Eine Bildungsreform jagt die nächste, um dem Ziel der Chancengleichheit näher zu kommen. Dass diese Chancengleichheit eine – wenn auch erstrebenswerte – Illusion ist, deckt Bourdieu in seinem Buch „Die Illusion der Chancengleichheit. Untersuchungen zur Soziologie des Bildungswesens am Beispiel Frankreichs“ auf. In diesem Werk setzt sich Bourdieu kritisch mit dem Bildungswesen in Frankreich auseinander und weist darauf hin, dass in diesem die Unterschiede zwischen den Individuen nicht aufgehoben, sondern vielmehr manifestiert werden.
Der Glaube an eine steigende Chancengleichheit in der deutschen Gesellschaft, vor allem befördert durch das staatliche Schulsystem, ist auch in Deutschland fest verankert. Die Chancengleichheit gehört in unserer modernen Gesellschaft offiziell zu einem erstrebenswerten Grundwert. Diese stellt die Wertvorstellung und zugleich politische Forderung dar, dass „allen Menschen die gleichen Möglichkeiten für die Entfaltung der eigenen Fähigkeiten zu gewähren“ (Hillmann 2007: S. 120) ist.
Dieses Paradigma wurde aber durch den Elitesoziologen Michael Hartmann ins Wanken gebracht. Er hat die Rekrutierung der Eliten in Deutschland, sowie in einem späteren Werk der internationalen Eliten, erforscht und die Mechanismen des sozialen Feldes der Eliten aufgezeigt. Auch diese Hausarbeit verabschiedet sich von der Illusion der Chancengleichheit. Anhand der Leitfrage „Wie reproduzieren sich Eliten?“ soll aufgezeigt werden, dass keineswegs Fleiß und Leistung die Hauptfaktoren sind, die einem jeden Zugang zu Erfolg und Spitzenpositionen verschaffen.
Hierzu werden im Folgenden Pierre Bourdieus Theorien des sozialen Raums und des soziale Feldes erarbeitet. Anhand dieser werden gesellschaftliche Selektionsmechanismen erkenntlich, die sich vor allem im Verborgenen und unbewusst abspielen. Anhand der Länder: Frankreich, Großbritannien und Deutschland werden schließlich beispielhaft die Reproduktionsmechanismen der Eliten in den Feldern der Wirtschaft, Politik und Verwaltung diskutiert.
Inhaltsverzeichnis
Prolog
Erster Teil
Heranführung an Pierre Bourdieus Werkzeuge zur Untersuchung der gesellschaftlichen Ordnung.
1. Die Kapitalsorten
1.1. Objektives Kapital
1.2. Subjektives Kapital
2. Sozialer Raum und Klassen
3. Soziale Felder
3.1. Das Feld der Macht
4. Der Habitus
5. Elite
5.1. Definition der Elite
5.2. Klassische Elitesoziologie
5.2.1. Die Psychologie der Massen
5.2.2. Die herrschende Klasse
5.2.3. Das eherne Gesetz der Oligarchie
5.3. Die Funktionseliten
5.3.1. Masse und Funktionseliten
5.3.1. Funktionseliten und Demokratie
5.4. Kritische Elitesoziologie: Elite und Klassen
Zweiter Teil
Elitenrekrutierung in Deutschland, Frankreich und Groß-Britannien in den Feldern der Wirtschaft, Politik und Verwaltung
1. Bourdieus Werkzeuge in der kritischen Elitesoziologie
1.1. Die Bildungsexpansion und die Elitebildungsinstitutionen
2. Die französische Elite
2.1. Die französischen Elitehochschulen
2.2. Herausbildung eines Adels
2.3. Elitecorps
2.4. Die hohe Homogenität und Mobilität der französischen Elite
3. Elite in Groß-Britannien
3.1. Die britischen Elitebildungseinrichtungen
3.2. Elitenrekrutierung in Groß-Britannien
4. Die deutsche Elite
4.1. Bildungseinrichtungen in Deutschland
4.2. Elitenrekrutierung in Deutschland
4.3. Wandelnde Elitenrekrutierung in Deutschland
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rekrutierungsmechanismen von Eliten in Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Ziel ist es, die Illusion der Chancengleichheit kritisch zu hinterfragen und anhand der soziologischen Theorien Pierre Bourdieus aufzuzeigen, wie soziale Selektion und die Weitergabe von Kapital den Zugang zu Spitzenpositionen in Wirtschaft, Politik und Verwaltung maßgeblich steuern.
- Analyse der Kapitalformen (ökonomisch, kulturell, sozial, symbolisch) nach Pierre Bourdieu
- Untersuchung des Konzepts des sozialen Raums und des Habitus
- Kritische Elitesoziologie im Vergleich zum funktionalistischen Ansatz
- Vergleichende Untersuchung der Elitenrekrutierung in drei europäischen Ländern
Auszug aus dem Buch
1. Die Kapitalsorten
Pierre Bourdieu führt als Grundlage für seine Arbeiten den Kapitalbegriff wieder ein. Dabei konstatiert er eine „allgemeine Wissenschaft von der Ökonomie der Praxis“ (Bourdieu 1992: S.53), mit der er den Marx’schen Kapitalbegriff, der sich auf den ökonomischen Aspekt beschränkt, um weitere Dimensionen ergänzt. Diese Erweiterung ermöglicht es ihm die zwei Kräfte, die vis insita, also die „Kraft, die den objektiven und subjektiven Strukturen innewohnt“ (Bourdieu 1992: S.49), als auch die lex insita, als „grundlegendes Prinzip der inneren Regelmäßigkeiten der sozialen Welt“ (Bourdieu 1992: S.49) zu erklären und somit zu veranschaulichen, dass die Wirtschaftswelt kein Glückspiel, sondern vielmehr ein Strategiespiel mit ungleich verteilten Chancen, zu sein scheint. Die Kapitalformen prägen die Wahrnehmung der sozialen Welt und lassen sich in objektives und subjektives Kapital differenzieren. (vgl. Bourdieu 1985: S. 16)
1.1. Objektives Kapital
Bourdieu unterscheidet auf der objektiven Ebene zwischen dem ökonomischen, dem kulturellen und dem sozialen Kapital.
Das ökonomische Kapital „ist unmittelbar und direkt in Geld konvertierbar und eignet sich besonders zur Institutionalisierung in der Form des Eigentumsrechts“ (Bourdieu 1992: S.52) Es ist die Form die zwar „allen anderen Kapitalarten zugrundeliegt“ (ebd.: S.71), auf die dennoch niemals ganz reduziert werden kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Kapitalsorten: Einführung in Pierre Bourdieus erweiterte Kapitalbegriffe als Basis für das Verständnis sozialer Ungleichheit.
2. Sozialer Raum und Klassen: Darstellung der Ablösung des starren Klassenmodells durch einen dynamischen, dreidimensionalen sozialen Raum.
3. Soziale Felder: Erläuterung der autonomen Mikrokosmen der Gesellschaft und der darin stattfindenden Kämpfe um Macht.
4. Der Habitus: Analyse der tief verankerten Handlungs- und Wahrnehmungsschemata, die individuelles Verhalten und soziale Positionierung prägen.
5. Elite: Überblick über die verschiedenen theoretischen Ansätze der Elitesoziologie von der klassischen Sichtweise bis zur kritischen Theorie.
Schlüsselwörter
Pierre Bourdieu, Elitenrekrutierung, Soziale Felder, Habitus, Kapitalformen, Chancengleichheit, Soziale Selektion, Macht, Wirtschaftselite, Politik, Verwaltung, Kritische Elitesoziologie, Klassen, Frankreich, Deutschland
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Mechanismen, die bestimmen, wie Personen in Deutschland, Frankreich und Großbritannien Zugang zu Elitepositionen in Wirtschaft, Politik und Verwaltung erhalten.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen die theoretischen Grundlagen nach Pierre Bourdieu (Kapital, Habitus, sozialer Raum) sowie die empirische Anwendung auf Rekrutierungsprozesse von Eliten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu belegen, dass der Zugang zu Spitzenpositionen nicht allein auf individueller Leistung basiert, sondern stark durch soziale Herkunft und das verfügbare soziale und kulturelle Kapital beeinflusst wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine theoretische Fundierung durch das Werk von Pierre Bourdieu gewählt, die auf die kritische Elitesoziologie angewandt wird, um gesellschaftliche Selektionsmechanismen zu analysieren.
Welche Kernpunkte werden im Hauptteil diskutiert?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Heranführung an Bourdieu sowie eine vergleichende Analyse der Elitebildungssysteme und Rekrutierungspraktiken in Frankreich, Großbritannien und Deutschland.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit beschreiben?
Die Arbeit charakterisiert sich durch Begriffe wie Bourdieus Kapitalformen, Habitus, soziale Selektion, Machtstrukturen und Elitenrekrutierung.
Wie unterscheidet sich die Elitebildung in Frankreich von der in Deutschland?
Frankreich verfügt über ein hochgradig exklusives und homogenes System von Elitehochschulen (Grandes Écoles), während Deutschland bisher ein weniger formalisiertes, aber dennoch durch soziale Herkunft geprägtes Rekrutierungssystem aufweist.
Welche Rolle spielt der Begriff "Pantouflage" in der französischen Elite?
Pantouflage beschreibt den Wechsel von Mitgliedern der Verwaltungselite in die Politik oder freie Wirtschaft, was eine hohe sektorenübergreifende Mobilität und Vernetzung innerhalb der französischen Elite belegt.
Warum spielt die "richtige Herkunft" laut den Autoren eine so große Rolle in Deutschland?
Die Autoren zeigen auf, dass trotz fehlender formaler Elite-Schulen im französischen Stil informelle Mechanismen und der Habitus der Oberschicht sicherstellen, dass Führungspositionen oft innerhalb der gleichen sozialen Kreise verbleiben.
- Citation du texte
- Tobias Schneider (Auteur), Steffen Berchtenbreiter (Auteur), 2013, Die Reproduktion der Eliten. Die Funktionsweise des sozialen Raums und der sozialen Felder nach Bourdieu, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319623