Die Geschichte der Juden in Berlin begann bereits kurz nach der Stadtentstehung. Bis zum Beginn der Neuzeit wurden die Juden mehrfach aus Berlin vertrieben. Seit 1671 gab es dauerhaft eine jüdische Bevölkerung in Berlin, die im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis auf 173.000 Menschen im Jahre 1925 anwuchs und in dieser Zeit eine wichtige und prägende Rolle in Berlin spielte.
1812 wurde in Preußen mit dem „Judenedikt“ den Juden der Zugang zum Studium an der Universität ermöglicht. Die nach Bildung strebenden Juden lasen von dem Zeitpunkt an nur noch Deutsch, Hebräisch wurde zu einer Sprache der Rabbiner und Gelehrten. Auf der Suche nach Gleichberechtigung stand die Frage, welche Anpassung an die übrige Gesellschaft sinnvoll und notwendig ist.
Wir wurde man ein Teil der Gesellschaft, bewahrte aber trotzdem seine Identität? Wie praktizierten die Berliner Juden ihre Religion? Wie feierten sie ihre Feste? Wie veränderte sich ihr Bezug zur Religion durch die Ereignisse in den folgenden Jahren? Wie ist der Bezug der folgenden Generation zum Judentum? Diese Fragen versuche ich im Folgenden zu beantworten. Im Visual History Archive der Shoa Foundation finden sich ca. 3000 Interviews mit in Berlin geborenen Juden. Diese Quellen dienen als Grundlage der Untersuchung.
Inhaltsverzeichnis
a) Religioese Identitaet der Großeltern und Eltern
b) „Weihnukka“
c) Shabat
d) Der Besuch der Synagoge an den hohen Feiertagen
e) Pessach - das Wallfahrtsfest
f) Die Veraenderung der religioesen Identitaet in Folge der Emigration
g) Die folgende Generation
h) Quellen
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand von Interviews aus dem Visual History Archive der Shoa Foundation die Lebenswirklichkeit und religiöse Identitätsbildung von in Berlin geborenen Juden im Zeitraum von 1911 bis 1933. Ziel ist es, den Spannungsfeld zwischen Assimilationsbestrebungen, dem Erhalt jüdischer Traditionen und der Emigration nachzuspüren sowie zu klären, wie diese Generation und ihre Nachkommen ihre religiöse Identität im Kontext der gesellschaftlichen Veränderungen definierten.
- Die Praxis und Bedeutung jüdischer Feiertage im familiären Kontext
- Die Rolle der Assimilation und die Integration christlicher Bräuche (z.B. Weihnachten)
- Der Einfluss von Emigration auf die religiöse Selbstverortung
- Die Weitergabe von Traditionen an die nachfolgende Generation
Auszug aus dem Buch
c) Shabat
Dieser Tag erinnert an das Ruhen Gottes nach der Schaffung der Welt und an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten. Er ist der Höhepunkt jeder Woche. Am Shabat soll der Mensch ruhen und keinerlei Arbeit verrichten. Wegen dieser absoluten Arbeitsruhe müssen alle Vorbereitungen vor Eintritt des Shabats abgeschlossen sein: Die Mahlzeiten müssen gekocht, die Wohnung geputzt sein etc. Zu Hause wird der Shabat mit dem Anzünden der Kerzen begrüßt. Das ist traditionell die Pflicht der Hausfrau. Danach gehen alle Familienangehörigen zur Kabbalat Shabat in die Synagoge. [...]
Einige, jedoch vergleichsweise ein geringer Teil der Befragten zelebrierte den Shabat. Andere hielten den Tag nicht fuer erwähnenswert oder erinnerten sich an „den Sonntag, als Mutter und ich gemächlich über den KuDamm schlenderten und bei Tee und Kuchen im Cafe saßen“
Die konservativen Familien gingen Freitagabend oder am Shabatmorgen in die Synagoge (bzw. „Tempel“). Eine Befragte berichtet von ihrem wöchentlichen Besuch im „Friedenstempel“: Die Männer und Frauen waren separiert, die Kinder drängten sich auf den Stufen. Der Rabbi ärgerte sie ob ihres kurzen Rockes. In anderen Familien war so etwas undenkbar. Der Vater ging lieber alleine in die Synagoge, anstatt seine Tochter mitzunehmen. Die Mutter tröstete mit den Worten, die jüdische Religion sei nur etwas fuer Männer.
Zusammenfassung der Kapitel
a) Religioese Identitaet der Großeltern und Eltern: Beschreibt den prägenden Einfluss streng religiöser Großeltern auf die Enkelgeneration im Gegensatz zur oft säkularisierten Elterngeneration.
b) „Weihnukka“: Analysiert die synkretistische Praxis, jüdische Feiertage mit christlichen Traditionen zu vermischen, um sich als „kulturelle Deutsche“ zu definieren.
c) Shabat: Untersucht die Bedeutung des wöchentlichen Ruhetages zwischen strenger Einhaltung und der Integration in das Berliner Stadtleben.
d) Der Besuch der Synagoge an den hohen Feiertagen: Beleuchtet die religiöse Rückbesinnung an den Feiertagen Rosh HaShana und Yom Kippur bei einem Großteil der Berliner Juden.
e) Pessach - das Wallfahrtsfest: Zeigt auf, wie das Pessachfest als identitätsstiftendes und kindgerechtes Fest in Erinnerung blieb.
f) Die Veraenderung der religioesen Identitaet in Folge der Emigration: Diskutiert die Zwangslage nach 1933 und wie diese zur bewussten Auseinandersetzung mit dem Judentum führte.
g) Die folgende Generation: Zeigt die Identitätssuche der Nachfahren auf, die oft ein intensiveres Verhältnis zum Judentum pflegen als ihre Eltern.
h) Quellen: Listet die verwendete Literatur und die biografischen Interviews des Visual History Archive auf.
Schlüsselwörter
Berliner Juden, Assimilation, Religiöse Identität, Emigration, Visual History Archive, Sabbat, Pessach, Jüdische Feiertage, Schoa Foundation, Identitätssuche, Kulturgeschichte, Judentum, Integration, Familiengeschichte, Zeitzeugen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht das Leben und die religiösen Praktiken von in Berlin geborenen Juden im frühen 20. Jahrhundert anhand von Zeitzeugeninterviews.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentral sind der Prozess der Assimilation, der Umgang mit jüdischen Traditionen im Alltag und die Auswirkungen der NS-Zeit auf die Identitätsbildung.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Wie haben Berliner Juden ihre religiöse Identität zwischen Assimilation und dem Bewahren jüdischer Traditionen praktiziert und wie veränderte sich dies durch die Emigration?
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es werden Interviews des Visual History Archive der Shoa Foundation ausgewertet, um die gelebte Religion dieser Generation zu rekonstruieren.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Vordergrund?
Der Hauptteil gliedert sich nach verschiedenen Feiertagen wie Shabat, Pessach und Chanukka sowie der Veränderung durch die Emigration.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Schlüsselbegriffe sind Berliner Juden, Assimilation, Identität, Emigration und jüdische Festkultur.
Wie wurde Weihnachten in jüdischen Familien wahrgenommen?
Viele Familien integrierten Weihnachten als kulturelles Erlebnis, oft zur Freude nicht-jüdischer Angestellter oder um den sozialen Status als Deutsche zu unterstreichen.
Welche Rolle spielte die Großmutter bei der religiösen Erziehung?
Die Großmütter werden oft als letzte Instanz der religiösen Tradition beschrieben, die streng auf koscheres Essen oder das Feiern jüdischer Feste achtete, während die Eltern sich teils vom Judentum distanzierten.
Wie reagierten die Nachfahren auf ihre jüdische Herkunft?
Die Kinder der interviewten Generation zeigten häufig ein stärkeres Interesse an ihrer jüdischen Identität und den Geschichten ihrer Eltern, teils als bewusste Gegenreaktion auf die säkulare Erziehung.
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- B.A. Janina Jasencak (Autor), 2009, Die „Berliner Juden“. Zwischen Assimilation, Emigration und der Suche nach der religiösen Identität, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319503