Ein intertextueller Vergleich zwischen Odysseus in Homers "Odyssee" und Friedrich Mergel in Annette von Droste-Hülshoffs "Die Judenbuche"

Lassen die Parallelen neue Schlüsse für die Interpretation der "Judenbuche" zu?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Das Motiv des Niemand
2.1. Niemand in der Odyssee
2.2. Niemand in der Judenbuche
2.2.1. Einführung
2.2.2. Der erste Auftritt - ein Spiegelbild Friedrichs
2.2.3. Weitere Szenen mit Johannes Niemand
2.2.4. Interpretationsansätze

3. Das Motiv der Reise
3.1. Die Darstellung der Reise in der Odyssee
3.2. Die Darstellung der Reise in der Judenbuche

4. Das Motiv der Narbe
4.1. Die Narbe des Odysseus - Identifikation durch die Amme Eurykleia
4.2. Die Narbe des Friedrich Mergel - Identifikation durch den Gutsherren
4.2.1. Inhaltlicher Zusammenhang
4.2.2. Interpretationsansätze

5. Die Motive im direkten Vergleich
5.1. Der Niemand
5.2. Die Reise
5.3. Die Narbe

6. Der Erzähler der Judenbuche

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Anna Elisabeth Franzisca Adolphine Wilhemine Louise Maria[1], genannt Annette von Droste-Hülshoff, hat mit der Novelle Die Judenbuche ihren „wirkmächtigsten und erfolgreichsten Text“[2] geschrieben. Seit ihrer Aufnahme in Paul Heyses und Hermann Kurz' Deutschen Novellenschatz (1871 - 1876) gehört sie zu den prominentesten Novellen des 19. Jahrhunderts und wird bisweilen als Muster der Gattung angeführt.[3] DrosteHülshoff schrieb keine „möglichst lebensnahe Dorfgeschichte“[4], sondern stellte ein Sittengemälde dar, „in dem vielfältige und schwer erfaßbare menschliche Impulse und elementare Relationen zum Ausdruck kommen.“[5] Der 1842 erschienenen Kriminalnovelle liegt eine wahre Begebenheit zugrunde: Johannes H. Winkelhagen geriet in Streitigkeiten mit einem Juden, erschlug diesen im Wald in Notwehr, und entzog sich der Verhaftung durch Flucht. Die jüdische Gemeinde veranlasste daraufhin das Beschriften des Baumes in hebräischen Schriftzeichen als Mahnmal. Der entflohene Winkelhagen geriet in die Sklaverei und kehrte erst 19 Jahre später in seine Heimatgemeinde zurück. Er wurde nicht festgenommen, nahm sich jedoch einige Zeit später das Leben.

August von Haxthausen, Droste-Hülshoffs Onkel, veröffentlicht im Jahr 1818 seine Darstellung der Geschehnisse unter dem Titel Geschichte eines Algierer-Sklaven [6] mit dem Protagonisten Hermann Winkelhannes.[7] 26 Jahre später übernimmt Droste-Hülshoff in ihrer „Remodellierung der Familiengeschichte“[8] die wesentlichen Kerninhalte der Erzählung: Den Mord an einem Juden, die Flucht des Verbrechers, die hebräische Bauminschrift, die Rückkehr des Protagonisten nach jahrzehntelanger Sklaverei und sein Suizid. Jedoch fügt die Dichterin zu ihrem Sittengemälde aus dem gebirgigten Westfalen [9] drei meiner Ansicht nach wichtige Faktoren hinzu, auf die ich mein Hauptaugenmerk legen möchte: Sie führt erstens den Charakter des Johannes Niemand ein, dessen Identität der Protagonist nach Rückkehr in seine Heimatgemeinde annimmt, zweitens erfolgt die Identifikation erst durch eine Narbe[10], und drittens nimmt sie in den Anfangssätzen der Novelle Bezug auf Homers Odyssee:

Das Ländchen [] war damals einer jener abgeschlossenen Erdwinkel ohne Fabriken und Handel, ohne Heerstraßen, wo noch ein fremdes Gesicht Aufsehen erregte, und eine Reise[11] von dreißig Meilen selbst den Vornehmeren zum Ulysses[12] seiner Gegend machte [].[13]

Homers Epos gehört zu den Hauptwerken der abendländischen Literatur. Claudia Liebrand kommt in ihrer Analyse zu dem Schluss, dass Droste-Hülshoff Bezug auf Homers Odyssee genommen hat, um die Dorfgeschichte und sich selbst zu „nobilieren“[14]. Ziel meiner Arbeit soll die Überprüfung dieser interessanten These sein. Um sie entweder zu bekräftigen oder zu widerlegen, werde ich mit Hilfe eines intertextuellen Vergleiches die parallelen Hauptmotive der Odyssee und der Judenbuche genauer untersuchen. Die Motive der Figur des Niemand, der Reise und der damit verbundenen Heimkehr des Protagonisten, sowie der Narbe, anhand derer der Heimkehrer schließlich identifiziert wird, sind bestimmende Sujets in beiden Werken, die ich zunächst getrennt voneinander analysieren werde, um sie anschließend zu vergleichen und verschiedene Interpretationsansätze darzustellen. Der Fokus soll dabei stets auf die Judenbuche gerichtet bleiben. Die Gliederung orientiert sich daher am zeitlichen Handlungsverlauf der Novelle: Zunächst wird die Figur des Johannes Niemand eingeführt, dann begeben sich Friedrich Mergel und sein Alter Ego auf die gezwungene Reise, und schließlich wird Mergel am Ende der Novelle anhand einer Narbe am Hals identifiziert. Auch auf die Rolle des auktorialen Erzählers der Judenbuche werde ich in der gebotenen Kürze und Präzision eingehen, da dies einen entscheidenden Faktor für das Textverständnis darstellt. Im abschließenden Fazit werde ich in der Lage sein festzustellen, ob ich wie Liebrand zu dem Schluss komme, dass Droste-Hülshoff nur Bezug auf Homers Odyssee genommen hat, um für sich und ihr Werk dadurch eine höhere Anerkennung zu erzielen, oder ob die Parallelen zwischen beiden Texten so eindeutig sind, dass sich daraus neue Schlüsse für die Interpretation der Novelle Die Judenbuche ziehen lassen.

Bereits in den allerersten Skizzen zur Novelle schreibt Droste-Hülshoff: „Er hat eine Narbe auf der Brust, woran nachher sein Beginnen (?) wieder erkannt wird.“ Zitiert nach Oppermann, Gerard: Die Narbe des Friedrich Mergel. Zur Aufklärung eines literarischen Motivs in Annette von Droste-Hülshoffs Die Judenbuche. In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. Nr. 50. Stuttgart 01.09. 1976. S.463.

2. Das Motiv des Niemand

2.1. Niemand in der Odyssee

Durch syntaktische bzw. semantische Uminterpretation oder durch Großschreibung des Wortes „niemand“ kann das Indefinitpronomen in einen Namen verwandelt werden um so die facettenreiche Figur Niemand aus dem Nichts erschaffen.[15] Odysseus' Überwältigung des Kyklopen Polyphem nutzt die Zweideutigkeit des Begriffes aus, indem er sich diesem als „Niemand“ vorstellt: „Meinen berühmten Namen, Kyklop, nach dem du mich fragst, will ich dir sagen []. Niemand ist mein Name, und Niemand nennen mich immer Mutter und Vater und sonst auch alle Gefährten.“[16] Der Kyklop erwidert: „Niemand [also Odysseus] werde als letzten ich essen von seinen Gefährten [].“[17] Nachdem Odysseus Polyphem mit einem Ölbaumpfahl in das Auge gestoßen hat, ruft der Kyklop um Hilfe: „Freunde, Niemand sucht mich mit List und Gewalt zu ermorden.“[18] Die herbeigeilten Kyklopen, die nur vor der Höhle stehen und Odysseus nicht sehen, missverstehen das Indefinitpronomen und schlussfolgern: „Wenn dir niemand Gewalt antut, du also allein bist, nicht zu entrinnen ist einer von Zeus gesendeten Krankheit, du aber bete zu deinem Vater, dem Herrscher Poseidon.“ [19] Der Kyklop stirbt und Odysseus freut sich über seinen Einfall: „[...] es lacht das Herz in mir, daß mein Name so gut getäuscht hat und der treffliche Einfall.“[20] Odysseus gewinnt diesen Kampf durch eine Namenstäuschung, mit den beiden Verständnisweisen wird gespielt: „Die ohnehin unklare Referenz des PseudoNamen „Niemand“ wird durch das Wortspiel mit dem Indefinitpronomen bzw. durch die klangliche Nähe zum Eigennamen[21] des Helden noch zusätzlich verdunkelt.“[22] Odysseus ist jedoch der einzige Anwesende, der dieses Wortspiel versteht.

2.2. Niemand in der Judenbuche

2.2.1. Einführung

Johannes Niemand erscheint in der Judenbuche wie aus dem Nichts und gesellt sich zu Friedrich Mergel. Möglicherweise benannte Droste-Hülshoff die vermeintliche Nebenfigur nach dem Charakter ihrer Hauptquelle, dem Algierer-Sklaven Johannes Winkelhannes.

Welche Funktion erfüllt nun diese fiktionale Ergänzung Droste-Hülshoffs? Johannes Niemand wird in fünf Situationen in der Novelle erwähnt: als Spiegelbild Friedrichs (zur Verwirrung Margreths, Friedrichs Mutter), als Bote Simons, als Butterdieb auf der Hochzeit, als er gleichzeitig mit Friedrich nach dem Mord an dem Juden Aaron verschwindet und als Inkognito Friedrichs nach dessen Heimkehr.

2.2.2. Der erste Auftritt - ein Spiegelbild Friedrichs

Zunächst erscheint Johannes Niemand, als Margreth auf Friedrich wartet, nachdem sie die erste Nacht verbracht hatte, „ohne den Athem ihres Kindes neben sich zu hören“[23], im Halbdunkel der abendlichen Küche.

Die Verdunkelung der äußeren Umgebung führt zur Unsicherheit und Täuschung. Der individuelle Bezug zur Wirklichkeit, auf dem alle bewußte Erkenntnis der Wahrheit beruht, ist wandelbaren, unkontrollierbaren Veränderungen ausgesetzt [].[24]

Dort sieht sie schließlich „Friedrich am Herde; er hatte sich vorn übergebeugt und wärmte die Hände an den Kohlen“[25]. Der Junge ist sehr mager und zuckt ängstlich, so dass Margreth in der Tür stehen bleibt, „so seltsam verändert kam ihr das Kind vor“[26]. Als sie ihn anspricht, stammelt er, sieht sie „mit dem Jammerblick eines armen, halbwüchsigen Hundes“[27] an und stampft vor Angst mit den Füßen, so dass Margreth erkennen muss: „[...] nein, das war ihr Kind nicht!“[28] Der „wahrhaftige“ Friedrich erscheint; im Kontrast zwischen ihm und Johannes, „sein[em] verkümmerte[m] Spiegelbild“[29], werden die Gegensätze noch offensichtlicher, da Friedrich eine Haltung von „bewusster Würde und Selbstständigkeit“[30] eingenommen hat. Als Margreth schließlich fragt: „Was ist das für ein Junge?“[31], berichtet Friedrich, dass es sich bei dem verwahrlosten Knaben um „des Ohms Simon Schweinehirt“[32] handelt:

„ [] er ist ja doch ein armes Kind; Johannes heißt er.“ „Nun -?“ sagte Margreth. -

„Was willst du, Mutter?“ „Wie heißt er weiter?“ -

„Ja - weiter nicht - oder, warte - doch: Niemand, Johannes Niemand heißt er. Er hat ja keinen Vater“, fügte er leiser hinzu.[33]

[...]


1 Bauer, Ingeborg: Annette von Droste-Hülshoff - eine Annäherung. Norderstedt 2010. S.36.

2 Liebrand, Claudia: Kreative Refakturen. Annette von Droste-Hülshoffs Texte. Hg.: G. Neumann u. G. Schnitzler. Freiburg. i. Br., Berlin u. Wien 2008. S.195.

3 Vgl. Korten, Lars: Poietischer Realismus. Zur Novelle der Jahre 1848 - 1888. Stifter, Keller, Meyer, Storm. Tübingen 2009. S.26.

4 Schaum, Konrad: Ironie und Ethik in Annette Droste-Hülshoffs Judenbuche. Heidelberg 2004. S.129.

5 Ebd.

6 Erstveröffentlichung in der Göttinger Zeitschrift „Wuenschelruthe. Ein Zeitblatt“ (Hg. H. Straube und Dr. J.P. von Hornthal) in den Nummern 11 - 15 (05. - 19. Februar 1818). Vgl. Rölleke, Heinz: Annette von Droste-Hülshoff. Die Judenbuche. Interpretation. München u. Oldenburg 1989. S.15.

7 Vgl. Arnold, Heinz Ludwig (Hg): Kindlers Literatur Lexikon. 3. Stuttgart 2009. S.205.

8 Liebrand, Claudia 2008. S. 197.

9 Untertitel der Novelle.

10 Das Motiv der Narbe ist in der dichterischen Konzeption offensichtlich das primäre Element gewesen.

11 In den ersten Skizzen ist das Motiv der Reise in zwei Partien vorhanden und enthält mit den Namen Berlin und Paris nur realistische Elemente. Ein Bezug zur Odyssee wurde erst später hinzugefügt. Vgl. Oppermann, Gerard. S.464.

12 Ulysses ist die Nebenform zum lateinischen Ulixes. Ich werde in der Arbeit die griechische Übersetzung Odysseus verwenden.

13 Droste-Hülshoff, Annette von: Die Judenbuche. Ein Sittengemälde aus dem gebirgigten Westphalen. In: Juristische Zeitgeschichte. Prof. Dr. Dr. Thomas Vormbaum (Hg). Baden-Baden 2000. S. 3.

14 Liebrand, Claudia: Genre, Topographie und Intertextualität in Droste - Hülshoffs Judenbuche. In: Droste Jahrbuch 7. Hannover 2007. S. 159.

15 Vgl. Fricke, Hannes: „Niemand wird lesen, was ich hier schreibe“. Über den Niemand in der Literatur. Göttingen 1998. S. 15.

16 Homer: Odyssee. 9,363-4. Übersetzt von Roland Hampe. Stuttgart 1979. S.146.

17 Ebd. 9,368.

18 Ebd. 9,407.

19 Ebd. 9,409ff.

20 Ebd. 9,412. S.147.

21 In der griechischen Originalversion ist die Täuschung sogar noch ähnlicher, da das griechische Wort für „niemand“ durch vergleichbaren An - und Ablaut so ähnlich klingt wie der Name „Odysseus“. Vgl. Ziegler, Konradt: Odysseus - Utuse - Uits. In: Gymnasium 69/5. 1962. S. 396. Zitiert nach Fricke, Hannes. S. 50.

22 Fricke, Hannes S. 50f.

23 Droste-Hülshoff, Annette von: Die Judenbuche. S.16.

24 Schaum, Konrad. S.127.

25 Droste-Hülshoff, Annette von: Die Judenbuche. S.17.

26 Ebd.

27 Ebd.

28 Ebd.

29 Ebd.

30 Ebd.

31 Ebd. S. 18.

32 Ebd.

33 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Ein intertextueller Vergleich zwischen Odysseus in Homers "Odyssee" und Friedrich Mergel in Annette von Droste-Hülshoffs "Die Judenbuche"
Untertitel
Lassen die Parallelen neue Schlüsse für die Interpretation der "Judenbuche" zu?
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Peter Szondi Institut)
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
20
Katalognummer
V319497
ISBN (eBook)
9783668187061
ISBN (Buch)
9783668187078
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Judenbuche, Annette von Droste-Hülshoff, Ulysses
Arbeit zitieren
Janina Jasencak (Autor), 2014, Ein intertextueller Vergleich zwischen Odysseus in Homers "Odyssee" und Friedrich Mergel in Annette von Droste-Hülshoffs "Die Judenbuche", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319497

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