Eine psychoanalytische Betrachtung von Franz Kafkas "Das Urteil"


Hausarbeit, 2002

17 Seiten, Note: 1-


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Zur Psychoanalyse Sigmund Freuds

II. Jacques Lacans psychoanalytischer Ansatz

III. Franz Kafka: Das Urteil
1. Kafka und die Psychoanalyse
2. Die Erzählung
3. Der Aufbau
4. Psychoanalytische Interpretation

Resümee

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Arbeit stellt den Versuch einer psychoanalytischen Betrachtung von Franz Kafkas Erzählung „Das Urteil“ dar. Im allgemeinen untersucht psychoanalytische Literaturkritik vier Ebenen eines Werkes. Sie kann sich auf den Autor, Inhalt, Aufbau sowie die Leser beziehen. Die Psychoanalyse selbst kann entweder als Gegenstand oder Methode betrachtet werden. D. h. einerseits wird untersucht, inwiefern der Autor Kenntnisse dieser Theorie selbst besaß und diese implizit in den Charakteren, Handlungen bzw. Textstrukturen oder explizit als theoretische Äußerung zum Ausdruck brachte; andererseits wählt sie sich den Autor und seine Texte selbst als Untersuchungsgegenstand aus. Die folgenden Ausführungen beziehen sich überwiegend auf die Erzählung selbst. Biographische Aspekte des Autors bzw. eine Analyse seiner Person wurden hier ausgespart. Dennoch hat die Verwendung der Sekundärliteratur gezeigt, daß es viele verschiedene psychologische bzw. psychoanalytische Deutungen gibt. Diese Arbeit hat versucht, sich auf die wesentlichen Komponenten zu beschränken, erhebt also keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Kapitel I stellt zunächst die für die Literaturtheorie wesentlichen Merkmale der Freudschen Psychoanalyse vor. Anschließend wird Jacques Lacans Ansatz erläutert (II). Das dritte Kapitel bezieht sich kurz auf Franz Kafkas Verhältnis zur Psychoanalyse an sich, stellt Inhalt und Aufbau der Erzählung dar und schließt die psychoanalytische inhaltliche Interpretation an. Das Resümee faßt die wichtigsten Erkenntnisse nochmals zusammen.

I. Zur Psychoanalyse Sigmund Freuds

Sigmund Freud entwickelte gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Theorie der Psychoanalyse. Er schuf das Bild eines gespaltenen erwachsenen Subjekts. Ausgehend von seiner Triebtheorie, neigt der Mensch nach Freud dazu, seinem Lust- bzw. Unlustprinzip („Es“) in jeweils konstruktiver bzw. destruktiver Weise nachzugeben. Jegliches Handeln und Tun zielt demnach auf die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Der Mensch lebt jedoch nicht als Einzelwesen sondern mit anderen in Gemeinschaft. Ein (Zusammen-) Leben in der Gesellschaft ist an Regeln und Gesetze gebunden, die es dem einzelnen nicht erlauben, nur nach seinen eigenen Bedürfnissen zu leben. Folglich ist der Mensch nach Freud gezwungen, sein Lustprinzip in das Unbewußte zu verdrängen. Zugang zum Unbewußten erhält er durch seine Träume. Nach Freud spiegeln sie wesentlich die symbolische Erfüllung unbewußter Wünsche.[1] Wird jedoch zuviel verdrängt, so erkrankt der Mensch. Er entwickelt verschiedene symptomatische Verhaltensweisen, die neurotisch[2] oder psychotisch[3] sein können.

Als gesunden Umgang mit unerfüllten Bedürfnissen sieht Freud die Sublimierung, d. h. die Ausrichtung oder Umlenkung der Libido auf gesellschaftlich höher gestellte Werte und Ziele. Darunter versteht er jedes menschliche Handeln und Agieren – z.B. den Bau von Brücken oder Kathedralen, Literatur und Kunst an sich. Wie Terry Eagleton anführt, besteht nach Freud der Widerspruch gerade darin, „(...), daß wir nur durch massive Verdrängung der Bestandteile, aus denen wir eigentlich hervorgegangen sind, zu dem wurden, was wir sind“[4].

Für den Verlauf der menschlichen Entwicklung unterscheidet Sigmund Freud folgende Phasen:

1. Orale Phase
2. Anale Phase
3. Phallische Phase

Die orale Phase ist verbunden mit dem Trieb oder Verlangen des kleinen Kindes, Objekte in sich aufzunehmen. Die anale Phase dagegen definiert den Kontrast von Aktivität und Passivität in seinen Handlungen, was Freud an demVergnügen des Kindes bei der Darmentleerung beschreibt. Sie gilt daher als sadistisch. Die phallische Phase konzentriert sich auf die kindliche Libido, den Sexualtrieb, wodurch letztlich der geschlechtliche Unterschied erfahren wird.[5]

Das Kind allein ist zu Beginn nur auf sich und seinen eigenen Körper fixiert. Es kennt noch keine Geschlechtsunterschiede. Um sich zu einem gespaltenen Subjekt zu entwickeln, das zwischen Bewußtem und Unbewußtem unterscheidet, muß es erst den so genannten Ödipus-Komplex überwinden. D. h. das Kind muß lernen, sich aus der engen dyadischen Zweierbeziehung mit der Mutter zu lösen und die Triade zwischen Vater, Mutter und Kind anzuerkennen.[6]

Für einen Jungen bedeutet das, daß er das inzestuöse Begehren nach der Mutter aufgeben und sich mit seinem Vater identifizieren muß. Der Junge gibt das Begehren auf, wenn er wahrnimmt, daß ein Mädchen kastriert ist und nun durch den Vater die eigene Kastrationsdrohung fürchtet. Damit beendet er die anfänglich vorhandene Rivalität mit dem Vater um die Mutter und wird in die gesellschaftliche Rolle der Männlichkeit eingeführt.[7]

Das kleine Mädchen wendet sich zunächst von der Mutter ab und dem Vater zu. Nach Freud bestehe der unbewußte Wunsch, vom Vater ein Kind zu bekommen. Zur Identifikation ihrer weiblichen Geschlechtsrolle muß sich das Mädchen jedoch der Mutter wieder zuwenden. Im Fall des Mädchens findet daher eine Verlagerung des Liebesobjekts von der Mutter auf den Vater statt, während der Junge sich weiterhin auf die Mutter konzentrieren kann.[8]

Der Ödipus-Komplex deutet laut Sigmund Freud den Übergang vom Lustprinzip zum Realitätsprinzip an; anders ausgedrückt befähigt er den Menschen aus seiner abgeschlossenen Auf-sich-Bezogenheit und der kleinen familiären Einheit zum Eintritt in die Gesellschaft als Mann oder Frau und zum Leben neuer, außerfamiliärer Beziehungen. Darüber hinaus steht der Ödipus-Komplex gleichzeitig in Verbindung mit der Ausbildung des Über-Ichs, der dritten Instanz neben Ich und Es, welche Moral, Gewissen sowie gesellschaftliche Normen und Werte vertritt.[9]

II. Jacques Lacans psychoanalytischer Ansatz

Während sich Sigmund Freud die psychosoziale Entwicklung des Menschen über den Geschlechterunterschied und Sexualität erklärt, versucht der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan diese Entwicklungsprozesse über die Sprache und ihre Symbolik zu erklären. Analog zu Freud unterscheidet auch Lacan verschiedene Entwicklungsphasen:

1. Imaginäre Phase
2. Spiegel-Stadium
3. Ödipus-Komplex
4. Symbolische Ordnung

In der imaginären oder prä-ödipalen Phase lebt das Kind ausschließlich in symbiotischer Beziehung mit seiner Mutter. Es ist noch nicht fähig, zwischen „Selbst“ und „Objekt“ zu trennen. Erst im Spiegel-Stadium beginnt die Entwicklung des kindlichen Ichs. Indem das Kind sein Spiegelbild wiedererkennt, nimmt es sich selbst als Ich und im Spiegel gleichzeitig als etwas Fremdes wahr. Lacan bezeichnet das Kind als Signifikanten und dessen Spiegelbild als eine Art Signifikat, die in dieser frühen Entwicklungsphase noch harmonisch übereinstimmen. Das Kind verspürt noch keinen Mangel und ist mit sich und der Welt zufrieden.[10]

Damit sich der Ödipus-Komplex überhaupt ereignen kann, geht Lacan davon aus, daß das Kind wenigstens eine vage Vorstellung von den Geschlechtern haben muß. Die Loslösung aus der dyadischen Beziehung mit der Mutter vollzieht sich seiner Auffassung nach entscheidend mit dem Auftreten des Vaters – symbolisiert durch den Phallus als Kennzeichen der sexuellen Verschiedenheit. Der Vater steht für das Inzesttabu und wird als das Gesetz bezeichnet, welches das Kind dazu zwingt, sich seinen Platz im triadischen Beziehungsgefüge zu suchen.[11]

Lacan folgt nicht Freuds Auffassung von einem gespaltenen Subjekt, sondern greift auf Ferdinand Saussures Grundsatz zurück, wonach „(...) Identitäten nur als Ergebnis von Differenzen entstehen - (..) ein Begriff oder Subjekt nur ist, was es ist, indem es ein anderes ausschließt.“[12] Durch die Anerkennung von Unterschieds- und Ähnlichkeitsbeziehungen vollzieht das Kind den Eintritt in die so genannte symbolische Ordnung, d. h. in die vorgegebenen gesellschaftlichen und geschlechtlichen Rollen und Beziehungen.[13]

Dieser Prozeß bringt für den Menschen ein ständiges Unbehagen mit sich, denn die ursprüngliche Harmonie wurde gestört. Lacan spricht hier von einem Mangel und einem Begehren, das der Mensch über Sprache auszudrücken versucht. Er sieht das Unbewußte in gewisser Weise strukturiert wie eine Sprache, die weniger aus feststehenden Bedeutungen als aus Signifikanten besteht.[14]

III. Franz Kafka: Das Urteil

1. Kafka und die Psychoanalyse

Franz Kafka verfaßte die Geschichte „Das Urteil“ im Jahr 1912. Gewidmet ist sie seiner damaligenVerlobten Felice Bauer. So verweisen verschiedene Autoren darauf, daß die Erzählung insgesamt natürlich Parallelen zur Biographie Kafkas erkennen läßt – man vergleiche die Initialen Felice Bauers mit jenen der Verlobten in der Erzählung. Doch darauf kann an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. In seiner inhaltlichen Bedeutung der Geschichte bezieht sich der Autor vielmehr bewußt auf Sigmund Freud und den Ödipus-Komplex. Kafka sei hier jedoch nicht selbst als pathologisches Opfer psychologischer Mechanismen zu verstehen, sondern vielmehr als ein Autor, der sich der Psychoanalyse unter literarischer Verwendung bediente.[15] Rainer Kaus schreibt dazu:

„Wenn Freud antike Dramenstoffe wie die Ödipus-Dramen für die Psychoanalyse auswertete, so läßt Kafka umgekehrt die psychischen Mächte ein literarisches Leben führen. Kafka ist in diesem Stück, (...), ein Psychoanalytiker im Medium des Erzählens.“[16]

[...]


[1] vgl. Eagleton 1997, S. 145

[2] z.B.: Zwanghaftes, hysterisches oder phobisches Verhalten, das auf ungelöste Konflikte verweist

[3] z.B.: Paranoia oder Schizophrenie; der Patient verliert hier (teilweise) den Kontakt zur Realität

[4] Eagleton (1997), S. 139

[5] vgl. Eagleton 1997, S. 140 f.

[6] vgl. Eagleton 1997, S. 142

[7] vgl. ebd., S. 142 f.

[8] vgl. ebd.

[9] vgl. ebd., S. 144

[10] vgl. Eagleton 1997, S. 154 f.

[11] vgl. ebd.

[12] vgl. ebd., S. 155

[13] vgl. ebd., S. 156

[14] vgl. ebd., S. 157

[15] vgl. Hiebel 1999, S. 40

[16] Kaus 1998, S. 46

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Eine psychoanalytische Betrachtung von Franz Kafkas "Das Urteil"
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Einführung in das Studium der neueren deutschen Literatur
Note
1-
Autor
Jahr
2002
Seiten
17
Katalognummer
V319564
ISBN (eBook)
9783668186705
ISBN (Buch)
9783668186712
Dateigröße
690 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Urteil, Psychoanalyse, Sigmund Freud, Franz Kafka, Jacques Lacan, Ödipus-Komplex
Arbeit zitieren
Christiane Lhotta (Autor), 2002, Eine psychoanalytische Betrachtung von Franz Kafkas "Das Urteil", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319564

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