nachfolgenden, den Briefcorpus beschließenden vierten Untergliederungspunkt konkretisiert, wenn die Urheber der Häresie namentlich bestimmt und ihr Tun präzisiert sowie lokal verortet werden, wobei bereits hier eine Vorwegnahme der im Briefschluss formulierten Intention der Heilung der Häretiker innerhalb der Kirche stattfindet.

Eine deutliche Abgrenzung des Briefcorpus zu dem nun nachfolgenden Briefschluss lässt sich durch das bereits im Briefeingang zu konstatierende, deutliche Hervortreten der Briefabsender feststellen. Der Briefschluss erlangt durch die Einleitung mit „arbitramur“ geradezu Bekenntnischarakter, wenn sie dem Briefadressaten abschließend ihr Vertrauen in seine Wirkmächtigkeit zusprechen. Wie bereits im dritten Untergliederungspunkt des Briefcorpus sind diese Vertrauensaussagen jedoch zugleich als indirekter Appell zu verstehen, welche den Briefempfänger geradezu zu dem erwünschten Verhalten verpflichten. Den Brief beschließend betonen sie den, die Synode von Karthago nachahmenden Charakter ihres Tuns und schließen mit dem Wunsch nach Beherzigung ihres Anliegens.

Unter Berücksichtigung der oben ausgeführten Gesichtspunkte ergibt sich die folgende syntaktisch sowie thematisch begründbare Feingliederung:

Briefkopf

3.1.2 Texterklärung

Nachdem das Schreiben nun in seiner Textgestalt bestimmt, der Gattung des Briefes zugeordnet und seine Struktur und sein Aufbau analysiert wurden, soll nun eine ausführliche Analyse und Interpretation des Schreibens auf Grundlage der bereits erarbeiteten Gliederung in Briefeingang, Briefcorpus sowie Briefschluss erfolgen. Da vereinzelt Textstellen in den nachfolgenden Kapiteln der Arbeit in detaillierterer Weise aus-geführt werden, kann es hier nun zu Vorwegnahmen beziehungsweise Auslassungen kommen.

In Hinführung zu der nachfolgenden Textanalyse sollen nun in aller Kürze einige Anmerkungen zum Pelagianismus exkursartig vorangestellt werden.

Exkurs „Pelagianismus“

Der Pelagianismus stellt eine „asketische Bewegung in der westlichen Kirche des 5.Jh.s“16 dar und geht zurück auf Pelagius, einen aus Britannien stammenden Theologen, welcher ungefähr ab 380 n.Chr. in Rom als Lehrer und Prediger auftrat und mit großem Erfolg seine Konzeption eines neuen Lebensideals „der Distanzierung von der Welt durch Askese [propagierte] und damit eine Reform der Kirche durch Rekurs auf die Radikalität des Urchristentums“17 intendierte, welches einherging mit einer starken Kirchen- und Sozialkritik. Aufgrund seiner strengen Askese und seiner hohen moralischen Forderungen wurde Pelagius anfänglich oftmals großes Ansehen entgegengebracht, in besonderem Maße in der römischen Kirche. Hier wurde Pelagius als ein „anerkannte[r] Vertreter der Orthodoxie und wichtige[r] Exponent[...] einer antiarianischen und antimanichäischen Theologie“ 18 gewertschätzt, sodass die pelagianische Bewegung relativ zügig Anhänger gewann und sich von Rom aus nach Sizilien sowie Gallien und England ausbreitete.19

Pelagius selbst beschäftigte sich intensiv mit den Schriften des Paulus, lehnte jedoch dessen Vorstellung einer Vererbung der Sünde entschieden ab, sodass er nach PIETRI „den theologisch rückwärts gewandten Typ des asketisch angestrengten Christen“20 verkörpert. Im Zuge dessen stellt das theologisches Hauptmerkmal des Pelagianismus die Ablehnung jeder Erbsündenvorstellung21 dar, welches einhergeht mit der Vorstellung, der Mensch sei von Natur aus gut und demnach in der Lage, mit Hilfe der ihm von Gott verliehenen Kraft und durch eigene Anstrengung Gottes Gebote zu befolgen und so zum Heil zu gelangen.

Das Schreiben der Synode setzt ein mit der Adscriptio sowie der Nennung des Absenders in dem, dem Brief vorangestellten Briefkopf. Der Adressat Innozenz, welcher durch die Intitulation mit „Papst“ näher bestimmt wird, wird sogleich durch die ihm zugeschriebenen Prädiktionen beatus und venerabilis als ehrvolle Person gekennzeichnet, an welches sich als Absenderbestimmung die namentliche Auflistung aller auf der Synode von Mileve anwesenden Bischöfe anschließt. Durch diese Bestimmung des Schreibens als synodales Schreiben erlangt es formellen Charakter und zugleicht wird angezeigt, dass es eine politische sowie, durch die Übersendung des salus in domino, eine theologische Gültigkeit für sich beansprucht. Weiterhin kann aufgrund der Nennung des Verfassungsortes sowie -anlasses eine relativ genaue Datierung und historische Einordnung des Schreibens vorgenommen werden. Somit lässt es sich mit großer Sicherheit auf den Zeitraum zwischen Juni und September des Jahres 416 n.Chr. datieren22 und wurde im Zuge einer, von Augustinus angesichts der Bedrohung der Christenheit durch den Pelagianismus einberufenen Synode in dem nordwestlich von Konstantinopel gelegenen Mileve in Algerien23 verfasst.

An dieser Stelle ist es hilfreich, den Begriff der ‚Synode‘ näher zu bestimmen, welcher oftmals synonym zu ‚Konzil‘ verwendet wird. So bezeichnet die Synode im Allgemeinen eine „chr. Versammlungen v. Kirchenvertretern versch. Art“24, während die Bischofssynode weiterhin aus kirchenrechtlicher Perspektive als „Beratungsorgan des Papstes“25 sowie „als Rechtsinstitut u. Ort kirchl. Entscheidungsfindung“26 verstanden wird. Sie entstand im 2. Jahrhundert aus der Notwendigkeit gemeinsamer Entscheidungsfindungen um „gegen Irrlehrer zu entscheiden“27. Bereits im 3./4. Jahrhundert wurden dem römischen Bischof als dem „Erstgenannte unter den Bischöfen“ die Synodalentscheidungen mitgeteilt, welches sich später zu einem autoritativen Eingreifen des Papstes in das Synodalwesen ausweitete.

Als ein solches Mitteilen einer Synodalentscheidung kann auch das zugrundliegende Schreiben als eines von drei an Papst Innozenz adressierte Schreiben verstanden werden, wobei es noch zu untersuchen gilt, inwieweit die nordafrikanische Kirche ihr Schreiben tatsächlich lediglich als Mitteilung oder vielmehr als Bekräftigung ihres Urteils versteht.

Der nachfolgende Briefeingang setzt ein mit der Betonung des besonderen munus gratiae, dass der Herr gerade in dieser schwierigen Zeit Innozenz auf den Apostolischen Stuhl erhoben habe sowie sprechen die Bischöfe Innozenz ihr gänzliches Vertrauen in den richtigen Umgang mit ihrem Anliegen aus, dessen Verschweigen eine culpa neglegentiae darstellen würde. Hierdurch bringen die Bischöfe einerseits eine gewisse Verpflichtung ihrerseits zum Ausdruck, den Papst über dieses, was zum Besten der Kirche verhandelt werden müsse, zu informieren, unterstreichen aber andererseits gerade durch die Preisung des Papstes als besonderes Gnadengeschenk auch die „besondere Pflicht des römischen Bischofs“28. Die Bitte um Wahrnehmung seiner Pflicht, wie die afrikanischen Bischöfe sie verstehen, wird abermals durch die Betonung der Unmöglichkeit unterstrichen, Innozenz könne dies fastidiosus oder neglegens aufnehmen, welches zwar in Form eines Aussagesatzes formuliert ist, sich aber im Sinne eines impliziten Appells verstanden wissen möchte.

Den Briefeingang beschließend wird nun als Hinführung zu dem Briefcorpus die Zielsetzung des Briefes ausdrücklich hierin bestimmt, der Papst werde den magna pericula der kranken Glieder Christi seine pastoralem diligentia zuwenden, sodass der zentrale Inhalt des Briefes an dieser Stelle dem Briefcorpus bereits vorweggenommen wird.

Der Briefcorpus schließt nun bruchlos an die zuvor genannten magna pericula an, welche die Christenheit in Form einer neuen und gefährlichen „haeresis“ bedrohen, deren Lehren bereits in diesem ersten Satz des Briefcorpus näher bestimmt werden. Ihr häretisches Potential besteht den Briefschreibern zufolge hierin, dass sie sich gegen die Gnade Christi zu erheben versuchen und, in der konsequenten Weiterführung ihres Gedankengangs, einhergehen mit der Bedeutungslosigkeit der oratio dominica.

Um die nachfolgende Analyse des Briefcorpus auch in seiner theologischen Dimension gänzlich erfassen zu können, ist ein tieferes Verständnis der theologischen Lehren des Augustin und des Pelagius, und hierbei primär ihrer Gnadenkonzeption, zwingend notwendig.

Vertiefung „Die Konzeption der Gnade bei Pelagius und Augustin“

Die Gnadenkonzeption des Pelagius gründet in ganz fundamentaler Weise auf seiner Schöpfungstheologie, welche die Natur des Menschen grundlegend als zum Guten ausgerichtet und mit einem freien Willen ausgestattet versteht.29 Der Mensch ist nach Pelagius von Gott dazu befähigt, ihn als seinen Schöpfer anzuerkennen und ihm aufgrund seiner Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Gutem und Schlechtem aus freiem Willen zu dienen. Die Sünde wird von Pelagius also nicht als übertragbar verstanden, sodass die gute Natur des Menschen nicht automatisch von der Sünde des Adams geschwächt ist, sondern vielmehr vom Menschen selbst begangen wird in Form einer Nachahmung der adamitischen Schuld. In der konsequenten Weiterführung dieses Gedankens muss es dem Menschen möglich sein, ohne Sünde zu leben und die Anordnungen Gottes mithilfe dessen Gnadengabe in Form des Gesetzes leicht befolgen zu können.

Neben der Gnadenkonzeption wurzelt weiterhin auch das Taufverständnis des Pelagius ganz grundlegend in seiner Schöpfungstheologie, wenn er die Taufe als Wiederherstellung der unverlierbaren, sündlosen Natur des Menschen versteht und demnach die Taufpraxis der Kindertaufe laut Pelagius insofern ihren Sinn verfehlt, als dass die ungetauften Kinder sich immer noch in dem „Zustand der impeccantia“ wie Adam vor der Sünde befinden. Das von Pelagius konzipierte Ideal einer Kirche der Reinen setzt nach ihm vielmehr eine willentliche Entscheidung zur Taufe voraus, welche „eine völlige Verwandlung zu Christus [...], eine Befolgung seines Gesetzes ohne Versagen, ein Zeugnis des Glaubens im persönlichen Handeln“ impliziert. Aus der Konsequenz der Theologie des Pelagius mit dem von ihm propagierten Ideal einer strengen Askese und äußerst hoher Moralansprüche ergibt sich zwingend die Notwendigkeit einer starken Betonung des freien Willens, um die Menschen auf ihrem Weg „zur Vollkommenheit durch Ermahnung konkret an die jeweils gegebene Freiheit zu erinnern“30 mit dem Ziel, die sündhafte Existenz des Menschen zu durchbrechen und zu einer inneren Befreiung zu gelangen.

Diese pelagianische Theologie muss vor Augen gehalten werden um die Entwicklung der Theologie des Augustins gänzlich nachvollziehen zu können, welche sich MAYER zufolge in besonderem Maße in der Auseinandersetzung mit verschiedenen Häresien formiert31, wobei im Zuge dieser Arbeit lediglich die antipelagianischen Schriften in den Blick kommen sollen. So setzt noch während der antidonatistischen Kontroverse bei Augustin eine im Laufe der Jahre an Intensität zunehmende Beschäftigung mit den pelagianischen Lehren ein, im Zuge derer er eine Vielzahl von Schriften verfasst, welche „aufs nachhaltigste die Theologie des Abendlandes“32 prägen und ihm MAYER zufolge aufgrund seiner stark ausgeprägten Gnadentheologie den Beinamen doctor gratiae einbringen.

Grundlage der augustinischen Gnadenkonzeption ist seine Sündenlehre, welcher die Konzeption eines von Gott zum Guten geschaffenen Urmenschen Adam zugrundeliegt, der von Gott mit der iusticia originalis ausgestattet wurde. Diese gab ihm die Fähigkeit, Gottes Willen gemäß das Gute als „Wirkung der göttlichen Gnadenhilfe“33 zu tun, welche der Mensch jedoch angesichts der Sünde Adams verlor, sodass „der Widerstand gegen Gottes Willen die für den Menschen bestimmende Existenzform“34 geworden ist und der Mensch nunmehr unfähig ist, das Sündigen zu vermeiden. Im Anschluss an Röm 9,21 sowie 1.Kor 5,6 stellt die gesamte Menschheit nach Augustin demnach eine universa massa peccati dar, welcher die Sünde geradezu eine zweite Natur geworden ist. Diese Vererbung der Sünde kann nicht durchbrochen werden angesichts der Tatsache, dass jeder Mensch nur in einem Akt der concupiscentia gezeugt werden kann.

So lehnt Augustin in De spiritu et littera ganz entschieden die Meinung derjenigen ab, welche glauben, „sine adiutorio die per ipsam vom voluntatis humanae vel iusticiam posse perficere vel ad eam tendendo proficere“35 und betont ganz ausdrücklich, dass Sündlosigkeit nie ein Verdienst des Menschen sein könne, sondern vielmehr immer von Gott gewirkt sei und es demnach zusätzlich zu der Natur des Menschen und dem Gesetz des Heiligen Geistes bedürfe. Im Zuge dessen gibt Augustin 2.Kor 3,6 in Form eines Bedingungssatzes wieder, laut welchem der Buchstabe des Gesetzes töte, wenn nicht der Heilige Geist hinzukomme.36 Die Gnadengabe Gottes besteht nach Augustin demnach nicht nur im lex factorum, sondern primär im Ausgießen des Heiligen Geistes im Sinne einer „Liebe, mit der der durch die lex erkannte Gotteswille freiwillig und aus von Gott geschenkter Motivation getan wird“37. So wird im Anschluss an Röm 3,27 aus der lex factorum die lex fidei im Sinne einer „innerlich motivierte[n] Grundhaltung des Menschen, mit der er Gott und den Nächsten liebt und jedes abweichende Begehren überwindet“. Im Zuge dieser vom Heiligen Geist im Menschen gewirkten, nach Röm 3,24 sowie Röm 11,6 unverdient gegebenen Liebe sei der Mensch nicht nur in der Lage, Gutes von Bösem zu unterscheiden, sondern könne diese Erkenntnis nun auch in Handlungen umsetzen.

Eine gewichtige Veränderung in der Gnadenlehre des Augustin stellt die in Simpl. I,2 formulierte Einsicht dar, dass selbst der Glaube keine vom Menschen eigenständig gefasste Entscheidung für oder gegen Gott darstelle, sondern dass der Glaube vielmehr „ein Geschenk, eine Gnadengabe [sei], in der der Mensch die richtige Haltung, die Haltung des Empfangens gegenüber Gott einnimmt.“38 An dieser Stelle muss diesbezüglich jedoch darauf verwiesen werden, dass diese Gnadengabe des Glaubens nach Augustin nur einer kleinen Anzahl von Erwählten vorbehalten sei, wobei er keine Erklärung für die Prädestination liefert, welche Augustin zufolge das Geheimnis Gottes bleibe.39

Dass Augustin seinen Gnadenbegriff in stetiger Auseinandersetzung mit diesem des Pelagius entwickelt, wird besonders in der Schrift De gratia Christi deutlich, in welcher Augustin den dreifachen Irrtum des Pelagius hinsichtlich seines Gnadenbegriffs herausarbeitet, welchen er hierin sieht, dass erstens Pelagius zufolge sich die Gnade Gottes auf die Natur und auf die äußeren Gnadenhilfen des Gesetzes beschränke, während der Mensch beim Handeln auf sich selbst und seine freien Entscheidungen gestellt sei, und dass zweitens die Gnade verdienbar sowie drittens zum Heil nicht grundlegend notwendig sei.

[...]


1 AUGUSTINUS: Epistula 176.

2 SLEUMER übersetzt hier senex, sensis mit „a) der Ältere, der Älteste [...]. b) Greis, Greisin. c) Priester.“, wobei an dieser Stelle wohl die Übersetzungsvariante „Ältester“ im Sinne eines geistlichen Führers einer Glaubensgemeinschaft am zutreffendsten ist (Albert SLEUMER: Kirchenlateinisches Wörterbuch, S. 713. Im Folgenden wird nach der Sigle KLW zitiert.).

3 Bezüglich der Übersetzung für concilium trifft bei GEORGES am ehesten „die Versammlung“ zu (Karl Ernst GEORGES: Der neue Georges. Ausführliches Lateinisch-Deutsches Handwörterbuch, Sp. 1076. Im Folgenden wird nach der Sigle NG zitiert.). SLEUMERs Übersetzungsvarianten sind diesbezüglich spezifischer, wenn er „4. Versammlung der Bischöfe, Kirchenversammlung, Konzil“ übersetzt (KLW, S. 228.). Aufgrund des zumeist synonymen Gebrauchs von Synode und Konzil wird an dieser Stelle „Synode“ übersetzt. Bezüglich einer näheren Bestimmung des Begriffs der Synode sei auf 3.1.2 dieser Arbeit verwiesen.

4 Nach RUBENBAUER/HOFMANN ist apud mit Akkusativ als Präposition des Ortes mit „bei“ zu übersetzten (Hans RUBENBAUER, Johann Baptist HOFMANN: Lateinische Grammatik, S. 177.). An dieser Stelle ist einer Übersetzung in einem lokalen Sinn jedoch aus Gründen der Logik nicht zu folgen.

5 Obgleich in der Quelle oratio mit zwei Akkusativ steht, ist der Genetiv in diminicus bereits in der Wortbedeutung enthalten, wenn GEORGES diminicus als „zum Herrn (zur Herrin) gehörig, herrschaftlich, des Herrn, der Herrin“ (NG, Sp. 1760.) übersetzt.

6 GEORGES übersetzt disputatio als „Abhandlung, Untersuchung, Erörterung“ (NG, Sp. 1714.). An dieser Stelle ist die obige Übersetzung als ‚Erörterungen‘ im Sinne von ‚Lehren‘ zu verstehen.

7 Vgl. Novum Testamentum Latine, Mt 6,12. Im Folgenden wird nach der Sigle NTL zitiert. Eine Parallelstelle dazu liefert Lk 11,4.

8 Vgl. NTL, Mt. 6,13.

9 Vgl. NTL, Röm 9,16.

10 Vgl. NTL, 1. Kor 10,13. An dieser Stelle variiert der Wortlaut der Quelle in geringem Maß von dem Wortlaut des NTL.

11 Vgl. NTL, Lk 22,32.

12 Vgl. NTL, Mt 26,41. Parallelstellen dazu liefern Mk 14,38 sowie Lk 22,40.

13 Vgl. NTL, Röm 5,12. An dieser Stelle variiert der Wortlaut der Quelle in geringem Maß von dem des NTL.

14 Vgl. NTL, 1. Kor 15,22.

15 André JOLLES: Einfache Formen, S. 22.

16 Gerald BONNER: „Pelagius / Pelagianischer Streit“, S. 176.

17 Wolf-Dieter HAUSCHILD: Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte, S. 242.

18 Otto WERMELINGER: Rom und Pelagius, S. 123.

19 Vgl. Charles PIETRI; Luce PIETRI [Hgg.]: Das Entstehen der einen Christenheit (250-430), S. 525.

20 Charles PIETRI; Luce PIETRI [Hgg.]: Das Entstehen der einen Christenheit (250-430), S. 526.

21 Gerald BONNER: „Pelagius / Pelagianischer Streit“, S. 176.

22 Otto WERMELINGER: Rom und Pelagius, S. 94.

23 Wilhelm M. GESSEL: „Mileve”, Sp. 252.

24 Hermann Josef SIEBEN: „Synode A. I”, S. 1186.

25 Josef KANDLER : „Synode A. III”, Sp. 1188.

26 Martin KLÖCKENER: „Synode A. IV”, Sp. 1188.

27 Ferdinand Reinhard GAHBAUER: „Synode I”, S. 560. Das folgende Zitat entstammt derselben Quelle.

28 Werner MARSCHALL: Karthago und Rom, S. 134.

29 Vgl. Charles PIETRI; Luce PIETRI [Hgg.]: Das Entstehen der einen Christenheit (250-430), S. 529. Die nachfolgenden Ausführungen und Zitate entstammen derselben Quelle, S. 529-530.

30 Winrich LÖHR: „Der Pelagianische Streit.“, S. 195.

31 Vgl. Cornelius MAYER: „Aurelius Augustius.“, S. 190. MAYER verweist weiterhin hierauf, dass Augustin in seinen Werken verschiedenste Häresien bekämpfte und „ein Handbuch der Häresien - ‚De haeresibus‘ -, [verfasste], in dem er nicht weniger als 88 verschiedene Irrlehren beschrieb und berurteilte.“

32 Cornelius MAYER: „Aurelius Augustius.“, S. 208.

33 Wolf-Dieter HAUSCHILD: Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte, S. 237.

34 Wolf-Dieter HAUSCHILD: Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte, S. 246. Die nachfolgenden Ausführungen entstammen derselben Quelle, S. 237-246.

35 AUGUSTINUS: De spiritu et littera II, 2,4.

36 AUGUSTINUS: De spiritu et littera II, 4,6.

37 Volker Henning DRECOLL: „Gnadenlehre.“, S. 495. Das nachfolgende Zitat entstammt derselben Quelle.

38 Volker Henning DRECOLL: „Gnadenlehre.“, S. 489.

39 Vgl. Wolf-Dieter HAUSCHILD: Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte, S. 241. Hier sei auf die Kritik der Semipelagianer hingewiesen, welche die Frage aufwarfen, inwieweit die augustinische Konzeption der Gnade nicht jede Anstrengung des Menschen, das Heil zu erlangen, sinnlos werden lasse.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Der pelagianische Streit. Das Schreiben der Synode von Mileve an den römischen Bischof Innozenz I.
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Evangelische Fakultät)
Veranstaltung
Proseminar: Einführung in die Methodik kirchengeschichtlichen Arbeitens
Note
2,0
Jahr
2014
Seiten
34
Katalognummer
V319366
ISBN (eBook)
9783668185579
ISBN (Buch)
9783668185586
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
streit, schreiben, synode, mileve, bischof, innozenz
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Der pelagianische Streit. Das Schreiben der Synode von Mileve an den römischen Bischof Innozenz I., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319366

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