Kulturtranfer in Alejo Carpentiers frühem Roman "El reino de este mundo"

Über die reziproken Dynamiken während transkultureller Phasen


Seminararbeit, 2015

13 Seiten, Note: 2,0 (11 Punkte)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Historische Kontextualisierung: Sklaverei als Annäherungsversuch?

3 Transkulturation und Exotismus: Eine definitorische Bestimmung

4 Ebenen der Transkulturation in El reino de este mundo

5 Figuren als Repräsentanten der Transkulturation

6 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Ordnet man die heutige Zeit nach Grundcharakteristika epochal ein, so führt kein Weg daran vorbei, diese als Zeit der unaufhaltsamen Globalisierungsprozesse zu charakterisieren, in der Entfernungen nicht mehr zu existieren scheinen. Geografische Grenzen sind längst überholt. Menschen, die gestern noch im Orient lebten, schlagen heute schon ihre modernen Zelte im Okzident auf und schaffen somit vor allem in den sog. imperialen Zentren Gesellschaften der Multikulturalität. Während Philanthropen einen humanen Fortschritt in dieser Entwicklung erkennen, assoziiert eine andere Gruppe von Menschen diese kulturelle Disparität mit dem Aussterben des nationalen Kulturerbes, weshalb ihrerseits eine Agenda der Abschreckung verfolgt wird. Denn: Im trojanischen Pferd der Einwanderung steckt nur das Ziel, den im Mittelalter gescheiterten Versuch der globalen islamischen Expansion wiederzubeleben.

Im Rahmen dieser Arbeit wird der Gedanke der Globalisierung zwar aufgegriffen, jedoch werden hierfür andere lokale als auch temporale Koordinaten verwendet: weder der Orient noch die aktuellen globalen Ereignisse stehen hier im Vordergrund. Es wird im Zentrum dieser diskursiven Ausarbeitung vielmehr um den karibischen Raum gehen, genauer gesagt um Haiti, da dieser Ort in vormoderner Zeit ebenfalls Schauplatz unzähliger Menschenbewegungen war, aus der Kulturtransfers auf unterschiedlichen Ebenen zustande gekommen sind.

Orientiert an den soeben genannten Kulturtransfers macht sich die hier vorliegende Seminararbeit zum Ziel, Aufschluss über die reziproken Dynamiken innerhalb transkultureller Phasen zu geben, indem der Roman El reino de este mundo von Alejo Carpentier herangezogen wird. Wie wird jene Transkulturation fiktional beschrieben? Vor allem die Annahme einer reziproken Dynamik soll kritisch durchleuchtet werden, da sich das vom kubanischen Anthropologen Fernando Ortiz geprägte Theoriegebäude der Transkulturation nicht auf alle Gesellschaften – wenn nicht sogar auf keine – übertragen lässt. Somit bildet folgende These die Quintessenz dieser Arbeit: Kolonialismus und Imperialismus stehen nicht für einen reziproken Kulturaustausch.

Für die Überprüfung der These wird in vier Schritten gearbeitet. Zu Beginn wird es um die Begriffe Transkulturation und Exotismus gehen, um somit eine erste definitorische Grundlage zu bieten. Anschließend, im zweiten Schritt, soll die kurze historische Kontextualisierung dazu dienen, wesentliche Beweise, die die Annahme einer wechselseitigen Dynamik innerhalb transkultureller Prozesse falsifizieren, zu liefern. Die Kontextualisierung soll also zeigen, dass die Phasen der Transkulturation nicht übertragbar sind auf die historische Realität. Was die Kulturbegegnung im haitianischen Raum genau beeinflusst hat, wird im darauffolgenden dritten Punkt Ebenen der Transkulturation in El reino de este mundo näher durchleuchtet. Auch hierfür sei anzumerken, dass der Roman als Grundlage dient. Da jeder Kulturaustausch nicht nur eine pragmatische Perspektive eröffnet – sich also nicht nur auf Dinge oder Sachen beschränken lässt – werden die den kulturellen Austausch erst möglich machenden Individuen, die als sog. Repräsentanten der Transkulturation gelten können, ebenfalls herangezogen, wobei es hier ausschließlich um literarische Figuren gehen soll. Wie eng also die Grenze zwischen historischen und literarischen Figuren in Alejo Carpentiers Werken tatsächlich ist, wird in dieser Arbeit nicht untersucht.

2 Historische Kontextualisierung: Sklaverei als Annäherungsversuch?

Die von Ortiz aufgestellte Annahme eines reziproken Kulturaustausches scheint vor allem unter Berücksichtigung des karibischen Raumes nicht aufzugehen. Denn: „Europäer haben nach der Entdeckung der Karibischen Inseln jahrhundertelang das Schicksal dieser Region bestimmt. Sie haben deren Bewohner unterdrückt, einen schändlichen Sklavenhandel aufgezogen, die Inseln wirtschaftlich ausgebeutet“ (Levine o.A., 6). Führt man an dieser Stelle das soeben angeführte Zitat Levines weiter, muss geschlussfolgert werden, dass insbesondere die Unterdrückungsmentalität der Europäer es nicht möglich gemacht hat, eine kulturelle Konvergenz herbeizuführen. Formen der Unterdrückung können demnach verstanden werden als bewusster Distanzierungswille des Eroberers dem Eroberten gegenüber. Die Distanz zum Menschen ist demnach auch die Distanz zur Kultur. Wieso gerade der karibische Raum zum Sklavenzentrum wurde, beschreibt Levine o.A. wie folgt:

Als Zucker aus europäischen Backstuben und Küchen nicht mehr wegzudenken war, wandelten sich die englischen, französischen und holländischen Besitzungen in der Karibik mit Hilfe des europäischen Kapitals rasch zu großen Zuckerrohrplantagen. Für deren Bewirtschaftung reichten die europäischen Arbeiter allerdings nicht mehr aus; der Mangel konnte nur durch den Arbeitseinsatz afrikanischer Sklaven ausgeglichen werden. Es entwickelte sich der berücksichtigte Dreieckshandel zwischen Europa, Westafrika und Westindien (Levine o.A., 6).

Was an dieser Stelle interessant erscheint, ist die Frage nach einer möglichen doppelten, wenn nicht sogar dreifachen Transkulturation. Man hätte diesbezüglich zum einen den Kontakt zwischen den Einheimischen – wenn überhaupt noch vorhanden – und den Europäern und zum anderen den Kontakt zwischen den Einheimischen und Sklaven. Da die Annahme des Distanzierungswillens der Kolonisatoren bereits aufgestellt wurde, kann der Kontakt zwischen Einheimischen und Sklaven oder sogar der Kontakt der Sklaven untereinander stärker auf das Konzept der Transkulturation im Sinne einer kulturellen Umarmung übertragen werden.1 Die Tatsache des Sklaventransportes macht die Bestimmung von Ziel-und Ausgangskultur nur schwer möglich, da die Sklaven bspw. wie die Europäer ihre eigene Komponente verlassen haben. Wer tritt nun mit wem in Kontakt? Selbst als die Sklaverei zwischen 1834 und 1852 abgeschafft wurde, „[…] suchte man in den englischen Kolonien nach neuen Wegen zur Ausbeutung der einheimischen Bevölkerung“ (ebd.), wodurch die Vorstellung einer kulturellen Anpassung nicht tragbar ist.

3 Transkulturation und Exotismus: Eine definitorische Bestimmung

Der Begriff Transkulturation, der vom kubanischen Anthropologen Fernando Ortiz geprägt wurde, lässt sich in die folgenden zwei Konstituenten aufteilen, die in ihrer linguistischen Verbindung auf eine Art der Mobilität zwischen den Kulturen verweisen möchte: Trans (lat. Trans: über…hin) und kulturation (lat. cultura: die Kultur). Nach Nünning et al. handelt es sich bei dem Begriff genauer gesagt um einen ethnologischen Terminus, „[…] der in kritischer Auseinandersetzung mit dem Begriff Akkulturation […] entstanden ist, der ethnozentrisch, politisch mit kolonialistischen Herrschaftsansprüchen beladen war und den Kontakt zweier Kulturen nur in eine Richtung erfasste“ (2013, 760). Vor allem der Ansatz des von Nünning beschriebenen politisch motivierten Ethnozentrismus ist insofern von Bedeutung, als dadurch die Frage aufgeworfen werden kann, inwieweit eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff Akkulturation überhaupt erforderlich ist. Lässt sich denn der Kolonialismus in seiner anfänglichen Phase nicht gerade durch diese Überlegenheitsmentalität der westlichen Mächte, die eine klare geopolitische Agenda verfolgten, charakterisieren? Und würde eine Kritik am Begriff der Akkulturation – Kultur passt sich an andere an – nicht gleichzeitig auch bedeuten, dass die historische Faktenlage relativiert werden würde? Ob Ortiz mit seiner Kritik am Begriff die historische Faktenlage der Kolonialzeit durcheinanderbringen möchte, sei anzuzweifeln, dennoch bleibt es für mich offen, wie er seine transkulturellen Phasen begründen möchte. Folgende Phasen sind gemeint (vgl. ebd.):

1. Phase (Dekulturation): Kultur verlässt eigene Komponente
2. Phase (Akkulturation): Kultur passt sich an sie an
3. Phase (Neukulturation): Kreiert bis dahin nicht bekannte Elemente

Die soeben angeführten Phasen werden im Verlaufe der Arbeit immer wieder als Referenzpunkt herangezogen, sodass eine mögliche Kritik anhand von Beispielen begründet bleibt.

Für die von Ortiz neu begründete Konzeption ist es notwendig zu wissen, dass diese – nicht wie zuvor – im Sinne eines postkolonialen Ansatzes genau zwei Seiten erfasst, weshalb sie meines Erachtens auch kritisch zu betrachten gilt. Denn: Die Kolonisatoren tragen immer die eigene Kultur mit sich, und zwar in ein fremdes Land, welches von ihnen als terra nullius bezeichnet wird bzw. wurde. Eine Anpassung ihrerseits – siehe 2. Phase – ist somit nicht notwendig, weil keine kulturelle Verbindung mit einer leeren Kultur eingegangen werden kann (vgl. Varela et al. 2005, 13). Auch die von Ortiz eingeführte 3.Phase der sog. Neukulturation hängt stark vom Faktor Zeit ab. Trotz dieser von mir angeführten Kritikpunkte (1. Kolonisatoren tragen Kultur mit sich; 2. K. bezeichnen das fremde Land als terra nullius; 3.Neukulturation hängt stark vom Faktor Zeit ab) gibt es durchaus auch Beispiele für eine inkarnierte Neukulturation, wie es am Beispiel von Mestizen deutlich wird. Wieso an dieser Stelle von inkarnierter Neukulturation die Rede ist, kann durch folgendes Zitat verdeutlicht werden: „En todo abrazo de culturas sucede lo que en la cópula genética de los inviduos: la criatura siempre tiene algo de ambos progenitores, pero también siempre es distinta de cada uno de los dos“ (Ortiz, 2002, 260). Trotz dieses scheinbaren klaren Beweises für eine sog. inkarnierte Neukulturation müsse man mit jeder Form der biologischen Argumentation vorsichtig sein, da eine Diskussion dieser Art stets nur an der Oberfläche geführt werden kann. Man bleibt auch hier vor der Frage stehen, was die Identität eines Menschen überhaupt ausmacht. Etwa die Hautfarbe oder doch nicht eher tieferliegende mentale Einheiten? Vor allem die Figur des Henri Christophe, auf die im späteren Kapitel eingegangen werden soll, versinnbildlicht dieses Spannungsverhältnis zwischen Identität und physischer Oberflächlichkeit.

Wieso die Transkulturation hinsichtlich ihrer bilateralen Kulturerfassung weiterhin kritisch betrachtet werden muss, kann durch die weitere definitorische Bestimmung des Begriffs Exotismus deutlich gemacht werden. Der Begriff Exotismus lässt sich nämlich nach Nünning et al. wie folgt bestimmen:

„(lat. exoticus; gr. exotikós), eurozentrische Sonderform des von Europa ausgehenden epistemologischen Imperialismus, der sich v.a. auf Kulturen in Afrika, Asien und Südamerika bezieht und als Wegbereiter oder ideologische Legimitationsinstanz von politisch-ökonomischen Dominanzansprüchen fungiert (Eurozentrismus) (2013, 197)“.

[...]


1 Ein näheres Eingehen auf die komplexen Kulturdynamiken im Zuge der Eroberung und des Sklavenhandels ist hier nicht möglich, da dies den Rahmen der Arbeit sprengen würde.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Kulturtranfer in Alejo Carpentiers frühem Roman "El reino de este mundo"
Untertitel
Über die reziproken Dynamiken während transkultureller Phasen
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Romanistik)
Veranstaltung
Carpentiers frühe Romane
Note
2,0 (11 Punkte)
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V319838
ISBN (eBook)
9783668197763
ISBN (Buch)
9783668197770
Dateigröße
407 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kulturtranfer, alejo, carpentiers, roman, über, dynamiken, phasen
Arbeit zitieren
Mario-Francisco Zodl (Autor), 2015, Kulturtranfer in Alejo Carpentiers frühem Roman "El reino de este mundo", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/319838

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