Strafen der Antike. Meinungen antiker Philosophen zur Züchtigung als Erziehungsmethode im Vergleich mit modernen Theorien


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
18 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Arten der Bestrafung

III. Standpunkte der Befürworter der Züchtigung
1. Platon
2. Cicero

IV. Gegner der körperlichen Züchtigung
1. Plutarch
2. Quintilian

V. Moderne Theorien

VI. Fazit

VII. Bibliograpfie

I. Einleitung

Schon in der Steinzeit wurden Wissen und neue Erkenntnisse von einer Generation an die nächste weitergegeben. Aber erst vor circa 7000 Jahren begannen die Menschen, nämlich die Griechen, über eine richtige und gute Art und Weise der Wissensvermittlung und damit über die Erziehung nachzudenken. Doch die Griechen waren nicht nur auf diesem Gebiet Pioniere. Im Laufe der Jahrhunderte versuchten verschiedene Philosophen, Staatsmänner und auch ein Lehrer das Problem der Strafe zu lösen. Die Griechen reichten es an die ihr territoriales Gebiet einnehmenden Römer weiter. Dass keiner von beiden eine abschließende Lösung beziehungsweise Klärung herbeiführen konnte, ist daran zu erkennen, dass wir uns sogar heute noch damit befassen. Auch wenn wir schon einige Schritte weiter sind als die Antike, indem die körperliche Bestrafung zumindest in einigen Ländern verboten wurde, konnte auch die moderne Zeit das allgemeine Problem der richtigen und guten Strafe nicht beseitigen.

In meiner Hausarbeit werde ich, nachdem ich zuvor die Arten der Bestrafung beschrieben habe, die verschiedenen Meinungen griechischer und römischer Philosophen und Staatsmänner zum Für und Wider der Züchtigung darstellen und miteinander vergleichen. Stützen werde ich mich dabei auf zwei Griechen, Platon und Plutarch, und zwei Römer, Cicero und Quintilian, jeweils einen für jede Seite. Anschließend suche ich den Bezug zu modernen Theorien. Hierbei werde ich Guggenbühl zu Rate ziehen, der einige wesentliche Gemeinsamkeiten aber auch Unterschiede zu Platon und Quintilian aufweist.

Mein Augenmerk liegt, wie bereits erwähnt, auf den Übereinstimmungen und Abweichungen, um festzustellen in wie weit man sich noch heute bewusst oder unbewusst auf griechische und römische Vorbilder bezieht.

II. Arten der Bestrafung

Die Züchtigung war in der damaligen Zeit eine selbstverständliche Anwendung gegen ungehorsame beziehungsweise als solche angesehene Kinder. Sowohl zu viel als auch zu wenig Wissen war in den Auge der Eltern und Lehrer strafbar. Im Elternhaus konnte das Kind allerdings nur leichte Schläge oder Klapse mit der flachen Hand erwarten. Von Zeit zu Zeit kam es vor, dass die Mütter und Ammen sich auch der Sandalen oder Pantoffeln bedienten.[1] Oft wurden den zu Erziehenden auch Warngeschichten sowie Mythen erzählt, um den Charakter, das Denken und das Verhalten in die richtige Bahn zu lenken. Da diese Warngeschichten oft sehr brutal waren und selten gute Ausgänge hatten, können auch sie als eine Art der Strafe verbucht werden. Die Wirkung sollte ähnlich der einer Tragödie ausfallen und die Kinder durch schlechte Beispiele abschrecken.[2]

Zwar war die Erziehung Privatsache des Vaters, dem die ganze Entscheidungsgewalt, die sogenannte patria potestas, zustand, aber in wohlhabenden Familien wurde damit meist ein Pädagoge beauftragt. Die eigentliche Aufgabe des Pädagogen bestand, dem Wortursprung nach darin, ein Führer oder Wegweiser [3] des ihm anvertrauten Jungen zu sein und ihn zur Schule, also zum Unterricht zu bringen und dort auch wieder abzuholen.[4] Im Laufe der Zeit wandelte sich sein Aufgabenbereich. Es wurden immer öfter Sklaven für diesen „Beruf“ eingesetzt, die mit der Familie in enger Verbindung standen, im Prinzip sogar in diese integriert waren, weil sie die Gewohnheiten und Gepflogenheiten der Familie besonders gut kannten und das Kind dementsprechend erziehen konnten. Zu diesem Zweck stand es ihm, dem Pädagogen, zu, wie der Redner Libanios berichtet, es zu drängen, anzuschreien, es war ihm sogar erlaubt den Riemen [herauszuholen][5] und aktiv Zwang auszuüben, vor allem um dem Jungen die nötigen Lektionen einzuprägen oder, wie Quintilian es nennt, einzubläuen. Damit verschärfte sich das Bild des Pädagogen als Symbol der ständig anwesenden Autorität des Vaters und der Hauslehrer entstand.[6]

Wenden wir uns nun dem Schulleben des Kindes zu, das von erheblicher Strenge und rohen Strafmethoden geprägt war.[7] Nicht umsonst charakterisiert Philon Alexandrius dieses als υπο την ραβδον - unter dem Stock. Dieser Ausspruch wurde mit zunehmendem Alter der Schule zum Synonym für den Prozess der Erziehung und der Bildung.[8] Dies ist auch auf der Abbildung des Deckblattes zu erkennen. Hier ist die sogenannte Mutter grammatica zu sehen. Rechts hält sie ein Grammatikbuch, das die Schüler vor allem in der Elementar- und sogenannten Grammatikschule benutzten. In der linken Hand hat sie ein Rutenbündel hoch erhoben. Somit verdeutlicht dieses Bild die Situation der Schule, da Bildung, Erziehung und Prügel in der Antike eng zusammengehörten. Denn auch die Schulmeister beziehungsweise Lehrer hatten trotz ihres geringen gesellschaftlichen Ansehens und ihrer unzureichenden Ausbildung die allgemein anerkannte Erlaubnis die ihnen anvertrauten Kinder zu schlagen.[9]

Dazu standen ihnen verschiedene Werkzeuge zur Verfügung, wie auf bildlichen Darstellungen und in Erfahrungsberichten ehemaliger Schüler zu erkennen ist. Neben der bereits im Zusammenhang mit der Mutter grammatica erwähnten Rute gab es noch den Rohrstock, die lederne Peitsche und eine Geißel. Als ein besonders perfides Strafwerkzeug wurde die von dem älteren Plinius beschriebene Rute aus Aalhaut empfunden.

Häufiges Ziel war die hingehaltene Hand, was aus dem Spruch Juvenals Nun denn, auch ich habe die Hand vor dem Stock weggezogen[10] zu erkennen ist. Ausgiebigere Bestrafungen fanden auf dem entblößten Rücken oder Gesäß statt, wobei ein Mitschüler den Delinquenten zu schultern [hatte].[11] Eine solche Szene ist auf einem Fresko aus Herkulaneum gezeigt.[12] [13]

Mit steigendem Alter seiner Schüler fiel es dem Lehrer immer schwerer diese zu bestrafen. Viele sahen in der griechischen und römischen Antike die Züchtigung als einziges Mittel, ihre Schüler unter Kontrolle zu bekommen. Das ließen sich die jungen Männer aber nicht mehr gefallen und so wird vielfach auch von der zunehmenden Gegengewalt der Schüler berichtet. Hierbei war für die Lehrer ihr niederes Ansehen von besonderem Nachteil, da auch die auf ihre sich wehrenden Söhne stolzen Väter keinen Sinn im Respekt und in der Achtung vor dem Schulmeister sahen.

III. Standpunkte der Befürworter der Züchtigung

Der folgende Abschnitt setzt sich mit den Befürwortern dieser Strafmethoden auseinander. Es gibt eigentlich niemanden, der in irgendeiner Art und Weise ein Plädoyer für die Züchtigung schreibt. Aber anders als nach der heutigen verbreiteten Aussage „es hat noch keinem geschadet“ haben sich einige offenbar viele Gedanken über den Nutzen und Vorteil der Strafe und des Schlagens im Besonderen gemacht. Im Mittelpunkt stand dabei immer die Erziehung zum tüchtigen Bürger der Polis.[14]

Ausgewählt für diese Seite ist von den Griechen Platon (428 v.Chr. - 348v.Chr.), der grundlegende Ideen zu diesem Thema formuliert hat. Bei den Römern hat sich Cicero (106 v.Chr. - 43 v.Chr.) nebenbei dazu geäußert. Diese zwei Meinungen werden zunächst beschrieben und anschließend verglichen.

1. Platon

Platon, der berühmte Philosoph und Schüler des Sokrates, vertritt gegenüber der körperlichen Züchtigung auf den ersten Blick keine eindeutige Meinung. Dies liegt daran, dass er in zwei Werken unterschiedliche Gruppen vorstellt, die erzogen werden. In der Politeia beschreibt Platon die Erziehung der Elite für seinen erdachten Idealstaat. Dabei erwähnt er, dass Zwangsausübung gegenüber lernunwilligen Kindern absolut unangebracht sei, da seiner Meinung nach bei der Wissensvermittlung an Freie […]kein Zwang ausgeübt werden [dürfe].[15] Zwang führe bei den Kindern zu einer sklavischen Gesinnung[16], die in einem Staat, der von der Eigengestaltung der Bürger lebt nur schädlich wäre. Hierbei handelt es sich aber offenbar um eine Ausnahme, da er keine Realität, sondern nur eine Idee beziehungsweise seine Wunschvorstellung darstellt.

Im weiteren Verlauf richtet sich di Konzentration auf die Erziehungsbeschreibung des repräsentativen Durchschnittes der griechischen Bevölkerung.

In Platons Meinung ist das Kind, wenn es auf die Welt kommt völlig unfertig und kann noch nicht zu den Menschen gezählt werden:

Das Kind ist aber von allen Tieren am schwierigsten zu behandeln, denn genau in dem Maße, wie die Quelle seines Denkens noch nicht in die rechte Bahn geleitet ist, erweist es sich als hinterhältig und verschlagen und als das übermütigste unter den Tieren.[17]

Das Kind scheint nach Platons Bewertung von Grund auf böse zu sein. Die in dem Zitat angesprochenen Eigenschaften, wie die Hinterhältigkeit und Verschlagenheit, müssen ausgetrieben werden, da sie das Kind noch mit den Tieren gemein machen.[18]

Die ersten drei Jahre aber soll das Kind von Schmerzen verschont bleiben. So darf es weder zu sanft noch zu hart angefasst werden. Diese Jahre lässt Platon also tatenlos verstreichen, da eine Erziehung in diesen frühen Jahren seiner Meinung nach keinen Erfolg mit sich bringen würde. Ganz im Gegenteil glaubt er, dass die Jungen und Mädchen sich eventuell an die Strafe gewöhnen und auch in diesem Fall eine sklavische Gesinnung[19] entwickeln und ihre Handlungen nur noch nach der Angst vor weiteren Konsequenzen ausrichten. [20] [21] Aber auch das Kind, das nicht für Platons Idealstaat erzogen wird, soll sich wie ein freier Mensch verhalten und nicht wie ein Sklave.

Mit drei aber und mit vier und fünf und auch noch mit sechs Jahren verlangt die Seele des Kindes nach Spielen: Mit der Verzärtelung muss man jetzt Schluss machen, indem man es straft, aber ohne sein Ehrgefühl zu verletzen; sondern, was wir schon bei den Sklaven bemerkt haben, dass man nämlich durch übermäßiges Strafen Zorn bei den Bestraften hervorrufen soll oder, indem man sie ungestraft lässt Verweichlichung, genau das muss man auch bei Freien befolgen. [22]

Interessant an Platons Aussagen zum Thema Strafe ist die genaue Angabe eines spezifischen Alters, in dem ihre Anwendung zwingend erforderlich ist, um das in Platons Augen schlimmste Übel, die Verzärtelung oder auch Verweichlichung, zu vermeiden. Man hat den Kindern nun in den ersten drei Jahren genug Zeit gelassen sich mit dem Spiel zu befassen und ihre Neigungen und Triebe auszuleben. Nun aber muss man mit der richtigen Erziehung beginnen und das Kind an den Ernst des Lebens heranführen und ihm das ewige Verlangen nach Spielen und die damit verbundene Eigenarten mit Hilfe der Strafe wieder abgewöhnen. Die Eltern und die Pädagogen sollen allerdings darauf achten, dass sie das Ehrgefühl und den Stolz des Kindes nicht verletzen und es demütigen. Daher darf keine überzogene Strenge[23] stattfinden. Die Strafe muss ohne Zorn vollzogen werden, am besten emotionslos, damit sie nicht zu einer Rache ausartet, sondern immer den Zweck der Besserung erfüllen kann. Ansonsten ruft man bei dem Bestraften Gegenzorn hervor oder er verschließt sich aus Scham und ist für niemanden mehr zugänglich. Diese Beobachtung zieht Platon aus der Betrachtung des Verhaltens von bestraften Sklaven. Damit niemand nach all diesen eventuellen negativen Folgen einer Bestrafung abgeschreckt ist und sich dann überlegt, sein Kind nicht nur die ersten drei Jahre straffrei aufwachsen zu lassen, warnt Platon eindringlich vor der Verweichlichung der Jugend und stellt als das einzige sichere Gegenmittel die Strafe dar.

Doch nicht nur für das eine Kind soll die Bestrafung seines Vergehens heilende Wirkung haben, sondern auch für alle anderen, so formuliert es Platon

Niemand straft den Missetäter, weil er sich vergangen hat - denn das Geschehende kann er nicht ungeschehen machen -, sondern um des Künftigen willen, auf dass weder der Täter selbst wieder Unrecht tue noch ein anderer, der Zeuge seiner Züchtigung war [24]

In diesem Zitat wird auch der Aspekt der öffentlichen „Schauzüchtigung“ dargestellt, der vor allem in der Schule praktiziert wurde und als Abschreckung diente.

2. Cicero

Bücklers nennt Cicero zwar einen Pädagog von grosser Wichtigkeit[25], weil sich der römische Staatsmann und Philosoph praktischer Erfahrungen bedienen konnte, aber leider hat er sich im Gegensatz zu Platon mit dem Thema Strafe nur sehr flüchtig und nebenbei auseinandergesetzt.

Ebenso wie sein griechischer Vorgänger glaubte Cicero, dass es wichtig sei, ohne ein Gefühl von Zorn zu strafen, damit die Prozedur der Bestrafung nicht in einen Racheakt ausartet und den Schüler so sehr beschämt, dass das eigentliche Ziel, die Besserung, verfehlt wird. Cicero sah neben der Bestrafung beziehungsweise mit ihr im Einklang noch den Weg den Ehrtrieb und die Ruhmbegierde zu wecken. Einen ähnlichen Weg werden wir später bei den Gegnern der Züchtigung kennenlernen. Dort wurde er noch weiter ausgearbeitet. Laut Cicero sollen der Lehrer oder auch die Eltern nicht strafen ohne die betroffene Person nicht vorher liebevoll ermahnt und freundlich gewarnt zu haben. Dieses dreistufige Modell erscheint doch um einiges humaner, als Platons Ideen. Damit wollte Cicero der Strafe das beschimpfende Moment nehmen und dem Schüler auch ein wenig Eigenverantwortung geben. Der Strafe wird zum Teil der Ungerechtigkeitsfaktor entzogen und der Schüler weiß genau, was er zu tun hat, um der Bestrafung zu entgehen. Im gleichen Maße haben der Lehrer und die Eltern noch einige Augenblicke Zeit, um über eine dem Vergehen angemessene Strafe nachzudenken. Besonders wichtig ist es vor allem das individuelle Wesen der Schüler zu beachten sowie die unterschiedlichen Reaktionsformen.[26]

[...]


[1] vgl. Christes, S. 58

[2] vgl. Castle, S. 64

[3] Kuhlmann, S. 13

[4] vgl. Kuhlmann, S. 13ff.

[5] Castle, S. 132

[6] vgl. Castle, s. 132

[7] vgl. ebd., S, 64

[8] Christes, S. 59

[9] vgl. Castle, S. 64ff.

[10] Juvenal, I, 15

[11] Christes, S. 59

[12] vgl. ebd., S, 58ff.

[13] http://blogs.faz.net/antike/2012/03/20/gepruegelte-roemerkinder-eine-spurensuche-338/

[14] Kuhlmann, S. 14

[15] Christes, S. 52

[16] ebd., S. l52

[17] Platon, Nomoi 7, 808d5-e1

[18] vgl. Christes, S. 51ff

[19] ebd., S. 52

[20] vgl. ebd., S. 51ff.

[21] vgl. Castle, S. 79ff.

[22] Platon, Nomoi 7, 793c3-794a2)

[23] Christes, S. 52ff.

[24] Platon, Protagoras 13

[25] Bücklers, S. 52

[26] vgl. ebd., S. 52ff.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Strafen der Antike. Meinungen antiker Philosophen zur Züchtigung als Erziehungsmethode im Vergleich mit modernen Theorien
Hochschule
Universität zu Köln  (Humanwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Strafen und Kontrollen im Wandel
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
18
Katalognummer
V319641
ISBN (eBook)
9783668189126
ISBN (Buch)
9783668189133
Dateigröße
881 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Platon, Plutarch, Cicero, Quintilian, Züchtigung, Bestrafung, Erziehung
Arbeit zitieren
Christiane Modzing (Autor), 2014, Strafen der Antike. Meinungen antiker Philosophen zur Züchtigung als Erziehungsmethode im Vergleich mit modernen Theorien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319641

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