Zwischen Traum, Wahnsinn und Wirklichkeit. Elemente des Phantastischen in Maupassants "Le Horla"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
16 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gattungstheoretische Merkmale der contes fantastiques im 19. Jahrhundert

3. Analyse der phantastischen Elemente in Le Horla
3.1 Inhaltliche Zusammenfassung der Erzählung
3.2 Formale Merkmale des Tagebuches
3.3 Zwischen Unwohlsein und Verfolgungsangst - Zur Wahrnehmung des übernatürlichen Wesens
3.4 Zusammenfassung

4. Fazit

5. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

« Maupassant serait un réaliste mangé par la folie vers la fin de son existence, et écrivant alors des contes de la folie, jusqu´à la catastrophe de son internement. » Marie-Claire Bancquart (1976), In: Maupassant. Conteur fantastique. Paris, S. 3. Nach heutigem Stand der Literaturkritik stellt der französische Autor, Guy de Maupassant, einen der einfallsreichsten und stilsichersten Erzähler der französischen Literaturgeschichte dar. Neben sechs Romanen[1] schrieb er rund dreihundert Erzählungen und Novellen und wurde dabei lange Zeit von seinem Dichtervater, Freund und wahrscheinlich schärfsten Kritiker, Gustav Flaubert (1821-1880), dem großen französischen Romancier des 19. Jahrhunderts, begleitet. Die literarischen Werke Maupassants zeichnen sich besonders durch die Darstellung einer « vision plus complète, plus saisissante, plus probante de la réalité » (Castex & Surer 1950, S. 138) sowie durch eine unkommentierte und objektive Schilderung der gesellschaftlichen Realität seiner Zeit aus. Vor allem ÄGrenzbereiche des menschlichen Bewusstseins [und] pathologische Zustlnde“ (Kemner 1997, S. 134) übten auf ihn eine große Faszination aus.

Da er in seiner späten Schaffensphase selbst von Wahnvorstellungen und depressiver Verstimmung geplagt wurde, die auf seine Syphilis-Erkrankung und seinen exzessiven Drogenkonsum zurückzuführen sind, scheute Maupassant nicht davor zurück, Themen wie Angst, Halluzinationen, psychotisches Verhalten und Verfolgungswahn in seinen Werken[2] zu verarbeiten und diese kunstvoll mit phantastischen Elementen zu verknüpfen[3]. Vor allem seine im Mai 1887 in den Annales politiques et littéraires veröffentlichte Novelle Le Horla gilt bis heute als eine der Äoriginellsten, aber auch beunruhigendsten Erzählungen“ (vgl. ebenda) des Autors und stellt, aufgrund seiner gattungstypischen Komponenten, Äeinen der letzten Texte der ‚klassischen‘ fantastischen Literatur des 19. Jahrhunderts“ dar (Wehr 1997, S. 186).

Ziel der hier vorliegenden Arbeit ist es, wesentliche Elemente der sogenannten contes fantastiques, die durch die Erzählweise sowie die Darstellung der Wirklichkeit zwischen Realität und Irrationalität in Erscheinung treten, in Le Horla herauszustellen. Dazu wird zunächst auf allgemeine, gattungstheoretische Merkmale des Genres eingegangen. Anschließend folgen eine ausführliche Analyse zur Darstellung und Wahrnehmung des Übernatürlichen sowie ein zusammenfassendes Fazit.

2. Gattungstheoretische Merkmale der contes fantastiques im 19. Jahrhun- dert

Die Contes fantastiques[4] - dt. zumeist phantastische Novellen - gehören der Gattung der phantastischen Literatur an und bewirkten als literarische Neuheit in Frankreich im 19. Jahrhundert eine große Faszination bei ihren Lesern (Blüher 1985, S. 143). Unheimliche und übernatürliche Erzählungen existieren zwar, so Lovecraft, bereits seit vorgeschichtlicher Zeit und liegen uns in exemplarischer Form bereits seit der Antike, über das Mittelalter und bis hin zur Neuzeit vor (Lovecraft 1995, S. 13 ff.), als Vorbilder der französischen Novellistik gelten jedoch postum Novellen des deutschen E.T.A. Hoffmann und Erzählungen über das psychologisch Unheimliche des amerikanischen Schriftstellers Edgar Allen Poe («). Außerdem stehen die phantastischen Erzählungen durch ihre Darstellung des Übernatürlichen in der Wirklichkeit im engen Zusammenhang mit dem englischen Schauerroman (gothic novel) der Frühromantik.

In Abgrenzung von weiteren literarischen Untergattungen der phantastischen Literatur, wie der Märchennovellen, Volksmärchen und der Legende, die ebenso Elemente des Wunderbaren und Übernatürlichen enthalten und bereits aus Erzählmustern des 18. Jahrhunderts bekannt waren, handeln die contes fantastiques von Äetwas Selbstverstlndliche[n], [«] das als ein zutiefst irritierender, für den Leser letztlich zumeist verstandesmäßig unauflösbarer Widerspruch gestaltet ist [«]“ (vgl. ebenda, S. 144). Elemente des Übernatürlichen, die der Logik unserer realen Erfahrungswelt vollkommen widersprechen, werden oftmals durch bestimmte Erzählverfahren[5] in die Handlung eingeführt und mischen sich in die natürliche und reale Erfahrungswelt der Novellenfiguren. Als gattungstypisches Merkmal kann demnach die ÄAmbiguierung der dargestellten Wirklichkeit zwischen realistischen und übernatürlichen Aspekten sowie der daraus resultierenden ‚Unschlüssigkeit‘ des Lesers“ angesehen werden (Wehr 1997, S. 186). In Abgrenzung zur Märchennovelle und anderen legenden- und sagenhaften Erzählungen wird der Leser allerdings nicht von Anfang an mit dem Übernatürlichen und Unwirklichen vertraut gemacht, sondern erst im späteren Verlauf der Erzählung in die Irre geführt und immer wieder in Unsicherheit gelassen, ob sich das Dargestellte aus natürlichen Ursachen heraus erklären lässt oder ob unerklärliche, übernatürliche Mächte mit im Spiel sind (Fravret & Todorov 1972, S. 146 f.).

Das Aufkommen des Phantastischen in der Literatur im späten 18. Jahrhundert und frühen 19. Jahrhundert hängt dabei eng mit der Aufklärung zusammen. Als Voraussetzung für das Entstehen der contes fantastiques werden die sich entwickelnden realistischen und illusionistischen Erzlhlverfahren, die Äeine überzeugende [«] Einbettung des Phantastischen in eine scheinbar authentische, glaubwürdige Umwelt ermöglichten“ (vgl. ebenda, S. 146) angesehen. Aber auch neue Erkenntnisse aus der Tiefenpsychologie - wie der Psychoanalyse Freuds - sowie naturwissenschaftliche Belege über magnetische und elektrische Phänomene, die zu allerlei Spekulationen über übernatürliche Kräfte führten, boten den Autoren des 19. Jahrhunderts Anlass, phantastische Novellen zu verfassen (vgl. ebenda).

In den berühmten phantastischen Novellen wie in Nodiers Une heure ou la vision (1806), Nervals Aurélia ou la rêve de la vie (1855), aber auch in Maupassants Le Horla (1886/1887) wird das Phantastische meistens auf gewisse seelische Ausnahmezustände der Novellenfiguren zurückgeführt. Traumvisionen, Halluzinationen, Hypnose, parapsychologische Phänomene aber auch Wahnsinn und andere psychische Störungen spielen hier eine übergeordnete Rolle.

3. Analyse der phantastischen Elemente in Le Horla

Auch in Le Horla lassen sich durch die Konfrontation des Rationalen mit dem Irrationalen gattungstypische Komponenten der phantastischen Novelle nachweisen, die im weiteren Verlauf der hier vorliegenden Arbeit näher analysiert werden. Dabei wird vor allem auf Besonderheiten des Erzählverfahrens, die Darstellung der Gefühlswelt des Ich-Erzählers sowie die Erscheinung des Übernatürlichen eingegangen.

3.1 Inhaltliche Zusammenfassung der Erzählung

Bei Maupassants 1887 in einem Sammelband veröffentlichten Werk Le Horla handelt es sich um eine novellenartige Erzählung, die in Form eines Tagebuches verfasst wurde. Im Zeitraum vom 8. Mai bis zum 10. September berichtet ein anonymer Tagebuchautor - meistens in Form des Erzählerberichtes oder der erlebten Rede - von seinen besorgniserregenden Begegnungen. Im Glaube von einem unsichtbaren und finsteren Wesen (Le Horla) besessen zu sein, das ihn überwiegend nachts heimsucht, verfällt der Erzähler mehr und mehr dem Wahnsinn. In unregelmäßigen Abständen verfolgt der Leser die Tagebucheinträge des autodiegetischen Erzählers, der in anachroner und bruchstückhafter Reihenfolge über Albträume, Wahnvorstellungen und seine zunehmende Verwirrung berichtet. Durch die interne Fokalisierung erhält der Leser außerdem einen Einblick in die Gefühlswelt des Erzählers und nimmt so indi- rekt an dessen Erlebnissen und Erfahrungen mit dem unsichtbaren Wesen teil.

Der dramatische Höhepunkt der Erzählung bildet der verzweifelte Entschluss des Ich-Erzählers, sein Haus gemeinsam mit dem vermeintlichen Horla anzuzünden und ihn damit zu vernichten. Als er jedoch erkennt, dass es keinen Weg seinem Schicksal zu entfliehen gibt, endet das Tagebuch mit der Ankündigung des Selbstmordes.

3.2 Formale Merkmale des Tagebuches

Wie auch heute noch war das Führen eines Tagebuches im 19. Jahrhundert privater Natur und diente dazu, Erlebnisse, eigene Aktivitäten, aber auch Gefühle und Stimmungslagen aufzuzeichnen. Auch in Le Horla lässt der Tagebuchautor den Leser an seinem Privatleben teilhaben. Ereignisse und Gedanken, die den Erzähler besonders bewegen, werden dem Tagebuch anvertraut. So zeichnet sich das Medium unteranderem durch einen hohen Grad an Subjektivität und Intimität aus. Durch die Tagebuchform und dem Wechselspiel von Erzähl- und Erlebnisperspektive, wird dem Leser außerdem ein Eindruck größtmöglicher Unmittelbarkeit dargeboten (Wehr 1997, S. 186).

Kennzeichnend für Le Horla ist vor allem die bruchstückhafte und unregelmäßige Aufzeichnung des Tagebuchautors, was für das Führen eines Tagebuches nicht untypisch ist. Spätere Aufzeichnungen fußen dabei inhaltlich nicht auf früheren. Außerdem wird die Tagebuchführung von seinem Autor gelegentlich unterbrochen und zu einem späteren Zeitpunkt wiederaufgenommen. So gibt es beispielsweise im Juni lediglich zwei Einträge. Erst im Juli, vier Wochen nach seiner Reise nach Paris, setzt der Ich-Erzähler seine Aufzeichnungen fort. Auffällig ist ebenso die zeitliche Verteilung der Tagebucheinträge. Während im Mai eher unregelmäßig Einträge vorgenommen wurden, steigert sich im Juli und August - mit Zuspitzung der Angst des Erzählers - die Frequenz der Aufzeichnungen. Auch die Länge der einzelnen Einträge variiert je nach Verfassung des Erzählers und dem Geschehen. Da die Handlung zwischen den Einträgen nicht nachvollziehbar, sondern lückenhaft ist und nur erahnt werden kann, werden die Spannungsmomente in der Handlung verstärkt. Die Lückenhaftigkeit im Erzählen kann allerdings ebenso als Zeichen der Unordnung und Unlogik gesehen werden und spiegelt somit den Bewusstseinszustand des Protagonisten wider.

Ob der Ich-Erzähler die Intention hatte, seine Tagebuchaufzeichnungen als Vermächtnis seiner Nachwelt zu hinterlassen, ist fraglich und kann bei der dreifachen Ansprache eines unbestimmten Lesepublikums in der zweiten Person Plural mit « vous » nur erahnt werden: « Figurez-vous

[...]


[1] Die von Maupassant verfassten Romane sind Une Vie (1883), Bel Ami (1885), Mont Oriol (1887), Pierre et Jean (1888), Fort comme la mort (1889) und Notre cœur (1890).

[2] Beispiele wären an dieser Stelle Maupassants Erzählungen La Peur (1882), Apparition (1883), Lui? (1883), Un Fou (1884) sowie Le Horla (1887).

[3] Auch wenn er sich der phantastischen Literatur, so wie sie in der heutigen Literaturwissenschaft angesehen wird, noch nicht bewusst war.

[4] Da in der Literaturwissenschaft keine einheitliche Definition zum Begriff der phantastischen Literatur existiert (Durst 2007, S. 18), können an dieser Stelle lediglich gattungstheoretische Merkmale der contes fantastiques vorgestellt werden.

[5] Beispielhafte Erzählverfahren, die die Existenz des Irrationalen und Unwirklichen immer wieder in Frage stellen, können zum Beispiel Authentizitätsnachweise des Ich-Erzählers oder historische Dokumente u.v.m. sein (Bühler 1985, S. 144).

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Zwischen Traum, Wahnsinn und Wirklichkeit. Elemente des Phantastischen in Maupassants "Le Horla"
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Guy de Maupassant
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
16
Katalognummer
V319592
ISBN (eBook)
9783668187023
ISBN (Buch)
9783668187030
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Maupassant, Französisch, Frankreich, Literatur, Werke, Französische Werke, Französische Literaturwissenschaft, Guy de Maupassant, Le Horla, Traum, Wahnsinn, Irrationalität, Übernatürliches, contes fantastiques, 19. Jahrhundert, Phantastik, Interpretation
Arbeit zitieren
Anika Strelow (Autor), 2015, Zwischen Traum, Wahnsinn und Wirklichkeit. Elemente des Phantastischen in Maupassants "Le Horla", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319592

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