Charlotte Roches "Feuchtgebiete". Ekel und Sexualität als Tabus in den Medien


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Darstellungsweise
2.1 Cover
2.2 Thema und Plot
2.3 Erzählperspektive und Zeit
2.4 Wortschatz und Syntax

3 Feuchtgebiete und der Ekel
3.1 Ekel
3.2 Die Exkremente
3.3 Inzest
3.4 Körperflüssigkeiten/Sekrete
3.5 Der ideale Körper
3.6 Ausufernde Sexualität
3.7 Die Vagina

4 Was ist ein Tabu?

5 Sexualität und Tabu in den Medien
5.1 Warum bricht Feuchtgebiete Tabus?

6 Zusammenfassung

1 Einleitung

Das Buch Feuchtgebiete von Charlotte Roche war ein sehr kontroverser und viel diskutierter Roman im Jahre 2008. Im Rahmen des Seminars „Anstößige Literatur“ ist zu klären, was diesen Roman wirklich so anstößig macht. Ich möchte mich also erstens mit den zentralen Themen des Werkes befassen. Welche sind das überhaupt? Sind diese Themen in unserer sexuell befreiten Gesellschaft wirklich ein Tabubruch? Was macht ein Tabu in der Literatur aus? Welche Emotionen lösen diese - eventuellen - Tabubrüche aus? Was ist und wie äußert sich Ekel und besteht ein Zusammenhang zwischen Tabu(bruch) und Ekel?

2 Darstellungsweise

2.1 Cover

Der ganze Buchrücken ist in einem auffälligen Pink gehalten, das direkt ins Auge sticht. Ein - auch haptisch - hervorstechendes Pflaster zieht den Blick des potentiellen Lesers auf sich. Dann folgt der Titel „Feuchtgebiete“ sowie der Name der Autorin. Die Gestaltung des Buchtitels macht deutlich, dass es ein Buch für ein junges Publikum sein soll.

Auf der Rückseite ist oben zuerst das Motto der Autorin oder aber der Protagonistin zu sehen. „Hygiene wird bei mir kleingeschrieben.“1

Links darunter ist ein Bild der Autorin Charlotte Roche zu sehen. Sie wirkt sehr brav gekleidet. Dies steht im Kontrast zu ihrem Buch, das sehr provokant geschrieben ist.

Die Handlung wird auf dem Klappentext kurz erläutert und Roche: „ Feuchtgebiete “ wird als „die wunderbar wilde Geschichte einer ebenso genusssüchtigen wie verletzlichen Heldin“2 geschildert.

Darunter kommen Empfehlungen bekannter Personen. Roger Willemschen zum Beispiel schreibt für die Zeit und gehört daher zu den eher seriösen Journalisten. Er bezeichnet den Roman als „radikal, drastisch und ebenso zart.“3 Silvia Bovenschen, Literaturwissenschaftlerin und Essayistin, bezeichnet den Roman als „Angenehm unzimperlich.“4

Dies und auch das eher seriöse Foto erweckt den Eindruck eines Buches, das literarisches Potential hat.

2.2 Thema und Plot

Die wichtigsten Themen bei Charlotte Roches Feuchtgebiete sind die Familienproblematik der Protagonistin sowie Sexualität in allen Facetten - wie Anal-und Oralsex, Masturbation, Bisexualität und Prostitution und der Widerwille gegen die gängigen Hygienevorschriften. Die sexuellen Themen, die in dem Roman ja das meiste Aufsehen erregt haben, treiben die Handlung allerdings kaum voran. Die Scheidungsthematik ist der Autorin sehr wichtig, was man auch am Vorwort erkennen kann.

Ich halte sehr viel von der Altenpflege im Kreise der Familie. Als Scheidungskind wünsche ich mir wie fast alle Scheidungskinder meine Eltern wieder zusammen. Wenn sie pflegebedürftig werden, muss ich nur ihre neuen Partner ins Altersheim stecken, dann pflege ich meine geschiedenen Eltern zu Hause, wo ich sie in ein und dasselbe Ehebett reinlege, bis sie sterben. Das ist für mich die größte Vorstellung von Glück. Irgendwann, ich muss nur geduldig warten, liegt es in meiner Hand.5

Man kann die Handlung so zusammenfassen: Die Protagonistin liegt mit einer Analfissur im Krankenhaus. Sie wird operiert, ab und zu kommen die Eltern zu Besuch. Die Protagonistin will, dass diese gemeinsam in einem Raum sind, damit sie wieder ein Paar werden. Zwi- schendurch flirtet sie mit dem Pfleger Robin. Die Protagonistin verletzt sich selbst lebens- gefährlich, damit sie zu diesem Zwecke länger im Krankenhaus verweilen kann. Der Plan scheitert und die Protagonistin bricht mit ihrer Mutter, indem sie ihrem Bruder von einem al- ten Familiengeheimnis erzählt. Die Mutter hatte vor, zusammen mit dem Bruder Selbstmord zu begehen. Die Protagonistin verlässt mit dem Pfleger Robin in nichtplatonischer Absicht das Krankenhaus, um fortan mit ihm zu leben.

Die Beschreibung der sexuellen Gewohnheiten machen den größten Teil des Romans aus. Reflektionen über Sexualität machen aber noch keine Handlung. Die seelische Befindlichkeit der Protagonistin, ihr intensiver Wunsch nach einer intakten Familie und ihre Selbstverletzung ergeben erst die Handlung.

2.3 Erzählperspektive und Zeit

Es handelt sich bei Feuchtgebiete um eine homodiegetisch-fiktionale Erzählung. In diesem Roman handelt es sich um einen speziellen Fall der homodiegetischen Erzählung, da die Erzählerin und die Protagonistin Helen Memel übereinstimmen. Dies ist dann eine autodie- getische Erzählung.6 Es besteht eine interne Fokalisierung, denn da die Protagonistin gleich- zeitig die Erzählerin ist, weiß der Leser nur das, das sie weiß bzw. in ihrer Umgebung wahr- nimmt.7 Während der Ort, das Krankenzimmer, bis zum Ende der Geschichte gleich bleibt, springt die Erzählerin, bzw. Protagonistin, zwischen Erinnerungen und aktuellen Gedanken hin und her. Sie führt innere Monologe, lässt uns aber auch, indem wir quasi durch ihre Au- gen sehen, am Geschehen teilhaben. Durch das Erzählen im Präsens ist das Geschehen sehr nah am Leser. „Der nächste Proktologe, der reinkommt, sagt kurz: ‚Guten Tag, Professor Dr. Notz mein Name.‘ Und rammt mir was ins Arschloch.“8 Auch Erinnerungen werden teil- weise im Präsens erzählt oder in einem Wechsel der Zeiten. Wenn der Leser näher an die Situation herangeholt werden soll, wechselt die Erzählerin das Erzähltempus. Als Beispiel dient die Situation, in der die Protagonistin eine Verabredung zur Intimrasur trifft.

Ich bin durch die Gänge des Marktes gerannt und habe ihn gesucht. Irgendwann stand ich hinter ihm. Ich tippte ihm auf die Schulter, er drehte sich um, und ich sagte, ganz außer Atem: [. . . ]9

Als die Protagonistin ihrem Ziel näher kommt, wechselt das Erzähltempus und gleichzeitig auch das Tempo.

Ich laufe hoch. Nicht langsam gehen und so tun, als würde man so was öfter machen. Keine Spielchen. Durch schnelles Hochlaufen zeige ich ihm, wie eilig ich es habe und wie neugierig ich bin.10

Zeitraffendes und zeitdehnendes Erzählen wechseln sich ab. Manchmal werden Zeitspannen beschleunigt, wie der Besuch der Mutter. „Es vergeht viel Zeit zwischen Papas Verabschie- dung und Mamas Ankunft.“11 Zeitdehnende Passagen kommen vor, wenn Helen, bevor die eigentliche Handlung stattfindet, über ihr Sexualleben und ihre Ansichten darüber reflek- tiert.

Hin und wieder werden Analepsen verwendet, die nicht nur ihre sexuelle Vergangenheit, sondern auch das problematische Verhältnis in der Familie erklären. Die Protagonistin Helen leidet unter der Trennung ihrer Eltern, was die Handlung vorantreibt.

2.4 Wortschatz und Syntax

Die Protagonistin Helen bedient sich eines einfachen Satzbaus. Parataxen kommen am häufigsten vor. So zum Beispiel zu Beginn des Romans:

Solange ich denken kann, habe ich Hämorriden. Viele, viele Jahre habe ich gedacht, ich dürfe das keinem sagen. Weil Hämorriden doch nur bei Opas wachsen. Ich fand die immer sehr unmädchenhaft.12

Der Leser wird in medias res in die Handlung eingeführt. Die offensichtlich weibliche und auch junge Person leidet unter lästigen Beschwerden. Dies, so wird enthüllt werden, ist der Grund, warum sie im Krankenhaus liegt und woraus sich die Handlung entwickelt. Auffällig ist, dass die Wortwahl sehr kindlich klingt, zum Beispiel „Opas“13 statt „ältere Männer.“ Diese Wortwahl könnte auch von einem jüngeren Menschen kommen. Auch sexuelle Situationen werden mit kindlicher Ausdrucksweise berichtet.

Mattes wollte mich sofort da rein ficken und dann auf die gespannten Lippen spritzen, er müsste aber erst ein Foto machen, damit ich sehe, wie hübsch meine Muschi so weit aus- gebreitet aussieht. Wir klatschten vor Freude in die Hände. Also er. Meine Hände waren ja beschäftigt.14

Auffällig ist, dass sich derbe und vulgäre Wortwahl in Helens Wortschatz mit einer kindlichnaiven Ausdrucksweise mischen. Von Kanell, dem Mann, von dem sie sich rasieren lässt, verabschiedet sie sich auf diese Weise: „Gut. Dann hab ich immer eine Woche Zeit, die Haare so dolle wie möglich wachsen zu lassen für dich.“15

Es gibt allerdings auch Passagen, in denen Helen ihre Gedanken in aktueller Umgangssprache ausdrückt. Wenn etwas gehobenere Sprache verwendet wird, so kommt sie von anderen Personen in wörtlicher Rede.

Vulgäre oder derbe Ausdrucke häufen sich. „Ficken“, „Arsch“ und „Muschi“ kommen ex- trem häufig vor. Kreativ war die Autorin bei der Bezeichnung der verschiedenen Teile der Vagina. Die inneren Schamlippen werden von ihr als „Hahnenkämme“16, die äußeren als „Vanillekipferl“17 und die Klitoris wird als „Perlenrüssel“18 bezeichnet.

Hierbei war die Intention der Autorin, auch eine weibliche Ausdrucksweise für die eigene Sexualität zu finden. „Frauen haben keine Sprache für die eigene Lust. Frauen sind verklemmt, wenn es um ihren eigenen Körper geht. Frauen haben ja nicht mal eigene sexuelle Fantasien“19, sagt sie in einem Interview.

3 Feuchtgebiete und der Ekel

3.1 Ekel

Ekel bedeutet „Abscheu“20 oder „heftiger Widerwille“21, „bezeichnet einen hohen Grad der Abneigung und wird weithin eingeengt auf die Bedeutung ‚Reiz zum Erbrechen.‘22

Was uns ekelt, ist in vielen Fällen subjektiv. Es gibt aber einen „natürlichen“ Ekel, der sich nicht nur in unserer Zivilisation, sondern auch in vielen anderen Gesellschaften findet. Der Ekel vor Körperausscheidungen wie Kot und Urin, Körpersekreten und besonders vor dem verwesenden Leichnam.23 Der Ekel gilt also den Dingen, die als verunreinigend gelten. Du- err schreibt hierzu: „Eine Gesellschaft, die solche Infektionsherde nicht ausgrenzte, würde sich selber gefährden und hätte nur geringe Chancen zu überleben.“24 Es gibt aber grenzwer- tige Dinge und Situationen, vor denen Ekel empfunden wird. Es gibt einen Ekel, der entsteht, wenn ein Tabu überschritten wird. Überhaupt ist Ekel eng mit dem Tabubruch verknüpft. Hierauf wird in späteren Abschnitten der Hausarbeit noch eingegangen werden. Feuchtge- biete ist mit Sicherheit ein Roman, der bei dem Großteil der Leser Ekel geweckt hat.

[...]


1 Charlotte Roche: Feuchtgebiete. Köln 2008.

2 Roche: „Feuchtgebiete“

3 Ebd.

4 Ebd.

5 Ebd., S. 7

6 Matías Martínez / Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. 7. Auflage. München 2007, S. 84

7 Vgl. Martinez/Scheffel: „Erzähltheorie“, S. 80 ff

8 Roche: „Feuchtgebiete“, S. 11

9 Ebd., S. 48

10 Ebd., S. 52

11 Ebd., S. 98

12 Ebd., S. 8

13 Ebd., S. 8

14 Ebd., S. 67

15 Ebd., S. 57

16 Ebd., S. 22

17 Ebd., S. 22

18 Ebd., S. 22

19 Georg Diez: Lust an der Provokation. http://www.zeit.de/2008/10/Charlotte-Roche-10?page=1 (28.02.2008)

20 Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Hg. von Wolfgang Pfeifer. München 1995. S. 273

21 „Etymologisches Wörterbuch“, S. 273

22 Ebd., S. 274

23 Vgl. Hans Peter Duerr: Nacktheit und Scham - der Mythos vom Zivilisationsprozess. Frankfurt am Main 1988. S. 238

24 Duerr: „Nacktheit und Scham“, S. 240

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Charlotte Roches "Feuchtgebiete". Ekel und Sexualität als Tabus in den Medien
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Veranstaltung
Hauptseminar "Anstößige Literatur"
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V319408
ISBN (eBook)
9783668186668
ISBN (Buch)
9783668186675
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
charlotte, roches, feuchtgebiete, ekel, sexualität, tabus, medien
Arbeit zitieren
Anke Mirja Dahlmann (Autor), 2009, Charlotte Roches "Feuchtgebiete". Ekel und Sexualität als Tabus in den Medien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319408

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